28.09.2016 - Zum Beratungsthema: Psyche

Stress: Rund um die Uhr alarmbereit

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von Petra Schicketanz

Stress ist allgegenwärtig. Doch was einem Menschen die innere Ruhe raubt, ist individuell sehr unterschiedlich. Dafür ähneln sich die körperlichen Reaktionen, die auf steinzeitlichen Mustern beruhen.

  • Stress versetzt den Körper in Alarmbereitschaft und stellt ihn auf eine erhöhte körperliche Leistungsbereitschaft ein.
  • Als Stressoren gelten körperliche oder seelische Reize wie Kälte, Hitze, Infektionen, Hunger, Gifte und Leistungsdruck.
  • Das allgemeine Adaptionssyndrom gliedert sich in Alarmreaktions-, Widerstands- und Erschöpfungsphase.
  • Nach dem Transaktionalen Stressmodel von Lazarus entsteht Stress, wenn das Gehirn einen Reiz als Bedrohung wahrnimmt und die Ressourcen zur Bewältigung als unzureichend eingestuft werden.

Der Begriff Stress wurde erstmals 1914 vom US-amerikanischen Physiologen Walter Bradford Cannon verwendet, der sich während des ersten Weltkrieges mit dem Thema „traumatischer Schock“ befasste, den viele Soldaten infolge der kriegstypischen Bedrohung erlebten. Bis heute gibt es jedoch keine einheitliche Definition für diesen Begriff.

Grundsätzlich ist Stress eine Alarmbereitschaft des Organismus, der sich auf eine erhöhte Leistungsbereitschaft einstellt. In Zeiten körperlicher Bedrohung ist die Aktivierung des Organismus für Flucht oder Kampf überlebenswichtig. Ein solcher positiver Stress (Eustress) fördert die Leistungsfähigkeit des Körpers, ohne ihm zu schaden. Da wir heute jedoch eher unter Stressoren wie Leistungsdruck, Überforderung oder emotionalen Vorgängen leiden, laufen die stressbedingten körperlichen Prozesse ins Leere und führen zu unerwünschten Reaktionen. In diesem Fall wird der Stress als negativ interpretiert und als Disstress bezeichnet; wobei meist Disstress gemeint ist, wenn Kunden in der Apotheke umgangssprachlich von Stress reden.

Was passiert?

Modellhaft kann man die komplexen Vorgänge, die unter Stress ablaufen, folgendermaßen vereinfacht beschreiben: Stressoren lösen eine Stressreaktion aus, die zu Störungen führen kann. Unter Stressoren sind dabei körperliche oder seelische Reize zu verstehen, wie Wärme, Kälte, Lärm, Verletzungen, Infektionen, Hunger, aber auch der Einfluss toxischer Subs- tanzen (Nikotin, Alkohol, Schwermetalle) oder der Verlust eines nahestehenden Menschen, Veränderungen der Lebensverhältnisse, Prüfungsstress, Leistungsdruck, Versagensangst und Überforderung wie beispielsweise bei Mehrfachbelastung durch Beruf und Familie.

Allgemeines Adaptionssyndrom

Der österreich-kanadische Mediziner Hans Selye (1907 – 1982) gilt als der „Vater der Stressforschung“. Er erkannte, dass die körperliche Anpassung an Disstress unabhängig von der Art der einwirkenden Stressoren verläuft. Dabei kommt es zu einem allgemeinen Adaptionssyndrom (Selye-Syndrom), das in drei Phasen verläuft: Alarmreaktionsphase, Widerstandsphase und Erschöpfungsphase.

Alarmreaktionsphase-- Die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol bereiten den Körper auf Flucht oder Kampf vor. Blutdruck, Durchblutung, Atemfrequenz und Blutzuckerspiegel steigen und sichern damit die Energieversorgung der Muskulatur, deren Tonus sich erhöht (Anspannung). Das geht auf Kosten anderer Prozesse, die ebenfalls Energie benötigen, wie Wachstum und Verdauung. Sofern die Alarmphase nur von kurzer Dauer ist und tatsächlich zu einer Muskelarbeit führt, ist das kein Problem, da die Stresshormone durch Bewegung abgebaut werden und sich der Körper nach dem „Kampf“ wieder entspannt. Fehlt die körperliche Aktivität, ist die Konzentration der Stresshormone über längere Zeit erhöht – mit negativen Konsequenzen.

Widerstandsphase-- In der 2. Phase steigt der Cortisolspiegel, um sich an den gesteigerten Energiebedarf anzupassen. Auch das Wachstumshormon Somatropin wird vermehrt bereitgestellt und folgt damit dem in der Steinzeit sicher noch sinnvollen Prinzip „Wer ständig auf der Flucht ist, braucht starke Knochen und kräftige Muskeln“. Insgesamt erfolgt eine Anpassung auf den Stressor. Da Cortisol Fieber und Entzündungen reduziert, ist die unspezifische Abwehr gegenüber Viren und Bakterien geschwächt. Infektionskrankheiten haben dadurch ein leichtes Spiel.

Erschöpfungsphase-- Lang anhaltender Stress kann vom Körper nicht kompensiert werden. Je nach Disposition treten organische Erkrankungen auf, die dem übermäßigen Einfluss der Stresshormone geschuldet sind.

Stresshormone

Sie sind der Dreh- und Angelpunkt im Stressgeschehen, das sich zum Großteil im Bereich des vegetativen Nervensystems abspielt. Hier wirken Sympathikus und Parasympathikus als Gegenspieler. Während der sympathische Anteil des vegetativen Nervensystems schnelle Reaktionen auf Kosten von komplizierter Denkleistung und Erholung anregt, sorgt der parasympathische Anteil dafür, dass sich der Körper von der Anstrengung erholt und neue Ressourcen aufbaut. Im Nacheinander ergänzen sich die beiden Gegenspieler. Spätestens ab der Widerstandsphase versucht der Organismus jedoch, das Dauerfeuer im Sympathikus durch eine erhöhte Aktivität des Parasympathikus auszugleichen, was nicht immer zielführend ist und unerwünschte Reaktionen sowie Spätschäden anbahnt.

Katecholamine-- Die schnellste Antwort des Körpers auf Stressoren besteht in der Ausschüttung der Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin. Beide sind Botenstoffe des sympathischen Nervensystems und werden im Nebennierenmark gebildet. Katecholamine stellen die Bronchien weit und erhöhen Blutdruck und Herzfrequenz. Das begünstigt die Blut- und Sauerstoffversorgung der Muskeln inklusive des Herzmuskels. Auch das Gehirn wird besser versorgt, allerdings werden Reflexe und schematische Denkmuster leichter abgerufen, als komplizierte Sachverhalte. In einer Prüfungssituation wird dadurch ein Blackout begünstigt. Durch gezielten Einfluss auf den Widerstand der Blutgefäße kommt es zur Blutumverteilung zugunsten der Skelettmuskulatur. Die Verdauung wird quasi lahmgelegt. Das zeigt sich durch eine Abnahme der Peristaltik (gezielte Förderbewegung im Magen-Darm-Bereich) sowie durch eine Tonuserhöhung in den Schließmuskeln von Darm und Blase. Der in Stresssituationen erhöhte Energiebedarf wird durch eine Abgabe freier Fettsäuren aus dem Fettgewebe (Lipolyse) und den Abbau von Glykogen (Speicherform der Glukose) aus Skelettmuskeln und Leber gedeckt. Neben der Glykogenolyse sorgt die Leber durch eine gesteigerte Glukoneogenese für eine weitere Anhebung des Blutzuckerspiegels.

ACTH-- Das adrenocorticotrope Hormon löst die Freisetzung von Glukokortikoiden in der Nebennierenrinde aus.

Cortisol-- Das Glukokortikoid steigert die Leistungsfähigkeit des Körpers durch eine Mobilisation von Energiereserven. Dies führt zu einem anhaltenden Anstieg von Blutzucker und Blutfettwerten. Als Gegenspieler des Insulins führt es bei dauerhaft erhöhtem Blutspiegel zu zahlreichen Nebenwirkungen. Das erklärt unter anderem, warum Stress einen ungünstigen Einfluss auf die Entstehung von Diabetes mellitus nimmt.

Somatropin-- Das Wachstumshormon wirkt als muskelaufbauendes Anabolikum und ist in der Stressreaktion Bestandteil der Widerstandsphase, in der sich der Körper an den Stress anpasst. Dazu erhöht es unter anderem sowohl die Konzentration von Blutglukose sowie die Ausschüttung von Insulin. Gleichzeitig wirkt es bei der Glukoseaufnahme in die Körperzellen dem Insulin entgegen, weshalb dessen Wirkung abgeschwächt und auf Dauer die Diabetes-Entwicklung begünstigt wird.

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Stressfolgen

Chronischer Stress entsteht, wenn Häufigkeit und Intensität der Stressbelastung die persönlichen Ressourcen zur Bewältigung übersteigen und zu einer chronischen Überforderung führen. Dies nimmt Einfluss auf den Stoffwechsel (u. a. Diabetes mellitus), das kardiovaskuläre System (Bluthochdruck) und die Immunabwehr.

Reparaturprozesse und Heilungsverläufe werden gestört, was unter anderem die Krebsentstehung begünstigt. Schmerzhafte Muskelverspannungen sowie Rücken- und Kopfschmerzen treten auf. Zusätzlich werden Schlafregulierung, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Lernprozesse beeinträchtigt. Selbst psychische Auffälligkeiten und Störungen können auf die Einwirkung von chronischem Stress zurückgeführt werden. Menschen mit chronischem Stress leiden häufiger unter depressiven Symptomen, Burn-out-Syndrom oder Schlafstörungen.

ICD10

In der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD10) sind Erkrankungen, die wie Bluthochdruck oder Diabetes mellitus unter anderem auf Stress zurückgeführt werden können, nicht direkt zu finden. Stress als Krankheitsauslöser ist zumindest im Abschnitt F 43 anerkannt, in dem es um Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen geht. Bei diesen werden das belastende Ereignis oder die andauernden, unangenehmen Umstände als primäre Verursacher der gesundheitlichen Störung gewertet, auch wenn die Reaktion individuell von der persönlichen Vulnerabilität des Betroffenen abhängt.

F 43.0-- Eine akute Belastungsreaktion flacht innerhalb weniger Stunden oder Tage ab, wobei sich ein typisches „Ausklinken“ von der belastenden Situation zeigt. Die Unfähigkeit, Reize zu verarbeiten, geht mit einer eingeschränkten Aufmerksamkeit und Bewusstseinseinengung einher, die eine Desorientiertheit mit sich bringen kann. Rückzugstendenzen sollen zusätzlich vor der Reizüberlastung schützen. Fluchtartige Überreaktionen sind ebenfalls möglich. Infolge der vegetativen Nervenimpulse kann es bei akuter Belastung zu Schwitzen, Erröten, Herzrasen und panischer Angst kommen.

F 43.1-- Eine posttraumatische Belastungsstörung tritt verzögert auf nach einem außergewöhnlichen Ereignis katastrophalen Ausmaßes oder einer längeren bedrohlichen Situation. Der Betroffene kann abgestumpft, freudlos und teilnahmslos erscheinen, bei dem Versuch, alle Aktivitäten zu vermeiden, die eine Erinnerung an das Trauma wachrufen könnten, zumal er von Flash-backs und Alpträumen geplagt wird. Betroffene sind meist vegetativ übererregt und können unter Schreckhaftigkeit, Angst, Schlafstörungen, Depression und Selbstmordgedanken leiden. Die Heilungstendenzen sind gut, in seltenen Fällen wird der Zustand jedoch chronisch und kann zu einer Persönlichkeitsveränderung führen.

F 43.2-- Anpassungsstörungen sind die Folge einer einschneidenden Veränderung in den Lebensbedingungen oder einem belastenden Ereignis. Dies kann beispielsweise der Wechsel der Arbeitsstelle oder des Partners sein, Elternschaft oder der Verlust (Tod, Scheidung) eines wichtigen Menschen, der zu massiven Veränderungen im sozialen Netz führt. Das subjektive Gefühl, der Alltagsbelastung nicht gewachsen zu sein, führt zu Sorgen, Ängsten und depressiver Stimmung. Vor allem Jugendliche erleben begleitende Störungen im Sozialverhalten.

Z 73-- Stress, sofern er nicht andernorts im ICD10-System klassifiziert ist, wird unter Punkt Z 73 eingestuft als „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“.

FAKTUM

  • Nach einer Studie  1 der Techniker Krankenkasse empfinden acht von zehn Deutschen ihr Leben als stressbelastet.
  • Jeder Dritte leidet unter Dauerstress, Frauen mehr als Männer.
  • Je höher der sozioökonomische Status, desto geringer fällt die Stärke der Stressbelastung aus.
  • Die Häufigkeit chronischen Stresses steigt mit der Abnahme der sozialen Unterstützung.

1 Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) aus dem Jahr 2013

Umgang mit Stress

Nervosität, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Angst und depressive Verstimmung, schneller Puls, erhöhter Blutdruck, erhöhte Blutzucker- oder Blutfettwerte – in der Apotheke gibt es viele Gelegenheiten, den Stress eines Kunden mitzubekommen. Unschlagbar ist hier das direkte Kundengespräch, in dem die persönliche Befindlichkeit zur Sprache kommt. Doch nicht jeder möchte vor Augen geführt bekommen, dass seine aktuellen Probleme Stress geschuldet sind. Immerhin leben wir in einer massiv leistungsorientierten Gesellschaft, da gilt ein „Nicht-mithalten-können“ fast schon als Schuldeingeständnis. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. Dasselbe gilt für Kunden, die sich in der Apotheke zwar ihren Frust von der Seele reden, aber nicht bereit sind, aktiv etwas gegen ihre Stressoren zu unternehmen. Unter Umständen hilft ein Verweis auf das im nächsten Abschnitt beschriebene Stressmodell nach Lazarus, um den persönlichen Stress klarer zu erfassen und eine individuelle Lösung zu finden.

TIPP!

Es wäre verkehrt, gestressten Apothekenkunden zum Verzicht auf Kaffee oder Tee zu raten. Ein Forschungsteam der Universität in Bonn fand heraus, dass Coffein hilft, die Stressspirale zu durchbrechen oder ihr sogar vorbeugt.

Stress entsteht im Kopf

Manche Menschen sind schon beim kleinsten Problem gestresst, andere fühlen sich durch eine Katastrophe regelrecht angespornt. Da stellt sich die Frage, warum nicht beide Menschen denselben Stress verspüren. Wieso besitzt der eine ein fadenscheiniges Nervenkostüm, während der andere tollkühn in jeder Lebenslage einen kühlen Kopf bewahrt?

Der Psychologe Richard Lazarus lieferte 1974 mit seinem Transaktionalen Stressmodell die Erklärung. Er kam darin zu dem Schluss, dass ein Reiz zunächst eine individuelle Bewertung erfährt, schließlich könnte er auch irrelevant oder sogar positiv sein. Nur wenn er als gefährlich beurteilt wird, stellt er eine Bedrohung dar. In diesem Fall erfolgt eine sekundäre Bewertung, die beurteilt, ob die erforderlichen Ressourcen bereitstehen, um dem Reiz zu begegnen. Ist dies nicht der Fall, wird die oben beschriebene Stressreaktion eingeleitet.

Der individuelle Bewertungsschritt zwischen Stressor und Stressreaktion gibt Therapeuten die Möglichkeit, mit ihren Patienten gezielte Stressbewältigungsverfahren (Coping) zu erarbeiten.

Problemorientiert-- Durch gezielte Informationssuche werden Problemsituationen überwunden. Manchmal muss man das Problem einfach nur besser kennen, um es nicht mehr als bedrohlich wahrzunehmen. Die Informationen helfen, die problematische Situation zu vermeiden, leichter zu bewältigen oder sich an geeigneter Stelle Unterstützung zu holen.

Emotionsorientiert-- Ziel ist es, die entstandene Erregung abzubauen, die ein Stressor beim Patienten auslöst.

Bewertungsorientiert-- Die gezielte Neubewertung der stressauslösenden Umstände kann eine ehemalige Bedrohung zu einer positiven Herausforderung ummünzen. Im Prinzip muss sich der Betroffene nur bewusst werden, dass er über ausreichende Ressourcen verfügt, um den vermeintlichen Stress zu bewältigen.

Wissen im Einsatz

Das Fachwissen, das Sie in unserem Titelthema erwerben, können Sie nun auch bei Ihren englischsprachigen Kunden einsetzen. Lesen Sie dazu den praxisgerechten Beitrag unserer Serie English for PTA.

Selbstmedikation

Solange Disstress noch als Befindlichkeitsstörung eingestuft werden kann, bieten sich in der Apotheke vielfältige Möglichkeiten, dem gegenzusteuern. Viele Pflanzendrogen sind sowohl homöopathisch als auch phytotherapeutisch im Einsatz. Die Einsatzgebiete der hier genannten Phytotherapeutika besitzen eine positive Beurteilung durch die ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy). Sollte ein Behandlungsversuch nicht zum erwünschten Erfolg führen oder stellen sich behandlungsbedürftige Begleitumstände ein, ist der Gang zum Arzt unausweichlich.

Passiflora incarnata-- Anspannung, Ruhelosigkeit und Einschlafstörungen sind die Indikationen der ESCOP-Monografie für Passionsblumenkraut. Auch ein angstlösender Effekt konnte nachgewiesen werden, der bei entsprechender Dosierung dem von Oxazepam vergleichbar ist. Allerdings schafft es der pflanzliche Extrakt im Gegensatz zum verschreibungspflichtigen Benzodiazepin, überschießende Nervenimpulse zu dämpfen, ohne dabei die Gedächtnisleistung zu beeinträchtigen oder eine Abhängigkeit auszulösen. Als Tagessedativum besitzt es die Fähigkeit, zu entspannen, ohne dabei zu ermüden oder die Leistungsfähigkeit zu beeinträchtigen. Homöopathisch wird die schlafanstoßende, nervenberuhigende und krampflösende Wirkung genutzt.

Valeriana officinalis-- Baldrianwurzel besteht aus den unterirdischen Teilen der Baldrianpflanze, genauer gesagt, dem walzenförmigen Wurzelstock mitsamt seinen anhängenden, dünnen Wurzeln. Laut ESCOP- und Kommission-E-Monografien ist sie indiziert bei Unruhezuständen und nervös bedingten Einschlafstörungen. Im Rahmen der anerkannten medizinischen Anwendungsgebiete können Baldrianwurzeln mit Hopfenzapfen kombiniert werden zur Behandlung leichter, stressbedingter Symptome sowie als Schlafhilfe.

Homöopathisch zielt Baldrianwurzel sowohl auf das ZNS als auch auf periphere Nerven ab. Es bekämpft Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen und die Neigung zu Krämpfen oder Ohnmacht. Auch nervöse Herzbeschwerden, Magenkrämpfe und klimakterische Störungen gehören zum Arzneimittelbild.

Humulus lupulus-- Hopfen wird nicht nur wegen seiner bitteren Geschmacksstoffe zum Bierbrauen verwendet. Seine weiblichen Blüten werden als Hopfenzapfen (Lupuli strobulus) bei Einschlafstörungen sowie Unruhe- und Angstzuständen phytotherapeutisch genutzt. Homöopathisch wird Lupulus meist als Urtinktur oder in Potenz D2 eingesetzt bei Schlaflosigkeit, Tagesmüdigkeit und nervöser Erschöpfung.

Hypericum perforatum-- Zur innerlichen Anwendung haben sich Tinkturen aus den oberirdischen Pflanzenteilen des Johanniskrauts bewährt bei psychovegetativen Störungen, Angst und nervöser Unruhe. Während bei vorübergehenden leichten depressiven Verstimmungszuständen die Abgabe rezeptfrei erfolgt, bedarf es beim Einsatz bei mittelschweren depressiven Episoden einer ärztlichen Verschreibung. Bis zur Aufhellung der Stimmungslage kann es bis zu sechs Wochen dauern, weshalb eine Kombination mit schneller einsetzenden Phytotherapeutika wie Passionsblume oder Baldrian sinnvoll ist. Bei hohen Dosierungen und hellhäutigen Anwendern ist eine mögliche Photosensibilisierung zu berücksichtigen und gegebenenfalls Sonnenschutz anzuraten. Gegebenenfalls können Wechselwirkungen mit anderen Arzneistoffen auftreten. Entsprechende Hinweise finden sich in der jeweiligen Packungsbeilage. In der Homöopathie liegt der Fokus von Hypericum auf depressiven Zuständen und den Folgen von Nervenverletzungen.

Melissa officinalis-- Die innerliche Anwendung von Blättern der (Zitronen-)Melisse hilft laut ESCOP bei innerlicher Angespanntheit, Unruhe und Reizbarkeit. Auch symptomatische Verdauungsbeschwerden wie leichte Bauchkrämpfe werden genannt. Die Kommission E verwies in ihrer Positivmonografie auf funktionelle Magen-Darm-Beschwerden und nervös bedingte Einschlafbeschwerden. In der Homöopathie sind Melissenzubereitungen nicht gebräuchlich.

TIPP!

Bewegung gekoppelt mit Atemtechniken und Dehnungsübungen ist ideal, um Stress abzubauen. Auf Anfrage können Sie Ihren Kunden Angebote von Yoga, Tai Chi oder Qigong weitervermitteln und so zu ihrer Gesunderhaltung beitragen.

Nicht medikamentös

Entspannung, ein heißes Bad, Freunde treffen oder ein gutes Buch lesen – es gibt viele Methoden, um Stress zu begegnen. Die einfachste lautet: Bewegung. Denn das ist das ursprünglichste Mittel, um Stresshormone abzubauen. Am besten geeignet ist Ausdauersport, sofern er nicht zu neuem Stress führt. Täglich eine halbe Stunde laufen in ruhigem Tempo ist sinnvoller als das Anstreben persönlicher Höchstleistungen.

Psychotherapie-- Wenn die körperliche und seelische Belastung durch Stress ein krankhaftes Ausmaß annimmt, hilft der Gang zum Therapeuten. Ein Psychotherapeut kann helfen, die Belastung durch ein gezieltes Stressmanagement zu mildern und neue Wege aufzeigen, wie die täglichen Anforderungen leichter zu bewältigen sind.

PME-- Die Progressive Muskelentspannung geht auf den US-amerikanischen Arzt Edmund Jacobson zurück. Dabei werden in einer bestimmten Reihenfolge die Muskeln des Körpers maximal angespannt, die Spannung wird eine Weile gehalten und dann losgelassen. Die Konzentration liegt dabei auf der Wahrnehmung der Spannungs- und Entspannungszustände. Letztendlich führt PME dazu, Muskelverspannungen leichter wahrzunehmen und zu lockern. Selbst schmerzhafte Zustände können sich dadurch auflösen. Gleichzeitig reduzieren sich die Zeichen für körperliche Errgegung, wie Zittern, Herzklopfen und übermäßiges Schwitzen.

Autogenes Training-- Das Autosuggestionsverfahren wurde in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts vom Berliner Psychiater Johannis Heinrich Schultz entwickelt und gehört in Deutschland zu den anerkannten Verfahren der Psychotherapie. Beim Autogenen Training wird eine bequeme Körperhaltung eingenommen. Der Ausübende erreicht einen tiefen Entspannungszustand, indem er sich auf Ansage des Therapeuten oder einer CD verschiedene Zustände suggeriert (z. B. Schwere oder Wärme in Armen oder Beinen, beruhigter Herzschlag etc.), die aufgrund seiner Vorstellungskraft messbar eintreten.


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