29.03.2017 - Zum Beratungsthema: Frauengesundheit

Blasenentzündung: Nicht auf kalte Steine setzen

© SurkovDimitri / Getty Images /

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von Stefanie Fastnacht

Meist sind es Frauen, die in der Apotheke über eine akute Blasenentzündung klagen und die Symptome in Eigenregie behandeln wollen. Dem steht nichts entgegen, sofern der Infekt komplikationslos verläuft.

Harnwegsinfekte (HWI) gehören zu den Erkrankungen, mit denen das pharmazeutische Personal in der Apotheke häufig konfrontiert wird. Jede PTA kennt Klagen wie „Ich habe mir die Blase verkühlt“, „Seit gestern muss ich dauernd auf die Toilette rennen“ oder „Ich habe schon wieder eine Blasenentzündung, will aber nicht zum Arzt. Geben Sie mir bitte etwas ohne Rezept“.

Der Hintergrund

Auslöser von HWI sind pathogene Mikroorganismen, die überwiegend aus dem Gastrointestinal-Trakt stammen. Meistens handelt es sich dabei um Bakterien wie Escherichia coli (E. coli, Enterobacteriaceae). Die Infektionen treten sporadisch akut, rezidivierend oder chronisch auf.

Oben oder unten?

Unterschieden werden Infektionen der unteren Harnwege (Cystitis), die begrenzt sind auf Blase und Harnröhre (Urethra). Sie machen sich durch Brennen oder Schmerzen beim Wasserlassen bemerkbar. Der Harn wird zudem häufiger, aber in kleineren Mengen, ausgeschieden. Infektionen der oberen Harnwege (Pyelonephritis) laufen unter Beteiligung einer oder beider Nieren ab. Die Betroffenen klagen dann über Flankenschmerzen, meist ist auch die Temperatur erhöht (> 38 °C).

Kompliziert oder unkompliziert?

HWI gelten als unkompliziert, wenn keine funktionellen oder anatomischen Veränderungen im Harntrakt (z. B. Nieren- und Harnleitersteine, Tumore), Nierenfunktionsstörungen, Schwangerschaft, Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus und kein eingeschränkter Immunstatus vorliegen.

Aus dem OTC-Sortiment*

Extrakt/Wirkstoff

Präparatebeispiel

Wirkung/Besonderheit

Birkenblätter, Goldrutenkraut, Orthosiphonblätter

Harntee 400 TAD® N

diuretisch

Bärentraubenblätter

Arctuvan® Bärentrauben Filmtabletten

antibakteriell

Brennnesselblätter

Natulind® 600 mg

diuretisch, antiphlogistisch

Goldrutenkraut

Solidago Steiner®

diuretisch

Hauhechelwurzel, Goldrutenkraut, Orthosiphonblätter

Aqualibra®

diuretisch

Kapuzinerkressenkraut, Meerrettichwurzel

Angocin® Anti-Infekt N

antibakteriell

D-Mannose

Femannose®

Medizinprodukt, prophylaktisch wirksam

Orthosiphonblätter

Ardeynephron®

diuretisch

Tausendgüldenkraut, Liebstöckelwurzel, Rosmarinblätter

Canephron® N Dragees

diuretisch, antiphlogistisch

* ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand Lauer-Taxe 10.03.2017)

Wen trifft es?

Es liegt in der Natur der Sache, dass HWI bei Frauen häufiger vorkommen als bei Männern. Anatomisch bedingt gelangen Keime aus dem Vaginal- und Analbereich durch die im Vergleich zu Männern kürzere Harnröhre schneller in die Blase. Von dort können sie in Richtung der Nieren weiterwandern. Neben anatomischen und/oder funktionellen Störungen können Kälte, Geschlechtsverkehr sowie der Einsatz von mechanisch/physikalisch wirksamen Verhütungsmitteln, etwa Diaphragmen und Spermiziden Infekten Vorschub leisten. Nach der Menopause (allerletzte Regelblutung) kommt es ferner durch den Rückgang der Östrogenproduktion zu Veränderungen von Vaginalschleimhaut und -flora. Die „Milieuveränderungen“ begünstigen die Vermehrung von Bakterien aus der Familie der Enterobacteriaceae in der Scheide und erhöhen das Risiko, an einem HWI zu erkranken.

Wann zum Arzt?

Sofern der Infekt fieberfrei verläuft und nur die unteren Harnwege betroffen sind, können Frauen sich in Eigenregie behandeln. Denn die Spontanheilungsrate einer akuten unkomplizierten Zystitis liegt bei etwa 30 bis 50 Prozent. Ein Arzt sollte konsultiert werden, wenn der Allgemeinzustand sich verschlechtert, Fieber auftritt oder komplizierende Faktoren (s. o.) vorliegen. Dann kann der Arzt ein Antibiotikum verordnen. Kein Fall für die Selbstmedikation sind zudem Menschen mit Stoffwechselerkrankungen oder einer Immunsuppression (z. B. Diabetes mellitus, HIV). Genauso wie Schwangere, Kinder und Männer.

Praxistipp vom PTA Beirat

Arzneitees

Gegen Blasenentzündungen gibt es zahlreiche pflanzliche Drogen in Form von Fertigarzneimitteln oder zur Komedikation. Standardisierte Arzneitees sorgen für die nötige Flüssigkeitszufuhr von zwei bis drei Litern pro Tag und unterstützen aktiv den Heilungsprozess.

Prävention

Intimhygiene/pflege ist ein Thema, welches im Apothekenalltag eher selten zur Sprache kommt und doch sehr wichtig ist. Die regelmäßige und vollständige Entleerung der Blase sowie die richtige Wischrichtung nach dem Toilettengang sind einfach umzusetzende Tipps für Kunden. Spezielle Reinigungsprodukte für den Intimbereich wirken pH-regulierend und helfen, das natürliche Milieu herzustellen beziehungsweise aufrechtzuerhalten.

Lorena Denoville, Mitglied im PTA Beirat

Die Therapie

Die Selbstmedikation einer akuten unspezifischen Cystitis zielt darauf ab, die Symptome zu lindern. Warnzeichen, dass die symptomatische Therapie nicht ausreicht, sind neben einer Verschlechterung des Allgemeinzustands Schmerzen in der Nierengegend und Fieber.

Symptombehandlung, klassisch

Um die infizierten Harnwege durchzuspülen, ist es ratsam, die Trinkmenge zu erhöhen (2 – 3 L/d). Analgetika lindern den Schmerz. Das Spasmolytikum Butylscopolaminiumbromid in fixer Kombination mit Paracetamol entkrampft darüber hinaus. Zudem kann Wärme helfen.

Pflanzliche Urologika

Brennen und Entzündungsschmerzen werden durch antiphlogistische Wirkkomponenten gelindert. Spasmolytische Effekte sorgen dafür, dass Druckgefühl und Krämpfe nachlassen, während die diuretische Wirkung der Pflanzenextrakte dazu beiträgt, Erreger aus dem Harntrakt zu spülen.

Antiphlogistisch-- Brennnesselkraut hemmt Entzündungen, genauso wie die fixe Kombination aus Liebstöckelwurzel, Rosmarinblättern und Tausendgüldenkraut. Diese entfaltet darüber hinaus noch spasmolytische Effekte.

Desinfizierend-- In diese Gruppe fallen Glucosinolate aus der Kapuzinerkresse und der Meerrettichwurzel, die nach oraler Aufnahme enzymatisch in antimikrobiell wirksame Senföle umgewandelt werden. Extrakte aus Bärentraubenblättern enthalten Arbutin, aus dem im Organismus antibakteriell wirksame Hydrochinonkonjugate entstehen.

Diuretisch-- Bewährt haben sich etwa Extrakte aus Brennnesselkraut, Birkenblättern, Goldrutenkraut, Hauhechelwurzel oder Orthosiphonblätter.

Was sonst noch hilft

Kundinnen mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten können vorbeugend D-Mannose (2 g/d in 200 ml Wasser) einnehmen. Der Zucker bindet an Bakterien und verhindert, dass diese in die Schleimhautzellen im Urogenitaltrakt eindringen. Darüber hinaus kann der Arzt zur Immunprophylaxe Kapseln mit bakteriellen Zellwandbestandteilen von Escherichia-coli- Stämmen (Uro Vaxom ®) verordnen. Genauso wie einen Impfstoff, der inaktivierte, für Harnwegsinfekte typische, Keime enthält (Strovac ®).


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