30.06.2018

Mykosen: Kleine Menschen, große Sorgen

von Lina Quinten

Was früher eine Rarität war, wird von Hautärzten inzwischen häufiger diagnostiziert: Fuss- und Nagelpilz bei Kindern. Auch die freie Haut der kleinen Patienten kann von Pilzinfektion befallen sein.

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Mehr als zwölf Prozent der Deutschen leiden an einer Onychomykose. Während ältere Menschen häufig betroffen sind, ist der Nagelpilz bei Kindern eine seltene Diagnose. Hautärzte beobachten jedoch einen langsamen Anstieg der Rate von Nagelinfektionen bei Kindern und Jugendlichen. Betroffen sind meist die Fußnägel. Der Anstieg lässt sich unter anderem durch veränderte Lebensbedingungen erklären. Kinder verbringen weniger (Barfuß-) Zeit zu Hause. Sie sind mehr unterwegs und den Ansteckungsmöglichkeiten in Freizeit- und Betreuungseinrichtungen ausgesetzt. Hinzu kommt häufig schlecht passendes Schuhwerk. Sind die Schuhe zu klein, oder rutscht der Fuß beim Sport oder bei zu weiten Schuhen nach vorn, können Mikrotraumen der Nägel entstehen. Durch diese dringen Pilze leicht ein. Schuhe aus Kunststoff sorgen zudem für ein ungünstiges Mikroklima. Durch schwitzende Füße quillt die Haut auf, was sie ebenfalls anfälliger für das Eindringen von Pilzen macht.

Breites Erregerspektrum

Während bei Erwachsenen fast immer der Fadenpilz Trichophyton rubrum der Erreger ist, zeigen Kinder ein breiteres Erregerspektrum. Bei ihnen werden auch der Hefepilz Candida albicans oder zoophile, also von Tieren übertragene, Pilzarten gefunden.

Eltern eines Kindes mit Nagelpilz sollte immer der Gang zum Hautarzt angeraten werden. Eine Selbstdiagnose ist hier nicht ausreichend, denn es sollte ein Erregernachweis stattfinden. Bis zum vollständigen Nachwachsen eines gesunden Nagels vergehen bis zu acht Monate. Über diesen Zeitraum muss oft gleichzeitig sowohl lokal (Bifonazol) als auch systemisch (Terbinafin, Fluconazol) therapiert werden. Die systemische Therapie hat den Vorteil, dass auch ein eventuell vorhandener Fußpilz mitbehandelt wird. Denn häufig geht dem Nagel- ein Fußpilz voraus oder umgekehrt.

Hygiene ist während der Behandlung von besonderer Bedeutung. Die Kinderschuhe sollten gründlich desinfiziert werden. Für die Wäschepflege ist es wichtig, bei mindestens 60 Grad Celsius zu waschen oder mit einem Hygienespüler, korrekt dosiert nach jeweiliger Herstellerangabe, um eine Reinfektion oder die Ansteckung von Familienmitgliedern zu vermeiden. Die zusätzlichen Hygienemaßnahmen sollten auch den Kleinsten erklärt werden.

Vertikale Infektion: Mutter zu Kind

Andere Pilzinfektionen können bereits Babys zu schaffen machen. Ist eine Schwangere beispielsweise Trägerin von Candida albicans, so wird mit 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit ihr Baby schon während der Geburt infiziert. Bei einem Drittel aller Schwangeren lässt sich der Hefepilz in der Scheidenflora nachweisen. Denn der erhöhte Östrogenspiegel während der „anderen Umstände“ schafft leider ein pilzfreundliches, stark zuckerhaltiges Milieu. In den ersten vier Lebenswochen ist der Hefepilz für das Neugeborene obligat pathogen. Er siedelt sich im kindlichen Darm an und kann bei Ausscheiden über den Stuhl den Windelbereich infizieren. Die Windeldermatitis, auch Windelsoor genannt, entsteht. Meist tritt die Erkrankung, die mit Jucken und Schmerzen einhergeht, in der dritten Lebenswoche auf.

Doch auch die Mund- und Rachenschleimhaut der Kinder kann leicht befallen werden. Es entwickelt sich Mundsoor. Infektionsquelle ist beispielsweise die Brust der Mutter. Diese kann wiederum latent mit dem Keim besiedelt sein oder eine Candida-Mastitis, also eine durch den Pilz verursachte Brustentzündung, aufweisen. Werden Mutter und Säugling nicht gleichzeitig bis zur Eradikation des Pilzes antimykotisch behandelt, kann sich ein regelrechter Infektionskreislauf entwickeln, bei dem sich das Kind bei der Mutter und umgekehrt reinfiziert. Es wird daher empfohlen, im letzten Trimester der Schwangerschaft einen bestehenden Vaginalpilz zu therapieren. Dazu wird Clotrimazol eingesetzt.

Kuscheltierdermatose

Auch Pilzinfektionen der freien Haut im Gesicht und am Körper treten bei Kindern auf. Auslöser sind häufig zoophile Erreger. Hunde und Katzen sind die üblichen Wirte von Microsporum canis; Trichophyton mentagrophytes wird hingegen von Meerschweinchen übertragen. Klinisch zeigen sich juckende, entzündete Herde mit starker Rötung vor allem zum Rand hin. Eiter und Schuppung können auftreten. Die Pilze bilden an den Haaren Sporenpäckchen, die durch leichten Körperkontakt übertragen werden. Die Übertragung vom Tier auf das Kind findet beim Spielen und Streicheln der Tiere statt, was den Namen „Kuscheltierdermatose“ prägte.

Da sich die Keime auf den Haaren derart wohl fühlen, befallen sie auch Kopfhaut und -haar, wo sie die schwerwiegende Tinea capitis auslösen. Diese meist bei kleinen Kindern bis ins Schulalter auftretende Erkrankung ist langwierig zu behandeln und kann Narben und kahle Stellen am Kinderkopf hinterlassen. Die Erreger können sowohl zoophile Pilze wie Microsporum canis als auch anthropophile Pilze, zum Beispiel Trichophyton violaceum, sein. Durch Fernreisen und Migration werden in Deutschland selten gewordene Erreger mittlerweile wieder häufiger eingeschleppt.


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