Migräne: Weniger Attacken dank Prophylaxe

Wer häufiger als dreimal pro Monat unter Migräneattacken leidet, sollte eine Prophylaxe erhalten. Zahlreiche medikamentöse sowie auch nicht medikamentöse Optionen stehen zur Verfügung.

von Dr. Claudia Bruhn
01.03.2021

Holzfigur mit roter Markierung: Symbol für Migräne
© Foto: C. Schüßler / stock.adobe.com
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  • Migränepatienten, die häufiger als dreimal pro Monat unter Attacken leiden, sollten eine Prophylaxe erhalten.
  • Medikamentöse Optionen mit guter Wirksamkeit sind Propranolol, Metoprolol Onabotulinumtoxin A, Topiramat, Amitriptylin, Flunarizin und die CGRP-Antikörper.
  • Zu den empfehlenswerten nicht medikamentösen Optionen zählen Akupunktur, Ausdauersport, Entspannungsübungen und psychologische Verfahren wie Verhaltenstherapie.
  • Die Notwendigkeit einer Migräneprophylaxe sollte vom Arzt in regelmäßigen Abständen überprüft werden.

Der Begriff Prophylaxe begegnet PTA im Beratungsalltag häufig, beispielsweise als Thrombose-, Malaria- oder auch Sturz-Prophylaxe. Dabei zielen die vorbeugenden Maßnahmen darauf ab, Erkrankungen, Infektionen oder Unfälle zu verhindern. Im Unterschied dazu umfasst die Migräneprophylaxe bei bestehender Erkrankung medikamentöse und nicht medikamentöse Maßnahmen, welche die Häufigkeit, die Dauer und die Intensität von Migräneanfällen verringern sollen.

Migränetherapie

Nicht jeder Migränepatient benötigt eine Anfallsprophylaxe. Zunächst wird der Arzt nach der Diagnose eine Therapie mit Akutmedikamenten empfehlen. Dafür steht ein breites Spektrum an Wirkstoffen zur Verfügung. Eine Orientierung für den Einsatz bietet die S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“, die von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) herausgegeben und regelmäßig an den neuesten Erkenntnisstand angepasst wird.

 

Analgetika

Bei leichteren und mittelstarken Migräneattacken haben sich folgende Analgetika in oraler Form als gut wirksam erwiesen: ASS (1000 mg, in Kombination mit 10 mg MCP: 900 mg), Ibuprofen (200 bis 600 mg), Metamizol (1000 mg), Diclofenac (500 bis 1000 mg), Naproxen (500 bis 1000 mg) oder Kombinationsanalgetika (2 Tabletten ASS 250 mg/265 mg plus Paracetamol 200 mg/265 mg plus Coffein 50 mg/65 mg). Diese Arzneimittel wirken erfahrungsgemäß auch bei einem Teil der Patienten mit schweren Migräneattacken.

 

Triptane

Falls nicht, sollen Triptane als Monotherapie zum Einsatz kommen. Derzeit sind sieben Substanzen zugelassen. Oral verabreicht werden Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan Naratriptan und Rizatriptan. Zolmitriptan kann zusätzlich nasal appliziert werden. Die größte Vielfalt beim Applikationsweg besitzt Sumatriptan (oral, nasal, rektal, s.c.). Studien zufolge ist Sumatriptan subkutan die wirksamste Therapie akuter Migräneattacken, und Eletriptan und Rizatriptan sind die wirksamsten oralen Triptane. Falls die Monotherapie unzureichend wirkt, können Triptane auch mit NSAR (z. B. Naproxen) kombiniert werden. Für die Selbstmedikation zugelassen sind derzeit Almotriptan (Dolotriptan®), Naratriptan (Formigran®) und Sumatriptan (z. B. Sumatriptan® Hexal). Zur Migräneprophylaxe dürfen Triptane nicht eingesetzt werden.

 

Weitere Substanzen

Das Mutterkornalkaloid Ergotamin ist bei Migräneattacken ebenfalls wirksam. Es hat jedoch an Bedeutung verloren, da Triptane ein deutlich besseres Wirksamkeits- und Nebenwirkungsprofil besitzen. Wenn zusätzlich zum Migräne-Kopfschmerz Übelkeit und Erbrechen auftreten, wird der Arzt Antiemetika wie Metoclopramid (oral oder als Zäpfchen) oder Domperidon (oral) verordnen. Domperidon kann schwere Nebenwirkungen am Herzen verursachen. Deshalb darf es nur mit der niedrigsten wirksamen Dosis (maximal 30 mg/Tag) und so kurz wie möglich (höchstens eine Woche) eingenommen werden.

Migräneprophylaxe

Die Migräneprophylaxe kann medikamentös und nicht medikamentös durchgeführt werden. Als Maßstab für ihren Erfolg gilt die Reduktion der Anfallshäufigkeit von mindestens 50 Prozent. Doch dieser Effekt tritt in der Regel erst nach zwei oder drei Monaten auf. Patienten sollten deshalb einige Zeit einen Kopfschmerzkalender führen oder eine der Migräne-Apps, die für Smartphones angeboten werden, nutzen. PTA sollten Migränepatienten immer wieder motivieren, das Führen des Tagebuches bzw. die Eingabe der Daten in die Migräne-App durchzuhalten, da diese Informationen für den Arzt für die weitere Therapieentscheidung sehr wichtig sind.

Medikamentöse Verfahren

Die Hauptkriterien für eine medikamentöse Migräneprophylaxe sind ein besonders hoher Leidensdruck bei den Betroffenen, starke Einschränkungen der Lebensqualität und das Risiko eines Medikamentenübergebrauchs. Ein hoher Leidensdruck kann beispielsweise entstehen, wenn drei und mehr Migräneattacken pro Monat auftreten, sie jeweils länger als 72 Stunden anhalten, an mehr als zehn Tagen pro Monat Akutmedikamente eingenommen werden müssen oder die Nebenwirkungen dieser Medikamente nicht toleriert werden.

Betablocker

Zur Wirkung von Betablockern in der Migräneprophylaxe wurden zahlreiche klinische Studien durchgeführt. Am besten haben dabei die Wirkstoffe Metoprolol und Propranolol abgeschnitten. Ebenfalls wirksam, aber weniger gut untersucht, ist Bisoprolol, das jedoch in Deutschland nicht zur Migräneprophylaxe zugelassen ist.

Botulinumtoxin

Der Wirkstoff Clostridium botulinum (Onabotulinum) Toxin Typ A besitzt als einziges Botulinumtoxin eine Zulassung zur Migräneprophylaxe, wobei einige Voraussetzung erfüllt sein müssen. Die Patienten müssen erwachsen sein, die Kriterien einer chronischen Migräne erfüllen (Kopfschmerzen an ≥ 15 Tagen pro Monat, davon mindestens acht Tage mit Migräne) und außerdem auf prophylaktische Migränemedikation nur unzureichend angesprochen oder diese nicht vertragen haben. Die Behandlung sollte von einem erfahrenen Neurologen durchgeführt werden. Der Wirkstoff wird dabei mittels Injektion beidseitig in bestimmte Bereiche der Kopf- und Nackenmuskulatur verabreicht.

CGRP-Antikörper

In den letzten Jahren wurde die Bedeutung des Eiweißstoffes CGRP (Calcitonin gene-related peptide) bei der Migräne erkannt. Gegenwärtig sind die drei CGRP-Antikörper Erenumab (Aimovig®), Fremanezumab (Ajovy®) und Galcanezumab (Emgality®) zur Migräneprophylaxe bei Erwachsenen zugelassen. Voraussetzung ist, dass der Patient an mindestens vier Tagen pro Monat unter Migräneattacken leidet. Die Antikörper können nach Einweisung durch den Arzt vom Patinten selbst subkutan injiziert werden. Bei Fragen zur Handhbung oder Aufbewahrung der Arzneimittel kann PTA Unterstützung geben. Wichtig zu wissen ist auch, dass der Arzt die Notwendigkeit zur Weiterführung der Therapie regelmäßig beurteilen muss, zum ersten Mal nach drei Monaten.

Weitere Substanzen

Die Wirkung des Calciumantagonisten Flunarizin, der Antiepileptika Topiramat und Valproinsäure sowie des Antidepressivums Amitriptylin sind in der Migräneprophylaxe ebenfalls durch randomisierte Studien gut belegt. Valproinsäure wird off-label eingesetzt und erfordert bei Frauen im gebärfähigen Alter eine sichere Schwangerschaftsverhütung. Ebenfalls wirksam, aber weniger gut untersucht, sind ACE-Hemmer (z. B. Lisinopril), Sartane (z. B. Candesartan) und Pestwurzextrakt, der in Deutschland nur noch als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich ist.

Wussten Sie, dass …
  • Migränepatienten aufgrund ihres Leidensdruckes Hoffnungen in alle möglichen Verfahren setzen?
  • auch solche dabei sind, für die es keine oder noch keine Wirksamkeitsnachweise gibt?
  • als nicht wirksam bei Migräne etwa die Homöopathie und die Corrugator-Chirurgie gelten?
  • das auch für ein spezielles Piercing im Ohrknorpel (Daith Piercing) sowie die Entfernung von amalgamhaltigen Zahnfüllungen gilt?

Nicht medikamentöse Verfahren

Ergänzt werden sollte die medikamentöse Prophylaxe durch nicht medikamentöse Optionen, zum Beispiel durch psychologische Verfahren wie Schmerzbewältigung, Stressmanagement oder Entspannungsverfahren. Auch Patienten, die Medikamente zur Migräneprophylaxe ablehnen oder bei denen diese nicht effektiv oder kontraindiziert sind, können auf nicht medikamentöse Verfahren zurückgreifen.

Akupunktur

Untersuchungen haben gezeigt, dass sich durch Akupunktur die Häufigkeit von Migräneattacken verringern lässt. Bei episodischer Migräne scheint Akupunktur wirksamer zu sein als bei chronischer.

Ausdauersport

Regelmäßiger Ausdauersport an der frischen Luft (z. B. Joggen, Radfahren) wird bei Migräne ausdrücklich empfohlen. Neben der entspannenden und leistungsfördernden Wirkung kann er weitere positive gesundheitliche Effekte haben, zum Beispiel eine Gewichtsabnahme.

Psychologische Verfahren

Psychologische Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie, Methoden der Schmerzbewältigung und des Stressmanagements empfiehlt die Migräne-Leitlinie ebenfalls zur Prophylaxe. Beispielsweise werden bei der kognitiven Verhaltenstherapie bestimmte Denk- und Verhaltensmuster, die Migräneanfälle begünstigen können, vom Therapeuten mit dem Patienten herausgearbeitet und durchbrochen. Besonders hervorgehoben werden in der Leitlinie Biofeedback-Verfahren. Sie gelten als so effektiv, dass sie eine Alternative zur medikamentösen Prophylaxe darstellen können. Das Biofeedback-Verfahren Vasokonstriktionstraining kann sogar beim akuten Migräneanfall wirksam sein. Auch Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson werden zur Prophylaxe der Migräne empfohlen. Dabei spannt der Patient bestimmte Muskeln seines Körpers kontrolliert an und entspannt sie anschließend wieder. Der Vorteil ist, dass Patienten diese Übungen zuhause durchführen können.

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