01.01.2022

Serie Beratungsfall Ernährung: Gallensteine

von Beate Ebbers

Kommen Kunden wegen eines Gallensteinleidens in die Apotheke, ist der Leidensdruck meist groß. Dann ist kompetente Beratung gefragt. Denn mit der richtigen Ernährung lassen sich die Beschwerden lindern.

© Getty Images/iStockphoto

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  • Eine normokalorische, fett- und kohlenhydratreduzierte, ballaststoffreiche Kost beugt Gallensteinen vor.
  • Empfehlenswert sind reichlich Gemüse und Obst sowie der Verzehr von Vollkornprodukten.
  • Milchprodukte, Eier und Fleisch sollten nur in Maßen, Zucker und fettreiche Speisen nur sparsam verzehrt werden.
  • Mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt entlasten die Gallenblase.
  • Bei Übergewicht ist eine Gewichtsreduktion angezeigt. Auf Radikaldiäten sollte verzichtet werden.

Eine leicht übergewichtige Frau kommt in die Apotheke. Nach der Begrüßung fragt PTA Frau Wiese nach dem Anliegen. „Ich habe Gallensteine, die mir Probleme bereiten. Mein Hausarzt hat mir geraten, meine Ernährung zu ändern. Können Sie mir weiterhelfen?“.

„Gerne“, antwortet die PTA und bittet die Kundin in die Beratungsecke.

Beratungsgespräch

Frau Wiese weiß, dass sich die Gallenflüssigkeit aus Wasser und darin gelösten Salzen der Gallensäuren, Phospholipiden (Lecithin), Cholesterin, Elektrolyten und Abbauprodukten aus der Leber, wie dem Gallenfarbstoff Bilirubin, zusammensetzt. Diese ist unerlässlich für die Fettverdauung und Ausscheidung von Stoffwechsel- und Abbauprodukten. Gallensteine oder -gries entstehen, wenn sich die fein austarierte Zusammensetzung der Gallensäure ändert. Dann kann es passieren, dass schwerer lösliche Bestandteile wie Cholesterin oder Bilirubin auskristallisieren.

Die Kristalle können sich mit der Zeit vergrößern. „Viele bemerken ihre Gallensteine gar nicht. Erst wenn sie gegen die Blasenwand stoßen oder die Gallengänge versperren, macht sich das mit Schmerzen bis hin zu Koliken oder gar Entzündungen bemerkbar“, sagt die PTA. „Gallenkoliken habe ich zum Glück noch nicht gehabt“, berichtet die Frau. „Ich habe nur Druck im Bauch, manchmal auch Schmerzen nach dem Essen“ und zeigt mit ihrer Hand auf den rechten Oberbauch.

Serie Beratungsfall Ernährung

01/21: Gallensteine
03/21: Kinder, die nicht essen wollen
05/21: Blasenentzündung
07/21: Herpes
09/21: Depressive Verstimmung
11/21: Parodontitis

Nachfragen

Frau Wiese erklärt, dass Cholesteringallensteine besonders häufig vorkommen. Verantwortlich dafür ist meist eine hyperkalorische, ballaststoffarme Kost. Sie empfiehlt daher eine normokalorische, ballaststoffreiche, fett- und zuckerreduzierte Kost. Cholesterinhaltige Lebensmittel (z. B. Eier, Fleisch) muss die Kundin nicht komplett vom Speiseplan streichen, sollte jedoch ihren Verzehr an Lebensmitteln tierischer Herkunft verringern.

Um passende Ernährungstipps geben zu können, stellt Frau Wiese konkrete Fragen. Lösen bestimmte Speisen oder ein bestimmtes Essverhalten Beschwerden aus? Welche Lebensmittel bevorzugen Sie? Wie häufig essen Sie Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst? Sie erfährt, dass die Kundin Rentnerin ist und ihre Mahlzeiten zu Hause mit ihrem Mann einnimmt. Zum Frühstück isst sie Mischbrot mit Butter, Sahnequark, Marmelade oder Honig, dazu Kaffee, abends ebenfalls Mischbrot mit Wurst und Käse, dazu Tomaten und Gurke. Vollkorn- oder Körnerbrot gibt es nicht. Mittags kocht sie selbst und bevorzugt Fleisch, Soße, Kartoffeln und Gemüse. „Ich bekomme Probleme, wenn ich zu viel gegessen habe“, sagt die Frau. Deshalb verzichtet sie auf Nachschlag und Nachtisch, gönnt sich dafür aber Kuchen oder Kekse am Nachmittag. Außer Kaffee trinkt sie Tee, abends gerne ein Gläschen Wein oder Bier. Bestimmte Auslöser kann sie nicht benennen.

Da die PTA weiß, dass Übergewicht, Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen und bestimmte Medikamente (z. B. Östrogene, Fibrate, Somatostatin-Analoga wie Octreotid, Lanreotid, Immunsuppressiva wie Ciclosporin A, Tacrolimus) die Steinbildung begünstigen, fragt sie nach, ob entsprechende Erkrankungen diagnostiziert wurden und ob sie regelmäßig Arzneimittel einnimmt. „Außer meinem Gallenleiden bin ich sonst noch ganz fit“, meint die Frau stolz. „Nur mit meinem Gewicht muss ich aufpassen. Ich weiß, dass ich ein bisschen abnehmen könnte. Aber mir schmeckt es einfach zu gut.“

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Übergewicht vermeiden

Frau Wiese bestärkt sie darin, abzunehmen. Denn je mehr Pfunde jemand auf die Waage bringt, desto mehr Cholesterin wird endogen in der Leber produziert. Das hohe Angebot an Cholesterin führt zu Veränderungen in der Zusammensetzung der Gallenflüssigkeit. Kristallbildung ist die Folge. Auch eine mit dem Übergewicht möglicherweise einhergehende Insulinresistenz begünstigt die Steinbildung. „Am besten gelingt Ihnen das Abnehmen, wenn Sie fett- und kohlenhydratreiche Speisen meiden, wie den Nachmittagskuchen oder deftige Fleischgerichte zum Mittag, und sich viel bewegen“, sagt die PTA. Da Alkohol reichlich Kalorien liefert, rät die PTA, auf das abendliche Bier oder Gläschen Wein zu verzichten.

Fasten und Radikaldiäten (Gewichtsverluste pro Woche > 1,5 kg) soll die Kundin meiden, da diese die Steinbildung ebenfalls deutlich fördern. Denn bei stark unterkalorischer Kost muss der Körper in der Regel auch kein Fett verdauen, er benötigt weniger Gallenflüssigkeit. Im Körper gebildetes Cholesterin, welches normalerweise in Form von Gallensäuren/-salzen ausgeschieden wird, sammelt sich vermehrt in der Gallenflüssigkeit. Cholesterinsteine können sich bilden. „Nehmen Sie lieber langsam ab als schnell. Wenn Sie pro Woche 250 bis 500 Gramm Gewicht verlieren, reicht das“, sagt die PTA.

Fettreduziert

Auf Fett müssen Gallensteinpatienten nicht komplett verzichten. Allerdings sollte sich die Kundin bei jeder Mahlzeit vor allem an Gemüse und Obst satt essen. „Bestücken Sie mittags mindestens die Hälfte des Tellers mit Gemüse“, empfiehlt Frau Wiese. Im Gegenzug soll die Kundin die Fleisch- und Kartoffelportionen verkleinern und diese fettarm zubereiten, zum Beispiel dämpfen oder dünsten. „Versuchen Sie auch, bei den Soßen Fett einzusparen“. Oftmals reicht schon ein kleiner Stich Margarine oder ein Teelöffel Öl zu Gemüse, Pell- oder Salzkartoffeln. Petersilie oder andere Kräuter geben zusätzlich Geschmack. Bei Fleisch-, Milch- und anderen Produkten empfiehlt die PTA, stets die fett- und kohlenhydratarmen Varianten zu wählen, zum Beispiel Mager- statt Sahnequark. Da es Hinweise gibt, dass Fette reich an einfach oder mehrfach ungesättigten Fettsäuren das Risiko für Gallensteine senken könnte, soll die Kundin tierische Fette (z. B. Sahne, Butter) gegen Oliven-, Raps- und Nussöle und daraus hergestellte Fette austauschen.

Mehr Ballaststoffe

Die PTA rät der Kundin, reichlich ballaststoffreiche Lebensmittel zu essen. Dazu zählen Erbsen, Linsen und andere Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Gemüse und Obst. Sie erklärt, dass Ballaststoffe unter anderem die Enzyme der Cholesterineigensynthese hemmen und die Bildung von Gallensäuren aus Cholesterin anregen. „Besonders günstig sind die Ballaststoffe aus Getreidevollkorn. Probieren Sie daher verschiedene Vollkornbrote aus, bis Sie eins finden, das Ihnen schmeckt.“ Auch ein Müsli aus Haferflocken mit frischem Obst ist eine gute Alternative. Zusätzlich soll die Kundin täglich 30 Gramm Weizenkleie oder andere Kleieprodukte über den Tag verteilt zu sich nehmen. „Vergessen Sie nicht, 1,5 bis zwei Liter über den Tag zu trinken, damit die Ballaststoffe quellen und der Stuhl gleitfähig bleibt.“

Mehr kleine Mahlzeiten

Die PTA gibt den Tipp, statt weniger großer lieber mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt zu essen. Das entlastet die Gallenblase. „Eine Frage habe ich noch“, sagt die Kundin. „Es gibt doch spezielle Gallentees, zum Beispiel mit Artischocke. Kann ich die auch nehmen?“. „Gut, dass Sie das ansprechen“, antwortet die PTA. „Die Arzneitees enthalten Wirkstoffe, die den Gallenfluss anregen. Sie helfen bei leichten Beschwerden, wie Völlegefühl. Da Sie jedoch schon Gallensteine haben, können sich Ihre Beschwerden verschlimmern. Fragen Sie Ihren Arzt, ob Sie die Tees nehmen dürfen.“ Die Kundin bedankt sich für die hilfreichen Tipps.

Beate Ebbers ist Diplom Oecotrophologin. Im „Beratungsfall Ernährung“ gibt sie Tipps, mit denen Sie Ihre Beratung ergänzen können.


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