30.04.2019

Serie Beratungsfall: Harnsäurewerte im Griff

von Beate Ebbers

Gicht-- Klagen Kunden über Gichtattacken, ist die Beratung zu einer Änderung des Ernährungs- und Lebensstils unabdingbar. Denn damit lässt sich nicht nur schmerzhaften Anfällen, sondern auch Nierenschäden vorbeugen.

© Monthira / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

Originalartikel als PDF


  • Im akuten Gichtanfall lindern Kühlung und Ruhigstellung des Gelenks Schmerzen und Schwellungen. Ausreichendes Trinken unterstützt die Harnsäureausscheidung.
  • Eine purinarme Kost senkt erhöhte Serumharnsäurewerte. Tabu sind Innereien, Ölsardinen, Sardellen und Haut von Geflügel und Fisch.
  • Kleine Portionen an fettarmem Fleisch, Wurst und Fisch sind erlaubt.
  • Auf Alkohol, alkoholfreies Bier und Softdrinks sollte möglichst verzichtet werden.
  • Bei Übergewicht ist eine Gewichtsreduktion angezeigt. Auf Radikaldiäten und Fasten sollte verzichtet werden.

Ein beleibter Herr kommt schlurfend und mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Apotheke und reicht ein Rezept für ein nicht steroidales Antirheumatikum über den HV-Tisch. PTA Frau Walcher erkundigt sich freundlich nach seinem Befinden. Er habe mal wieder einen Gichtanfall erlitten, schon den zweiten in diesem Jahr, berichtet der Mann verzweifelt. Nun plagen ihn schreckliche Schmerzen im großen Zeh des rechten Fußes. „Er ist richtig rot und dick, ich kann kaum laufen“, klagt der Kunde. Weil er keine Schmerzmedikamente mehr vorrätig hatte, hat ihm sein Arzt nun ein Arzneimittel verschrieben, das schnell gegen Schmerzen und Schwellung wirken soll.

Serie Beratungsfall Ernährung

01/2019 Reizdarmsyndrom
03/2019 Sodbrennen
05/2019 Gicht
07/2019 Untergewicht
09/2019 Migräne
11/2019 Magen-Darm-Infekt

Beratungsgespräch

Bei der Abgabe des Medikaments empfiehlt Frau Walcher als begleitende Maßnahme, das betroffene Gelenk ruhig zu halten, den Fuß so oft wie möglich hoch zu legen und den Zeh zu kühlen. „Haben Sie kleine Kühlpacks zu Hause?“, fragt die PTA. Als der Kunde verneint, stellt sie ihm passende Größen vor und erklärt ihm die Handhabung. „Legen Sie das Kühlkissen niemals unmittelbar auf die Haut, sondern nur in ein sauberes Tuch gewickelt“, rät sie. „Sonst kann es zu Kälteschäden auf der Haut kommen.“

Weiterhin legt sie ihm nahe, den Auflagendruck am Gelenk so gering wie möglich zu halten. Deshalb zeigt sie dem Herrn, wie er mit einem kleinen Verband aus Auflage und Mullbinde das betroffene Zehengrundgelenk polstern kann. „Vergessen Sie nicht, reichlich zu trinken“, rät Frau Walcher. Denn das erleichtert die Ausscheidung der den Gichtanfall auslösenden Harnsäure über die Nieren.

Nachfragen

Um dem Kunden zusätzliche Empfehlungen mit auf den Weg geben zu können, beschließt die PTA, ihm weitere Fragen zu stellen. Sie möchte wissen, ob er andere Medikamente einnimmt und wenn ja, welche. Darüber hinaus fragt sie nach seinen Ernährungsgewohnheiten.

Sie erfährt, dass der Arzt dem Kunden ein harnsäuresenkendes Medikament verordnet hat, welches er aber nur unregelmäßig einnimmt. Sobald die Beschwerden verschwunden seien, vergesse er häufig die Medikation. Auch der weitgehende Verzicht auf Fleisch und alkoholische Getränke, die der Arzt ihm empfohlen hatte, falle ihm schwer, besonders jetzt zu Beginn der Grillsaison. „Erst gestern Abend hatte ein Freund zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, mit Grillfleisch und Fassbier. Da kann ich doch nicht Nein sagen!“, meint der Kunde.

Frau Walcher signalisiert Mitgefühl, erläutert aber deutlich, dass neben der regelmäßigen Einnahme der Medikamente und der Kontrolle der Harnsäurewerte eine Anpassung der Ernährungsweise notwendig sei, damit die überhöhten Harnsäuremengen im Serum gesenkt werden können. „Nur damit können Sie schmerzhaften Gichtattacken vorbeugen.“ Patienten, die die Therapie vernachlässigen, drohen zudem langfristig Gelenkschäden, Bewegungseinschränkungen sowie Nieren- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, führt sie dem Kunden die möglichen Folgen vor Augen.

dpm_052019_gicht

Purinarme Kost

Frau Walcher erklärt dem Kunden, dass er nicht gänzlich auf Fleisch verzichten muss. Harnsäure fällt beim Abbau von Purinen, den Bausteinen der Erbsubstanzen DNA und RNA, an. Dabei stammen die Purine entweder aus den eigenen Körperzellen oder aus aufgenommenen Lebensmitteln tierischer oder pflanzlicher Herkunft. „Sie sollten lediglich die besonders purinreichen Innereien, zum Beispiel Bries, Nieren und Leber, bestimmte Fischarten wie Ölsardinen und Sardellen, Muscheln, Schweineschwarte und die Haut von Fisch und Geflügel komplett meiden. Kleine Portionen von magerem Fleisch (Geflügel, Schwein oder Rind) sowie See- und Fettfische (z. B. Seelachs, Lachs, Hering) über die Woche verteilt sind hingegen erlaubt“, erläutert sie dem Kunden.

Empfehlenswert ist, pro Woche nicht mehr als 300 bis 600 Gramm fettarmes Fleisch und Wurst, 80 bis 150 Gramm Seefisch und 70 Gramm Fettfisch zu essen. „Bevorzugen Sie beim Grillen statt eines großen Nackensteaks lieber ein kleines Schmetterlingssteak oder Hähnchenbrustfilet ohne Haut“, rät Frau Walcher. „Essen Sie dabei nicht mehr als ein Stück und greifen Sie lieber bei den Beilagen, zum Beispiel einem Blattsalat oder bunten Salaten mit Gurke, Tomate und Paprika, zu.“ Denn Kartoffeln, Getreide, Eier, nahezu alle Gemüsesorten und Obst zählen zu den purinarmen oder -freien Lebensmitteln.

Bei den Milchprodukten soll der Kunde die fettarmen Varianten bevorzugen. Vorsicht ist bei Blumenkohl, Spinat und Hülsenfrüchten, wie Linsen, Erbsen und Bohnen, geboten. Sie liefern umgerechnet relativ viel Harnsäure. Frau Walcher empfiehlt daher, diese Gemüse und Hülsenfrüchte nicht täglich und nur in kleinen Portionen zu essen.

Alkoholverzicht

Da der Kunde angedeutet hat, dass es ihm schwerfalle, auf Alkohol zu verzichten, greift die PTA dieses Thema auf. Sie verdeutlicht, dass Alkohol die Bildung der Harnsäure fördert und gleichzeitig ihre Ausscheidung über die Nieren hemmt. Bei Bier, auch bei alkoholfreiem und Weißbier, kommt hinzu, dass die enthaltene Hefe Purine liefert.

Die PTA bekräftigt daher die ärztliche Empfehlung, bei alkoholischen Getränken und alkoholfreiem Bier sehr zurückhaltend zu sein. „Mehr als ein Glas Wein oder Bier zu einer der Hauptmahlzeiten sollten Sie nicht trinken – und das auch nur in Ausnahmefällen“, sagt Frau Walcher. „Am besten ist es, wenn Sie ganz auf Alkohol verzichten, auch wenn es Ihnen schwerfällt. Das gilt besonders jetzt nach dem Gichtanfall.“

Reichlich trinken

Auch von Softdrinks, die Fruktose, zum Beispiel als Glukose-Fruktose-Sirup, enthalten, rät Frau Walcher ab. Denn Fruktose fördert die Bildung von Harnsäure. Stattdessen empfiehlt sie Trink-, Tafel- und Mineralwasser, ungesüßte Tees und verdünnte Schorlen. Besonders günstig sind Heilwässer mit einem Hydrogencarbonatgehalt von 1300 Milligramm pro Liter, da sie den Urin alkalisieren und das Harnsäurelösungsvermögen verbessern.

Auch Kaffee, Schwarztee und Kakao kann der Kunde trinken, denn die enthaltenen Methylpurine werden nicht zu Harnsäure umgesetzt. Die PTA rät zu einer Tagestrinkmenge von mindestens 1,5 bis zwei Litern, um die Nieren bei der Ausscheidung der Harnsäure zu unterstützen. „Denken Sie daran, auch vor dem Schlafengehen ein Glas Wasser zu trinken“, sagt Frau Walcher. „Damit wird der Nachturin ausreichend verdünnt“. Ergänzend verweist sie auf Heilpflanzen mit diuretischer Wirkung. So führen Kieselsäure, Kaliumsalze und Flavonoide des Ackerschachtelhalms (Zinnkraut) zu einer höheren Wasserausscheidung, indem sie die Nierentätigkeit unterstützen und die Harnausscheidung anregen. Auch Brennnessel- und Birkenblätter enthalten Flavonoide, die wassertreibend wirken. Die drei Heilpflanzen können gemischt oder einzeln als Teeaufguss getrunken werden.

Übergewicht meiden

Da der Kunde sichtbar übergewichtig ist, rät die PTA ihm, Gewicht zu reduzieren. Dies führt zu einem Abfall des Harnsäurespiegels und entlastet die Gelenke, erklärt sie ihm. Von einer schnellen Gewichtsreduktion, Radikaldiäten und strengem Fasten rät sie hingegen ab. Dies hemmt die Harnsäureausscheidung über die Nieren. Grund ist, dass der Körper in Hungerzuständen vermehrt körpereigene Fette zur Energiegewinnung nutzt. Diese werden in der Leber zu Ketonkörpern abgebaut und konkurrieren in den Nieren mit Harnsäure um dasselbe Transportsystem. Gleichzeitig fallen in kurzer Zeit große Mengen an Purinen durch den vermehrten Abbau von Fett- und Muskelzellen an, aus denen wiederum Harnsäure entsteht.

„Wenn Sie im Rahmen der purinarmen Kost Ihren Fleisch- und Wurstkonsum reduzieren, fettarme Lebensmittel bevorzugen und auf Alkohol und Softdrinks verzichten, sind Sie schon auf dem richtigen Weg“, motiviert die PTA ihren Kunden. „Und versuchen Sie, Ihren Alltag und Ihre Freizeit aktiv zu gestalten, zum Beispiel mit Treppensteigen und Radfahren.“ „Vielen Dank für Ihre Tipps“, erwidert der Kunde. „Ich versuche, diese zu beherzigen. Denn noch eine dieser schmerzhaften Gichtattacken möchte ich nicht mehr erleben.“

Handzettel

Einen Handzettel mit Tipps für Ihre Kunden können Sie hier kostenlos herunterladen, ausdrucken, mit dem Apothekenstempel versehen und Ihren Kunden nach dem Beratungsgeschpräch mitgeben. 


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Apotheke und Marketing

APOTHEKE + MARKETING wendet sich an das Fachpersonal in der öffentlichen Apotheke, wobei das Magazin und die Webseite insbesondere auf das berufliche Informationsbedürfnis des Apothekers eingeht.

www.apotheke-und-marketing.de

Springer Medizin

Springermedizin.de ist das Fortbildungs- und Informationsportal für Ärzte und Gesundheitsberufe, das für Qualität, Aktualität und gesichertes Wissen steht. Das umfangreiche CME-Angebot und die gezielte Berichterstattung für alle Fachgebiete unterstützen den Arbeitsalltag.

www.springermedizin.de

Newsletter

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen künftig frei Haus – wöchentlich und kostenlos.