30.01.2020

Serie Naturheilkundliche Verfahren: Schröpfen

von Britta Fröhling

Saugglocken gehören zu den ältesten medizinischen Geräten der Menschheit; die Vorstellung, Krankmachendes aus dem Körper zu saugen, war in allen Kulturen verbreitet. Was ist davon in der heutigen Naturheilkunde übrig geblieben?

© Britta Fröhling

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Ein 43-jähriger Patient kommt mit andauernden Verspannungen im Bereich der Brustwirbelsäule in die Praxis. In der Anamnese erwähnt er auch eine nicht abklingen wollende Bronchitis. Unter anderem führe ich viermal im Abstand von drei Tagen eine Schröpfkopfmassage durch. Im Anschluss werden im oberen Bereich der Brustwirbelsäule ertastete Muskelverhärtungen (kalte Gelosen) trocken geschröpft. Nach wenigen Terminen berichtet der Patient über eine deutliche Linderung seiner Beschwerden im oberen Rückenbereich. Außerdem habe er in den letzten Tagen Schleim leichter abhusten können und hätte weniger Hustenreiz verspürt.

Schröpfen

Bereits aus dem Jahr 3300 vor Christus Geburt stammen Arztsiegel aus dem Bereich Mesopotamiens, auf denen Schröpfglocken abgebildet sind. Ebenso finden sich Überlieferungen aus Indien und Ägypten, die belegen, dass bereits vor 4000 Jahren von Heilkundigen geschröpft wurde. Auch Hippokrates und Galen wussten um die heilsamen Wirkungen des Unterdrucks. Bis ins Mittelalter hinein wurde das Schröpfen von Ärzten, häufig auch von Badern, praktiziert.

Da das Verfahren zeitweilig inflationär und unreflektiert eingesetzt wurde, geriet es jedoch in Verruf und wurde verdrängt. Im 19. Jahrhundert wiederum bedauerte der Arzt Hufeland, dass dieses Verfahren zu sehr vernachlässigt werde. In der modernen Naturheilkunde wird das Schröpfen wieder regelmäßig eingesetzt, nicht zuletzt durch das Wirken des Arztes Bernhard Aschner, der Rheuma und Arthrose erfolgreich mit ausleitenden Verfahren (Humoraltherapie) behandelte.

Serie Naturheilkundliche Verfahren

02/2020:  Schröpfen
04/2020:  Homotoxikologie
06/2020:  Tapen
08/2020:  Akupunktur
10/2020:  Darmgesundheit
12/2020:  Aromatherapie

Harmonisieren und ausleiten

Schröpfen gehört zu den ausleitenden Therapieverfahren, bei dem in historischer Sicht die „krankmachenden Säfte“ aus dem Körper entfernt werden sollen. Da Schröpfen in allen Kulturkreisen eine lange Tradition hat, ergeben sich jedoch unterschiedliche Erklärungsmodelle. Die traditionelle chinesische Medizin sieht im Schröpfen eine Ausleitung von Feuchte und Hitze, um den Energiefluss zu harmonisieren. Aus westlicher Sicht geht es um die Entlastung der Kapillaren und den Abtransport von Abbauprodukten aus dem Extrazellularraum.

Unabhängig vom Erklärungsmodell ist der Ablauf der Behandlung jedoch identisch. Im Mittelpunkt stehen die Headschen Zonen, die sich nach der Reflexzonenlehre im Bereich des Rückens befinden. Die Nervenversorgung dieser speziellen Hautareale ist jeweils einem Rückenmarksegment zugeordnet. Bestimmte Bereiche der inneren Organe werden über dieselben Rückenmarksegmente versorgt und stehen so in einem Bezug zu den Headschen Zonen, weshalb das Schröpfen sich auch auf innere Organe auswirken kann. Häufig finden sich die Headschen Zonen an Punkten, an denen Akupunkturleitbahnen (Meridiane) kreuzen.

Diagnose

Die Diagnose erfolgt, indem ein geübter Behandler eventuell vorhandene Gelosen im Bereich der Headschen Zonen ertastet. Dabei handelt es sich um Verhärtungen der Muskulatur, die so groß sein können wie ein Zwei-Euro-Stück. Sie können prall-elastisch und äußerst druckempfindlich sein (heiße Gelose) oder auch teigig, wenig druckschmerzhaft und eingesunken (kalte Gelose). Ist das Hautareal identifiziert, welches mit den Beschwerden in Zusammenhang steht, beginnt die Therapie am Rücken.

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Behandlungsablauf

Es gibt drei Arten des Schröpfens: trockenes und blutiges Schröpfen sowie die Schröpfmassage. Zum Einsatz kommen dabei Schröpfgläser, auch als Schröpfköpfe oder -glocken bezeichnet, welche auf die Haut gesetzt werden. Vor dem Aufsetzen wird in ihnen ein Vakuum oder zumindest ein Unterdruck erzeugt. Das geschieht, indem ein in Alkohol getränkter Wattebausch im Glas angezündet wird. Auch Vakuumpumpen können einen Unterdruck erzeugen. Danach wird das Schröpfglas sofort auf die Haut gesetzt. Dank Unterdruck wird die Haut angesaugt, und das Glas sitzt fest.

Blutiges Schröpfen-- Beim blutigen Schröpfen von heißen Gelosen sitzt der Patient, damit sich das Blut im Schröpfglas sammeln und damit abgenommen werden kann. Die zu behandelnde Hautstelle wird zunächst desinfiziert und mit einer Einmallanzette in schneller Folge zehn- bis 20-mal gestichelt. Dann wird der Schröpfkopf mit Hilfe eines brennenden Watteträgers (Fidibus) oder mit im Glas befindlicher, fein aufgebauschter, entzündeter Watte erhitzt und sofort auf die Haut aufgesetzt. Hierbei besteht die Gefahr von Verbrennungen, weshalb das blutige Schröpfen nicht in Eigenanwendung durchgeführt werden sollte. Der Patient bleibt unter Beobachtung, damit er bei einer eventuellen Kreislaufschwäche sofort behandelt werden kann. Pro Sitzung werden zwei bis zehn Schröpfgläser aufgesetzt.

Trockenes Schröpfen-- Gemütlicher geht es beim Trockenschröpfen der kalten Gelosen zu. Der Patient darf sich hinlegen, es sein denn, der Schröpfkopf wird mit im Glas befindlicher, brennender Watte erhitzt. Häufig werden jedoch auch Saugglocken mit Gummiball zur Vakuumerzeugung genutzt. Die Instrumente bleiben zehn bis 20 Minuten auf der Haut und werden gelöst, wenn sich eine deutliche Verfärbung der Haut zeigt. Das Verfahren ist nicht schmerzhaft und bringt meist ein leichtes Wärmegefühl mit sich.

Schröpfmassage-- Besonders angenehm kann eine Schröpfmassage des Rückens sein, bei der ein Schröpfglas mit Ball auf den eingeölten Rücken gesetzt und dann neben der Wirbelsäule auf und ab bewegt wird. Im Bereich der Lendenwirbelsäule kann das Glas auch seitwärts bewegt werden, in den oberen Abschnitten der Wirbelsäule liegen die Dornfortsätze dafür zu nah unter der Haut. Bei Verklebungen im Gewebe ist häufig ein piksender Schmerz zu spüren, der nach und nach abnimmt. Befinden sich im Massagegebiet heiße Gelosen, kann es durch den Unterdruck zu kräftigen stecknadelkopfgroßen Einblutungen (Petechien) kommen, die jedoch nach einigen Tagen verblassen.

Wussten Sie, dass ...

  • Schröpfköpfe früher aus abgesägten Kuhhörnern bestanden?
  • ausleitende Verfahren früher als probate Mittel gegen „Wahnsinn und Schwermut“ angesehen wurden?
  • der Sohn des Asklepios, Telesphorus, in der griechischen Mythologie der Gott des Schröpfens ist?
  • Schröpfen unter dem Namen „Cupping“ im Fitnessbereich gerade ein Revival erlebt?
  • trockenes Schröpfen und Schröpfmassagen mit Silikonglocken als Bestandteil der Faszientherapie unter der Bezeichnung Placing und Sliding von Sportlern eingesetzt werden?

Effekte

Beim blutigen Schröpfen wird durch die Entleerung der Kapillaren die Mikrozirkulation im behandelten Gebiet verbessert. Dadurch wird auch die Sauerstoffversorgung gesteigert und die Entsorgung von Zellstoffwechselprodukten erleichtert. Über das entsprechende Segment kann auch in dazugehörigen Organen eine Stoffwechselaktivierung stattfinden. Außerdem soll es zu einer Entspannung der glatten Muskulatur am zugehörigen Organ kommen. Aus Sicht der chinesischen Medizin ist blutiges Schröpfen detonisierend und lässt gestaute Energie wieder fließen.

Trockenes Schröpfen wirkt durchblutungssteigernd und lymphstromanregend, außerdem soll es durch die leichten Einblutungen zu einer Aktivierung des unspezifischen Immunsystems kommen. Trockenes Schröpfen gilt in der chinesischen Medizin als anregend, wird also bei Energiemangelzuständen eingesetzt.

Bei der Schröpfmassage kommt es ebenfalls zu einer gesteigerten Durchblutung und Anregung des Lymphstroms, ebenso werden Verklebungen im Gewebe durch die Bewegung des Schröpfglases gelöst.

Indikationen

Besonders häufig wird das Schröpfen bei Beschwerden im Bewegungsapparat eingesetzt, vor allem bei Rücken- und Nackenschmerzen. Doch auch Kopfschmerzen, Migräne, funktionelle Oberbauchbeschwerden, Obstipation, Dys- menorrhö, Bronchitis und Asthma können mit Schröpfen behandelt werden. Bei Arthrose kann eine Schröpfmassage um das betroffene Gelenk Linderung bringen.

Kontraindikationen

Nicht angewendet werden dürfen die Verfahren bei akuten Entzündungen der zu schröpfenden Hautstelle, allergisch bedingten Hautveränderungen sowie auf durch Strahlentherapie geschädigter Haut. Blutiges Schröpfen ist außerdem bei Gerinnungsstörungen sowie bei Einnahme von Gerinnungshemmern kontraindiziert. Auch bei allgemeiner Schwäche und Anämie sollte auf blutiges Schröpfen verzichtet werden.

In der Apotheke

Schröpfgläser findet man in der Lauertaxe auch unter dem Begriff Saugglocke. Als Größe ist der Durchmesser der Öffnung des Schröpfglases angegeben. Der Hinweis „mit Ball“ zeigt an, dass das Vakuum bei diesem Schröpfglas mit einem Gummiball erzeugt wird, das Schröpfglas also mit einem Gummiball evakuiert wird. Das ist für die Schröpfmassage besonders praktisch, für blutiges Schröpfen allerdings ungeeignet, da die Gefahr besteht, dass Blut in den Gummiball gelangen könnte.

Selbstmedikation

Im Bereich der Selbstmedikation kann man besonders bei Knie- und Hüftgelenkarthrose die Schröpfmassage in Eigenanwendung empfehlen. Hierzu sollte ein Schröpfglas mit möglichst kleinem Durchmesser (Knie: 2 bis 3 cm, Hüfte: bis zu 4 cm) verwendet werden. Die Haut wird mit einem geeigneten Massage- öl eingerieben, das am besten selbst schmerzlindernde oder durchblutungsfördernde Eigenschaften hat (z. B. Dolo Cyl ® Öl, Aconit Schmerzöl, Solum Öl). Dann massiert man mit dem Schröpf- kopf in kreisenden Bewegungen um die schmerzende Stelle. Der Unterdruck soll so gewählt werden, dass die Massage spürbar, aber nicht schmerzhaft ist. Ist die Haut nach zehn bis 15 Minuten durch die gesteigerte Durchblutung gerötet und ein Wärmegefühl entstanden, wird die Behandlung beendet.

Kosmetische Anwendung

Seit einiger Zeit erfreut sich auch die Gesichtsbehandlung mit Schröpfköpfen (v. a. aus Silikon) wachsender Beliebtheit. Hierbei liegt das Augenmerk auf kosmetischen Gesichtspunkten. So soll die Faltentiefe reduziert werden können und der Teint durch die verbesserte Durchblutung ebenmäßiger und strahlender werden. Bei der Eigenanwendung sollte allerdings vorsichtig vorgegangen werden, da auch hier Petechien und Hämatome entstehen können.

Schröpfen wird darüber hinaus im kosmetischen Bereich zur positiven Beeinflussung des Hautbildes bei Cellulite eingesetzt. Bei richtiger Technik ist durch die Lymphstromanregung und verbesserte Durchblutung sogar ein gewisser straffender Effekt denkbar.

Britta Fröhling ist PTA und Heilpraktikerin. In der Serie „Naturheilkundliche Verfahren“ greift sie etablierte Verfahren auf und stellt den Praxisbezug zur Apotheke her.


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