31.07.2017

Serie Onkologie in der Apotheke: Unangenehme Hitzeschübe

© Lydie / stock.adobe.com

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von Dr. Gudrun Heyn

Nicht nur Frauen im Klimakterium leiden unter Wechseljahresbeschwerden. Auch Krebskranke können davon betroffen sein. PTA sollten ihren Kunden vermitteln, dass es dagegen Hilfe aus der Apotheke gibt.

Bei einigen Krebsarten sind Hormone wichtige Treiber des Tumorwachstums. Für Kranke mit Prostatakarzinom oder hormonrezeptorpositivem Brustkrebs ist der Hormonentzug daher eine wichtige Therapieoption. Eine mögliche Folge der Hormonentzugstherapie sind, bei Männern und Frauen, Nebenwirkungen, die mit Wechseljahresbeschwerden vergleichbar sind.

Hauptsymptom sind Hitzewallungen, die häufiger und intensiver sein können als in den Wechseljahren. Meist halten Temperaturanstiege und Schweißausbrüche nur wenige Minuten an, sind aber äußerst unangenehm und rauben in der Nacht den Schlaf. Bei einer Langzeittherapie können sie die Kranken über Jahre begleiten. Zum Beschwerdebild gehören aber auch Stimmungsschwankungen, und bei Frauen Scheidentrockenheit.

Auslösende Substanzen

Bei einigen Krebstherapeutika kommt es sehr häufig zu unerwünschten Wirkungen wie Hitzewallungen. Dazu gehören beispielsweise Gonadotropin-Releasing-Hormon-Analoga (GNRH-Analoga) wie Goserelin (Zoladex ®) und Leuprorelin (Indikationen Prostatakarzinom: z. B. Eligard ®, Enantone ® Monats-Depot Fertigspritzen; Brustkrebs: Enantone ® Gyn, Trenantone ®). Gegen Brustkrebs kommen zudem zum Einsatz Antiöstrogene wie Tamoxifen (z. B. Nolvadex ®, Tamoxifen-ratiopharm ®) sowie Aromatasehemmer wie Letrozol (z. B. Femara ®, Letroblock ®) und Anastrozol (z. B. Arimidex ®, Anastrozol Hormosan).

Nicht immer harmlos

Eine Hormonersatztherapie zur Linderung von Wechseljahresbeschwerden ist bei Kranken mit hormonsensitiven Tumoren kontraindiziert. Die Hormone könnten verbliebene Mikrometastasen zu einem erneuten Wachstum anregen. Aber auch manche Phytopharmaka und Nahrungsergänzungsmittel sollen die Wirkung einer antihormonellen Therapie abschwächen oder aufheben können. Dafür verantwortlich gemacht wird ihr Gehalt an Phytoöstrogenen. Daneben können auch andere Interaktionen die Effektivität einer Tumortherapie beeinflussen. Sie betreffen beispielsweise die gemeinsame Verstoffwechselung von pflanzlichen Inhaltsstoffen und Tumortherapeutika über Cytochrom-p450-Enzyme (CYP).

Gegen Hitzewallungen

Bei einer antihormonellen Therapie können Mediziner zur Linderung von Hitzewallungen beispielsweise Medikamente mit Antiandrogenen wie Cyproteronacetat (z. B. Androcur ® 50 mg, Cyproteronacetat-GRY ®; zugelassen zur Behandlung von Hitzewallungen beim Mann während der Behandlung mit GNRH-Analoga oder nach der Hodenentferung), Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) wie Paroxetin (z. B. Brisdelle ®, zugelassen in den USA zur Behandlung von postmenopausalen Frauen, in Deutschland Off-label-use) und Serotonin-(Noradrenalin)-Wiederaufnahmehemmern (SNRI) wie Venlafaxin (Off-Label-Use), verordnen.

Aus dem OTC-Sortiment

Für alle-- Zur Reduktion der Schweißproduktion bei Männern und Frauen eignen sich Zubereitungen aus den Blättern des Salbeis (Salvia officinalis) in Form von Tee oder Fertigpräparaten (z. B. Salviasan Salbei Kräutertabletten, Sweatosan ®). Ohne ärztlichen Rat sollten die Kranken Arzneimittel aus Salbeizubereitungen jedoch nicht länger als zwei Wochen einnehmen.

Für Frauen-- Eine weitere hormonfreie Alternative aus dem OTC-Bereich sind pflanzliche Medikamente mit Extrakten aus dem Wurzelstock der Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa, z. B. Remifemin ®, Klimadynon ® uno). Die Inhaltsstoffe der Drogenextrakte haben eine hormonartige Wirkung, zählen aber nicht zu den Phytoöstrogenen. Laut der S3-Leitlinie Mammakarzinom der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Krebshilfe ist ein Einsatz bei Brustkrebskranken deshalb möglich.

Bei einer komplementären Therapie zur Besserung von Beschwerden wie Hitzewallungen, Schweißausbrüche und Schlafstörungen sind jedoch Interaktionen mit anderen Arzneistoffen nicht ganz ausgeschlossen. Ein Grund für diese Annahme ist ein Experiment an Brustkrebszellen der Maus. Es konnte zeigen, dass Traubensilberkerzen-Extrakt die Zytotoxizität der Zytostatika Doxorubicin und Docetaxel erhöhen und die Zytotoxizität des Zytostatikums Cisplatin erniedrigen kann. Eine Selbstmedikation sollten die Kranken daher immer mit ihrem behandelnden Arzt absprechen.

Keine Therapieoption-- Phytoöstrogene in Nahrungsergänzungsmitteln stehen im Verdacht, dass sie die Wirkung von Antiöstrogenen zumindest teilweise aufheben und das Wachstum von hormonsensitiven Tumorzellen stimulieren können. Da es zu wenige Daten aus Studien gibt, können Behörden eine Gefährdung nicht ausschließen. Laut dem Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums sollten Brustkrebskranke daher keine isoflavonhaltigen Produkte einnehmen. Die Phytoöstrogene sind in Rotklee (Trifolium pratense L.) und Soja (Glycine max L.) enthalten.

Sonstige Beschwerden

Zur Linderung von nervöser Unruhe und depressiver Verstimmung sind Präparate mit Johanniskrautextrakt (Hypericum perforatum L.) seit langem bewährt. Aufgrund möglicher Wechselwirkungen mit anderen Arzneistoffen, (z. B. Tamoxifen) sollten Krebskranke Mono- oder Kombinationspräparate nicht ohne ärztlichen Rat einnehmen. Dies gilt insbesondere auch für Kombinationspräparate gegen Wechseljahresbeschwerden mit Traubensilberkerzenextrakt.

Scheidentrockenheit-- Tritt sie infolge einer antihormonellen Tumortherapie auf, rät der Krebsinformationsdienst zur Vorsicht bei hormonhaltigen Präparaten. Sie sollen hilfreich bei der Linderung der Beschwerden sein. Ob sie jedoch einen Rückfall begünstigen können, darüber sind sich Fachleute nicht einig. Der Grund ist, dass es auch hier für eine sichere Beurteilung zu wenige und oft auch widersprüchliche Daten aus Studien gibt. Wenig ratsam ist zudem die tägliche Einnahme von Leinsamen. Im Bereich der Naturheilkunde gilt er als wirksames Mittel gegen Scheidentrockenheit. Doch auch Leinsamen enthält Lignane und andere Phytohormone.

Hormonfrei-- Wer auf der sicheren Seite sein möchte, sollte zur Linderung von Scheidentrockenheit hormonfreie Vaginaltherapeutika empfehlen wie Vagisan ® Feuchtcreme oder Remifemin ® Feuchtcreme, Gleitgele wie Gleitgelen ® Gel oder Kadefungin ® Befeuchtungsgel oder Vaginalsuppositorien (z. B. Vulnipharm ® Vaginalovula, Vagisan ® Feuchtcreme Cremolum).

TIPP!

Klären Sie Ihre Kunden darüber auf, dass bei einer anti-hormonellen Therapie das Auftreten von Beschwerden wie Hitzewallungen etwas Positives ist. Sie zeigen, dass die Therapiewirksam ist. Mit Ihrer Aufklärung können Sie die Akzeptanz der Behandlung deutlich erhöhen.


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