29.06.2019

Sicca-Syndrom: Sandkorn im Auge

von Julia Pflegel

Mehr und mehr Deutsche leiden unter trockenen Augen. Therapie der Wahl sind moderne Tränenersatzmittel, bevorzugt mit Hyaluronsäure und frei von Konservierungsstoffen. Sie verbessern die Menge und die Stabilität des Tränenfilms.

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  • Viele Menschen mit trockenen Augen haben einen hohen Leidensdruck oder sogar ernste Beschwerden des Auges.
  • Moderne Tränenersatzmittel sind eine effektive Hilfe. Sie verbessern die Menge und Stabilität des Tränenfilms.
  • Die darin enthaltene Hyaluronsäure gilt derzeit als Goldstandard unter den benetzenden Wirkstoffen.
  • Spezielle Produkte zur Lidrandreinigung verbessern die Effekte von Tränenersatzmitteln.

Patienten mit trockenem Auge (Sicca-Syndrom) klagen über müde, gereizte, brennende, tränende und/ oder juckende Augen. Auch Rötungen und/oder ein Gefühl von Kratzen im Auge („Sandkorngefühl“) sind typisch, ebenso Sehstörungen. Erklären lässt sich die Vielfalt dieser Beschwerden unter anderem anhand der Funktionen des Tränenfilms: Als Barriere zur Außenwelt schwemmt er Fremdstoffe (z. B. Staub, Mikroorganismen, Allergene) aus dem Auge und tötet Keime ab. Zudem benetzt er die Hornhaut, wodurch er sie vor Mikrorissen und eindringenden Fremdstoffen schützt. Darüber hinaus dient er dem Auge als Lieferant von Sauerstoff und Nährstoffen. Und nicht zuletzt ist er für das Sehen wichtig, weil er Unregelmäßigkeiten der Hornhautoberfläche ausgleicht.

Dreischichtiger Aufbau

Der Tränenfilm besteht aus drei Komponenten: Die obere Lipidschicht schützt den darunterliegenden wässrigen Anteil vor Verdunstung. Somit ist diese ganz wesentlich an der Stabilität des Tränenfilms beteiligt. Gebildet wird sie vor allem in den Meibom-Drüsen, deren Ausführungsgänge entlang der oberen und unteren Lidränder liegen. Die mittlere wässrige Schicht wird von den Tränenhauptdrüsen produziert, lokalisiert im Schädelknochen zwischen den Oberlidern und Augenbrauen. Sie enthält unter anderem Elektrolyte (z. B. Natrium), Enzyme (z. B. Lysozym), Antikörper (z. B. IgA) und Glukose. Damit die wässrige Phase gut an der Augenhornhaut haftet, ist die innerste Schicht des Tränenfilms eine Schleimschicht (Muzinschicht). Ihr Bildungsort ist die Bindehaut.

Formen des trockenen Auges

Unterschieden wird die hyposekretorische Form mit verminderter Tränenproduktion von der hyperevaporativen Form mit erhöhter Verdunstung des Tränenfilms. Auch Mischformen beider Varianten sind möglich. Unter den Risiken für eine geminderte Tränenproduktion sind beispielsweise die große Gruppe der Arzneistoffe mit anticholinergen Effekten (z. B.Antihistaminika, Psychopharmaka), Diuretika und Sexualhormone. Unter den Erkrankungen, die das Auge trocken werden lassen, ist vor allem die Autoimmunkrankheit Sjögren-Syndrom zu nennen. Hierbei richtet sich das körpereigene Immunsystem gegen die Tränen- und die Speicheldrüsen. Eine mangelnde Funktion der Meibom-Drüsen und der damit verbundene Lipidmangel des äußeren Tränenfilms gelten hingegen als Ursache für die hyperevaporative Form.

Ebenso lässt eine reduzierte Lidschlagfrequenz den Tränenfilm rascher verdunsten: etwa beim konzentrierten Sehen auf den Bildschirm eines Computers oder ein Tablet (Office-eye-Syndrom) sowie beim Lesen eines Buches. Daher leiden auch schon viele junge Menschen an einem Sicca-Syndrom. Unabhängig von den beiden Hauptformen des trockenen Auges gibt es noch weitere nennenswerte Ursachen: Wechseljahre der Frau, das Tragen von Kontaktlinsen, Augenoperationen, Lidrandentzündung (Blepharitis), das Konservierungsmittel Benzalkoniumchlorid, Diabetes mellitus, Hauterkrankungen sowie trockene Luft in überheizten oder klimatisierten Räumen.

Aus dem PTA Beirat

Was empfehlen Sie Kunden mit trockenen Augen und warum?

Ein häufiger Grund trockener Augen ist ein gestörter Tränenfilm. Hyaluronsäurehaltige Augentropfen befeuchten die Augenoberfläche wohltuend, verbessern den Tränenfilm und helfen bei der Regeneration und Wundheilung der Hornhaut.

Welche Präparate empfehlen Sie Kontaktlinsenträgern?

Empfehlenswert sind befeuchtende und phosphatfreie Augentropfen, diese greifen die Kontaktlinsen nicht an. Auch sollten sie konservierungsmittelfrei sein, besonders, wenn weiche Kontaktlinsen getragen werden.

Helfen auch pflanzliche Mittel gegen trockene Augen?

Der Augentrost Euphrasia und das Schöllkraut Chelidonium, in homöopathischer Verdünnung, werden gern als Präparate gegen trockene, müde und gereizte Augen eingesetzt.

Tipps von PTA Beiratsmitglied Lorena Denoville

Moderne Tränenersatzmittel

Die Palette der verfügbaren Tränenersatzmittel ist groß. Die einzelnen Präparate unterscheiden sich in ihren Rezepturen, Darreichungsformen (Tropfen, Gel, Salbe, Spray) sowie in der Handhabbarkeit ihrer Behältnisse. Alle drei Aspekte sind wesentlich am Therapieerfolg beteiligt und müssen im Beratungsgespräch sorgfältig berücksichtigt werden. Dennoch finden viele Patienten erst durch Ausprobieren diverser Präparate zu ihrer für sie am besten geeigneten Therapieoption.

Bestandteile, die die Augenoberfläche aufgrund ihrer Wasserbindungskapazität und ihrer Viskosität benetzen sind Zellulosederivate (z. B. Carmellose, Hypromellose), Polyvinylalkohol, Povidon, Carbomer (Gelbildner), Trehalose und Hyaluronsäure. Hyaluronsäure gilt heute als Goldstandard, weil sie enorm viel Wasser bindet und gut an Schleimstrukturen haftet. Hieraus resultiert eine lange Verweildauer auf der Augenoberfläche: eine wichtige Voraussetzung für einen möglichst lang anhaltenden Effekt nach der Applikation. Außerdem verbessert Hyaluronsäure nachweislich die Barrierefunktion der Augenhornhaut. Dabei ist sie sehr gut verträglich, weil sie ein natürlicher Bestandteil vieler Strukturen des menschlichen Körpers ist. Verwendet in Tränenersatzmitteln wird ihr Natriumsalz, Natriumhyaluronat in unterschiedlichen Konzentrationen, Kettenlängen und Viskositäten. Präparate mit lipophilen Bestandteilen (z. B. mit Triglyceriden, Perfluorhexyl- octan) sollen die Lipidschicht und somit die Verdunstung des Tränenfilms mindern. Diese sind vor allem beim hypoevaporativem trockenen Auge eine Option. Da Tränenersatzmittel in aller Regel längerfristig oder sogar lebenslang angewendet werden, sollte die Wahl auf konservierungsmittelfreie Produkte fallen.

Tägliche Lidrandhygiene

Die Funktion der den Lipidfilm produzierenden Meibom-Drüsen lässt sich verbessern, indem die Lidränder täglich gereinigt werden. Hierfür gibt es spezielle Lotionen, Gele und gebrauchsfertige, in eine Lotion getränkte, Kompressen. Bei starken Beschwerden sollte vor deren Anwendung das Meibom-Drüsen-Sekret verflüssigt werden, etwa durch zehnminütiges Auflegen eines feuchtwarmen Waschlappens. Anschließend werden die Lider sanft massiert und das Sekret in Richtung Lidrand ausgestrichen. Dieses Procedere ist auch für Menschen mit einer Blepharitis (Lidrandentzündung) empfehlenswert.

Für Kontaktlinsenträger

Viele Betroffene nutzen Tränenersatzmittel, um den Tragekomfort ihrer Linsen zu verbessern. Doch nicht jede Kontaktlinse ist mit jedem Tränenersatzmittel kompatibel. Daher sollten unbedingt die Herstellerangaben in den Gebrauchsinformationen der Tränenersatzmittel berücksichtigt werden. Prinzipiell gilt jedoch: Bei weichen Kontaktlinsen darf das Präparat keine Konservierungsmittel enthalten.

Allgemeinmaßnahmen

Empfehlenswert sind reichlich Trinken (Mineralwasser, ungesüßte Tees) und das Feuchthalten der Raumluft. Wer einen Bildschirmarbeitsplatz hat, sollte bewusst häufig blinzeln. Und nicht zuletzt sollten die Augen vor Tabakrauch, Zugluft und UV-Strahlung geschützt werden. Vor dem alten Hausmittel „Spülen mit Kamillentee“ ist jedoch unbedingt abzuraten.


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