27.02.2021

Typ-1-Diabetes: Zwischen hoch und tief

von Christopher Waxenegger

Vor 100 Jahren begann die Behandlung des Diabetes, Fahrt aufzunehmen. Heutzutage werden die Patienten mit Neuerungen geradezu überschüttet. Eine optimale Beratung erfordert es daher, ständig up to date zu bleiben.

© HowLettery / Getty Images / iStock

Fortbildung

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  • Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, deren Therapie die lebenslange Verabreichung von Insulin erfordert.
  • Therapieziele werden individuell mit dem Patienten festgelegt und orientieren sich an Diabetesdauer, Begleiterkrankungen und Lebenserwartung.
  • Die Behandlung richtet sich in der Regel nach dem Basis-Bolus-Prinzip, bei welchem lang und kurz wirksame Insuline miteinander kombiniert werden.
  • Kontinuierlich messende Blutzuckersensoren erleichtern die Blutzuckerkontrolle bei Jung und Alt.
  • Kinder und Jugendliche, werdende Mütter und geriatrische Patienten bedürfen einer gesonderten Betrachtung.

Generell werden vier Diabetes-Typen unterschieden. Das ist zum einen der Typ-1-Diabetes, welcher mit einem absoluten Insulinmangel verbunden ist und einer lebenslangen Insulinsubstitution bedarf. Zum anderen der wesentlich bekanntere Typ-2-Diabetes, früher Altersdiabetes genannt. Schließlich noch der Gestationsdiabetes, welcher sich definitionsgemäß zum ersten Mal in der Schwangerschaft manifestiert und spezielle Diabetesformen, zu welchen vor allem der direkt vererbbare MODY- Diabetes (Maturity-Onset-Diabetes-of-the-Young) gehört.

Lernziele Typ-1-Diabetes

Nach Lektüre dieser Lerneinheit wissen Sie ...

  • wieso Menschen mit Typ-1-Diabetes auf die Zufuhr von Insulin angewiesen sind.
  • welche verschiedenen Arten der Insulinthera- pie es gibt.
  • welche Hilfsmittel Patienten heutzutage zur Verfügung stehen.
  • was im Kundengespräch besonders beachtet werden muss.

Allgemeines

Die Glukosebestandteile im Blut erfüllen eine wichtige Aufgabe: Sie versorgen den Körper und seine Gewebe mit dringend benötigter Energie. Organe wie das Gehirn und die Nieren, aber auch die roten Blutkörperchen, sind auf eine ausreichende Versorgung mit Glukose angewiesen. Der Körper reguliert die Konzentration der Glukose im Blut insbesondere über die Hormone Insulin und Glukagon. Durch ein komplexes Zusammenspiel dieser beiden Gegenspieler wird der Blutzuckerspiegel innerhalb enger Grenzen gehalten.

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Pathophysiologie

Typ-1-Diabetes (T1D) ist eine Autoimmunerkrankung, bei welcher die körpereigene Produktion von Antikörpern zu einer fortschreitenden Zerstörung der insulinproduzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse führt. In Deutschland sind rund 320 000 Menschen an T1D erkrankt, 32 000 davon sind Kinder und Jugendliche. Der Funktionsverlust der lebensnotwendigen Betazellen kann entweder langsam oder aber rasch und unvorhergesehen erfolgen. Meistens zeigen sich die ersten Symptome in jüngeren Jahren mit einem Erkrankungsgipfel zwischen dem 5. und 7. Lebensjahr, doch auch spätere Manifestationen werden beobachtet.

Zu Beginn steht üblicherweise die Symptomtrias aus übermäßigem Durst, nächtlichem Wasserlassen und ungewolltem Gewichtsverlust. Hier sollte man hellhörig werden. Leider passiert es nach wie vor, dass ein T1D erst nach einer schweren Stoffwechselentgleisung erkannt wird. Aus diesem Grund wird einer frühzeitigen Diagnose ein hoher Stellenwert eingeräumt. Diese kann in mehreren Krankheitsstadien gestellt werden. Denn schon bevor der Blutzuckerwert erhöht ist, kann zum Beispiel durch den Nachweis von Antikörpern gegen Teile der Inselzellen ein Diabetes mellitus diagnostiziert werden.

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Therapieziele

Die Diagnose T1D kommt für viele Menschen unerwartet und ist teilweise mit einem großen Schock verbunden. Viel Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen und positiver Zuspruch sind deshalb nicht nur von den Ärzten, sondern von allen an der Therapie beteiligten Professionen gefragt. Ziel der Diabetestherapie ist primär das Vermeiden eines zu niedrigen oder zu hohen Blutzuckers. Die genauen Zielwerte werden stets individuell in Abhängigkeit von Diabetesdauer, Begleiterkrankungen und Lebenswertung festgelegt und variieren im Laufe des Lebens. Für junge Menschen mit T1D und solche mit kurzer Erkrankungsdauer gilt ein Langzeitblutzucker (Hba1c) von ≤7,5 Prozent als erstrebenswert.

In weiterer Folge sollen durch eine möglichst normnahe Blutzuckereinstellung Spätschäden an den Gefäßen vermieden werden. Bei T1D sind dies besonders die kleinen Gefäße der Nieren, der Augen und der Nerven, wenngleich Schäden an größeren Gefäßen, wie die koronare Herzkrankheit (KHK) oder die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), genauso eine Rolle spielen. Außerdem gilt es, Blutdruck und Lipidwerte regelmäßig zu kontrollieren und gegebenenfalls medikamentös zu behandeln. All diese Maßnahmen im Verbund haben in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, dass die Lebenserwartung bei T1D nicht nennenswert von der eines Menschen ohne Diabetes abweicht.

Unterschiede zum Typ-2-Diabetes

Im Gegensatz zum T1D liegt dem T2D kein Insulinmangel, sondern eine Insulinresistenz zugrunde. Erst im Verlauf, wenn die Bauchspeicheldrüse erschöpft ist und den an sie gestellten Anforderungen nicht mehr nachkommen kann, entwickelt sich ein Insulinmangel. Ursächlich für T2D sind neben einer genetischen Veranlagung Übergewicht, schlechte Ernährung und mangelnde körperliche Bewegung. Behandelt wird T2D zu Beginn mit per oralen Medikamenten (Antidiabetika). Erst wenn Mehrfachkombinationen dieser Wirkstoffklasse den Blutzucker nicht ausreichend senken, wird Insulin hinzugegeben.

Therapie

Das Management des T1D beruht auf den vier Säulen Insulinsubstitution, Blutzuckerselbstkontrolle, Schulung sowie gegebenenfalls psychosoziale Betreuung. Durch deren Umsetzung soll jeder Patient selbst zum Experten seiner Krankheit werden, um im Bedarfsfall eigenhändig richtige Therapieentscheidungen treffen zu können.

Insulin und seine Aufgaben

Insulin ist das wichtigste Hormon des Intermediärstoffwechsels und besitzt ausgeprägte blutzuckersenkende und anabole Eigenschaften. Es fördert die Bildung von Fettsäuren aus Glukose, die Resorption von Glukose und Aminosäuren in die Zellen, die Umsetzung von Glukose zur Energiegewinnung und stimuliert die Synthese von Speicherzucker (Glykogen) in der Leber und den Muskeln. Insulin hemmt den Abbau von Glykogen sowie die Freisetzung von Glukose aus den Speicherorganen. Auf diese Weise regelt es den zellulären Bedarf an Glukose, Amino- und Fettsäuren. Seine Effekte werden über ubiquitär vorhandene Insulinrezeptoren vermittelt.

Insulintherapie

Im Rahmen der Insulintherapie wird Insulin von außen zugeführt. Die nötige Menge ist variabel. Sie ist unter anderem von der Restsekretion von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse abhängig und muss individuell angepasst werden. Üblich sind zwischen 0,5 und 1,0 Insulineinheiten (I.E.) pro Kilogramm Körpergewicht/d. In der Regel senkt eine I.E. den Blutzucker um circa 30 bis 50 mg/dl. Auch hier zeigen sich, je nach Präparat, Dosierung oder Injektionsort, teils erhebliche Abweichungen. Kurz gesagt: Jeder T1D ist anders und muss dementsprechend gehandhabt werden. Um dieser Komplexität gerecht zu werden, können die konventionelle, die intensivierte oder die kontinuierliche Insulintherapie zum Einsatz kommen.

Konventionelle Insulintherapie-- Die konventionelle Insulintherapie (CT) bietet sich bevorzugt für ältere Patienten und solche mit geregeltem, gleichbleibendem Tagesablauf an. Insulin wird bei der CT ausschließlich in Form eines Mischinsulins (Mischungsverhältnis z. B. 70:30 oder 50:50) nach einem starren Schema injiziert. Das Mischinsulin besteht aus einem länger wirksamen Intermediär- bzw. Analoginsulin und einem kleineren Anteil eines schneller wirkenden Normal- bzw. Analoginsulins. Die Applikation findet zweimal täglich, jeweils morgens und abends, statt. Bedingt durch das unflexible Spritzschema ist der Patient gezwungen, zu bestimmten Tageszeiten zu essen, um keinen Unterzucker zu bekommen. Umgekehrt können erhöhte Blutzuckerwerte längere Zeit nicht korrigiert werden, falls zum Beispiel der Kohlenhydratanteil einer Mahlzeit unterschätzt wurde.

Intensivierte Insulintherapie-- Um die Nachteile der CT auszugleichen und einen flexibleren Tagesablauf zu gewährleisten, entstand die intensivierte (IT) bzw. Basis-Bolus-Insulintherapie. Grundgedanke der IT ist die Verabreichung eines lang wirksamen Basalinsulins zur Abdeckung des mahlzeitenunabhängigen Basalbedarfs und eines kurzwirksamen Bolusinsulins, welches vor den Mahlzeiten oder zur Korrektur injiziert wird. Während sich der Basalbedarf im Alltag oft nur unwesentlich ändert (Ausnahmen sind u. a. Krankheiten, Berufswechsel, Leistungssport), kann die Höhe der Bolusgabe, je nach Kohlenhydratgehalt, Appetit und Blutzuckerspiegel, vom Patienten selbst angepasst werden. Dies erlaubt eine individuellere Lebensweise und gibt den Betroffenen erheblich mehr Freiheiten bezüglich ihrer Tagesgestaltung. Der Blutzuckerwert muss dafür vier- bis fünfmal täglich gemessen werden, da dieser als Ausgangswert für etwaige Korrekturen und Boli dient.

Kontinuierliche Insulintherapie-- Bei der kontinuierlichen Insulintherapie, auch als kontinuierliche subkutane Insulininfusion (CSII) bezeichnet, wird das Insulin über eine in der Haut befindlichen Kanüle ins Unterhautfettgewebe geleitet. Für diese Applikationsart stehen Insulinpumpen mit und ohne Schlauch (Patch-Pumpen, Einmalinsulinpumpe) zur Verfügung. Ähnlich der IT wird bei der CSII zwischen Basal- und Bolusbedarf unterschieden. Allerdings wird der CSII-Basalbedarf stündlich als programmierbare Basalrate infundiert. Die Basalrate ist bei den meisten Pumpen in 24 Segmente gegliedert. Auf diese Weise kann sie stündlich an den jeweiligen Bedarf angepasst werden, was der natürlichen Insulinausschüttung am nächsten kommt.

Bolusrechner helfen bei der Berechnung der notwendigen Insulindosis, welche ebenfalls über die Pumpe appliziert wird. Weil die Pumpe Basal- und Bolusinsulin abgibt, benötigt man bei der CSII lediglich kurz wirksames Insulin. Die CSII eignet sich vor allem für Kinder und Jugendliche, Menschen mit häufigen Hypoglykämien oder schwer einstellbaren T1D. Bei sämtlichen derzeit am Markt befindlichen Schlauch- bzw. Patch-Pumpen muss spätestens nach drei Tagen ein Kanülenwechsel durchgeführt werden. Dies soll zum einen Verstopfungen und zum anderen Infektionen der Infusionsstelle vorbeugen. Vor einer Pumpentherapie steht eine intensive Patientenschulung.

Inhalt dieser Schulung ist beispielsweise der Umgang mit der Pumpe und ihrem Zubehör, sowie das Verhalten bei Defekten. Im Fall eines Pumpendefekts fällt nicht nur die Möglichkeit zur Bolusgabe weg, sondern ebenso die Basalrate. Folglich steigen die Blutzuckerwerte auch ohne Nahrungsaufnahme binnen kurzer Zeit stark an und können schlimmstenfalls eine schwerwiegende Stoffwechselentgleisung (Ketoazidose) nach sich ziehen. Insulinpumpenträger müssen deswegen in der Anwendung einer IT geschult sein.

Arten von Insulin

Vor nicht allzu langer Zeit wurde Insulin noch aus den zerkleinerten Bauchspeicheldrüsen von Schweinen und Rindern gewonnen. Erst mit der Etablierung von hochreinen humanen Insulinpräparaten wurde das tierische Insulin obsolet. Durch gezielte Modifikation gelang es zudem, die Wirkdauer des Insulins zu verkürzen bzw. zu verlängern.

Normalinsulin-- Normalinsulin (u.a. Actrapid ®, Huminsulin ®) ist gentechnisch produziertes Humaninsulin und mit dem menschlichen Insulin komplett identisch. Seine Wirkung tritt nach 30 bis 60 Minuten ein, erreicht ein Maximum nach drei Stunden und ist nach acht Stunden nicht mehr nachweisbar. Normalinsulin wird für gewöhnlich 20 Minuten vor dem Essen gespritzt.

Intermediärinsulin-- D as ist Normalinsulin, welches an die schwerlöslichen Substanzen Zink oder Neutral-Protamin-Hagedorn (NPH) gebunden wird, um eine Kristallbildung zu generieren. Die entstehende Suspension muss vor der Anwendung gründlich vermischt (!) werden. Zu diesem Zweck sind in den Ampullen kleine Glas- oder Metallkügelchen enthalten. Nach der Injektion lösen sich die Insulinkristalle langsam auf. Intermediärinsulin (u.a. Insuman Basal ®, Insulatard ®) wird zweimal täglich verabreicht und besitzt eine Wirkdauer von rund 14 Stunden.

Lang wirksame Analoginsuline-- Sie unterscheiden sich von humanem Insulin durch chemische Modifikationen oder ihre Aminosäureabfolge (u.a. Toujeo ®, Tresiba ®). Diese Veränderungen begünstigen das Ausfällen von Insulinmolekülen im Gewebe (Präzipitation) oder die Bindung an Plasmaeiweiße. Die Wirkung wird, ohne der Notwendigkeit des Vermischens (klare Insulinlösungen), verlängert. Lang wirksame Analoginsuline besitzen damit ein gleichmäßigeres Wirkprofil, verglichen mit Intermediärinsulin. Bei den neueren Vertretern ist eine einmalige Gabe pro Tag ausreichend. Ultralangwirksame Analoginsuline mit wöchentlichen Dosisintervallen befinden sich bereits in klinischer Prüfung.

Kurz wirksame Analoginsuline-- Die Struktur des Insulins fördert die Zusammenlagerung der einzelnen Moleküle in Sechsergruppen (Hexamere). Insulin kann jedoch nur in Form seiner Monomere ins Blut gelangen. Bis diese entstehen, vergeht Zeit. Die Veränderung der Aminosäureabfolge und der Zusatz von Pene- trationsförderern verhindern die Ausbildung solcher Insulinhexamere. Dadurch gelangen die Insulinmoleküle der kurz wirksamen Analoginsuline (u. a. Novo Rapid ®, Humalog ®, Apidra ®) sofort nach der Injektion in die Blutkapillaren der näheren Umgebung. Mit einem Wirkeintritt ist nach 20 bis 25 Minuten zu rechnen. Der Wegfall des Spritz-Ess-Abstandes ist für viele Patienten eine große Erleichterung. Ultrakurzwirksame Analoga (z. B. Fiasp ®, Lyumjev ®) wirken sogar noch schneller und sind für all jene Menschen eine Alternative, bei denen der Blutzucker schon kurz nach Mahlzeitbeginn in die Höhe schnellt.

Blutzuckermessung

Die Blutzuckerselbstmessung gehört wie erwähnt zu den Kerndomänen der Diabetesbehandlung und gibt den Patienten Sicherheit und Kontrolle über ihre Insulintherapie. Von der historischen Harnmessung über die Messung mit Teststreifen, bis hin zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) hat sich viel getan.

Kapillarmessung-- Die Standardmethode zur Blutzuckerselbstmessung sind der Stich in die Fingerbeere und die anschließende Messung mittels Teststreifen. Die Auswertung geschieht in der Mehrzahl der Fälle elektrochemisch durch oxidative Umsetzung der Glukose. Die früher gängige Kalibration wurde verlassen. Geblieben sind, je nach Gerät, herstellerspezifische Teststreifen. Diese Teststreifen funktionieren einzig mit dem für sie zugelassenen Messgerät und können nicht unterein- ander getauscht werden, worauf bei der Abgabe zu achten ist. Es ist nicht unüblich, dass ein und derselbe Hersteller gleich mehrere Geräte und damit auch Teststreifen im Angebot hat. Vor der Messung sollten die Hände gründlich mit Seife gewaschen werden, um etwaige Verfälschungen durch Zuckerrückstände zu vermeiden. Für ältere Menschen und solche mit Handhabungsproblemen oder Sehschwäche empfehlen sich entsprechend gestaltete Messgeräte mit großzügigem Display und markanten Bedienelementen.

Kontinuierliche Glukosemessung-- Für die CGM wird im Abstand von 7-14 Tagen ein hauchdünner Sensor unter der Haut platziert und mit einem Sender verbunden. Die Zuckerkonzentration wird daraufhin im Gewebe (!) vom Sensor elektrochemisch erhoben und das Ergebnis an den Sender übermittelt. Der Sender schickt den Messerwert kontaktlos zu einem Empfänger (eigenes Gerät oder Smartphone mit App), wo er abgelesen wird. Da der Sensor alle paar Minuten misst, kann der Blutzuckerverlauf in Form einer Kurve dargestellt werden. Wichtig für die Praxis sind insbesondere zwei Dinge:

Die Messung geschieht im Gewebe und nicht im Blut. Der Gewebezucker passt sich bei rasch steigenden/fallenden Blutzuckerwerten erst mit einer Verzögerung von bis zu 20 Minuten an den tatsächlichen Blutzuckerwert an. Dies muss, etwa beim rechtzeitigen Verzehr von Kohlenhydraten bei sich anbahnender Hypoglykämie, berücksichtigt werden.

Es gibt kontinuierliche Messsysteme mit Alarmfunktion (real time CGM; rtCGM), sobald der Blutzuckerzielbereich verlassen wird und solche ohne Alarmfunktion (flash GM; FGM). Für die Insulintherapie bei T1D werden vorzugsweise rtCGM-Geräte verwendet.

Grundsätzlich werden CGM-Sensoren vom Patienten selbst mit einer Applikationshilfe gesetzt. Es gibt jedoch ein System, bei welchem ein kapselförmiger Sensor in einem ambulanten Eingriff vom Arzt unter die Haut implantiert wird und dort für bis zu 180 Tage verbleibt. Nach Ablauf dieser Zeit wird die Kapsel wieder entfernt und eine neue platziert. Für akkuratere Werte wird bei allen CGM-Systemen eine einmal tägliche kapilläre Messung nahegelegt. Auch bei Werten, die nicht mit den empfundenen Symptomen (u.a. Zittern, Unwohlsein, Schwäche) übereinstimmen, wird sicherheitshalber eine kapilläre Messung empfohlen.

Wussten Sie, dass ...

  • Glukagon erst unmittelbar vor der Verabreichung in Wasser gelöst werden darf?
  • dafür das Wasser der beiliegenden Spritze in ein kleines Fläschchen injiziert wird?
  • das Glukagonpulver durch wiederholtes Schwenken besser in Lösung geht?
  • die Lösung im Anschluss wieder mit derselben Spritze aufgenommen wird?
  • die Injektion unter die Haut, in einen Muskel oder intravenös erfolgen kann?
  • die Aufbewahrung innerhalb der Haltbarkeit bei bis zu 25°C für 18 Monate möglich ist?

Besondere Patientengruppen

Bestimmte Situationen im Leben erfordern ein entsprechendes Umdenken. Mangelndes Therapieverständnis und die Unfähigkeit, dieses umzusetzen, aber auch schwankende Hormonspiegel und Alkoholkonsum machen kleinen bzw. jugendlichen Diabetespatienten das Leben schwer. Ein Gestationsdiabetes kann eine werdende Mutter vor unerwartete Herausforderungen stellen, während die begrenzte Lebenserwartung bei Pensionisten eine intensivierte Behandlung womöglich überflüssig macht.

Kinder und Jugendliche

Kinder mit Diabetes beschäftigen nicht allein ihre Eltern. Punkt-für-Punkt Anleitungen, was zum Beispiel bei Unterzucker getan werden muss, sind für alle Betreuungspersonen (Kindergarten, Schule) hilfreich. Die Erklärung, warum das Kind Insulin benötigt, ist unter Umständen für die Akzeptanz innerhalb der Klassengemeinschaft von Relevanz und kann Verständnis und Adhärenz verbessern. Mithilfe der Cloud bei CGM-Systemen sind Eltern seit neustem in der Lage, den aktuellen Blutzuckerwert auf ihrem Smartphone abzurufen. Die Sicherheit, die Gesundheit des Kindes jederzeit im Blick zu haben, wird von vielen Eltern als sehr angenehm und beruhigend empfunden.

Mit steigendem Alter nehmen die Heranwachsenden die Therapie dann selbst in die Hand, und andere Dinge gewinnen an Priorität. Alkohol etwa hemmt die Glukoneogenese in der Leber und vermindert den Insulinbedarf. Dieser Effekt hält umso länger an, je höher der Alkoholspiegel im Blut ist und Unterzuckerungen, selbst am Folgetag, sind keine Seltenheit. Insulinpumpenträger sollten pro Mixgetränk oder Glas Wein die Basalrate für zwei Stunden drosseln. Für Verwender von Insulinpens kann in Rücksprache mit dem Diabetologen die Basalrate bei geplanten Festivitäten frühzeitig reduziert werden.

Gestationsdiabetes

Gestationsdiabetes (GD) wird erstmals in der Schwangerschaft diagnostiziert. Ein vorbekannter Diabetes der Mutter gehört folglich nicht dazu. Durchschnittlich 16,9 Prozent aller Schwangerschaften gehen mit einem GD einher, welcher unbehandelt für Mutter und Kind negative Folgen haben kann. Für die Mutter sind dies vermehrt Infektionen, Frühgeburt sowie Bluthochdruck und Krampfanfälle, für das Ungeborene ein erhöhtes Geburtsgewicht, Unterzuckerungen und eine gesteigerte Sterblichkeit. Angesichts von Sicherheitsbedenken gegenüber Antidiabetika, wird nach erfolgloser Basistherapie (Bewegung, Ernährung) in der Schwangerschaft immer Insulinen der Vorzug gegeben. Sowohl die IT als auch die CSII sind zur Behandlung des GD geeignet. Üblicherweise kann die Insulintherapie postpartal wieder beendet werden, worauf besorgte Mütter hinzuweisen sind.

Geriatrie

Die Geriatrie beschäftigt sich mit multimorbiden Menschen mit einer mehr oder minder ausgeprägten Funktionseinschränkung. Diese Definition lässt erkennen, dass geriatrische Patienten einer gesonderten Betrachtung bedürfen. Oberste Therapieziele sind die Vermeidung von Unterzuckerungen (Sturzgefahr) sowie der Erhalt von Lebensqualität. Oft wird man daher schlechte Hba1c-Werte in Kauf nehmen und eine weniger intensive Blutzuckereinstellung favorisieren. Viele ältere Menschen mit T1D leiden unter Blasenschwäche. Informierte PTA sorgen mit ihrem Wissen um passende körpernahe und ferne Inkontinenzprodukte für eine spürbare Erleichterung bei den Betroffenen. Injektionsschablonen helfen dem Pflegepersonal beim Wechsel der Injektionsstelle. Das Nachfragen bei sichtlich verwirrten Kunden, ob sie mit ihrer Insulintherapie zurechtkommen, kann Applikationsfehler und Nebenwirkungen verhindern.

Beratung

Viele Diabetiker suchen praktische Unterstützung in der Apotheke. Deshalb sollte man stets passende Ratschläge zu Unterzucker und Co. parat haben.

Hypoglykämie

Eine Hypoglykämie, also das Abfallen des Blutzuckers unter 50 mg/dl, ist die häufigste Nebenwirkung der Insulintherapie. Diese macht sich durch Schweißausbrüche, Verwirrtheit und Heißhunger bemerkbar und kann ohne Gegenmaßnahmen zu Sprach- und Sehstörungen, Bewusstlosigkeit bis zum Koma führen. Wirksamste Gegenmaßnahme ist die Verabreichung von gelöster Glukose oder stark zuckerhaltigen Getränken. Nicht zu empfehlen sind fetthaltige Süßigkeiten wie Schokolade, weil der darin enthaltene Zucker zeitlich verzögert in die Blutbahn gelangt. In der Apotheke gibt es Präparate mit Mischungen aus verschiedenen Zuckerarten, die zusätzlich ein späteres erneutes Abfallen des Blutzuckers verhindern sollen.

Glukagon-- Wie das Notfallmedikament gehandhabt wird, muss vom Patienten und seinen nächsten Angehörigen beherrscht werden. Es wird dann angewendet, wenn aufgrund von Bewusstlosigkeit oder der Unfähigkeit, Kohlenhydrate zu essen, keine herkömmliche Korrektur der Hypoglykämie durchführbar ist. Glukagon wird subkutan oder intramuskulär injiziert und bewirkt einen beschleunigten Abbau von Glykogen zu Glukose. Seit 2020 steht darüber hinaus ein glukagonhaltiges Nasenspray zur Verfügung. Nach Widererlangung des Bewusstseins müssen schnellstmöglich Kohlenhydrate verzehrt werden, um die leeren Glykogenspeicher wieder aufzufüllen. Patienten unter Indometacin-Therapie sind auf einen potenziellen Wirkverlust bis hin zu paradoxen Hypoglykämien hinzuweisen.

Praktisches fürs Kundengespräch

Insulin ist ein UV-empfindliches Protein, das lichtgeschützt bei Temperaturen zwischen zwei und acht Grad Celsius im Kühlschrank gelagert wird. Im Gebrauch befindliches Insulin kann hingegen bei Raumtemperatur ohne weiteres bis zu vier Wochen aufbewahrt werden. Strikt zu vermeiden sind Temperaturen unter 0 Grad Celsius (Denaturierung) und über 30 Grad Celsius (Ausfällung).

Obwohl der Trend eindeutig in Richtung Insulin mit einer Konzentration von 100 I.E./ml (U100) geht, gibt es nach wie vor Insulin mit der Konzentration U40. Diese Tatsache muss vorrangig bei Verwendung klassischer Insulinspritzen beachtet werden. Eine falsche Skalierung kann extreme Fehldosierungen verursachen. Erhältliche Nadellängen bei Insulinpens bewegen sich von vier bis zwölf Millimeter und werden anhand der Injektionsstelle (Bauch, Oberschenkel, Oberarm, Gesäß) und Injektionsart (mit/ ohne Hautfalte) gewählt. Für Menschen mit Spritzenangst gibt es halb- und vollautomatische Insulinpens mit versteckter Nadel. Bei Flug- oder Bahnreisen sollte sämtliches Zubehör inkl. Insulin und Glukagon im Handgepäck transportiert werden. Sicherheitschecks am Flughafen sind mittlerweile kein Problem mehr, ein ärztliches Attest für die Reise ist dennoch zweckmäßig.

Interessenskonflikt: Der Autor erklärt, dass keinerlei Interessenskonflikte bezüglich des Themas vorliegen.


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