01.01.2022

ADHS: Lebensmittel als Trigger

von Kirsten Bechtold

Eine Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) kann den Alltag stark beeinträchtigen. Möglicherweise verstärken bestimmte Lebensmittel die Symptome. Die oligoantigene Diät kann bei der Spurensuche helfen.

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Die Erkrankung ist als „Zappelphilipp-Krankheit“ durch die Medien gegangen: ADHS. Ihre Ursachen sind vielschichtig. Sowohl genetische als auch nicht genetische Faktoren spielen eine Rolle. Die verringerte Aufmerksamkeitsspanne und die Hyperaktivität können je nach Ausprägung den Alltag stark beeinträchtigen – nicht nur bei Kindern, sondern auch im Erwachsenenalter.

Therapiert wird laut der AWMF-Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ mit einem multimodalen therapeutischen Gesamtkonzept entsprechend der individuellen Symptomatik. Es kommen Medikamente, aber auch nicht medikamentöse Behandlungsansätze wie die Verhaltens- und Ergotherapie zum Einsatz. Mit dem Empfehlungsgrad „Expertenkonsens“ empfiehlt die Leitlinie zudem eine ausgewogene und vollwertige Ernährung sowie regelmäßige Bewegung (Sport).

Mikronährstoffdefizite

Es gibt Erkenntnisse, dass ADHS-Patienten oftmals zu geringe Konzentrationen bestimmter Mikronährstoffe wie Magnesium, Zink und Eisen im Blut haben. Ebenfalls häufig ist ein Mangel an Omega-3- (z. B. Docosahexaensäure) und Omega-6-Fettsäuren (z. B. Arachidonsäure, gamma-Linolensäure). Und auch niedrige Vitamin-D-Spiegel treten wohl häufiger bei ADHS-Diagnose auf als ohne. Die derzeitige Studienlage lässt vermuten, dass sich ein Defizit unter anderem negativ auf den Neurotransmitterstoffwechsel und die Signalübertragung der Nervenzellen auswirken kann.

Daher lohnt es sich bei ADHS, die Ernährung zu optimieren und viel frisches, selbst zubereitetes auf den Tisch zu bringen. Von Vorteil sind auch Lebensmittel, die reich an Omega-3- (z. B. Lachs, Makrele, Leinsamen, Walnüsse, Hanf, Algen) und Omega-6-Fettsäuren (z. B. Sonnenblumen-, Distelöl) sind. Wie bei der Allgemeinbevölkerung auch, sollte laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung darauf geachtet werden, dass das Verhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren bei 1 : 5 liegt. Denn bei einem Ungleichgewicht zugunsten der Omega-6-Fettsäuren werden Omega-3-Fettsäuren wegen der Konkurrenz um dasselbe Enzym kaum in den Körper aufgenommen.

Nahrungsergänzung

Nicht leitliniengerecht werden Mikronährstoffpräparate sowie Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren als Supplemente eingesetzt. Ob diese positive Effekte haben, ist nicht abschließend geklärt. In mehreren klinischen Studien mit ADHS-Patienten erwies sich zum Beispiel die Kombination von Docosahexaensäure, gamma-Linolensäure, Arachidonsäure, Magnesium und Zink als effektiv. Die Gabe von täglich 180 Milligramm Docosahexaensäure und 270 Milligramm Eicosapentaensäure konnten im Rahmen einer anderen Studie die Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit bei Kindern verbessern. Für die Experten der Leitlinie reichen die derzeit verfügbaren Daten jedoch nicht für eine allgemeingültige Empfehlung aus. Eine Nahrungsergänzung, sei es zusätzlich zur medikamentösen Therapie oder als alleinige Maßnahme bei weniger stark ausgeprägten Symptomen, sollte in jedem Fall mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.

Trigger identifizieren

Eine Studie aus dem Jahr 2007 der britischen Food Standards Agency zeigt, dass bestimmte Lebensmittelzusatzstoffe wie Natriumbenzoat und verschiedene Azofarbstoffe in Abhängigkeit von der aufgenommenen Menge die Aktivität und Aufmerksamkeit von Kindern beeinflussen können. Produkte mit Azofarbstoffen müssen inzwischen in der Europäischen Union mit einem Hinweis auf mögliche Verhaltensänderungen nach dem Verzehr gekennzeichnet werden.

Möglicherweise kann es aber auch helfen, bestimmte Lebensmittel wie Milch, Getreide, Eier, Tomaten oder Schokolade vom Speiseplan zu streichen. Denn diese scheinen die Symptome der ADHS zu verstärken. Um die für den Einzelnen tatsächlich unverträglichen Lebensmittel zu identifizieren, kann eine oligoantigene (oligo = wenig) Diät zur Diagnostik herangezogen werden. Sie sollte im Rahmen einer Ernährungsberatung und für einen begrenzten Zeitraum von vier Wochen durchgeführt werden.

Erlaubt sind dann Lebensmittel, die normalerweise ein sehr geringes allergenes Potenzial besitzen. Hierzu zählen unter anderem Pute, Huhn, Lamm, Kartoffeln, Reis, Hirse und Kichererbsen, verschiedene Kohlsorten, Linsen, Gurken, Pastinaken, Salate, Birnen und Banane. Ebenfalls verzehrt werden dürfen pflanzliche Streichfette, Sonnenblumen-, Raps- und Olivenöl. Verzichtet werden muss auf alle Produkte, die Farb- und Süßstoffe enthalten sowie auf Lebensmittel, die häufig Unverträglichkeiten auslösen (z. B. Kuhmilch, Ei, Fisch, Soja, Nüsse). Zeigen sich hier Verbesserungen der Symptomatik, werden nach und nach (alle 5 d, i. d. R. über 3 bis 4 Mo.) wieder einzelne Lebensmittel eingeführt.

So soll herausgefunden werden, auf welche Lebensmittel ein ADHS-Patient sensibel reagiert. Sind diese identifiziert, kann der Patient sie aus dem Speiseplan streichen, und im Idealfall bessert sich die ADHS-Symptomatik deutlich und dauerhaft. Bestätigt wurde der Erfolg der oligoantigenen Diät als Diagnoseinstrument unter anderem im Rahmen einer kleinen Studie mit 24 Kindern an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter der Universitätsklinik Freiburg.


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