31.05.2018

Antibiotika: Resistenzen vermeiden

von Gudrun Heyn

Multiresistente Erreger sind Überlebenskünstler mit der Fähigkeit, gleich mehrere antibiotische Wirkstoffe auszutricksen. Dabei lässt sich ihre Ausbreitung auf relativ einfache Art und Weise vermeiden.

© CAVALLINI JAMES / BSIP / mauritius images

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  • Infektionen mit multiresistenten Bakterien sind schwer behandelbar. In Europa sterben jedes Jahr etwa 25 000 Menschen an den Folgen.
  • Nur ein sorgsamer Antibiotikaeinsatz kann die Ausbildung und Ausbreitung von multiresistenten Erregern hinauszögern.
  • Bei Atemwegsinfekten lässt sich die Zahl der Antibiotikaverordnungen mit Hilfe von Labortests reduzieren, die bakterielle Erreger erkennen.
  • Gesunde können zur Einsparung von Antibiotika beitragen, indem sie sich gegen Influenza-Viren und Pneumokokken impfen lassen.

Nicht umsonst stehen multiresistente Krankheitserreger seit einigen Jahren im Fokus des öffentlichen Interesses. Wenn bei einer bakteriellen Infektion gleich mehrere Antibiotika unwirksam sind, sind die Kranken oft nur noch sehr schwer behandelbar. Laut einer Schätzung des European Center for Disease Prevention and Control verursachen multiresistente Keime auf diese Weise in Europa jedes Jahr etwa 25 000 Todesfälle. Wie sich Antibiotikaresistenzen vermeiden lassen und welchen Beitrag auch Gesunde dazu leisten können, darüber informierte Prof. Dr. Mathias Pletz vom Universitätsklinikum Jena im Vorfeld des 59. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin in Berlin.

Uralt

Streng genommen lassen sich Antibiotikaresistenzen nur hinauszögern, aber nicht vermeiden. „Wir werden immer auf die Entwicklung neuer Antibiotika angewiesen sein“, sagte Pletz. Ein Grund ist, dass sich Bakterien alle 20 Minuten teilen und sich dadurch mit Hilfe von Mutationen sehr schnell an ihre Umgebung anpassen können. Ein weiterer Grund sind die Antibiotika selbst. Die meisten eingesetzten Substanzen leiten sich von Naturstoffen ab. Schon vor 35 000 Jahren schützten sich Bakterien mit Hilfe von Resistenzgenen vor diesen Stoffen. Gefunden hat man solche Keime beispielsweise im Permafrostboden des Yellowstone Nationalparks in den USA. Bei einigen Krankenhauserregern sind genau diese Resistenzgene auch heute noch nachweisbar.

Resistenzen hinauszögern

Der großflächige Einsatz von Antibiotika erhöht die Gefahr, dass eine Vielzahl von Bakterien Resistenzen gegen Antibiotika ausbildet und fördert die Ausbreitung der multiresistenten Erreger. Damit möglichst viele Antibiotika weiterhin wirksam bleiben, sollten Mediziner Übertherapien vermeiden. Bei der Entwicklung von Resistenzen spielen vor allem niedergelassene Mediziner eine wichtige Rolle. „85 Prozent der Antibiotika, die wir in der Humanmedizin einsetzen, werden im niedergelassenen Sektor verwendet“, erklärte Pletz. Die meisten Antibiotika erhalten Kranke mit Atemwegsinfektionen.

Dilemma

Am häufigsten lösen Viren Atemwegsinfekte aus, sodass eine Behandlung mit Antibiotika keinen Nutzen bringt. Trotzdem verordnen Mediziner bei klassischen Erkältungssymptomen wie Husten, Schnupfen, Kopf- und Halsschmerzen entsprechende Wirkstoffe. Der Grund ist, dass die Symptome auch auf eine bakterielle Lungenentzündung (Pneumonie) zurückzuführen sein können. Bleibt eine Pneumonie unbehandelt, sind sehr schwere Verläufe möglich. Mit diesem Wissen im Hintergrund muss ein niedergelassener Mediziner im Alltag in nur wenigen Minuten entscheiden, ob eine Antibiotikatherapie notwendig ist. Die Konsequenz zeigt eine Umfrage der Techniker Krankenkasse: Etwa jeder vierte Kranke, der mit Atemwegssymptomen zum Arzt geht, erhält ein Antibiotikum. „Wahrscheinlich bräuchte jedoch nur etwa jeder Zehnte ein antibakteriell wirksames Medikament“, sagte Pletz.

TIPP!

Nehmen Sie Ihren Kunden die Angst vor multiresistenten Erregern. Im Allgemeinen sind diese für gesunde Menschen ungefährlich. Um die Übertragung auf andere zu unterbinden, sollten sich Betroffene sorgfältig und häufig die Hände waschen und auf persönliche Hygiene achten.

Verspätete Verordnung

Die ideale Lösung des Problems wäre ein zuverlässiger Schnelltest auf bakterielle Erreger, den der Hausarzt in seiner Praxis durchführen kann. Doch daran arbeiten Forscher derzeit noch. Die Alternative heute ist ein Labortest mit Biomarkern wie Procalcitonin. Studien zeigen, dass sich mit seiner Hilfe die Zahl der Antibiotikaverordnungen bei Atemwegsinfekten um 40 bis 60 Prozent reduzieren lässt, ohne die Kranken zu gefährden. Da das Ergebnis zumeist erst ein oder zwei Tage später vorliegt, kann eine verspätete Verordnung (delayed prescription) helfen. Der Kranke nimmt sein Rezept mit nach Hause und erkundigt sich einen Tag später telefonisch nach dem Laborergebnis. Im Fall einer viralen Infektion zerreißt er es, im Fall einer bakteriellen Infektion geht er damit in die Apotheke.

Richtiger Schutz

„Wer Antibiotika genau nach der Anweisung seines Arztes einnimmt, verhindert die Entstehung multiresistenter Keime und tut gleichzeitig das Beste für die eigene Gesundheit“, betonte Pletz. Früher hieß es, Kranke müssen ihre Antibiotika bis zur letzten Tablette einnehmen, sonst gibt es einen Rückfall oder Resistenzen. Doch heute gilt dieser Rat nur noch in Ausnahmefällen, beispielsweise bei Tuberkulose. Bei anderen Krankheiten hat ein Umdenken stattgefunden. Kranke sollten ihre Medikamente jedoch niemals in Eigenregie absetzen, sondern dies immer mit ihrem Arzt besprechen.

Impfungen

Gesunde sollten sich impfen lassen, denn auch dadurch lässt sich die Zahl der Antibiotikaverordnungen verringern. „Beispielsweise konnte eine Untersuchung im kanadischen Ontario zeigen, dass sich durch eine Impfung gegen Influenza-Viren der Antibiotikaverbrauch bei Atemwegsinfekten um bis zu 60 Prozent senken lässt“, erklärte Pletz. Nach Ansicht des Mediziners sollten sich Menschen jeden Alters jährlich gegen Grippe impfen lassen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung bislang nur für bestimmte Personengruppen. Manche gesetzlichen Krankenkassen übernehmen trotzdem die Impfkosten für alle Versicherten. Außerdem rät Pletz zu einer Impfung gegen Pneumokokken, die häufigsten Erreger der bakteriellen Lungen- entzündung. Hier stimmen die Empfehlungen zum Antibiotikaschutz und die Empfehlungen der STIKO überein. Sinnvoll ist sie für Menschen über 60 Jahre, Personen mit einem geschwächten Immunsystem und Menschen mit Begleiterkrankungen wie Asthma oder Diabetes mellitus.

Hygiene

Aber auch mehrmals tägliches Händewaschen mit Wasser und Seife oder Syndets schützt vor Infektionen und trägt dadurch indirekt dazu bei, dass weniger Antibiotika verordnet werden müssen. Das senkt das Risiko, dass Resistenzen entstehen.


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