30.01.2019

Antibiotika: Weniger ist mehr

von Christina Bauer

Multiresistente Keime entstehen in Kliniken – aber auch in Tierställen, wo immer noch über 730 Tonnen Antibiotika im Jahr verbraucht werden. Ein neues EU-Tierarzneimittelgesetz soll die Situation nun verbessern helfen.

© Mauritius

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  • Antibiotika wirken immer seltener, die WHO warnt vor einem Rückfall ins vorantibiotische Zeitalter.
  • Ein neues EU-Tierarzneimittelgesetz soll die Situation nun verbessern helfen.
  • Tierärzte sollen Antibiotika nur noch einzelnen oder wenigen kranken Tieren geben; die Massenmedikation für ganze Tierbestände soll verschwinden.

Die Untersuchung der Bakterienkultur identifiziert einen multiresistenten Staphylococcus. Der plagt derzeit einen Hund mit einer Wundinfektion. Daher hat Dr. Georg Wolf vom Institut für Infektionsmedizin und Zoonosen an der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilian-Universität München in seinem Labor einige Tests gemacht. Dafür senden Tierärzte und Tierkliniken reihenweise Keimproben hierher. Immerhin, so Mikrobiologe Wolf, eines von 16 Antibiotika wirkt gegen diesen Keim. Es ist Doxycyclin.

Multiresistente Keime entstehen häufig in Tierställen.

Das Escherichia-coli-Bakterium in der nächsten Testschale macht weniger Schwierigkeiten. Doxycyclin wirkt dagegen zwar nicht, dafür aber alle anderen geprüften Antibiotika, vor allem Ampicillin. Damit kann der zuständige Tierarzt das damit infizierte Schwein behandeln. Bakterien, die gegen ein oder mehrere Antibiotika resistent sind, bekommen Wolf und seine Mitarbeiter ständig auf den Labortisch. Bei einer Infektion vermehren sich die Keime weiter, die eine Arzneimittelgabe überstehen. „Es wird immer selektiert“, resümiert der Mikrobiologe.

Antibiotika bei Tieren

Nun wirken Antibiotika immer seltener, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor einem Rückfall in ein vor- antibiotisches Zeitalter. Allein in Europa sterben jedes Jahr etwa 33 000 Menschen an bakteriellen Infektionen, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft. Weltweit sind es etwa 400 000 Menschen. Der Grund kann eine Lungenentzündung sein, ein Harnwegsinfekt, eine entzündete Wunde, eine Sepsis – sogar eine Salmonellenvergiftung.

Die Auslöser sind bei Mensch und Tier oft Escherichia coli, normalerweise unschädliche Darmbakterien. Häufig taucht zudem Staphylococcus aureus auf, besonders berüchtigt als Methicillin-Resistenter Staphylococcus aureus (MRSA), ferner Campylobacter coli, Klebsiella pneumoniae, Pseudomonas aeruginosa und Salmonella enterica. Gefährlich werden solche Infektionen vor allem für Kinder, alte Menschen und immungeschwächte Patienten, etwa bei Chemotherapie oder nach Operationen. Die zunehmenden Resistenzen haben mit den bekannten Problemen insbesondere an Kliniken zu tun. Sie sind aber nicht zuletzt mitbedingt durch die Antibiotikagabe an Tiere, vor allem in der seit Jahrzehnten expandierenden Massentierhaltung.

Wussten Sie, dass ...

  • seit März 2018 in Deutschland eine geänderte Verordnung über tierärztliche Hausapotheken gilt?
  • die geänderte Verordnung darauf abzielt, Reserve- antibiotika aus der Tiermedizin herauszuhalten?
  • Tierärzte deshalb der Diagnostik Antibiogramme erstellen sollen, um zu sehen, welcher Wirkstoff funktioniert?

Nach aktuellen Daten ist bis zu jede zehnte Infektion von Menschen mit multiresistenten Keimen ursprünglich durch tierische Quellen bedingt. Soll etwa ein Masthuhn seine wenigen Lebenswochen inmitten von meist mehreren Zehntausend anderen Hühnern überleben, benötigt es dabei oft mindestens einmal Antibiotika. Über 700 Tonnen landen derzeit allein in Deutschland pro Jahr im Stall. Das ist weniger als 2011, mit damals 1700 Tonnen, aber immer noch fast so viel wie in der Humanmedizin. Millionen Hühner, Schweine und Kühe werden damit behandelt, zudem Haustiere. Anders als Humanmediziner dürfen Tierärzte die Arzneimittel selbst geben.

Vorsicht mit Reserveantibiotika

Es sind nicht selten Reserveantibiotika dabei, wie Fluorchinolone oder Cephalosporine. Sie werden bei Menschen nur verwendet, wenn andere Antibiotika nicht wirken. Es wäre fatal, wenn sie ebenfalls ihre Wirkung verlieren. Nun soll es Änderungen geben. Nutztiere sollen Reserveantibiotika nur noch in Ausnahmefällen bekommen. Das entsprechend geänderte europäische Tierarzneimittelgesetz wurde im November 2018 nach mehrjährigem Vorlauf beschlossen, die Länder sollen es bis 2022 umsetzen.

Zielgenaue Therapie spart Resistenzen. „Das ist immer das Gebot der Stunde“, sagt Prof. Lothar Kreienbrock, Direktor des Instituts für Biometrie, Epidemiologie und Informationsverarbeitung an der Tiermedizinischen Hochschule Hannover. Er hat in den letzten Jahren unter anderem im Forschungsverbund RESET zur Infektionsübertragung zwischen Spezies geforscht. Allerdings bestehe das Dilemma, bei schweren Infekten sofort ein Antibiotikum geben zu müssen, ohne genaue Diagnostik, in Human- und Tiermedizin bis heute. „Da muss man relativ schnell handeln“, so Kreienbrock. Erst nach einigen Tagen sei ein Resistenztest erstellt, dann könne zielgenau therapiert werden. Drei Tage seien eine normale Zeit, bestätigt Mikrobiologe Wolf in München, je nach Keim gehe es manchmal schneller.

Weg mit der Massenmedikation

Das neue EU-Gesetz soll zudem andere Aspekte beim Umgang mit Antibiotika ändern. Tierärzte sollen sie nur noch einzelnen oder wenigen kranken Tieren geben. Massenmedikation für ganze Tierbestände per Wasser oder Futter soll es nicht mehr geben. Denn die ist für Keime ein regelrechtes Trainingscamp. In Großställen können sich Krankheiten schnell verbreiten. Hinzu kommt, dass Tiere leicht krank werden, wenn sie durch Platzmangel, schlechte Haltungsbedingungen und Stress geschwächt sind.

Aber jede Antibiotikumgabe an Schwein, Kuh oder Huhn vergrößert das Resistenzproblem. Vor allem können verschiedene Bakterienarten Resistenzen untereinander austauschen. Sogar wenn etwa ein Escherichia-coli-Bakterium nie mit einem Antibiotikum Kontakt hätte, könnte es von einem Campylobacter die Resistenzmerkmale erhalten. Am Ende können überall multiresistente Keime auftauchen; sie wurden schon in Flüssen, Seen und Böden nachgewiesen.

Hoher Verbrauch

Allein in Deutschland verbrauchte die Tierhaltung 2017 laut Lagebild der Arbeitsgruppe Antibiotikaresistenz des Landwirtschaftsministeriums fast zehn Tonnen Fluorchinolone. Zu Beginn der Dokumentation 2011 waren es 8,2 Tonnen, der Höchststand waren 2014 etwa 12,5 Tonnen. Besonders problematisch ist, dass Fluorchinolone mit Wirkstoffen wie Difloxacin und Enrofloxacin zu den Reserveantibiotika zählen.

Penicilline, wie Amoxicillin, und Tetrazykline wie Doxycyclin werden im Vergleich zu 2011 weniger verbraucht, sind aber immer noch die häufigsten Antibiotika im Stall. Entsprechend bestehen gegen sie die meisten Resistenzen. Im Jahr 2016 erwiesen sich 70 Prozent der Escherichia-coli-Proben von Masthähnchen als resistent gegen Ampicillin. Gegen Ciprofloxacin, ein Fluorchinolon, waren 44,5 Prozent resistent. Insgesamt hatte Geflügel, wie in den Vorjahren, die meisten resistenten Escherichia coli. Mindestens gegen ein Antibiotikum waren aber auch bei Rindern bis zu 40 Prozent der Keime resistent, bei Schweinen bis zu 60 Prozent.

Fleisch war ebenfalls oft belastet. Unter 400 in Berlin und Greifswald gekauften Schweine- und Geflügelprodukten fand eine Arbeitsgruppe der Universität Greifswald 2015 bei jedem zweiten multiresistente Keime. Das Zoonose-Monitoring des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit fand 2017 Campylobacter auf jedem zweiten Hähnchenfleisch, teilweise multiresistente.

Neue Antibiotika in Sicht?

Ein robustes Immunsystem wird damit fertig, aber für Risikopersonen wächst die Gefahr. Die Weltgesundheitsorganisation warnte 2016 vor dem Rückfall in ein vorantibiotisches Zeitalter. Dann könnten Krankheiten tödlich enden, die derzeit gut behandelbar seien. Arzneimittelforscher sind zurückhaltend, was neue Antibiotika betrifft. Ein, zwei Neuentwicklungen wären schon viel. In letzter Zeit werden häufig Phagen als Alternative benannt. Diese Virenbestandteile fressen Bakterien und das sehr artspezifisch.

In einigen Ländern Europas, etwa Polen, Belgien oder Frankreich, setzen Ärzte sie sporadisch gegen bakterielle Infektionen ein. „Es gibt kein entweder oder“, resümiert Dr. Wolfgang Beyer vom Institut für Nutztierwissenschaften an der Universität Hohenheim, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. Phagen könnten das Arzneispektrum ergänzen, möglich sei auch die Kombination mit Antibiotika. Dass sie deren Aufgabe komplett übernehmen, hält Beyer aber für unrealistisch.

Bei massenhaftem Gebrauch, etwa in der Tierhaltung, drohten zudem ähnliche Schwierigkeiten. „Es würde sicher Resistenzentwicklungen geben“, so Beyer. Einen anderen Ansatz betont Wolf. „Es müsste mehr Wert auf die Tilgung von Erkrankungen gelegt werden“, fordert er. Bei einigen Bakterien und Viren sei die Eliminierung gelungen. Das Prozedere ist aber aufwändig und nur für manche Keime möglich.

Gesundheit von Mensch, Tier und Natur

Als umso wichtiger gilt es, Medikamente wirksam zu halten. Die WHO stuft 15 Antibiotikagruppen, darunter Ansamycine, Carbapeneme und Oxazolidinone, als „critically important“ ein. Sie sollen bei Tieren vermieden werden. Ein Umdenken zeigt zudem die 2008 beschlossene Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie 2020. Auf der Basis des One-Health- Ansatzes – „eine Gesundheit“ von Mensch, Tier und Natur – werden viele Disziplinen in Forschungen einbezogen, darunter Human- und Veterinärmedizin, Pharmazie und Landwirtschaft.

Alltagshygiene wie Hände waschen, Räume lüften, Fleisch garen und Gemüse waschen verhindert viele Infekte von vornherein. Für Tiere lässt sich ergänzen: gesundes Tier, gesunder Mensch. Laut Lagebild des Landwirtschaftsministeriums sind in ökologischen Tierhaltungen Resistenzen kaum Thema; es werden fast nie Antibiotika benötigt. Nach OECD-Statistik verbrauchte die EU 2017 pro Kopf im Durchschnitt 70 Kilogramm Fleisch, meist von Schwein oder Geflügel. Immerhin soll das neue Tierarzneimittelgesetz den Import von Fleisch beenden, für das mit Antibiotika gemästet wurde. In der EU ist das seit 2006 verboten.


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