31.07.2018

Arzneimittel im Alter: Auf den Leib geschneidert

von Petra Schicketanz

Kunden im fortgeschrittenen Lebensalter und mit einem erhöhten Bedarf an Arzneimitteln stellen das Beratungsteam in der Apotheke vor große Herausforderungen. Lesen Sie hier, was es zu beachten gilt.

© Squaredpixels / Getty Images (Symbolbild mit Fotomodellen)

Fortbildung

Originalartikel als PDF


  • Die Priscus-Liste gibt Auskunft über 83 Arzneistoffe aus 18 Wirkstoffklassen, die möglicherweise nicht geeignet sind, um bei älteren Menschen eingesetzt zu werden.
  • Bei nachlassender Leber- und Nierenleistung sind Entgiftungs- und Ausscheidungsprozesse eingeschränkt.
  • Zulassungsstudien an Menschen im mittleren Lebensalter mit nur einer Krankheit besitzen keine Aussagekraft für multimorbide Ältere.
  • Wirkstoffe werden bei älteren Menschen langsamer resorbiert, weil die Bewegungsabläufe von Magen und Darm verlangsamt sind.

Mit zunehmendem Lebensalter lässt die körperliche Leistungsfähigkeit nicht nur im sportlichen Sinne nach. Gewebe und Organfunktionen sind ebenso vom altersbedingten Rückgang betroffen wie Stoffwechsel und Entgiftungsprozesse. Wirkstoffe, die früher mit gutem therapeutischem Erfolg eingesetzt wurden, können sich beim selben Patienten mittlerweile als ungeeignet herausstellen. Zudem gilt es, den Überblick über mögliche Neben- und Wechselwirkungen zu behalten, denn häufig werden mehrere Arzneistoffe regelmäßig eingenommen. Selbst eine optimale Grundeinstellung kann bei hinzukommender Akutmedikation oder dem unreflektierten Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln aus dem Gleichgewicht geraten.

Typische Probleme

Häufig liegen die Ursachen für unerwünschte Arzneimittelwirkungen /UAW) bei älteren Menschen darin, dass Wechselwirkungen nicht berücksichtigt werden. Bei nachlassender Leber- und Nierenleistung sind die Entgiftungs- und Ausscheidungsprozesse eingeschränkt. Hinzu kommt eine mögliche Kumulationsgefahr, wenn mehrere Wirkstoffe auf demselben enzymatischen Weg verstoffwechselt werden.

Gerade bei chronisch Kranken, die in Pflegeheimen leben, wird häufig übersehen, ab wann ein Medikament nicht mehr benötigt wird und abgesetzt werden kann. Werden Ärzte verschiedener Fachrichtungen konsultiert und die Verordnungen nicht miteinander abgeglichen, kann es zu Überschneidungen und überflüssigen Verordnungen kommen.

Fragebogen

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Leitliniendilemma

Üblicherweise orientieren sich Ärzte bei der Verordnung für ihre Patienten an evidenzbasierten Leitlinien, die auf den Erkenntnissen wissenschaftlicher Studien und deren Beurteilung durch ein Expertengremium basieren. Was sich eigentlich sehr sinnvoll anhört, hat in der Medizin für Ältere gleich mehrere Haken: Die für die Zulassung vorgelegten Studien werden in der Regel an Menschen im mittleren Lebensalter durchgeführt, die nur an einer Krankheit leiden. Viele Senioren leiden jedoch an mehreren Krankheiten, sodass sich diese monopathologischen Erkenntnisse nicht ohne Weiteres auf Multimorbide übertragen lassen. Zudem können Wirksamkeit und Verstoffwechslung der Arzneistoffe im älteren Organismus deutlich von den Studiendaten abweichen. Auch ist das Therapieziel bei Senioren nicht immer dasselbe wie in den Studien. Bei jüngeren Menschen wird üblicherweise eine Heilung angestrebt. In Hinblick auf die begrenzte Lebenszeit eines alten Menschen ist dies jedoch nicht immer um jeden Preis erstrebenswert. Vielmehr liegt bei ihnen der Therapiefokus auf Lebensqualität und Erhalt einer selbstständigen Lebensweise. Fachleute fordern daher, bei der Zulassung von Medikamenten auch die Situation von alten Patienten zu berücksichtigen.

Körper im Wandel

Das Altern hinterlässt nicht nur sichtbare Folgen wie schlaffes Bindegewebe und Falten. Für viele Beschwerden, wie die Abnahme der Knochendichte, Vergrößerung der Prostata, Veränderung der Glukosetoleranz oder ein Nachlassen der Stoffwechselleistung sind Hormone zuständig. Frauen erleben die Umstellung mit der Menopause, wenn ihr Blutöstrogenspiegel absinkt. Männer kommen dagegen in die Andropause, was sich durch eine Verlagerung des Testosteron-Estradiol-Verhältnisses zeigt.

Blut und Sauerstoff

Ermüdungserscheinungen können sich vor allem im Herz-Kreislauf-System zeigen. Nach jahrelanger Pumparbeit verliert der Herzmuskel seine Schlagkraft, was zum Absinken des Herzschlagvolumens führt. Die Blutgefäße verlieren an Elastizität, was häufig schon äußerlich als Krampfadern zu erkennen ist. Für das bloße Auge unsichtbar, dennoch bedeutsam, verlieren die Arterien die Fähigkeit, sich adäquat anzupassen und den Blutdruck einzustellen. Oft sind arteriosklerotische Plaques an diesem Geschehen beteiligt.

Ein Elastizitätsverlust im Lungengewebe, häufig gekoppelt mit einer Herzinsuffizienz, führt zu Atemnot und schlechterer Sauerstoffversorgung des Organismus. Zudem steigt das Risiko, an einer Lungenentzündung zu erkranken.

Detail

AMPEL und AMTS: Das AMPEL-Projekt steht für ArzneiMitteltherapiesicherheit bei Patienten in Einrichtungen der Langzeitpflege. Durch das Überwachen der Medikation werden UAW aufgedeckt und reduziert. Ein Hilfsmittel dafür ist die AMTS-(ArzneiMittelTherapieSicherheit)Merkkarte. Sie besteht aus vier Tabellen. Darin kann man auf einen Blick erfassen, welche Arzneistoffe beim Auftreten bestimmter Symptome infrage kommen, welche Wirkstoffe zu meiden oder wenigstens sehr niedrig zu dosieren sind, bei welchen Wirkstoffen ein besonderes Monitoring erforderlich ist und wann oder wie oft bestimmte Laborwerte oder Vitalzeichen überprüft werden sollten.

Wasserhaushalt und Arzneimittel

Die Regulation des Wasserhaushalts ist bei alten Menschen ein häufiges Problem. Zum einen reduziert sich die Filtrationsrate der Nieren. Giftstoffe verbleiben dadurch länger im Organismus. Auch Arzneistoffe werden in geringerem Maße ausgeschieden, waszu Kumulationseffekten führt. Zumanderen ist das Durstgefühl eingeschränkt. Damit fehlt ein wichtiges Warnsignal, wenn die aufgenommene Flüssigkeitsmenge nicht mehr denBedarf des Körpers deckt. Als Faustformel gilt: 30 Milliliter Flüssigkeit pro Kilogramm Körpergewicht solltenjeden Tag getrunken werden.

Immer flüssig-- Orale Arzneimittel wie Kapseln oder Tabletten sollten niemals trocken geschluckt werden, da sie sonst an der Wand der Speiseröhre verkleben oder sich eventuell im Magen nicht erwartungsgemäß auflösen können. Allerdings ist nicht jedes Getränk geeignet. Je nach Wirkstoff können Milch, Kaffee, Tee, Alkohol, Grapefruitsaft und selbst Mineralwasser auf unerwünschte Weise interagieren.

Resorption-- Im Hinblick auf die Pharmakokinetik oraler Arzneimittel müssen ältere Menschen nicht automatisch mit einer Resorptionsstörung rechnen. Allerdings werden Wirkstoffe langsamer resorbiert, da die Bewegungsabläufe von Magen und Darm verlangsamt sind.

Verteilung-- Nach Aufnahme des Wirkstoffs hängt seine Verteilung stark vom Volumen des vorhandenen Körperwassers ab. Ein Flüssigkeitsmangel kann die Entfaltung der Arzneimittelwirkung negativ beeinflussen. Eine wichtige Rolle für die Pharmakokinetik spielt übrigens auch der Anteil des Körperfetts, in dem fettlösliche Wirkstoffe ein Depot bilden. Mit einer Dosisanpassung muss diese Fehlerquelle berücksichtigt werden.

Diuretika-- Vor allem bei Kunden, die Schleifendiuretika erhalten, muss unbedingt auf die Trinkmenge geachtet werden, da die Wirkstoffe Elektrolytstörungen begünstigen. Trocknet der Körper aus (Exsikkose), erhöht sich das Risiko für Bewusstseinsstörungen (Somnolenz) und Stürze. Bei Dauermedikation mit Diuretika sollte deshalb einmal im Jahr der Elek- trolytstatus bestimmt werden. Gegebenenfalls sollte bei Heimaufenthalten das Pflegepersonal danach gefragt werden.

Sinnesleistung

Neben diesen Vitalfunktionen reduzieren sich mit dem Alter auch die Sinnesleistungen. Für die Beratung kann dies von Bedeutung sein. Ist beispielsweise die Sehleistung des Kunden eingeschränkt, kann es zu Verwechslungen oder Dosierfehlern kommen. Manchmal hilft bereits ein großer Aufkleber mit entsprechenden Hinweisen. Soll ein zweites Medikament auf diese Weise gekennzeichnet werden, nimmt man dafür sinnvollerweise einen Aufkleber in anderer Form oder Farbe.

Eine verminderte Hörleistung ist häufig mit Verständnisproblemen gekoppelt. Vergewissern Sie sich bei der Beratung durch Rückfragen, ob Sie von Ihrem Gegenüber auch wirklich richtig verstanden werden.

Geschmackssinn-- Auf den ersten Blick scheint eine Einschränkung des Geschmackssinnes nicht von allzu großer Bedeutung zu sein. Doch oft geht das Problem mit Appetitlosigkeit einher, was auf Dauer zu Fehl- und Mangelernährung führt. Immerhin zeigt mehr als jeder vierte Patient, der stationär in eine Klinik eingewiesen wird, Zeichen einer Mangelernährung, die wiederum verschlechterte Heilungsprozesse nach sich zieht, gekoppelt mit schlechterer Lebensqualität und einer geringeren Lebenserwartung.

TIPP!

Werden Blutdruckmittel neu verordnet oder ihre Dosierung geändert, sollten Sie Ihren Kunden empfehlen, regelmäßig Blutdruck und Puls zu messen. Bei Schwindel oder Stürzen sollte Protokoll geführt und der Arzt informiert werden.

Priscus-Liste

Um die Arzneimitteltherapie älterer Patienten sicherer zu machen, haben Wissenschaftler im Projektverbund Priscus (von lat.: priscus = alt, ehrwürdig) eine Liste von derzeit 83 Arzneistoffen aus 18 Arzneistoffklassen zusammengestellt, die für ältere Patienten möglicherweise ungeeignet sind.

Darüber hinaus führt die Liste Therapiealternativen zu den ausgeschlossenen Substanzen auf. Ist ein als kritisch gelistetes Arzneimittel unverzichtbar, geben die Experten Überwachungshinweise sowie Vorschläge zur Dosierung. Nachfolgend sind beispielhaft zwei typische Beschwerdebilder angerissen, die im fortgeschrittenen Lebensalter zunehmend auftreten.

Die Priscus-Liste

Die Priscus-Liste enthält 83 Arzneistoffe, die für ältere Personen möglicherweise nicht geeignet sind. Sie können Sie hier einsehen und herunterladen

Bluthochdruck

In Deutschland hat schätzungsweise jeder zweite Mensch über 50 Jahre einen zu hohen Blutdruck. Damit sich aus dem Symptom keine Folgeerkrankung wie Herzinsuffizienz oder Arteriosklerose entwickelt, sollten dauerhaft erhöhte Werte therapiert werden. Blutdrucksenker vom Typ der Alpha-Blocker führen bei älteren Menschen häufiger zu unerwünschten Nebenwirkungen als bei jüngeren.

Doxazosin-- Unter der Therapie mit Doxazosin können Mundtrockenheit und Probleme beim Wasserlassen auftreten. Zudem ist das Risiko für weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle erhöht. Liegen bereits entsprechende Erkrankungen oder Störungen vor, wie Herzinsuffizienz, Gefäßerkrankungen oder Mundtrockenheit, sollte das Mittel laut Priscus-Liste nicht gegeben werden. Dasselbe gilt auch bei Störungen des zentralen Nervensystems, orthostatischer Hypothonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen) und Verstopfung. Alternativ können ACE-Hemmer, AT1-Blocker, Thiazid-Diuretika, Betablocker oder langsam wirksame Calciumkanalblocker gegeben werden. Sollte der Arzneistoff dennoch zur Anwendung kommen, ist die Dosierung entsprechend der Kontrollwerte für die Herz-Kreislauf-Funktion nachzuregulieren. Darüber hinaus müssens die klinische Verträglichkeit und die Nierenfunktion unter der Therapie überwacht werden.

Prazosin-- Der Alphablocker Prazosin kann eine Harninkontinenz verstärken. Zu den für Doxazosin genannten Komorbiditäten kommen weitere Erkrankungen hinzu, bei denen der Wirkstoff nicht gegeben werden sollte. Das sind Glaukom, Benommenheit, Lungenembolie und pulmonale Hypertonie. Wird das Mittel trotzdem gegeben, müssen zu den bereits genannten Untersuchungen auch die Leberwerte kontrolliert werden. Therapeutisch kommen dieselben Alternativen in Frage wie bei Doxazosin.

Schlafstörungen

Mit zunehmendem Alter verändert sich das Schlafmuster. Tiefschlafphasen sind reduziert, und häufig verschiebt sich auch der Tag-Nacht-Rhythmus. Das muss nichts Schlechtes heißen, denn ausschlaggebend ist die individuell empfundene Schlafqualität. Diese kann jedoch durch verschiedene Erkrankungen gestört sein, wie chronische Schmerzen, Atemwegsprobleme, Inkontinenz, nächtliches Muskelzucken oder Demenz.

Ein häufiges Problem – auch für die Zimmergenossen – ist Schnarchen. Selbst eine harmlos erscheinende Geräuschkulisse kann die Qualität des Schlafes so stören, dass der Folgetag durch Müdigkeit, Leistungsminderung und Konzentrationsstörungen geprägt ist. Darüber hinaus ist Schnarchen ein Hinweis auf ein mögliches Schlafapnoe-Syndrom. Jeder vierte über 60-Jährige leidet an den dabei auftretenden Atemaussetzern, die zu einer verminderten Sauerstoffsättigung im Blut führen, die der Organismus durch zentralnervöse Aufwachreaktionen kompensiert.

Grundsätzlich werden Maßnahmen zur Schlafhygiene empfohlen, wie eine ablenkungsarme Schlafumgebung, Entspannungsübungen, Verzicht auf Alkohol und schwere Mahlzeiten vor dem Schlafengehen.

Hypnotika und Sedativa mit zentraldämpfender Wirkung bieten keine Dauerlösung. Die nachfolgend aufgelisteten Substanzgruppen erhöhen das Sturzrisiko. Damit verbunden steigt die Gefahr für Knochenbrüche, Immobilität und Verlust der Selbstständigkeit. Werden die nachfolgend beschriebenen Substanzen dennoch verabreicht, sollten die unerwünschten Nebenwirkungen im Hinblick auf Stürze und Reaktionsvermögen sowie die Herz-Kreislauf-Funktion überwacht werden. Eine Dosiskontrolle ist stets durchzuführen.

Z-Substanzen-- Ab einer bestimmten Dosierung sind die Subs-tanzen Zaleplon (> 5 mg/d), Zolpidem (> 5 mg/d) und Zopiclon (> 3,75 mg/d) nicht mehr für Menschen geeignet, für die ein erhöhtes Sturzrisiko besteht oder die unter einer Demenz leiden.

Lang wirksame Benzodiazepine-- Bei Demenz, Sturzneigung, Substanzabhängigkeit und Atemwegsdepression sollten Wirkstoffe wie Bromazepam, Chlordiazepoxid, Diazepam, Flurazepam, Medazepam und Nitrazepam nicht verordnet werden. Sie können Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen beeinträchtigen. Darüber hinaus sind psychiatrische, paradox erscheinende Reaktionen möglich wie Unruhe, Reizbarkeit, Halluzinationen, Aggressionen, Alpträume, Verhaltensauffälligkeiten und Psychosen.

Kürzer wirksame Benzodiazepine-- Alprazolam, Temazepam und Triazolam gehören in die Gruppe der kurz und mittellang wirksamen Benzodiazepine, die für ältere Menschen nicht geeignet sind, wenn sie zu Stürzen neigen oder unter Demenz, Substanzabhängigkeit oder Ateminsuffizienz leiden. Dasselbe gilt ab einer entsprechenden Dosierung auch für Brotizolam (> 0,125 mg/d), Lorazepam (> 2 mg/d), Lormetazepam (> 0,5 mg/d) und Oxazepam (> 60 mg/d). Wirkstoffe dieser Gruppe sollten – wenn überhaupt – maximal für sieben bis zehn Tage verschrieben werden.

Andere Substanzen-- Chloralhydrat sollte nicht bei Nieren- oder Leberinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen und schwerer Herz- und Kreislaufschwäche gegeben werden. Diphenhydramin und Doxylamin können zu anticholinergen Nebenwirkungen führen wie Verstopfung, Darmlähmung oder Glaukom. Sie erhöhen das Risiko für Kopfschmerzen, Depression und Schwindel – und damit für Stürze.

Alternativen-- Zu den genannten Wirkstoffen schlägt die Priscus-Liste folgende Alternativen vor: Baldrian, Opipramol, sedierende Antidepressiva wie Mirtazapin, schwach wirksame Neuroleptika wie Melperon oder Pipamperon, sowie die Z-Substanzen Zaleplon (≤ 5 mg/d), Zolpidem (≤ 5 mg/d) und Zopiclon (≤ 3,75 mg/d). Anstelle der lang wirksamen Benzo- diazepine können kurz oder kürzer wirksame Benzodiazepine gegeben werden, allerdings nur innerhalb strenger Dosisbegrenzung (Brotizolam ≤ 0,125 mg/d, Lorazepam ≤ 2 mg/d, Lormetazepam ≤ 0,5 mg/d).

Mehrfacherkrankungen

Häufig wird ein Wirkstoff erst in Kombination mit anderen Arzneimitteln zum Problem. Deshalb beschäftigt sich eines der Priscus-Projekte mit typischen Komorbiditäten wie Diabetes bei gleichzeitiger Herzschwäche oder Arthrose in Kombination mit Bluthochdruck.

TIPP!

Auch Langzeitmittel sollten nicht bis in alle Ewigkeit gegeben werden. Bei Antidepressiva, Protonenpumpenhemmern und NSAR empfehlen Fachleute, zweimal jährlich zu überprüfen, ob die Indikation für die Verschreibung noch aktuell ist.

Service für Sicherheit

Mehr als die Hälfte aller Arzneimittel wird an Menschen über 65 Jahre abgegeben. Rund 30 Prozent aller Krankenhauseinweisungen von alten Menschen gehen auf Arzneimittelunverträglichkeiten zurück. Gerade die für Multimorbide typische Verschreibung vieler Medikamente führt häufig zu einer Überforderung des Patienten und dementsprechend zu Einnahmefehlern. Diese gefährden das Therapieziel und erhöhen das Risiko für unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen. Hier sind Sie in der Apotheke als Arzneimittelfachleute gefragt.

Arzneimittelplan

Stellen Sie mit Ihren Patienten eine Liste aller Arzneimittel zusammen, die selbstverständlich auch den behandelnden Ärzten vorgelegt werden sollte. Hier dürfen Mittel zur Selbstmedikation sowie Nahrungsergänzungsmittel nicht fehlen. Fragen Sie die Einnahmevorgaben des Arztes ab und ergänzen Sie anhand der Beipackzettel alle weiteren Mittel.

Am Ende führen Sie mit Hilfe der Apothekensoftware einen Interaktionscheck durch und korrigieren gegebenenfalls die Angaben. Sollten sich dabei Abweichungen von der ärztlichen Verordnung ergeben, sollten diese mit dem Arzt abgesprochen werden.

Am Ende sollte der Kunde von Ihnen einen Plan erhalten, auf dem er in ausreichend großer Schrift lesen kann, welche Medikamente er zu welcher Tageszeit einnehmen muss. Natürlich dürfen hier Hinweise nicht fehlen, ob das jeweilige Mittel vor, zur oder nach der Mahlzeit oder mit ausreichendem Zeitabstand zum Essen eingenommen werden sollte. Es empfiehlt sich, Dauermedikamente zuerst aufzulisten und davon farblich abgesetzt die Mittel aufzuführen, die nur bei Bedarf genommen werden.

InTherAKT-- Im optimalen Fall sollten Apotheken mit Ärzten und Pflegenden zum Wohle der Patienten zusammenarbeiten. In Münster testet derzeit das innovative Versorgungsforschungsprojekt InTherAKT über einen Zeitraum von zwei Jahren Strategien zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit und Lebensqualität von Altenheimbewohnern. Darüber hinaus soll die Verbesserung der Kommunikation auch die Arbeitszufriedenheit der beteiligten Berufsgruppen spürbar beeinflussen.

Der Einnahmecheck

Unterstützend können Sie dem Kunden eine Arzneimittelkassette anbieten, die zum Umfang seiner Medikation passt. Hier können die Mittel für jeden Wochentag vorsortiert werden. Das erleichtert die Kontrolle, ob tatsächlich alle Mittel regelmäßig eingenommen werden. Besprechen Sie mit dem Kunden, wie zu verfahren ist, wenn eine Einnahme vergessen wurde. Bei der Gelegenheit sollten Sie den Kunden darauf hinweisen, vom Arzt verordnete Arzneimittel nicht selbstständig abzusetzen, da dies den Verlauf chronischer Erkrankungen ungünstig beeinflussen kann. Werden neue Medikamente ausgetestet, sollte der Kunde aufschreiben, wenn er sich unwohl fühlt oder unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Häufig kann das Problem bei einem klärenden Arztgespräch mit einer Dosisanpassung behoben werden.

Sicherheit für Pflegepatienten

Wie wichtig es ist, in Pflegeheimen die Medikation von Apothekern überwachen zu lassen, zeigt das AMPEL-Projekt des Bundesgesundheitsministeriums. Die Abkürzung AMPEL steht für ArzneiMitteltherapiesicherheit bei Patienten in Einrichtungen der Langzeitpflege. In einer der zugrundeliegenden Studien aus dem Jahr 2010 an 888 Bewohnern in Einrichtungen der Langzeitpflege wurde die Arzneimitteltherapie-sicherheit (AMTS) untersucht.

Darin konnte das Auftreten unerwünschter Arzneimittelwirkungen von zwölf Prozent nach sechs Monaten auf sieben Prozent reduziert werden. Hierzu wurden Pfleger, Ärzte und Apotheker für die Problematik sensibilisiert und geschult. Ein halbes Jahr nach Studienende hielten sich die UAW auf einem Level von sechs Prozent.

Arzneimittelinduzierte Symptome-- Treten unter einer Arzneimitteltherapie bestimmte Symptome auf, können diese Hinweise auf ungünstige oder zu hoch dosierte Wirkstoffe geben. Bei Stürzen oder zu starker, über den Tag anhaltender Sedierung sind meist lang wirkende Benzodiazepine oder Tranquillanzien die Ursache. Aber auch Blutdruckmittel, nicht steroidale Antirheumatika und trizyklische Antidepressiva können diese Nebenwirkung zeigen. Kognitionsstörungen wie Delirium, Demenz oder Bewusstseinsstörungen gehen häufig auf die Einnahme von Benzodiazepinen, Neuroleptika oder trizyklischen Antidepressiva zurück. Verdauungsbeschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung oder Magenschmerzen können bei Verwendung von NSAR, Antibiotika, Herzglykosiden oder Opioiden auftreten.

Faktum

  1. Pharmakokinetik und Pharmakodynamik sind Teilgebiete der Pharmakologie.
  2. Die Pharmakokinetik beschreibt das Verhalten eines Arzneistoffs im Körper und die Veränderungen, denen er unterliegt; einfach gesagt: was der Körper mit dem Arzneistoff macht (Eselsbrücke: K von Kinetik).
  3. Die Pharmakodynamik untersucht die Wirkmechanismen eines Arzneimittels auf den Körper; einfach gesagt: was das Arzneimittel mit dem Körper macht.

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