30.08.2017 - Zum Beratungsthema: Psyche

Benzodiazepine: Nach wie vor aktuell

© NiDerLander / stock.adobe.com

Anzeige

von Prof. Dr. Harald Schütz

Arzneistoffe aus der Gruppe der Benzodiazepine sind Psychopharmaka. Sie wirken beruhigend, angstlösend und schlaffördernd. Wegen ihres Suchtpotenzials sollte ein Dauergebrauch jedoch vermieden werden.

  • Klassische Benzodiazepine (z. B. Diazepam) lassen sich etwa drei Tage bis eine Woche im Harn nachweisen; Benzos mit kurzer Halbwertszeit (z. B. Triazolam) nur wenige Stunden.
  • Benzos mit langer Halbwertszeit der Stoffwechselprodukte (z. B. Flurazepam) lassen sich mehrere Tage bis Wochen im Harn nachweisen.
  • Im Blut sind Benzos (stark dosis- und methodenabhängig) mehrere Stunden bis wenige Tage nachweisbar.

Seit ihrer Entdeckung durch Leo H. Sternbach (1908 – 2005) in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts gehören Benzodiazepine weltweit zu den meistverordneten Medikamenten. Sie verfügen in ihrem Wirkungsspektrum über anxiolytische (angstlösende), sedierende (beruhigende), hypnotische (schlafanstoßende, durchschlaffördernde), antikonvulsive (krampflösende) und zentral muskelrelaxierende Komponenten.

Verglichen mit vielen anderen Psychopharmaka haben Benzodiazepine den Vorteil einer ungewöhnlich großen therapeutischen Breite. Dies bedeutet, dass der Abstand zwischen einem erwünschten Blutspiegel und toxischen beziehungsweise sogar lebensbedrohlichen Konzentrationen außerordentlich groß ist. Letale Monointoxikationen mit klassischen Benzodiazepinen werden daher kaum beobachtet.

Gefürchtet sind Benzodiazepine jedoch als Interaktionspartner bei Mischintoxikationen, zum Beispiel mit Alkohol oder anderen zentral wirkenden Fremdstoffen die nicht selten tödlich verlaufen können. Den Wirkungen können weiterhin zahlreiche verkehrsmedizinisch relevante Ausfallerscheinungen zugeordnet werden. Beispielsweise kann die Anxiolyse mit Enthemmung und erhöhter Risikobereitschaft einhergehen, während die sedativen und hypnotischen Effekte oft zur Aufmerksamkeitsverminderung und einem eingeschränkten Reaktionsvermögen führen. Schließlich kann der muskelrelaxierende Effekt negative Auswirkungen auf die Motorik haben (Sturzgefahr, weiche Knie beim Bremsen). Nach längerem (missbräuchlichem) Gebrauch wird weiterhin über Persönlichkeitsveränderungen berichtet.

Der analytische Nachweis spielt außer bei akuten Vergiftungsfällen auch im Rahmen der Überwachung fremdstoffabhängiger eine wichtige Rolle. Bestimmte Benzodiazepine werden nämlich als Ersatz- und Ausweichdrogen in der Szene missbraucht („Downer“). An erster Stelle ist hier Flunitrazepam zu nennen. Nach Toleranzentwicklung werden häufig extreme Überdosierungen vertragen, die nicht unbedingt mit äußerlich erkennbaren Ausfallerscheinungen einhergehen müssen.

Benzos vergleichen

Benzodiazepine unterscheiden sich in der Wirkstärke pro Milligramm und in der Halbwertszeit. Eine Vergleichsmöglichkeit bietet die Liste von Äquivalenzdosen. Sie werden teils gering (z. B. Oxazepam), teils intensiv (z. B. Flurazepam) verstoffwechselt.

Von Bedeutung für die Interpretation von Befunden ist der Umstand, dass sich identische Stoffwechselprodukte aus verschiedenen Wirkstoffen bilden können (z. B. Nordazepam aus Chlordiazepoxid, Clorazepat, Diazepam, Ketazolam, Medazepam und Prazepam).

Auch die Eliminationshalbwertszeit (t 1/2el ), das heißt, die Zeit, in der ein bestimmter Blutspiegel auf die Hälfte des ursprünglichen Wertes absinkt, ist stark abhängig von der Struktur der jeweiligen Substanz (s. Tab.).

Benzodiazepine

Flunitrazepam gehört zu den wirksamsten Benzodiazepinen überhaupt.
Lorazepam ist durch eine zusätzliche Chlorid-Gruppe stärler wirksam als Oxazepam.
Benzodiazepine mit einer OH-Gruppe werden leicht ausgeschieden, wie Oxazepam.

Achtung Kumulation

Von großer klinischer und forensischer Bedeutung sind folgende, eng mit der Eliminationshalbwertszeit verknüpfte Effekte: Benzodiazepine mit langer Eliminationshalbwertszeit der Metaboliten (z. B. Clorazepat, Diazepam, Flurazepam, Medazepam, Prazepam) neigen zur Kumulation. Darunter versteht man eine nicht ausgeglichene Bilanz zwischen eingenommener und ausgeschiedener Menge, die zu einem beträchtlichen Anstieg des Wirkstoffspiegels führt. Derartig hohe Medikamentenkonzentrationen können zu schwerwiegenden Ausfällen führen.

Andererseits fluten Benzodiazepine mit extrem kurzer Eliminationshalbwertszeit (z. B. Triazolam) besonders rasch vom Rezeptorort ab und verursachen häufig Rebound-Phänomene, die sich beispielsweise in Unruhe, Angst, gesteigerter Reizbarkeit, paranoiden Vorstellungen und anderen ausdrücken und nicht selten eine erneute Einnahme des Medikaments provozieren können.

Wichtige Daten

Benzodiazepin / Fertigarzneimittel

10 mg Diazepam entsprechen (Äquivalenzdosis)

Eliminationshalbwertszeit (t1/2el)

Alprazolam (z. B. Tafil®)

 1 mg

10 – 25 h

Bromazepam (z. B. Lexostad®)

 3 mg

 8 – 20 h

Clorazepat (z. B. Tranxilium®)

20 mg

 2 – 5 h*

Diazepam (z. B. Diazepam ratiopharm 10 mg®)

10 mg

21 – 48 h*

Flunitrazepam (z. B. Rohypnol®)

 2 mg

 9 – 25 h

Flurazepam (z. B. Dalmadorm®)

30 mg

 1 – 3 h*

Lorazepam (z. B. Tavor Tabs®)

 2 mg

10 – 20 h

Lormetazepam (z. B. Noctamid®)

 1 mg

 8 – 17 h

Oxazepam (z. B. Adumbran®)

40 mg

 4 – 15 h

Prazepam (z. B. Demetrin®)

20 mg

 1 – 3 h*

Triazolam (z. B. Halcion®)

 1 mg

 2 – 5 h

*Die Halbwertszeit des hauptsächlich für die Wirkung verantwortlichen Stoffwechselprodukts kann beträchtlich höher sein (40 – 90 h und mehr bei Kumulation).

Die 4-K-Regel

Um Risiken bei der Einnahme von Medikamenten mit Abhängigkeitspotenzial zu vermeiden, hat die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen die 4-K-Regel entwickelt. Die vier K stehen für:

  • klare Indikation: Verschreibung nur bei eindeutiger medizinischer Notwendigkeit und nur bei Aufklärung des Patienten über das bestehende Abhängigkeitsrisiko,
  • kleinste notwendige Dosis: Verschreibung kleinster Packungsgrößen, indikationsadäquate Dosierung,
  • kurze Anwendung: Therapiedauer mit Patienten vereinbaren, kurzfristige Wiedereinbestellungen, sorgfältige Überprüfung einer Weiterbehandlung,
  • kein schlagartiges Absetzen: Zur Vermeidung von Entzugserscheinungen und Rebound-Phänomenen die Therapie durch Dosisreduktion ausschleichen.

Quintessenz

Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie andere Medikamente können in einer akuten Krise nützlich sein, lösen aber in der Regel nicht die Ursachen der Probleme. Das können nur die Patienten selber, indem sie ihr Leben bewusst verändern.

Ehe- und Schuldnerberatung, familiäre Entlastung und das bewusste Setzen von Grenzen im Beruf helfen dabei ebenso wie Stressbewältigung und Entspannungstechniken. Eine Psychotherapie kann ebenfalls dazu beitragen, den Auslösern von Beschwerden auf die Spur zu kommen.


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Apotheke und Marketing

APOTHEKE + MARKETING wendet sich an das Fachpersonal in der öffentlichen Apotheke, wobei das Magazin und die Webseite insbesondere auf das berufliche Informationsbedürfnis des Apothekers eingeht.

www.apotheke-und-marketing.de

Springer Medizin

Springermedizin.de ist das Fortbildungs- und Informationsportal für Ärzte und Gesundheitsberufe, das für Qualität, Aktualität und gesichertes Wissen steht. Das umfangreiche CME-Angebot und die gezielte Berichterstattung für alle Fachgebiete unterstützen den Arbeitsalltag.

www.springermedizin.de

Newsletter

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen künftig frei Haus – wöchentlich und kostenlos.