29.09.2019

Cannabis: Legaler Rausch

von Hannelore Gießen

Ob die Blüten oder das Harz der Hanfpflanze auch für den Freizeitkonsum legalisiert werden sollten, wurde beim 20. Interdisziplinären Kongress für Suchtmedizin kürzlich in München kritisch diskutiert.

© Dan Balilty / AP Photo / picture alliance (Symbolbild mit Fotomodell)

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Bei jungen Menschen ist der Cannabiskonsum in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Schon ein geringer Gebrauch könnte jedoch Folgen für das heranwachsende Gehirn haben, zeigt eine Studie der Universität Vermont, die im März diesen Jahres im „Journal of Neuroscience“ publiziert wurde.

Bremsklotz für Gehirnentwicklung

Den Konsum von Cannabis bei Jugendlichen sieht auch Prof. Ulrich W. Preuss von der Vitos Klinik in Herborn als riskant an. Der Psychiater berichtete, rund zehn Prozent der Konsumenten würden eine Abhängigkeit entwickeln. Die Rate steige auf 17 Prozent, wenn der Cannabiskonsum in der Adoleszenz beginnt und auf 25 bis 50 Prozent, wenn Cannabis in dieser Lebensphase täglich konsumiert wird.

Auch psychische Störungen bis hin zu Psychosen träten häufiger und in jüngeren Jahren auf, mahnte Preuss. Cannabiskonsumenten würden im Durchschnitt 2,7 Jahre früher erkranken als ihre Alterskohorte, die kein Cannabis in irgendeiner Form zu sich nimmt.

Dass auch die kognitiven Leistungen leiden, zeigte der Psychiater anhand der 2012 publizierten Dunedin-Studie. Dabei wurden 1037 Jugendliche zwischen 2010 und 2012 untersucht: Begannen die Heranwachsenden vor dem 18. Lebensjahr, regelmäßig Cannabis zu konsumieren, sank ihr Intelligenzquotient (IQ) um acht Punkte. Auch wenn sie kein Cannabis mehr verwendeten, waren die Einbußen nicht vollständig reversibel. Die Interpretation des Psychiaters: „Vermutlich ist das Gehirn mit dem Verarbeiten der psychoaktiven Inhaltsstoffe von Cannabis beschäftigt und kann seine Entwicklungsaufgaben nicht oder nur verzögert voranbringen.“

Erwachsenen scheint Cannabis jedoch körperlich weniger zu schaden, als ursprünglich vermutet. Gefährdet seien aber auch Erwachsene, die bereits an psychischen Erkrankungen sowie einem problematischen Substanzkonsum leiden.

Individuelle Wirkung

Preuss erläuterte in seinem Vortrag, dass die Reaktion auf Cannabis individuell sehr unterschiedlich sei und von verschiedenen Faktoren beeinflusst werde, wie der Art und der Situation des Konsums sowie der Menge des aufgenommenen Tetrahydrocannabinols (THC).

Auch das Abhängigkeitsrisiko ist variabel und hängt von der genetischen Disposition ab. Aus Zwillingsstudien hatte man den genetischen Anteil am Risiko, abhängig zu werden, mit 50 bis 70 Prozent errechnet. Dänische Forscher suchten nun im Danish Psychiatric Project (iPSYCH) nach dem oder den beteiligten Genen, auf die dieses Risiko zurückgeht. So fanden sie ein Gen, das die Bauanleitung für eine alpha-Untereinheit des Nikotinrezeptors (CHRNA2) enthält. Davon hängt es ab, wie viel von einem bestimmten Nikotinrezeptor im Gehirn gebildet wird. Nikotinrezeptoren sind im Gehirn weit verbreitet, und spielen bei allen Denk- und Lernprozessen eine wichtige Rolle. Die Forscher fanden heraus, dass die Studienteilnehmer häufiger von Cannabis abhängig wurden, die eine bestimmte Genvariante der Rezeptoruntereinheit hatten. In ihrem Gehirn wurde also weniger dieses Nikotinrezeptors gebildet, und das machte sie offenbar anfälliger für eine Abhängigkeit von Cannabis. Worauf dieser Zusammenhang beruht, ist noch nicht bekannt und muss weiter erforscht werden. Den genetischen Wurzeln der Abhängigkeit weiter auf die Spur zu kommen, würde helfen, das individuelle Risiko besser einzuschätzen.

Cannabis frei verkäuflich

Erfahrungen mit einer vollständigen Legalisierung des Cannabiskonsums beschrieb Prof. Dr. Christian Schütz von der University of British Columbia in Vancouver: Kanada hat im Oktober 2018 nach Uruguay als zweites Land der Welt den Anbau, Verkauf und Konsum von Cannabis freigegeben. Seit der Legalisierung im Oktober dürfen Volljährige (Quebec: 19. J., Alberta: 18 J.) in Kanada bis zu 30 Gramm Marihuana außerhalb ihres Zuhauses mit sich führen. Auch der private Anbau für den persönlichen Gebrauch ist in den meisten Regionen mit Mengeneinschränkungen erlaubt. Zu medizinischen Zwecken darf Cannabis bereits seit 2001 angewendet werden.

Seit Oktober letzten Jahres ist die Zahl der Erstkonsumenten deutlich gestiegen. Laut einer Studie der kanadischen Statistikbehörde gaben 646 000 Konsumenten an, von Januar bis März erstmals Cannabis probiert zu haben. Im ersten Quartal des Vorjahres waren es mit 327 000 Menschen etwa die Hälfte.

Vor allem Männer im mittleren Lebensalter würden deutlich mehr Cannabis konsumieren, berichtete Schütz. Insgesamt geben 70 Prozent der über 25-jährigen Kanadier an, schon einmal Cannabis verwendet zu haben.

Das Aufsuchen von Notfalleinrichtungen habe sich innerhalb der letzten fünf Jahre mehr als verdoppelt, führte der Psychiater weiter aus. Der Grund seien meist akute Reaktionen auf Cannabis, wie Angstzustände, Panik, Tachykardie, erhöhter Blutdruck, Wahnvorstellungen und/oder Halluzinationen, schwere Übelkeit und/oder Erbrechen Atembeschwerden, Brustschmerzen. Möglicherweise verleitet der langsame Wirkungseintritt bei oraler Aufnahme gerade neue Konsumenten zu einer Überdosis, die angstauslösende Effekte erzeugt.

Einig waren sich alle Experten, dass noch mehr Anstrengungen unternommen werden müssen, um die verletzbare Gruppe der Heranwachsenden zu schützen.

Quelle: 20. Interdisziplinärer Kongress für Suchtmedizin, München, Juli 2019


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