30.04.2017

Chemotherapie: Kältekappen

© Paxman

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von Dr. Elke Oberhofer

Scalp-Cooling scheint den chemotherapiebedingten Haarausfall bei Krebspatientinnen signifikant zu reduzieren. Die Kältekappen erwiesen sich in etwa der Hälfte der Fälle als effektiv, wie zwei Studien zeigen.

Haarausfall ist eine der am meisten gefürchteten Nebenwirkungen der Chemotherapie. Studien zufolge sehen sich Krebspatientinnen dadurch in ihrer Weiblichkeit und ihrem Selbstwertgefühl beeinträchtigt und empfinden sich durch ihre Kahlheit stigmatisiert.

Haarausfall vorbeugen

Mit dem Scalp-Cooling steht heute ein Verfahren zur Verfügung, das die chemotherapiebedingte Alopezie verhindern oder zumindest bremsen kann. Die auf die Kopfhaut applizierte Kälte erzeugt eine Gefäßverengung (Vasokonstriktion). Dadurch soll bewirkt werden, dass möglichst wenig von dem verabreichten Zytostatikum die Haarfollikel erreicht und schädigt. Nicht nur Krebszellen, sondern eben auch Haarfollikelzellen reagieren besonders stark auf eine Chemotherapie, weil sie sich sehr rasch teilen. Hier reduziert die Kälte die Stoffwechselaktivität.

Abkühlung-- In zwei Studien wurden jetzt zwei computergesteuerte Cooling-Systeme bei Brustkrebspatientinnen getestet. Beide arbeiten mit Silikonkappen, in denen ein Kühlmittel zirkuliert, wodurch die Kopfhaut allmählich auf etwa 15 Grad Celsius abgekühlt wird. Die Kappen werden eine halbe Stunde vor Beginn der Infusion aufgesetzt und bleiben bis zu 120 Minuten nach Infusionsende auf dem Kopf der Patientin.

Die erste Studie

Die Scalp Cooling Alopecia Prevention war als randomisierte Multicenterstudie konzipiert. Beteiligt waren 182 Brustkrebspatientinnen im Frühstadium. Die adjuvante Chemotherapie bestand aus vier Infusionszyklen auf der Basis von Taxanen und/oder Anthrazyklinen. Als primärer Endpunkt wurde die Erhaltung der Kopfhaare nach dem vierten Zyklus festgelegt. Dabei galt es als Erfolg, wenn die Patientinnen keine oder weniger als 50 Prozent ihrer Haare verloren, sodass keine Perücke benötigt wurde (Alopeziegrad 0 oder 1 nach Common Terminology Criteria for Adverse Events, CTCAE). Die Dauer der Studie war auf fünf Jahre ausgelegt. Aufgrund der klaren Überlegenheit der Intervention wurde SCALP vorzeitig gestoppt.

TIPP!

Weisen Sie Frauen mit Brustkrebs darauf hin, dass es Möglichkeiten gibt, einem entstellenden Haarausfall während der Chemotherapie vorzubeugen. In mehreren deutschen Brustkrebszentren, etwa dem der LMU München, werden Kühlkappen eingesetzt.

Das Ergebnis

Bis zum Zeitpunkt des Abbruchs konnten die Daten von 142 Patientinnen erfasst werden, davon 95 mit Kühlkappe und 47 ohne diese Behandlung. In der Gruppe der mit Kühlkappe behandelten Patientinnen lag die Erfolgsrate bei 50,5 Prozent, in der Vergleichsgruppe bei 0 Prozent. Fünf Prozent der Teilnehmerinnen in der Scalp-Cooling-Gruppe hatten nahezu keinen Haarverlust. In der Kühlgruppe wurden Perücken oder Kopftücher von 63 Prozent der Frauen getragen, in der Kontrollgruppe griffen dagegen alle auf eine Kopfbedeckung zurück.

Nebenwirkungen-- Es wurden vor allem Kältegefühl, Kopfschmerzen und Schwindel beobachtet. Die meisten Patientinnen hatten nach Angaben der Studienautoren kein sehr unangenehmes Gefühl beim Tragen der Kappe. Allerdings hatten vier Frauen von vornherein ihre Teilnahme an der Studie zurückgezogen, weil sie die Kappe als zu kalt oder unangenehm empfanden.

Lebensqualität-- Hier überraschte das Ergebnis. Weder bei den emotionalen noch bei den funktionellen Komponenten war ein Unterschied zwischen den Gruppen festzustellen. Dies mag mit den Bewertungskriterien zusammenhängen: Die Frauen waren beispielsweise gefragt worden, ob sie sich angespannt, besorgt, gereizt oder deprimiert fühlten und ob ihr Familienleben oder ihre gesellschaftlichen Aktivitäten gelitten hätten. Auf all diese Kriterien hatten die Krebserkrankung und deren Behandlung sehr wahrscheinlich entscheidenden Einfluss.

Die zweite Studie

Diese war als Beobachtungsstudie konzipiert. Hier wurden 101 Patientinnen mit Kühlkappe behandelt, 16 Frauen dienten als Kontrollgruppe. Zur Chemotherapie wurden vor allem Docetaxel und Cyclophosphamid über vier bis sechs Zyklen eingesetzt.

Das Ergebnis

Das Zielkriterium, ein Haarverlust unter 50 Prozent (Grad 0 bis 2 auf der Dean-Skala), wurde von 61 Prozent der Interventionsgruppe erreicht, fünf Prozent aus dieser Gruppe weisen keinerlei Alopezie auf. In der Kontrollgruppe waren allen Patientinnen die Haare ausgegangen. Drei Patientinnen wollten wegen eines unangenehmen Kältegefühls die Kappe nicht verwenden.

Lebensqualität-- In der Beobachtungsstudie hatten die Patientinnen eindeutig auch in puncto Lebensqualität profitiert. Zur Beurteilung wurde ein speziell auf Brustkrebspatientinnen zugeschnittener Fragebogen der European Organisation for Research and Treatment of Cancer verwendet. Einen Monat nach Therapieende war die Scalp-Cooling-Gruppe in drei von fünf Bewertungskriterien im Vorteil. Zum Beispiel berichteten nur 27,3 Prozent in der Interventionsgruppe, dagegen aber 56,3 Prozent aus der Kontrollgruppe, sie würden sich nach beendeter Therapie weniger attraktiv fühlen.

Darüberhinaus-- Die Sorge, dass das Scalp-Cooling etwa die Bildung von Metastasen in der Kopfhaut begünstigen könnte, bestätigte sich in beiden Studien nicht.


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