30.11.2019

Cholesterin: Zu hoch – was nun?

von Marcus Hanisch

Erhöhte Blutspiegel leisten Herz-Kreislauf-Erkrankungen Vorschub. Welche OTC-Präparate können Sie Kunden in der Apotheke zur Selbstmedikation empfehlen? Ein Überblick.

© Getty Images/iStockphoto

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  • Unausgewogene Ernährung, Alkohol, Fettleibigkeit, Bewegungsmangel verursachen Fettstoffwechselstörungen und in Folge Atherosklerose.
  • Vor jeder medikamentösen Therapie sollten zunächst Essgewohnheiten, Lebensstil/Bewegungsaktivität geändert werden.
  • Die mediterrane Küche auf Basis von Obst, Gemüse und Fisch eignet sich für Menschen mit Fettstoffwechselstörungen besonders gut.
  • Phytopharmaka und Nahrungsergänzungsmittel können Blutfettwerte positiv beeinflussen.

Kein anderer Laborwert stand in den zurückliegenden Jahrzehnten mehr im Fokus der Medien. Dabei gilt Cholesterin per se nicht als schädlich. Es ist vielmehr ein essenzieller Baustein der Zellmembranen und dient auch als Ausgangsstoff für die Produktion von Gallensäuren. Ferner ist es Vorstufe zur Herstellung von Testosteron, Östrogen oder Vitamin D.

Hintergrund

Cholesterin wird zum größten Teil im Körper in der Leber hergestellt. Darüber hinaus wird es über die Nahrung zusammen mit Fetten tierischer Herkunft aufgenommen. Da es schlecht wasserlöslich ist, wird es mit Hilfe von Lipoproteinen über das Blut in die Körperzellen transportiert. Entsprechend ihrer Dichte unterscheidet man die Lipoproteine in LDL (engl.: low density lipoprotein) und HDL (engl.: high density lipoprotein). Während HDL überschüssiges Cholesterin aus dem Blut und dem Gewebe zu seinem Abbauort – der Leber – transportieren, sorgen LDL entgegengesetzt dafür, dass Cholesterin in die Zellen verschiedener Organe eingeschleust wird.

Übersteigt das Angebot an Cholesterin die Aufnahmekapazität der Zellen, geben LDL das überschüssige Cholesterin an das Blut ab. Je mehr LDL im Blut zirkuliert, umso mehr Cholesterin kann sich in den Wänden der Arterien ablagern und Entzündungen auslösen. Chronifiziert dieser Prozess der Gefäßveränderung, spricht man von Atherosklerose. Bei diesem Krankheitsbild verlieren die Blutgefäße durch Ablagerung von oxidiertem LDL-Cholesterin, Hydroxylapatit (Calciumphosphatsalz) und Bindegewebswucherungen ihre Elastizität und verengen sich. In Folge dessen können der Blutfluss behindert und die Versorgung der Organe mit Sauerstoff beeinträchtigt werden. Das Risiko für einen Verschluss der Arterien und somit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall steigt.

Ursachen

Weniger als einer von 100 Betroffenen hat eine rein erbliche Fettstoffwechselstörung (primäre Hypercholesterinämie). Häufiger ist die sekundäre Form einer Hypercholesterinämie. Diese ist die Folge von Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, Adipositas, Schilddrüsenunterfunktion sowie Nierenerkrankungen. Sie kann aber ebenso als Nebenwirkung bestimmter Medikamente auftreten, zum Beispiel, Androgene, Gestagene, Glukokortikoide, HIV-Proteasehemmer und Thiaziddiuretika.

Die häufigste Ursache einer sekundären Fettstoffwechselstörung ist jedoch eine falsche Ernährungs- und Lebensweise. Entscheidende Faktoren dabei sind eine auf tierische und damit cholesterinreiche Nahrungsmittel (z. B. Eier, Butter, Wurst, Schalen- und Krustentiere) oder Fast Food ausgerichtete Ernährung. Jedoch gelten nicht nur Lebensmittel mit viel Cholesterin als bedenklich, vor allem Transfettsäuren, beispielsweise enthalten in stark verarbeiteten Lebensmitteln (Fertiggerichte), Pommes frites, Burger, Keksen und Kuchen erhöhen, in großer Menge aufgenommen, den LDL-Spiegel. Weitere wichtige Faktoren sind mangelnde körperliche Betätigung, Stress, Rauchen und zu viel Alkohol.

Aus dem OTC-Sortiment*

Wirkstoff/Extrakt

Produkt

Dosierung/Besonderheit

Artischockenblätterextrakt

Artischocken Saft Schoenenberger®

30 ml/d

Beta-Glucane

Cholesterinreduktion Dr. Wolz Pulver

16 g/d**, plus B1, B6, B12, Folsäure

Beta-Glucan Kapseln

Heidelberger Chlorella

1 – 2 Kps./d**, oder nach therapeut. Empfehlung

Lactobacillus plantarum

Symbiolact® Cholesterin Control

1 Kps./d

Rot-fermentierter Reis

Armolipid® Tabletten

1 x 1 Kps./d**, Monacolin plus Folsäure, Coenzym Q10, Astaxanthin

Cave: nie mit Rp-Lipidsenkern

Citrinin-Grenzwerte werden zertifiziert unterschritten

Sojaproteine

Megamax® Soja-Eiweiß Neutral Pulver

30 – 45 g/d (2 – 3 gehäufte El.)

gentechnik-, gluten- und laktosefrei

Spezialextrakt WS® 1442

Crataegutt 450 mg Herz-Kreislauf-Tabletten

Off Label-Use: 2 x 1 Ftbl./d

*beispielhafte Nennungen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand Lauer-Taxe: 30.10.2019), ** lt. Hersteller

Referenzbereich

Da Blutfettwerte nach Alter, Geschlecht, Vorerkrankung, genetischer Prädisposition wie auch Zugehörigkeit zu Risikogruppen variieren, muss der behandelnde Arzt individuell unter Berücksichtigung der genannten Faktoren beurteilen, welche LDL-Cholesterinwerte als normal und welche als risikoreich gelten. Liegen keine weiteren Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselstörungen und ihren Folgeerkrankungen (DGFF, Lipid-Liga) folgende Zielwerte:

LDL-Cholesterin < 115 mg/dl (3 mmol/l)

HDL-Cholesterin wenn möglich

Frauen > 45 mg/dl (1,2 mmol/l)

Männer > 40 mg/dl (1 mmol/l)

Therapie

Basis aller Behandlungsmaßnahmen bei zu hohen LDL-Cholesterinwerten ist eine konsequente Umstellung der Ernährungs- und Lebensgewohnheiten. Erst wenn dies nicht zum gewünschten Therapieziel führt, sollte der Arzt eine medikamentöse Behandlung ins Auge fassen. Doch genau auf der Beratung über die Vielfalt der Möglichkeiten neben den herkömmlichen Cholesterinsenkern (Statine, Ezetimib, Fibrate) sollte das Augenmerk der PTA liegen.

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Lebensstiländerungen

Diät und Steigerung der körperlichen Aktivität erfreuen sich im realen Leben weder bei Ärzten noch bei Patienten großer Beliebtheit. Trotzdem sind es die Maßnahmen, die ohne Nebenwirkungen und erhebliche Mehrkosten den LDL-Cholesterinwert auf Dauer stabilisieren und das Risiko für Folgeerkrankungen minimieren. Generell sollten Cholesterin und gesättigte Fettsäuren gegen ungesättigte Fettsäuren in der Nahrung ausgetauscht werden. Fertiggerichte enthalten neben den gesundheitsschädlichen Transfettsäuren zudem eine Fülle an Zusatzstoffen wie Stabilisatoren, Konservierungsmittel, Geschmacksverstärker, deren Wirkung auf den menschlichen Organismus nicht untersucht und abschließend bewertet wurde.

Mediterrane Ernährung-- Mit naturbelassenen Gemüse-, Obst-, Samen-, Nuss- und Beerensorten als Basis eignet sich die mediterrane Küche bei Fettstoffwechselstörungen besonders gut. Darin enthalten sind Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe, die Gallensäuren binden und dadurch das Verhältnis LDL/HDL optimieren. Einfach ungesättigte Fettsäuren im Olivenöl, wie auch mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren im Fisch und eine geringe Aufnahme an Omega-6-Fettsäuren wirken sich zudem positiv auf das kardiovaskuläre Risiko aus. Sie verbessern die Fließeigenschaften des Blutes, die Herzfunktion und verringern die Entzündungsneigung in den Gefäßen. Tomatenmark (Lycopin), Sellerie (Apigenin, Luteolin), rote/blaue Früchte (Anthocyane), Mandeln und Walnüsse sollten idealerweise täglich auf dem Speiseplan stehen.

Sport-- Zu einem ganzheitlichen Konzept zählen neben der angepassten Ernährung die Reduktion von Übergewicht und Stressbelastung. In beiden Fällen leistet regelmäßige sportliche Bewegung einen nachweislichen Beitrag. Die Lipid-Liga empfiehlt mindestens 30 Minuten mäßig anstrengende ausdauerorientierte körperliche Aktivität an fünf Tagen pro Woche oder 20 bis 30 Minuten anstrengende körperliche Aktivität an drei Tagen pro Woche.

OTC-Präparate

Führen Lebensstiländerungen nicht zum gewünschten Erfolg, werden Betroffene nicht selten in der Apotheke vorstellig und erkundigen sich nach Nahrungsergänzungsmitteln mit rotem Reis, Sojaproteinen, Beta-Glucanen und Probiotika sowie Phytotherapeutika, um ihre Blutfettwerte in den Griff zu bekommen. Was davon ist empfehlenswert, und wovon sollten PTA besser abraten?

Rot-fermentierter Reis

Er ist ein Nahrungsergänzungsmittel, das als natürlicher Cholesterinsenker eingestuft wird. Als äußerst problematisch gilt die vielen Verbrauchern unbekannte Tatsache, dass der Inhaltsstoff Monacolin K chemisch identisch mit dem pharmakologischen Wirkstoff Lovastatin ist und deshalb dieselben Nebenwirkungen, etwa Muskelschmerzen (Myalgien), wie bei dem Statin zu erwarten sind.

Rot-fermentierter Reis kann neben den bekannten pharmakologisch wirksamen Stoffen weitere, toxische Nebenprodukte des Fermentationsprozesses wie Citrinin (Schimmelpilzgift) enthalten und wird derzeit deshalb als nicht sicheres Lebensmittel/NEM eingestuft. Wenn überhaupt, sollten nur hoch gereinigte, standardisierte und zertifizierte Produkte von guter Qualität empfohlen werden. Von deren Einnahme (ärztlich kontrolliert) profitieren können dabei vor allem Menschen mit Statinunverträglichkeit, wie aus einem Konsensuspapier internationaler Experten hervorgeht.

Sojabohnen

Sie haben eine LDL-cholesterinsenkende Wirkung, durch Aktivierung der Aufnahmestellen für LDL an den Körperzellen, die durch den Eiweißanteil bedingt ist. Als wirksamkeitsbestimmende Substanzen wurden die Peptide β-Conglycinin und Glycinin identifiziert. Der Ersatz von tierischen Proteinen durch Sojaprotein erhöht zudem die Konzentration an HDL-Cholesterin. Allerdings sollte der Verzehr von Sojaprodukten kritisch hinterfragt und deren Herkunft (gentechnisch verändert) eindeutig geklärt werden. Soja enthält Trypsin-Inhibitoren, die proteinabbauende Enzyme im Dünndarm hemmen und Darmprobleme hervorrufen können. Die ebenfalls enthaltenen Isoflavone können die Schilddrüsenfunktion negativ beeinflussen und die Jodaufnahme hemmen beziehungsweise reduzieren (goitrogener Effekt). Menschen mit Autoimmun-, Schilddrüsen-, Gicht- (purinhaltig) und Darmerkrankungen (Leaky-gut Syndrom) sollten Sojaproteine nicht empfohlen werden.

Wussten Sie, dass ...

  • durch die Abnahme von einem Kilogramm Körpergewicht der HDL-Cholesterin-Spiegel um 0,4 mg/dl gesteigert werden kann?
  • regelmäßiges Training mit Erhöhung der Herzfrequenz (z. B. zügiges Gehen) den HDL-Wert bis zu 6 mg/dl erhöhen kann?
  • die American Heart Association ausdrücklich auf die LDL-cholesterinsenkenden Effekte einfach ungesättigter Fettsäuren in Avocados, Mandeln und Walnüssen hinweist?

Probiotika

Klinische Studien belegen den Einfluss von Lactobacillus plantarum auf den Cholesterinwert. Die Milchsäurebakterien unterbrechen die Rückgewinnung der Gallensäuren. Um diese zu ersetzen, entzieht die Leber dem Blut in Folge LDL-Cholesterin. Zusätzlich können die Bakterien das Cholesterin in die eigene Zelloberfläche einbauen und ermöglichen auf diese Weise dessen Ausscheidung. Des Weiteren hemmen die von Laktobazillen produzierten kurzkettigen Fettsäuren die Cholesterin-Synthese in der Leber.

Haferkleie

Sie besteht aus der Samenschale, dem Keimling und der Aleuronschicht, die den inneren Mehlkörper umschließt und besonders reich an Beta-Glucanen ist. Beta-Glucane sind hoch molekulare, linear unverzweigte Polysaccharide, die den löslichen Ballaststoffen zugeordnet werden und einen regulierenden Einfluss auf den Cholesterinwert haben. Durch Bindung von Gallensäuren im Darm wird deren Neubildung in der Leber unter Verbrauch von LDL-Cholesterin aus dem Blut angeregt und dadurch der Cholesterin-Spiegel abgesenkt. Beta-Glucane dienen darüber hinaus Dickdarm-Bakterien als Energiequelle und werden von diesen zu kurzkettigen Fettsäuren (Acetat, Propionat, Butyrat) verstoffwechselt, die wiederum essenziell für die Regeneration der Darmzellen sind. Da die meisten Risikopatienten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht nur einen erhöhten Cholesterin- und Triglycerid-Spiegel aufweisen, sondern in der Co-Medikation Protonenpumpenhemmer einnehmen, sind die Beta-Glucane (generelle Empfehlung: 1,5 bis 3 g/d) zweifach indiziert.

Artischocke

Hauptsächlich in den grünen Blättern und dem Blütenboden der Artischocke sind die drei für die pharmakologische Wirksamkeit verantwortlichen Inhaltsstoffgruppen Caffeoylchinasäurederivate (hepatoprotektiv, choleretisch, LDL-Oxidation-hemmend), Glykoside des Flavons Luteolin (hepatoprotektiv, Cholesterinspiegel-senkend, LDL-Oxidation-hem- mend) und Sesquiterpenlactone (Bitterstoffe) enthalten. Kontrollierte klinische Studien bestätigen den Einfluss von Artischockenblattextrakten auf die Entstehung von Atherosklerose. Diese hemmen die LDL-Oxidation wie auch die Neubildung von Cholesterin in der Leberzelle und verstärken die Cholesterinausscheidung durch gesteigerte Cholerese (Sekretion von Gallenflüssigkeit). Die European Scientific Cooperative on Phytotherapy empfiehlt in ihrer Monografie Artischockenblätter-Zubereitungen zur Unterstützung einer Niedrigfettdiät bei Behandlung einer leichten Hyperlipidämie.

Weißdorn

Er ist ein bewährtes und gesichertes Herz-Kreislaufmittel. Leitsubstanzen zur Prüfung der pharmazeutischen Qualität sind die Flavonoide, berechnet als Hyperosid und die oligomeren Procyanidine (OPC), berechnet als Epicatechin. Neben der bekannten positiv inotropen und kardioprotektiven Wirkung zeigt der Spezialextrakt WS ® 1442 auch gefäßschützende Eigenschaften. Zudem hemmt er die Oxidation von LDL-Cholesterin und damit möglicherweise auch die Bildung atherosklerotischer Plaques. Als antioxidative Wirkkomponente wurde Procyanidin B2/Hyperosid identifiziert.

Marcus Hanisch ist Apotheker und steht täglich im HV. Er testet alles, was er in seinen Artikeln empfiehlt, an sich selbst. Sein Steckenpferd sind Behandlungsformen fernab der Schulmedizin.


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