30.01.2021

Cybermobbing: Keine Sicherheit

von Elisabeth Hussendörfer

Durch das Internet hat Mobbing eine neue Qualität bekommen. Weil Anfeindungen in rasender Geschwindigkeit geteilt und die Kommunikationswege oft nicht nachverfolgt werden können, fühlen sich die Betroffenen hilflos und ausgeliefert.

© Getty Images/iStockphoto

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Zunächst klingen die Geschichten meist eher harmlos, die Catarina Katzer, Leiterin eines Instituts für Cyberpsychologie und Medienethik in Köln (www.chatgewalt.de), in ihrer Funktion als Beraterin bei Cybermobbing zu hören bekommt. Eigentlich hätte man doch nur ein paar Urlaubsimpressionen weitergeben wollen. Das Meer, den Strand, den neuen Bikini. Dann aber habe das Dekolleté plötzlich im Großformat die Runde gemacht – und zwar nicht nur da, wo ursprünglich gepostet wurde, sondern in so ziemlich allen bekannten Netzwerken. Die Betroffene im skizzierten Fall war außer sich: Was, wenn nicht nur ihr Ausschnitt, sondern bald vielleicht auch ihre Adresse preisgegeben würde? Wie konnte sie sich wehren? Gegen Namen, die sie nie gehört hatte? Gegen bald Tausende, die da munter Teilaufnahmen ihres Körpers verschickten?

Keine Sicherheit

Peter Sommerhalter kann solche Ohnmachtsgefühle bestens nachvollziehen. Er ist Leiter für Prävention beim Bündnis gegen Cybermobbing e.V. (www.buendnis-gegen-cybermobbing.de) in Karlsruhe. Seit Jahren bekommt der Computerfachmann bei Workshops geschildert, wie sich das anfühlt, wenn man via Facebook, WhatsApp oder auf Ins- tagram verunglimpft, bedroht und angefeindet wird. Als er aber vor zweieinhalb Jahren begann, selbst zur Zielscheibe zu werden, bekam das Ganze eine neue Qualität. „Es sind diese Angriffe aus dem Nichts, die dich fertig machen.“ Nirgends fühle man sich plötzlich noch sicher. Überall kann er einen kriegen, der Unbekannte, der es aus oft unbekannten Gründen auf einen abgesehen hat.

Rat und Hilfe

Im Netz finden Opfer von Cybergewalt Anlaufstellen für Rat und HIlfe, zum Beispiel die Telefonsellsorge oder das Bündnis gegen Cybermobbing e.V. Finden Sie hier eine Zusammenstellung der Webadressen.

Aus Stichelei wird Stimmungsmache

Erst waren die Anfeindungen persönlich an Sommerhalter gerichtet. Später wurde dann im größeren Stil „informiert“. Er hätte pornografische Bilder übers Internet verbreitet, erfuhren beispielsweise Auftraggeber des Computerfachmanns. Aus gezielt gesetzten Sticheleien wurde ein Kugelhagel. „Was für eine Sauerei“ – ratzfatz wurde geteilt, kommentiert, geliked. „Perverse wie dieser Sommerhalter sollten in der Hölle schmoren“, war man sich einig. „Die Leute, die schrieben, kannte ich nicht“, erzählt der Betroffene. Keine Chance also, irgendetwas klarzustellen.

Anonymität-- Das Internet bietet den idealen Rahmen für Anfeindungen, weiß Catarina Katzer. Im Wissen um eine vermeintliche Anonymität würden sich Menschen zu etwas hinreißen lassen, das sie sich im echten Leben oftmals nie trauen würden. Schon immer gab es das, dass gehänselt und lächerlich gemacht wurde. „Beim Cybermobbing aber sind nun auch solche beteiligt, die beim Face-to-Face-Kontakt mit dem Opfer ein schlechtes Gewissen bekämen.“ Hinzu kommt: Entsprechende Aktivitäten sind immer und jederzeit möglich. Man braucht nur mal eben sein Handy zu zücken. „www steht für world wide web“, sagt Katzer. Eine Tatsache, so banal wie folgeträchtig.

Aktuelle Zahlen alarmieren. So mahnt zum Beispiel Unicef, jeder dritte Jugendliche in Deutschland sei bereits Opfer von Cybermobbing geworden. Aber es trifft keineswegs nur diese Altersgruppe: Auch immer mehr Erwachsene haben schon digitales Mobbing erlebt. 57 Prozent der Vorfälle in Deutschland finden am Arbeitsplatz statt, berichtet Uwe Leest, Vorstandsvorsitzender des Bündnisses gegen Cybermobbing. Eine in Auftrag gegebene Studie hat 2018 einen Anstieg des Phänomens im Vergleich zu 2013 um 13,6 Prozent gezeigt. „Wir würden uns freuen, wenn wir damit die Spitze des Eisberges erreicht hätten“, sagt Leest, warnt aber gleichsam vor Optimismus. Aktuell laufen neue Befragungen, die Ergebnisse werden für Herbst 2021 erwartet.

Rache ist häufiges Motiv

Die Motive für den Missbrauch sind vielfältig, wissen Fachleute. Oft steckt ein persönlicher Groll hinter einem ersten abgesetzten Post. Rache etwa ist ein häufiges Motiv, beispielsweise nach Trennungen, wenn Intimes preisgegeben wird. „Mehr und mehr werden Aggressionen als probates Mittel zur Konfliktlösung angesehen“, weiß Katzer. Die Mehrzahl der Cybermobber gebe an, die Person hätte es verdient. Das Weiterleiten kann allerdings auch rein aus Spaß geschehen. Und: Im Glauben, per Klick ließe sich das ja bei Gelegenheit wieder löschen.

Aber genau hier beginnt ein Teil des Problems. „Man muss kein Computerspezialist sein, um zu verstehen, dass einmal ins Netz gestelltes für die Ewigkeit ist“, sagt Catarina Katzer. Man selbst mag bestimmte Inhalte zwar wieder rückgängig machen, wer sagt aber, dass andere sie nicht längst kopiert haben? Oder auch: dass Vertrauliches wirklich immer nur diejenigen erreicht, die es erreichen soll? Peter Sommerhalter ist hier vor allem ein Fall im Gedächtnis geblieben: Eine Dame hatte bei Facebook eine persönliche Nachricht versehentlich an die Pinnwand gestellt: „Lieschen, denk bitte dran, die Blumen zu gießen. Ich bin auf dem Weg in den Urlaub, der Schlüssel liegt hinterm Haus, unter der Mülltonne.“

Das können Sie tun ...

bei virtuellen Angriffen

  • Generell: Denken Sie zweimal nach, bevor Sie etwas posten. Möchten Sie ein Geheimnis oder eine Sorge wirklich virtuell mitteilen? Seien Sie vor allem beim Versenden persönlicher Fotos vorsichtig. Bei Live-Streaming-Diensten: Überlegen Sie genau, was sie vor der Kamera machen.
  • Wenn Sie zum Opfer von Cybermobbing geworden sind: Reagieren Sie sachlich. Kontern Sie nicht mit schwerem Geschütz wie „Schau doch selbst mal, was du so postest“. Das befeuert die Sache bloß.
  • Sie werden mit anzüglichen Bildern erpresst? Weihen Sie Dritte, die Ihnen wichtig sind, ein. Stellen Sie klar: Ich bin Opfer einer Straftat geworden. Etwa, wenn man Sie mit Bildern erpresst und Sie Angst haben, dass dies zu Ihrem Schaden werden könnte. Flucht nach vorn nimmt Druck raus und ist im Zweifel der bessere Weg als permanent in Angst zu leben.
  • Wägen Sie ab: Wie wichtig ist mir die Kommunikation über soziale Netzwerke? Möchte ich die Nutzung hier und da vielleicht reduzieren oder sogar ganz aussteigen? Oder bleibe ich ganz bewusst Teil der Community und gehe mit Anfeindungen gelassener um? Manchen Betroffenen hilft der Vergleich bestimmter virtuelle Räume mit einer dunklen Hafenkneipe: Man betritt solche Orte mit einer bestimmten Haltung. Man kann sie auch wieder verlassen. Allerdings kann niemand garantieren, dass vor Ort nicht weiter über einen geredet wird.
  • Bevor Sie zur Polizei gehen: Dokumentieren Sie die Vorfälle. Wann ist was passiert? Dauernd ruft jemand an – damit kann kein Richter oder Staatsanwalt etwas anfangen. Steigern Sie sich aber nicht in die Dokumentationen rein. Sie sollten lediglich zur Versachlichung dienen. Quelle: Bündnis gegen Cybermobbing e.V.

Macht für die Täter

Geschlagene zwei Wochen lang wurden Lieschen und ihre Nachbarin von der Facebook-Community rauf und runter parodiert. Wie doof kann man sein? Mit solchen Kommentaren fing es an. Bald hatte sich die Netzgemeinde auf die beiden Frauen eingeschossen. Profilbilder wurden verändert, Köpfe in Szenen montiert, bei denen Leute sich ungeschickt anstellen. „Gerade auch diese Möglichkeit der Verfremdung, so genannter Memes, gibt den Tätern bislang nie dagewesene Einflussmöglichkeiten“, weiß der Mobbingexperte. Und erzählt dann, wie es für ihn selbst weiterging, als Betroffener: „Zunächst habe ich getan, wovor ich immer gewarnt habe.“ Tag und Nacht beschäftigte er sich mit seinem Peiniger, fragte sich, wo der gerade sein konnte und was er wohl als Nächstes tat. „Das gab ihm eine Macht, die ihm auf keinen Fall zustand!“.

Heute versucht er, die weiter andauernden Attacken zu ignorieren. Nach dem Motto: Wenn jemand schlecht über mich redet, kann ich das nicht vermeiden. Ich kann aber versuchen, gelassener damit umzugehen.

Die ideale Reaktion gibt es nicht

Aber ist diese Strategie wirklich generell empfehlenswert? „Die Frage ist eher, was wir sonst raten können“, findet Peter Sommerhalter. Ein genereller Verzicht auf Netzwerkaktivitäten – ein Schritt, den manche Betroffene gehen – ist für ihn jedenfalls keine Option. Und sonst?

„Wir haben uns schleichend an aggressives Verhalten gewöhnt, weil niemand es sanktioniert“, gibt Catharina Katzer zu bedenken. „Es wird sogar noch beklatscht und mit Followern belohnt.“ Aggressive Verhaltensmuster würden so erlernt und nähmen immer häufiger auch den Weg vom Netz auf die Straße. „Ein Handeln ist zwingend notwendig.“ Die Polizeibeamten hätten die Bedrohung in seinem Fall zwar ernst genommen, sagt Sommerhalter und die entsprechenden Internetfirmen eingeschaltet. Weitergebracht hätte das aber überhaupt nicht: „Der Datenschutz sieht vor, dass nichts länger als einige Tage gespeichert werden darf.“

Wenn es nun im Bundesjustizministerium heißt, man wolle mit mehr Härte gegen Häme im Netz vorgehen, ist das im Prinzip eine gute Sache, findet man beim Bündnis für Cybermobbing. Im Grunde seien es aber weniger die Strafen, an denen gedreht werden müsse. „Bedrohung, üble Nachrede – all das sind schließlich bereits Straftaten nach dem Strafgesetzbuch“, sagt Peter Sommerhalter. Trotzdem komme es selten bis gar nicht zu Verurteilungen. Uwe Leest wird noch deutlicher: „Meinungsfreiheit wird heute höher gewertet als die Würde des Menschen.“ Und das, obwohl diese doch bekanntlich unantastbar ist.


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