31.07.2017

Diabetes: Update Ernährung

© drubig-photo / stock.adobe.com

Anzeige

von Dr. med. Peter Stiefelhagen

Mit Blick auf die Ernährung von Diabetikern wird vieles propagiert, was wissenschaftlich nicht bewiesen ist. Dazu gehört das Thema Reduktionsdiäten ebenso wie der Stellenwert der Nahrungsergänzungsmittel.

D er moderne Lebensstil führt zu deutlichen Veränderungen im Essverhalten. Immer weniger Menschen nehmen drei Hauptmahlzeiten ein. Auch werde das Auslassen von Mahlzeiten zunehmend als eine Möglichkeit der Gewichtskontrolle gesehen. „Diese veränderten Essgewohnheiten werden in Zusammenhang gebracht mit metabolischen Störungen“, so PD Dr. Thomas Skurk, München, auf dem 52. Kongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Hamburg.

Gestörter Stoffwechsel

Die Leber ist der zentrale Ort für die Regulation des Blutzuckers nach oraler Glukosezufuhr (postprandiale Glukosetoleranz). „Beim Typ-2-Diabetiker ist typischerweise der postprandiale Glukosestoffwechsel gestört“, erläuterte Skurk. So wird die endogene Glukoseproduktion nicht unterdrückt, die Insulinsekretion setzt verspätet ein, die Glukose-Clearance aus der Zirkulation (Glukoseausscheidung) ist verlängert, und die Suppression der Glukagonsekretion ist vermindert. Das alles sorgt für ein langsameres Absinken der Blutglukosekonzentration im Blut nach Nahrungsaufnahme.

Dazu kommt, dass die postprandialen Triglyzeride höher und länger erhöht sind im Vergleich zu Stoffwechselgesunden. Denn auch der Chylomikronen-Metabolismus ist gestört, genauer gesagt, die Insulinresistenz führt zu einer vermehrten Produktion dieser Lipidproteinpartikel, die im Darm aufgenommene Nahrungsfette unter Umgehung der Leber ins Blut transportieren.

Nach neueren Untersuchungen dürfte auch das Mikrobiom die Glukosetoleranz beeinflussen. „Doch ein konservatives Gewichtsmanagement verbessert die metabolischen Parameter unabhängig vom Mikrobiomprofil“, so Skurk.

Frühstück ist wichtig

Er führte weiter aus, dass bereits eine eintägige Überernährung eine Insulinresistenz mit daraus resultierender Erhöhung der Glukose- und Insulinspiegel in der Nacht induziert. Stärkehaltige Supplemente zur Bettzeit hingegen entfalten einen günstigen Effekt auf den Blutzuckernüchternwert am folgenden Morgen. Nach dem Auslassen des Frühstücks findet sich ein erhöhter Insulinspiegel, aber trotzdem eine verminderte Suppression der Fettoxidation nach dem Mittagessen.

„Grundsätzlich scheint eine geringere Mahlzeitenhäufigkeit mit höherer Kalorienaufnahme energetisch besser zu sein; doch das Auslassen von Mahlzeiten sollte eher abends als morgens stattfinden“, lautete die Empfehlung von Skurk. Diabetiker mit einem späten Chronotyp, die nicht frühstücken, hätten eine schlechtere glykämische Kontrolle. Wichtig sei auch das Vermeiden von Snacking. Darunter zu verstehen ist das über den Tag verteilte Essen kleinerer Mahlzeiten (Snacks).

TIPP!

Einer der häufigsten Gründe für eine Unterzuckerung bei hochsommerlichen Temperaturen wird oft nicht wahrgenommen: das Schwitzen. Weisen Sie Ihre Kunden darauf hin und raten Sie dazu, bei Hitze häufiger den Blutzuckerspiegel zu messen.

NEM sind überflüssig

Etwa 30 Prozent aller Diabetiker nehmen Nahrungsergänzungsmittel (NEM). Dazu gehören vor allem Magnesium, Chrom, Vitamin E und D. Studien zur Verwendung von solchen Nahrungsergänzungsmitteln bei Personen mit erhöhtem Diabetesrisiko oder manifestem Diabetes mellitus weisen heterogene Ergebnisse auf. „Die Evidenz gründet sich vorwiegend auf epidemiologische Daten, es gibt nur wenige randomisierte kontrollierte Studien“, berichtete Dr. Katharina Weber, Düsseldorf.

Alle nationalen und internationalen Fachgesellschaften empfehlen deshalb aufgrund unzureichender Evidenz die Verwendung von Nahrungsergänzungsmitteln nicht, weder zur Reduktion des Diabetesrisikos noch zur Verbesserung der Stoffwechseleinstellung bei Diabetikern. Weber: „Eine ausgewogene Ernährung bietet eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen.

Jetzt herunterladen!

Hier finden Sie einen Handzettel zum Thema Diabetikerernährung. Laden Sie ihn kostenlos herunter, versehen ihn mit Ihrem Apothekenstempel und geben ihn dem Kunden nach dem Beratungsgespräch mit.

Nach 17 Uhr

Ein besonders großes Interesse hat der Bestseller „Schlank im Schlaf, keine Kohlenhydrate am Abend!“ gefunden. Empfohlen wird eine Diät, bei der morgens viel Kohlenhydrate, aber kein tierisches Eiweiß zu sich genommen werden. Das Mittagessen besteht aus einer Mischkost mit vielen Kohlenhydraten und reichlich Eiweiß pflanzlicher und tierischer Herkunft. Und abends werden nur noch Eiweiße gegessen ohne Kohlenhydrate.

Hintergrund

Die Rationale für Diätempfehlungen, die die Kohlenhydratzufuhr nach 17 Uhr ablehnen, ist folgende: Alle Systeme des Körpers, auch das metabolische, unterliegen einem zirkadianen Rhythmus. So ist die Insulinsensitivität abends schwächer als in den Morgenstunden. Aber auch die Nahrungsabsorption, die Hormonsekretion, die Fettakkumulation und die Inflammation zeigen tageszeitliche Schwankungen.

Studie bringt Klarheit

Der Frage, ob es aus metabolischer Sicht sinnvoller ist, Kohlenhydrate vorwiegend morgens statt abends zu konsumieren, wurde im Rahmen einer klinischen Studie nachgegangen.

Studie-- Die erste Gruppe mit 14 Probanden erhielt eine Diät, bei der morgens 65 Prozent der Energie in Form von Kohlenhydraten, 20 Prozent als Fett und 15 Prozent als Protein gegeben wurden. Nach 16.30 Uhr erhielten die Probanden 35 Prozent Kohlenhydrate, 50 Prozent Fett und 15 Prozent Eiweiß.

Bei der zweiten Gruppe mit 15 Probanden bestand die Diät aus 35 Prozent Kohlenhydrate, 50 Prozent Fett und 15 Prozent Protein morgens, und nachmittags ab 16.30 Uhr erhielten sie eine Mahlzeit mit 65 Prozent Kohlenhydrate, 20 Prozent Fett und 15 Prozent Protein.

Nach vier Wochen bekamen alle Studienteilnehmer eine Testmahlzeit. Dabei wurden die metabolischen Parameter wie Nüchtern- und postprandialer Blutzucker, aber auch Fettsäuren und die Spiegel von Insulin und Inkretinen bestimmt.

Ergebnisse-- „Die Ergebnisse sprechen dafür, dass eine fettreiche Ernährung am Morgen mit einer kohlenhydratreichen Diät am Abend einen ungünstigen Effekt auf die glykämische Kontrolle entfaltet“, berichtete Dr. Olga Pivovarova, Potsdam, auf dem Kongress. Dies gilt aber nur für Patienten mit einem gestörten Glukosemetabolismus, nicht aber für Stoffwechselgesunde.

Mit anderen Worten, bei Prädiabetikern ist die Abnahme der Glukosetoleranz in der zweiten Tageshälfte stärker als bei Gesunden. Ergo: Ein kohlenhydratreiches Dinner sollte vermieden werden, vor allem bei Patienten mit einem gestörten Glukosemetabolismus.


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Apotheke und Marketing

APOTHEKE + MARKETING wendet sich an das Fachpersonal in der öffentlichen Apotheke, wobei das Magazin und die Webseite insbesondere auf das berufliche Informationsbedürfnis des Apothekers eingeht.

www.apotheke-und-marketing.de

Springer Medizin

Springermedizin.de ist das Fortbildungs- und Informationsportal für Ärzte und Gesundheitsberufe, das für Qualität, Aktualität und gesichertes Wissen steht. Das umfangreiche CME-Angebot und die gezielte Berichterstattung für alle Fachgebiete unterstützen den Arbeitsalltag.

www.springermedizin.de

Newsletter

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen künftig frei Haus – wöchentlich und kostenlos.