31.12.2019

Diabetesmanagement: Time in Range

von Kirsten Bechtold

Die „Zeit im Zielbereich“ (engl.: Time in Range) wird als neuer Messwert für ein gutes Diabetesmanagement gehandelt, vor allem bei denen, die ein System zur kontinuierlichen Glukosemessung nutzen. Hat der HbA1c nun ausgedient?

© dzika_mrowka / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell)

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Die regelmäßige Kontrolle der Blutglukosewerte ist für jeden Diabetiker ein Muss. Als Zielparameter für die langfristige Blutzuckereinstellung hat sich das Glykohämoglobin A1c (HbA1c) bewährt. Der Wert gibt Auskunft über die durchschnittliche Blutglukosekonzentration der letzten acht bis zwölf Wochen und wird deshalb auch als „Blutzuckergedächtnis“ bezeichnet.

Bei gesunden Menschen liegt der HbA1c-Wert zwischen 4,5 und 6,5 Prozent. Gut eingestellte Diabetiker haben Werte zwischen 6,5 und 7,0 Prozent. Werte über 7,5 Prozent weisen auf einen schlecht eingestellten Blutzuckerspiegel hin. Generell gilt: Je niedriger der HbA1c-Wert, desto geringer ist auch das Risiko für Folgeerkrankungen. Allerdings: Kurzfristige Schwankungen im Blutglukosespiegel (z. B. Hypoglykämie, postprandiale Hyperglykämie) werden nicht erfasst. Auch eine Vielzahl von sehr hohen oder niedrigen Glukosewerten kann insgesamt zu einem „guten HbA1c-Wert“ führen.

Time in Range

Bei der „Time in Range (TiR)“ hingegen werden auch kurzfristige Schwankungen im Blutglukosespiegel erfasst. Bei dem Parameter handelt es sich nicht um eine Messung an sich, sondern um aus Messdaten der kontinuierlichen Glukosemessung (Continuous Glucose Monitoring, CGM) berechnete Werte. Angegeben wird die TiR entweder als Zeit im Zielbereich in Minuten oder Stunden pro Tag oder als Prozentsatz der Glukosemessungen pro Tag oder Aufzeichnungszeit. Abweichungen nach unten und oben gehen mit einem erhöhten Risiko für Hypo- und Hyperglykämien einher.

Die TiR ist also ein neuer Ansatzpunkt, Schwankungen zu erkennen und künftig zu verringern und so das Risiko für schwere Unterzuckerungen zu minimieren. Er ist für alle Träger von Systemen zur CGM interessant. Die modernen Systeme kommen ohne Blut aus und messen den Glukosegehalt in der Gewebeflüssigkeit des Unterhautfettgewebes kontinuierlich. Die Diabetiker erhalten so ein vollständiges Bild der sich verändernden Blutzuckerwerte, angezeigt in Form von CGM-Kurven. Um aus diesen eine für eine längere Zeitspanne aussagekräftige TiR zu generieren, benötigt man laut einer Stellungnahme der Kommission Labordiagnostik (KLD) in der Diabetologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (2019) mindestens zehn bis 14 Tage CGM-Daten.

Zielbereich

Als Zielbereich für die TiR hat eine internationale Konsensusgruppe einen Glukosebereich von 70 bis 180 Milligramm pro Deziliter Blut (3,9 bis 10,0 mmol/l) definiert. Erreichen Typ-1- und Typ-2-Diabetiker diese Werte, sollten hypo- oder schwere hyperglykämische Ereignisse weitestgehend vermeidbar sein.

Werte unter 70 Milligramm pro Deziliter (< 3,9 mmol/l) werden als Zeit unterhalb des Zielbereiches (Time below Range, TbR) bezeichnet. Im hyperglykämischen Bereich befinden sich Patienten bei Werten über 180 Milligramm pro Deziliter (>10,0 mmol/l), auch als Zeit oberhalb des Zielbereiches (Time above Range, TaR) bezeichnet.

Idealerweise würden die Glukosewerte aller Diabetiker ständig im Zielbereich (TiR = 100 %) liegen. Realistisch mit den aktuell üblichen Therapieoptionen ist laut KLD eine TiR von etwa 70 Prozent. Werden Systeme genutzt, die Insulin automatisch dosieren, kann unter Alltagsbedingungen auch eine TiR von 80 oder sogar 90 Prozent erreicht werden. Bei Kindern und Jugendlichen schwanken die Werte altersbedingt stärker. Hier lautet die Empfehlung der Konsensusgruppe mindestens 50 Prozent Zeit im Zielbereich.

Fazit

Da die Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung noch relativ neu sind, gibt es noch keine aussagekräftigen Langzeitdaten dazu, wie sich das Erreichen von mehr oder weniger Zeit im Zielbereich auf das Risiko für Folgeerkrankungen auswirkt. Auch ist ein etablierter Standard für die Glukosemessung mit CGM-Systemen bisher nicht vorhanden. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere offene Fragen, die die Wissenschaftler in den kommenden Jahren klären müssen.

Dennoch sind sich die Experten einig, dass der TiR-Parameter eine sinnvolle und wertvolle Ergänzung zur HbA1c-Messung sein kann. Denn er gibt über die Informationen des HbA1c hinaus Aufschluss über kurzeitige Schwankungen des Glukosespiegels und kann von Arzt und Diabetiker ohne aufwendige Labordiagnostik jederzeit abgerufen werden.

Noch was ...

  • CMG-Systeme messen automatisch über einen kleinen, am Bauch oder Oberarm angebrachten Sensor und in Abständen von wenigen Minuten.
  • Manche Sensoren werden mit einer Setzhilfe eingesetzt und alle fünf bis 14 Tage ausgetauscht. Andere setzt Fachpersonal bis zu sechs Monate unter die Haut.
  • Beim rtCGM-System (real time) werden die Daten entweder an ein spezielles Empfangsgerät oder eine Smartphone App in Echtzeit übertragen.
  • Beim isCGM-System (intermitted scanning) muss der Nutzer mittels Scanner (spezielles Messgerät, Smartphone App) seine Werte durch aktives Bewegen über den Sensor abfragen.

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