30.03.2021

Diabetikertrinknahrungen: Stabile Werte

von Beate Ebbers

Menschen mit Glukosetoleranzstörungen oder Diabetiker benötigen eine Kost, die die Nährstoffversorgung sichert und den Blutzucker stabilisiert. Wird nicht mehr ausreichend gegessen, helfen Spezialtrinknahrungen.

© Stefanie Fastnacht

Originalartikel als PDF


  • Können Diabetiker und Patienten mit Glukosetoleranzstörungen ihren Nährstoffbedarf nicht mehr mit einer angepassten Kost decken, helfen stoffwechseladaptierte Spezialtrinknahrungen.
  • Die kohlenhydratmodifizierten, ballaststoffreichen Diäten zeichnen sich durch einen niedrigen glykämischen Index aus und sorgen für einen ausgeglichenen Blutzuckerspiegel.
  • Besteht gleichzeitig ein hohes Risiko für eine Mangelernährung, sind hochkalorische eiweißreiche Varianten empfehlenswert.

Blutzuckerwerte zwischen 70 und 140 Milligramm Glukose pro Deziliter Blut sind normal. Bei gesunden Menschen sinkt der Blutglukosespiegel im Nüchternzustand (8 – 10 Std. o. Nahrung) meist nicht unter 70 Milligramm pro Deziliter. Nach einem kohlenhydratreichen Essen steigt er an, wobei ein Wert von über 140 Milligramm pro Deziliter in der Regel nicht überschritten wird. Abweichungen von dieser Norm, mitunter mit erheblichen Ausreißern nach oben oder unten, können bei Diabetes mellitus und anderen Erkrankungen (z. B. Cushing-Syndrom, Schilddrüsenüberfunktion) auftreten. Auch in besonderen Lebenssituationen (z. B. Schwangerschaft, hohes Alter) kann es aufgrund einer Glukosetoleranzstörung zu unerwünschten Blutzuckerschwankungen kommen.

Diabetes mellitus

Ursache für erhöhte Blutzuckerwerte (> 200 mg/dl, Hyperglykämie) bei Diabetes mellitus ist entweder ein Insulinmangel (Diabetes Typ 1) oder eine verminderte Insulinwirkung (Diabetes Typ 2). In der Regel werden in der Diabetestherapie normnahe Blutzuckerwerte zwischen 90 und 180 Milligramm pro Deziliter angestrebt. Ziel ist es, sowohl eine Hyper- als auch eine Hypoglykämie (<70 mg/dl) zu vermeiden.

Aus dem OTC-Sortiment*

Produkt

Eigenschaften**

empf. Tagesmenge (zur ergänzenden Ernährung)**

verordnungs- fähig**

Diasip

Erdbeer, Vanille

- normokalorisch (1,0 kcal/ml)

- reich an löslichen und unlöslichen Ballast- stoffen

- reich an einfach ungesättigten Fettsäuren

- reich an Vitamin E und Antioxidanzien

- mit Zuckerarten und Süßungsmitteln

- glutenfrei

1-3 Flaschen

nein

Diben DRINK

Cappuccino, Waldfrucht, Vanille

- hochkalorisch (1,5 kcal/ml)

- eiweißreich (7,5 g/100 ml)

- ballaststoffhaltig

- reich an einfach ungesättigten Fettsäuren

- mit Fischöl

- mit MCT

- kohlenhydratmodifiziert

- laktosearm

- glutenfrei

2-3 EasyDrinks

ja

*beispielhafte Nennungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand Lauer-Taxe: 03.02.21); **lt. Hersteller (Homepage)

Gestörte Glukosetoleranz

Sind bei einem oralen Glukosetoleranztest nach der Aufnahme von 75 Gramm Glukosesirup nach zwei Stunden noch Blutzuckerwerte zwischen 140 und 200 Milligramm pro Deziliter messbar, wird von einer gestörten Glukosetoleranz gesprochen. Ursache ist eine verminderte Insulinempfindlichkeit der Körperzellen. Eine gestörte Glukosetoleranz wird oft als Vorstufe (Prädiabetes) für Diabetes Typ 2 gewertet, obgleich nicht immer ein manifester Diabetes mellitus folgen muss. Darüber hinaus können Störungen der Glukosetoleranz auch in der Schwangerschaft, bei Erkrankungen oder der Einnahme bestimmter Medikamente (z. B. Betablocker, Diuretika) auftreten.

Ernährungsempfehlungen

Unabhängig von der medikamentösen Therapie gelten für Menschen mit Diabetes mellitus oder gestörter Glukosetoleranz – falls die Grunderkrankung nicht dagegen spricht – die gleichen Ernährungsempfehlungen wie für Gesunde. Nach der S2k-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Alter ist eine ausgewogene, vollwertige Mischkost mit 45 bis 60 Prozent Kohlenhydraten gemessen an der Energiezufuhr, 30 bis 35 Prozent Fett und 15 bis 20 Prozent Eiweiß empfehlenswert.

Günstig ist, täglich 40 Gramm Ballaststoffe aufzunehmen. Der Verzicht auf Kohlenhydrate ist nicht sinnvoll. Wichtiger ist, ihren Gehalt in Speisen und Getränken und ihre Wirkung richtig einzuschätzen. Lebensmittel mit hohem glykämischen Index (GI) sollen gegen kohlenhydrathaltige Lebensmittel mit niedrigem GI ausgetauscht werden. Der GI ist ein Maß für die Blutzuckerwirksamkeit von kohlenhydratreichen Lebensmitteln und Speisen. Je niedriger der GI ist, desto langsamer und flacher steigt der Blutzuckerspiegel nach dem Essen an. Die Aufnahme freier Zucker sollte zehn Prozent der Gesamtenergie nicht überschreiten.

Menschen mit Diabetes mellitus oder gestörter Glukosetoleranz können wie Gesunde auf das große Angebot mit herkömmlichen Lebensmitteln zurückgreifen. Günstig sind Gemüse, bestimmte Obstsorten, Hülsenfrüchte sowie Vollkornprodukte. Ungünstig sind Süßwaren, Kuchen, Gebäck, gezuckerte Getränke. Spezielle Produkte sind nicht nötig. Dennoch können Lebenssituationen oder Begleiterkrankungen dazu führen, dass der Nährstoffbedarf nicht mehr ausreichend über die normale Ernährung gedeckt werden kann. In diesen Fällen tragen Spezialtrinknahrungen dazu bei, Defizite auszugleichen, ohne den Blutzuckerspiegel negativ zu beeinflussen.

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Spezialtrinknahrung

Hinsichtlich des Energie-, Kohlenhydrat- und Ballaststoffgehaltes sowie des Fettsäuremusters sind die Spezialtrinknahrungen an die veränderte Stoffwechsellage von Diabetikern und Patienten mit Glukosetoleranzstörungen angepasst. Ihre spezielle Zusammensetzung ermöglicht einen flacheren Blutzuckeranstieg.

Vollbilanziert

Die Nahrungen enthalten alle lebenswichtigen Nährstoffe in bedarfsgerechter Menge und können zur alleinigen Ernährung eingesetzt werden. Die hohe Nährstoffdichte ist gerade für diejenigen Patienten von Vorteil, die zusätzlich zu den Blutzuckerschwankungen unter Appetitlosigkeit, Völlegefühl oder Schläfrigkeit leiden und denen es daher schwerfällt, ausreichend zu essen. Schon kleine Mengen der Trinknahrungen können zur Bedarfsdeckung beitragen.

Normo- bis hochkalorisch

Angeboten werden Trinknahrungen mit einem Energiegehalt von 1,0 Kilokalorien pro Milliliter (normokalorisch) oder 1,5 Kilokalorien pro Milliliter (hochkalorisch). Die normokalorischen Trinknahrungen eignen sich für Patienten mit einem normalen Energiebedarf. Die hochkalorischen Drinks liefern schon bei kleiner Trinkmenge reichlich Energie und Nährstoffe. Gleichzeitig sind sie flüssigkeitsreduziert. Sie sind besonders empfehlenswert für Patienten mit Mangelernährung oder hohem Risiko dafür. Zusätzlich profitieren davon diejenigen, die ihre Trinkzufuhr reduzieren müssen, zum Beispiel bei gleichzeitig vorliegender Leber- und Nierenerkrankung mit Ödemen, Aszites oder einer Verdünnungshyponatriämie.

Eiweißreich

Mangelernährte Diabetiker oder Menschen mit hohem Risiko für eine Mangelernährung können auf eine Spezialnahrung mit einem hohen Eiweißgehalt (7,5 g/100 ml) zurückgreifen. Sie tragen dazu bei, den erhöhten Eiweißbedarf von 1,2 bis zwei Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag bei Personen mit Mangelernährung zu decken. Das beugt einem erhöhten Abbau von Muskeleiweiß vor. Eine proteinreiche Nahrung reduziert zudem das Risiko fürs Wundliegen (Dekubitus) und verbessert die Wundheilung. Davon profitieren jene, die wegen ihrer Grunderkrankung bettlägerig sind.

Kohlenhydratmodifiziert

Die Trinknahrungen zeichnen sich durch einen niedrigen GI aus. Dadurch lassen sich Blutzuckerspitzen vermeiden. Erreicht wird der niedrige GI durch hohe Anteile an Stärke, Stärkeabbauprodukten (Dextrine), Fruktose oder Isomaltulose. Als komplexe Kohlenhydrate können Stärke und Dextrine nur langsam in ihre Bausteine zerlegt werden. Dies trifft auch auf das Disaccharid Isomaltulose zu. Dessen Bausteine Glukose und Fruktose sind im Unterschied zu Haushaltszucker (Saccharose, ebenfalls ein Disaccharid aus Glukose und Fruktose) besonders stabil miteinander verbunden.

Der Anstieg des Blutzuckerspiegels ist damit geringer als nach der Zufuhr von Saccharose. Fruktose wird insulinunabhängig verstoffwechselt und beeinflusst damit den Blutzuckerspiegel kaum. Ob der Zucker tatsächlich die Insulinresistenz erhöht, wie Tierversuche und epidemiologische Humanstudien vermuten lassen, muss noch durch größere und längere Studien geklärt werden. Als Süßungsmittel dienen Süßstoffe, zum Beispiel Acesulfam-K oder Natriumsaccharin, ohne Wirkung auf den Blutzuckerspiegel.

Fettmodifiziert

Fettstoffwechselstörungen sind ein entscheidender Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen bei Diabetikern. Daher sind die Spezialtrinknahrungen durch die Verwendung von Sonnenblumen-, Raps- und Fischölen reich an einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Diese wirken sich positiv auf die Blutfettwerte (Triglyceride, Cholesterin) aus und beugen Fettstoffwechselstörungen und arteriosklerotischen Veränderungen vor. Zusätzlich enthält ein Produkt Fett mit mittelkettigen Fettsäuren (middle chain triglyceride, MCT). Dieses hat gegenüber natürlich vorkommenden Fetten mit langkettigen Fettsäuren den Vorteil, dass MCT ohne Hilfe von Gallensäuren und Lipasen aufgeschlossen werden können und damit leichter verdaulich sind.

Ballaststoffreich

Mit ihrem Gehalt an Ballaststoffen entsprechen die Trinknahrungen den Ernährungsempfehlungen für Diabetiker. Unlösliche Ballaststoffe (z. B. Cellulose, resistente Stärke) sorgen nicht nur durch ihre hohe Quellfähigkeit für eine gute Darmtätigkeit. Sie wirken sich auch positiv auf den Blutzuckerspiegel aus, indem sie die Absorption von Kohlenhydraten verlangsamen. Dass davon besonders Patienten mit einem Prädiabetes profitieren, zeigte erst im letzten Jahr eine doppelblinde kontrollierte Interventionsstudie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam. Im Unterschied zur Kontrollgruppe verbesserte sich bei Probanden mit erhöhtem Nüchternblutzucker die Glukosetoleranz nach Einnahme einer Trinklösung mit unlöslichen Ballaststoffen.

Lösliche Ballaststoffe (z. B. Galakto-Oligosaccharide) dienen als Präbiotika und sind „Futter“ für Darmbakterien. Bei ihrem Abbau entstehen kurzkettige Fettsäuren, zum Beispiel Butyrat. Diese dienen Darmzellen der Dickdarmschleimhaut als Energielieferant und halten so die Barrierefunktion gegenüber schädlichen Keimen aufrecht. Zusätzlich sorgt die erhöhte Bakterienmasse für einen weichen, gleitfähigen Stuhl.


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