29.06.2021

E-Rezept: Nie gehört

von Christoph Niekamp

Eigentlich sollte das elektronische Rezept (E-Rezept) ab Juli 2021 bundesweit eingeführt werden. Nun startet zunächst eine dreimonatige Testphase für gesetzlich Versicherte in der Fokusregion Berlin-Brandenburg.

© Alex Liew / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell(en))

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Bisher werden jährlich rund 500 Millionen Papierezepte in Deutschland ausgestellt. Mit der Einführung des elektronischen Rezeptes wird das ausgedruckte Muster-16-Formular in rosa zum Auslaufmodell. Ab dem 01. Januar 2022 gibt es für alle Verordnungen von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln für gesetzlich Versicherte nur noch das E-Rezept. Alle Ärzte mit Kassenzulassung und alle Apotheken in Deutschland sind im Regelfall dazu verpflichtet, es zu verwenden. Technisch sind die Apotheken auf den Start im nächsten Jahr bereits bestens vorbereitet.

Telematikinfrastruktur

Ende Mai waren nach Angaben der ABDA neun von zehn Apotheken über Konnektoren an die Telematikinfrastruktur (TI) angebunden. Die übrigen Betriebe sollten in den nächsten Wochen dazu kommen, so eine Mitteilung der ABDA. Neben den Konnektoren benötigt die Apotheke auch eineInstitutionskarte (SMC-B Karte), um sich gegenüber der Telematikinfrastruktur zu authentisieren. Jeder Apotheker benötigt einen Heilberufsausweis, mit dem er Änderungen amE-Rezept mit einer qualifizierten elektronischen Signatur versehen kann. Nach Angaben der ABDA sind 90 Prozent aller Apotheken mit Institutionskarten versorgt und die Inhaber weitgehend mit elektronischen Heilberufsausweisen ausgestattet.

Damit die neue Funktion des E-Rezepts unterstützt wird, benötigt das Warenwirtschaftssystem der Apotheke ein Update. An den Kassen sind zudem ausreichend Securpharm-Scanner erforderlich.

E-Rezepte werden beim Erstellen durch den Arzt mit einer qualifizierten elektronischen Signatur versehen. Dies entspricht der Unterschrift des Arztes auf den heutigen Papierrezepten. Im Unterschied zur handschriftlichen Unterschrift kann die qualifizierte elektronische Unterschrift nach Angaben der Gematik praktisch nicht gefälscht werden. Anhand der qualifizierten elektronischen Signatur kann die PTA in der Apotheke feststellen, wer das E-Rezept ausgestellt hat und ob der Inhalt des E-Rezepts unbefugt verändert wurde.

Wussten Sie, dass ...

  • die Voraussetzung für das Einlösen des E-Rezepts per App ein NFC-fähiges Smartphone mit mindestens iOS 14- oder Android 7-Betriebssystem ist? NFC steht für Nahfeldkommunikation (Near Field Communication) und bezeichnet die Datenübertragung auf kurze Distanzen mittels elektromagnetischer Induktion.
  • zur Anmeldung in der App eine elektronische Gesundheitskarte notwendig ist, die NFC unterstützt? Diese ist an der sechsstelligen Zugangsnummer erkennbar.
  • Versicherte die Gesundheitskarte und die dazugehörige PIN bei ihrer Krankenkasse bestellen können?

Ausdruck oder App

Das E-Rezept kann auf zwei Arten von den Kunden eingelöst werden. Entweder meldet sich der Kunde über die Gematik App an der TI an und holt hier die Informationen über seinE-Rezept, also ID und Schlüssel, ab. Diese überträgt er per App an die Apotheke seiner Wahl oder zeigt in der Offizin den Code auf seinem Smartphone vor. Sollte sie das Medikament nicht auf Lager haben, kann die Apotheke den Kunden informieren, dass er es erst später abholen kann. Bietet die Apotheke einen Botendienst an, kann sich der Kunde das Medikament nach Hause liefern lassen. Das spart Wartezeiten, doppelte und unnötige Wege.

Und was ist mit Menschen ohne Smartphone? Alternativ zur App können Kunden auch einen Ausdruck nutzen. Sie erhalten in der Arztpraxis einen DIN A5 Zettel mit den Codes von bis zu drei Verordnungen. Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der ABDA wollen 59 Prozent der Befragten das E-Rezept ausdrucken lassen und wie bisher damit zur Apotheke gehen. Die E-Rezept-Ausdrucke werden nicht für die Abrechnung benötigt. PTA können das Papier entweder den Kunden zurückgeben oder es datenschutzgerecht entsorgen.

Im ersten Schritt ersetzt das E-Rezept das rosa Rezept für verschreibungspflichtige Arzneimittel. Ärzte können ebenfalls Rezepturen und Zytostatikazubereitungen entsprechend §11 Apothekengesetz elektronisch verordnen. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung wird es zukünftig einen Weg für die elektronische Direktübermittlung an die Apotheke geben.

Schritt für Schritt sollen auch andere Verordnungen hinzukommen. Dazu werden Rezepte für Betäubungsmittel, digitale Gesundheitsanwendungen und T-Rezepte digitalisiert.

E-Rezept: Was ist das?

Für die Apotheken bedeutet der Wechsel vom Papierrezept zum E-Rezept einen großen Wandel. Nach dem Einscannen des Codes wird die Verordnung direkt im Warenwirtschaftssystem angezeigt. Eine manuelle Eingabe von Rezeptinformationen entfällt. E-Rezepte enthalten laut der verantwortlichen Gesellschaft Gematik seltener Formfehler, weil bereits bei der Erstellung überprüft wird, ob alle Felder ausgefüllt sind und die Signatur des Arztes vorhanden ist. Falls dennoch Angaben im E-Rezept fehlen oder unklar sind, kann die PTA in der Praxis nachfragen. Der Arzt stellt dann ein neues Rezept aus und schickt den E-Rezept-Code via TI direkt an die Apotheke.

In der Bevölkerung ist die nahende Einführung des elektronischen Rezepts noch nicht so präsent. Zwei Drittel der Teilnehmer einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der ABDA gaben an, noch nie vom E-Rezept gehört zu haben. Die Umfrage zeigt auch, dass die Apotheke vor Ort der wichtigste Anlaufpunkt für Arzneimittel ist. Drei Viertel der Befragten würden das E-Rezept in der öffentlichen Apotheke einlösen.

Die Umfrageteilnehmer unter 50 Jahre sehen besonders den Umweltschutz und mehr Komfort als Vorteile des E-Rezepts. Die älteren Befragten sind etwas skeptischer. Sie befürchten weniger soziale Kontakte und einen Wegfall der Beratung als Nachteile des E-Rezepts. Die Digitalisierung im Gesundheitswesen entspricht der Lebenswelt vieler jüngerer Befragten. Diese Lebenswelt wird auch die Lebenswelt der älteren Generation von morgen sein, resümiert die Umfrage der ABDA.


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