30.03.2021

Forschung: Therapien gegen COVID-19

von Kirsten Bechtold

Laut dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie laufen weltweit etwa 1500 Studien zu Wirkstoffen, die künftig zur Therapie von COVID-19 eingesetzt werden könnten. Einige Beispiele stellen wir Ihnen vor.

© Getty Images (Symbolbild mit Fotomodellen)

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Forschende in aller Welt suchen nicht nur nach Impfstoffen gegen COVID-19, sondern auch nach Medikamenten, die prophylaktisch wirken oder mit denen verschiedene Krankheitsstadien therapiert beziehungsweise die Krankheit geheilt werden kann. Sie setzen dabei große Hoffnung auf bereits gegen andere Krankheiten zugelassene oder in der Entwicklung befindliche Arzneimittel. Diese umzufunktionieren, ein Repurposing genannter Vorgang, gelingt laut dem Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) in der Regel schneller als Neuentwicklungen.

Mit Blick auf COVID-19 nennt der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) unter anderem antivirale Medikamente, Immunmodulatoren und monoklonale Antikörper als vielversprechende Ansätze. Aber auch Arzneimittel aus anderen Gruppen und Neuentwicklungen stehen auf der Agenda der Forschenden. Wer sich einen Überblick über alle laufenden Projekte sowohl für Medikamente als auch Impfstoffe verschaffen möchte, findet hierzu Infos auf den Seiten des US-amerikanischen Milken Institute (covid-19tracker.milkeninstitu te.org). Wir haben für Sie einige aus unserer Sicht interessante Ansätze und Kandidaten herausgesucht.

Darüber hinaus werden bestimmte Medikamente bereits in der stationären Therapie von Erkrankten eingesetzt. Empfehlungen, in welchem Krankheitsstadium, welche Behandlung sinnvoll ist, enthält die am 23. Februar 2021 veröffentlichte AWMF-Leitlinie „Empfehlungen zur stationären Therapie von Patienten mit COVID-19“. Für diese hat ein Bündnis von 14 medizinischen Fachgesellschaften fächerübergreifend aktuelle Studiendaten systematisch durchforstet und bewertet. Die Empfehlungen der Europäischen Arzneimittelagentur EMA zu monoklonalen Antikörpern (s. u.) sind hier noch nicht berücksichtigt.

Wusten Sie, dass ...

  • niedermolekulare Heparine wie Enoxaparin und Tinzaparin gegen die Thrombosegefahr bei COVID-19 erprobt werden?
  • der Gerinnungshemmer Rivaroxaban darauf getestet wird, ob sich mit ihm Komplikationen, die das Herz betreffen, verhindern lassen?
  • Acetylsalicylsäure in einer klinischen Studie als Therapie für stationär behandelte COVID-19-Patienten untersucht wird?
  • getestet wird, ob Blutdrucksenker aus der Klasse der Sartane bei der Überwindung von Lungen- und Herz-Komplikationen bei COVID-19 hilfreich sind?

Antivirale Medikamente

Dabei handelt es sich um zum Teil schon zugelassene Medikamente gegen Erkrankungen wie Ebola, Hepatitis C, Influenza oder SARS-Infektionen. Sie sollen verhindern, dass Viren in Körperzellen eindringen oder sich dort vermehren. Bekannter Vertreter ist der ursprünglich gegen Ebola entwickelte RNA-Polymerase-Inhibitor Remdesivir. Er hemmt die Virusvermehrung im Zellinneren und hilft einigen Studien zufolge, die Krankheitsdauer von COVID-19 in bestimmten Krankheitsstadien um einige Tage zu verkürzen. Im Sommer 2020 erteilte die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA) eine Notfallzulassung, die EMA eine bedingte Zulassung. Seitdem wird Remdesivir in bestimmten Fällen zur Behandlung von COVID-19-Patienten eingesetzt.

E in weiterer RNA-Polymerase-Inhibitor, Favipiravir, kann möglicherweise bei nicht schwer an Lungenentzündung erkrankten Patienten die Zeit bis zum Abklingen der Symptome oder dem Sinken der Viruslast unter die Nachweisgrenze um einige Tage verkürzen. Derzeit wird dessen Wirkung laut vfa in einer Phase-III-Studie überprüft. In Russland ist Favipiravir für die COVID-19-Therapie zugelassen. Für Japan will der Hersteller eine Zulassungserweiterung des Grippemittels beantragen.

Weitere antiviral wirksame Kandidaten sind Ivermectin und ein Arzneimittel mit dem Namen „APN01“. Ivermectin ist ein Antiparasitikum, das als Mittel gegen Fadenwürmer und Krätzmilben bekannt ist. Sein Einsatz bei COVID-19 wird derzeit sowohl zur Therapie als auch zur Prophylaxe untersucht. „APN01“ wurde gegen akutes Lungenversagen entwickelt.

Der Wirkstoff ist eine gentechnisch hergestellte, lösliche Form des humanen Angiotensin-Converting-Enzyms 2 aus der SARS-Forschung. Für ihn konnte gezeigt werden, dass er als „falscher Rezeptor“ an das Spike-Protein des Virus bindet, sodass dieses nicht mehr am richtigen Rezeptor der menschlichen Zelle andocken kann.

Noch was ...

  • Das aus einer Rotalge gewonnene Polymer Iota-Carrageen ist durch COVID-19 in den Blick der Wissenschaft gerückt.
  • Forschergruppen prüfen derzeit, ob sich mit Hilfe von Iota-Carrageen enthaltenden Nasensprays verhindern lässt, dass SARS-CoV-2-Viren die Zellen der Atemwege erreichen.
  • Dies soll einer Vorabveröffentlichung (ohne Peer-Review-Verfahren) argentinischer Forscher bei Krankenhauspersonal das Ansteckungsrisiko gesenkt haben.
  • Eine weitere Studie eines österreichischen Unternehmens zu diesem Thema läuft derzeit im Vereinigten Königreich.

Immunmodulatoren

Verläuft COVID-19 schwer, steht die überschießende Reaktion des eigenen Immunsystems im Mittelpunkt der Therapie. Hier setzen die Forschenden auf dämpfende Immunmodulatoren, wie sie auch gegen Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Multiple Sklerose eingesetzt werden. Diese regulieren die Immunüberreaktion herunter. Bei schwerstkranken COVID-19-Patienten konnte in einer Studie zum Beispiel der Wirkstoff Dexamethason die Sterblichkeit deutlich senken.

Manche Medikamente bekämpfen Viren nicht direkt, sondern sollen die körpereigene Virenabwehr stärken. Eins davon ist ein stimulierender Immunmodulator mit Parapoxviren. Er ist ursprünglich zur Behandlung von Hepatitis B entwickelt worden und hat für diese Indikation bereits eine Phase-I-Studie mit Patienten durchlaufen. Nun soll es mit einigen asymptomatischen Corona-Patienten getestet werden, in Erwartung einer verstärkten Immunreaktion.

Bereits in verschiedenen Studien getestet wurde eine Gruppe anderer Immunmodulatoren: die Interferone. Sie sind gentechnisch hergestellte Varianten körpereigener Botenstoffe. Gegen SARS-CoV-2 untersuchen die Wissenschaftler vor allem die alpha-, beta- und lambda-Interferone.

Monoklonale Antikörper

Diese werden mit Zellkulturen in riesigen Kulturgefäßen hergestellt, nachdem die Zellen dafür passend gentechnisch verändert wurden. Bisher werden monoklonale Antikörper vor allem in der Krebstherapie und gegen Autoimmunerkrankungen eingesetzt. Für COVID-19 haben Forschende einen Antikörper, der aus dem Plasma eines Menschen gewonnen wurde, der COVID-19 überstanden hatte, quasi biotechnisch „kopiert“. Diese Antikörper-Kopie wurde dann weiter bearbeitet und schließlich eine Zellkultur für die großtechnische Herstellung entwickelt. Im Kampf gegen COVID-19 können solche Arzneimittel in einer frühen Phase einer Infektion mit SARS-CoV-2 laut BPI zu einer deutlichen Verringerung der Viruslast beitragen. In den USA haben zwei Medikamente auf der Basis monoklonaler Antikörper (Bamlanivimab, Casirivimab/Imdevimab) im November 2020 eine Notfallzulassung bekommen.

Verabreicht werden sie als Infusion. Inzwischen befürwortet auch die EMA den Einsatz der Antikörperkombination Casirivimab/Imdevimab (REGN-CoV2) bei COVID-19-Patienten, die keinen zusätzlichen Sauerstoff benötigen und bei denen ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf besteht. Und auch für Bamlanivimab, allein oder in Kombination mit Etesevimab, gab es am 05. März 2021 von der EMA eine positive Empfehlung für die entsprechende Patientengruppe. Eine Zulassung steht jedoch noch aus (Stand 09.03.2021). Alle vier Antikörper richten sich gegen das Spike- Protein des neuen Coronavirus, allerdings gegen unterschiedliche Stellen. Das Virus wird am Eintritt in die Zelle gehindert und kann sich nicht vermehren. So sollen schwere COVID-19-Verläufe verhindert werden. Erst kürzlich hatte die Bundesregierung entsprechende Präparate zur Verwendung in Krankenhäusern bestellt.

Gen-Silencing

Zwei US- und ein südkoreanisches Unternehmen arbeiten an diesem ganz neuen Ansatz: Dabei wird das Virus dadurch blockiert, dass einige seiner Gene „zum Schweigen gebracht werden“ und deshalb nicht mehr funktionieren, berichtet der BPI.


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