03.01.2022

Halsschmerzen: Delayed Prescription

von Stefanie Fastnacht

Apotheken sind oft die erste Anlaufstelle, wenn der Rachen entzündet ist. Lesen Sie, was Sie betroffenen Kunden empfehlen können und was es mit der „delayed prescription“ auf sich hat.

© Steve Gschmeissner / Science Photo Library / mauritius images

Originalartikel als PDF


  • Häufigste Verursacher von Pharyngitis/Tonsillopharyngitis sind Erkältungsviren.
  • Bakteriell bedingte Infekte werden vor allem von beta-hämolysierenden Streptokokken vom Typ A. verursacht.
  • Zur symptomatischen Therapie empfiehlt die S3-Leitlinie Halsschmerzen rezeptfreie OTC-Präparate mit Ambroxol, Benzocain und Flurbiprofen.
  • Befeuchtend und schmerzstillend wirken auch Emser Salz oder Hyaluronsäure.
  • Bei der „delayed prescription“ wird zwar ein Antibiotikum verordnet. Dieses soll aber nur eingenommen werden, wenn die Beschwerden sich verschlechtern oder nach drei bis fünf Tagen nicht bessern.

Entzündungen der Rachenschleimhaut (Pharyngitis) und der Rachen- und Gaumenmandeln (Tonsillopharyngitis) treten häufig im Rahmen eines grippalen Infekts auf. Obwohl akute Halsschmerzen kein Hauptsymptom einer SARS-CoV-2-Infektion sind, muss natürlich aktuell immer auch an COVID-19 bei der Beratung gedacht werden. Daneben verursachen physikalisch-chemische Faktoren wie Zigarettenrauch, Schnarchen, Stimmfehl- und Überbelastungen Schmerzen im Hals.

In der im letzten Herbst aktualisierten S3-Leitlinie „Halsschmerzen“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin empfehlen Experten, akute Halsschmerzen symptomatisch mit Lokalanästhetika und lokalen oder oralen nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) zu behandeln. Auf Antibiotika sollte möglichst verzichtet werden. Denn 50 bis 80 Prozent der akuten Halsschmerzen in der gesamten Bevölkerung haben virale Ursachen und verlaufen selbstlimitierend. Lediglich 15 bis 30 Prozent werden durch bakterielle Erreger wie beta-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A ausgelöst.

Delayed prescription

Bei der Diagnostik von akuten Halsschmerzen sollte der Arzt laut S3-Leitlinie zunächst gefährliche oder chronische Verläufe (≥ 14 d) ausschließen. Auch dürfen die Betroffenen keines der folgenden Warnzeichen (red flags) zeigen: Scharlach-Exanthem, Pfeiffersches Drüsenfieber, Infektion mit anderem Fokus wie Pneumonie, Bronchitis, Otitis, Sinusitis, Immunsuppression, Chemotherapie, orale Glukokortikoidtherapie, schwere Komorbiditäten oder ein erhöhtes Risiko für akutes rheumatisches Fieber. Ferner muss bei der Diagnose die Wahrscheinlichkeit einer Streptokokken-Tonsillopharyngitis abgeschätzt werden, da hier eine antibiotische Behandlung tatsächlich notwendig werden kann.

grafik_012022_38

Entscheidung beim Arzt

Für die Entscheidung symptomatische Therapie oder Antibiotikagabe, werden dem Arzt in der Leitlinie insgesamt drei Punkte-Scores an die Hand gegeben. Mit diesen kann er unter Einbeziehung des Kranken abwägen, welche Behandlung indiziert ist. Um Resistenzentwicklungen vorzubeugen, wird bei einem Punktwert von 0 bis 2 für Betroffene über drei Jahre und ohne red flags ausdrücklich kein Antibiotikum empfohlen. Ab drei Score-Punkten greift das Prinzip der „delayed prescription“.

Das bedeutet, der Patient erhält ein Rezept für ein Antibiotikum, soll dieses aber nur einnehmen, wenn die Beschwerden sich stark verschlechtern oder sich nach drei bis fünf Tagen nicht gebessert haben. Erst ab einem Wert von 4 Punkten kann eine sofortige antibiotische Therapie erwogen werden. Optional steht bei Kindern und Jugendlichen von drei bis 15 Jahren und einem Punkt-Score ab 3 ein GAS-Schnelltest zur Verfügung. Fällt er negativ aus, ist kein Antibiotikum erforderlich. Fällt er positiv aus, wird in der Leitlinie auch hier zunächst zu einer „delayed prescription“ geraten.

Wichtig-- Das pharmazeutische Personal sollte die Vorlage von „delayed-prescription-Rezepten“ in der Apotheke dazu nutzen, Betroffene über den meist selbstlimitierenden Verlauf von Pharyngitis und Tonsillopharyngitis sowie die Vor- und Nachteile einer Antibiotikatherapie aufzuklären. Ein Argument gegen den vorschnellen Antibiotikaeinsatz ist, dass die Einnahme Studien zufolge die Symptomatik lediglich um einen Tag verkürzt, es gleichzeitig aber zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen, etwa Durchfall und Mykosen, kommen kann. Selbst gefürchtete Komplikationen wie das rheumatische Fieber rechtfertigen nach Ansicht der Leitlinienautoren eine unkritische Antibiotikagabe nicht.

Symptomatische Therapie

Um akute Halsschmerzen zu lindern, empfiehlt die Leitlinie Lokaltherapeutika mit anästhesierenden Wirkstoffen und/oder NSAR. Systemisch sieht sie die Einnahme von NSAR bei starken Schmerzen vor. Begleitend dazu sollten Betroffene auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten, sich körperlich schonen sowie aktiven und passiven Tabakkonsum meiden.

Systemisches

Hier verweist die Leitlinie auf eine Übersichtsarbeit, bei der die Autoren zu dem Schluss kommen, dass NSAR Halsschmerzsymptome sowohl innerhalb der ersten 24 Stunden als auch bei einer Einnahme über zwei bis fünf Tage lindern können. Explizit werden Ibuprofen oder Naproxen empfohlen. Beide Wirkstoffe haben ein günstigeres Risikoprofil als Diclofenac. Für Paracetamol gibt es laut Leitlinie keinen ausreichenden Wirksamkeitsnachweis bei Halsschmerzen. Grundsätzlich gilt: Sobald die Symptome nachlassen, sollten die NSAR abgesetzt werden.

Aus dem OTC-Sortiment*

Präparat

Hauptinhaltsstoffe

Hauptwirkung

Dolo Dobendan® Lutschtabletten

u. a. Benzocain

schmerzstillend

Dobendan® Direkt Flurbiprofen 8,75 mg Lutschtabletten

Flurbiprofen

entzündungshemmend, schmerzstillend

Emser Pastillen®

Emser Salz, natürlich

befeuchtend

GeloRevoice® Halstabletten

Xanthan gummi, Carbomer, Hyaluronsäure

befeuchtend, reizlindernd

Isla® med akut Pastillen

Isländisches Moos-Extrakt, Carbomer, Hyaluronsäure, Xanthan gummi

befeuchtend, reizlindernd

Kamillan® supra Lösung

Kamillenblüten-Extrakt

entzündungshemmend

Mallebrin® Konzentrat zum Gurgeln

Aluminiumtrichlorid

adstringierend

Mucoangin® Minze Lutschtabletten

Ambroxol

schmerzstillend

Naturalis® Mund- und Rachenspray

Ectoin, Bienenhonig, Eibischwurzel- Trockenextrakt

befeuchtend, reizlindernd

*beispielhafte Nennungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand Lauer-Taxe: 10.12. 2021)

Lokales

Zur symptomatischen Linderung von Halsschmerzen stehen verschiedenste OTC-Präparate zum Lutschen, Sprühen und Gurgeln zur Verfügung. Laut Leitlinie sind allerdings nur moderate Effekte zu erwarten.

Lutschpräparate-- Sie enthalten schmerzstillende Lokalanästhetika wie Benzocain, das ebenfalls lokal anästhesierend wirkende Mucolytikum Ambroxol oder das NSAR Flurbiprofen.

Lutschpräparate mit Schleimstoff-haltigen Drogenextrakten aus Eibischwurzel oder Isländisch Moos regen die Speichelproduktion an. Die in den Extrakten enthalten Polysaccharide bilden zusammen mit dem Speichel eine Art Schutzfilm auf der Rachenschleimhaut und wirken so reizlindernd. Ebenfalls befeuchtend und in Folge schmerzstillend wirken Lutschpräparate mit Emser Salz oder Hyaluronsäure. Neben den enthaltenen Wirkstoffen hat das Lutschen per se schmerzstillende Effekte, da es den Speichelfluss anregt und die entzündete, trockene Schleimhaut benetzt. Übrigens: Das Lutschen von Präparaten mit Lokalantiseptika und/oder -antibiotika zur lokalen Schmerzlinderung wird laut S3-Linie nicht empfohlen. Denn „Lokalantiseptika sind konzentrationsabhängig zytotoxisch und wirken nur an der Oberfläche, während sich die wesentliche Infektion in der Tiefe des Gewebes abspielt“, wird dazu erklärt.

Rachensprays-- Neben Flurbiprofen können sie zum Beispiel entzündungshemmende Extrakte aus Kamillenblüten oder eine Kombination aus Honig, Eibischwurzeltrockenextrakt und Ectoin enthalten. Eibischwurzelauszüge wirken wie oben erwähnt reizlindernd. Ectoin, eine aus Mikroorganismen gewonnene Subs- tanz, bildet ebenfalls einen schützenden und schmerzlindernden Hydrokomplex auf dem Schleimhautepithel. Tipp: Damit Sprays in den Rachen und nicht in die Lunge gelangen, sollten Kunden bei der Anwendung die Luft anhalten. Oder laut „a“ sagen. Dabei hebt sich das Gaumensegel und blockiert den Weg in die unteren Atemwege.

Sonstiges-- Traditionell gegen Halsschmerzen eingesetzt werden auch Gurgellösungen. Sie enthalten beispielsweise adstringierende Aluminiumverbindungen.


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Springer Medizin

Springermedizin.de ist das Fortbildungs- und Informationsportal für Ärzte und Gesundheitsberufe, das für Qualität, Aktualität und gesichertes Wissen steht. Das umfangreiche CME-Angebot und die gezielte Berichterstattung für alle Fachgebiete unterstützen den Arbeitsalltag.

www.springermedizin.de

Ärzte Zeitung

Ärzte Zeitung Online erreicht Mediziner und Mitarbeiter in Praxis und Klink ebenso wie Nutzer, die in anderen Heilberufen tätig sind. Patienten, deren Angehörige und ein großes an Gesundheitsthemen interessiertes Publikum gehören ebenfalls zu unseren regelmäßigen Besuchern.

www.aerztezeitung.de

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen direkt in Ihr Postfach – wöchentlich und kostenlos.