30.01.2021

Halsschmerzen: Nicht immer harmlos

von Dr. Ute Koch

Zumeist sind sie ein typisches Erkältungssymptom, aber auch das Symptom von ernsthaften Erkrankungen. Unabhängig von ihrer Ursache spielt die symptomatische Behandlung mit rezeptfreien Rachentherapeutika eine wichtige Rolle.

© Getty Images/iStockphoto (Symbolbild mit Fotomodellen)

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  • Halsschmerzen sind das Leitsymptom einer Entzündung der Schleimhaut des Rachens (Pharyngitis) sowie der Schleimhaut des Rachens und der Gaumenmandeln (Tonsillopharyngitis).
  • Die mit Abstand häufigste Ursache der Pharyngitis und Tonsillopharyngitis sind Erkältungsviren.
  • Unter den bakteriellen Erregern stehen beta-hämolysierende Streptokokken vom Typ A an erster Stelle.
  • Unabhängig von ihren Ursachen werden Halsschmerzen symptomatisch behandelt, in der Regel mit rezeptfreien Rachentherapeutika.
  • Der unnötige Einsatz von Antibiotika bei Halsschmerzen ist in Deutschland zu hoch.

Halsschmerzen können infektiologische und nicht infektiologische Ursachen haben. Die häufigste ist die Pharyngitis (Entzündung der Rachenschleimhaut) oder Tonsillopharyngitis (Entzündung der Schleimhaut von Rachen und Gaumenmandeln) im Rahmen einer banalen Erkältung, ausgelöst durch Erkältungsviren. Beim Blick in den Rachenraum zeigt sich dieser gerötet und geschwollen. Die Patienten verspüren ein Trockenheitsgefühl im Hals und müssen häufig hüsteln oder sich räuspern. Typisch ist auch ein Wundgefühl im Hals mit Kratzen, Brennen, Schmerzen und/oder Schluckbeschwerden. Nicht selten kommt eine heisere, kratzende Stimme hinzu. Auch die Lymphknoten im Bereich von Hals und Unterkiefer können vergrößert sein. Halsschmerzen im Rahmen einer banalen Erkältung sind eine Domäne der Selbstmedikation. Die Vielzahl der rezeptfreien Rachentherapeutika ist aber auch dann zur Symptomlinderung indiziert, wenn Halsschmerzen ernste Ursachen haben und in ärztliche Behandlung gehören. Hierzu im Folgenden einige Beispiele.

Effekte lokal wirksamer Rachentherapeutika

Hauptwirkung

Vertreter

adstringierend

Aluminiumverbindungen

reizlindernd

Isländisch Moos, Eibischwurzel

entzündungshemmend

Kamillenblüten, Salbeiblätter, Flurbiprofen

schmerzlindernd

Benzocain, Lidocain, Ambroxol

kühlend

Menthol, Eukalyptusöl

schleimlösend

Primelwurzel

befeuchtend

Natürliches Emser Salz, Hyaluronsäure

Mundatmung begünstigt Pharyngitis

Die Nase filtert die eingeatmete Luft, wobei sie Krankheitserreger abfängt, damit diese nicht in die nachfolgenden Abschnitte der Atemwege gelangen können. Außerdem feuchtet und wärmt die Nasenschleimhaut die Einatmungsluft an, bevor diese ihren Weg bis in die empfindlichen Bronchien nimmt. Bei Mundatmung entfällt die Aufbereitung der Einatmungsluft durch die Nase, was das Auftreten einer Pharyngitis, aber auch einer Bronchitis, begünstigt.

Tonsillitis

Häufigster Auslöser einer bakteriellen Tonsillitis oder Tonsillopharyngitis („eitrige Angina) sind beta-hämolysierende Streptokokken vom Typ A (GAS), daher auch Streptokokken-Angina genannt. Charakteristisch sind plötzlich einsetzende Halsschmerzen, Schmerzen beim Schlucken, Fieber, Kopfschmerzen, vergrößerte Lymphknoten sowie eitrige Beläge („Eiterstippchen“) auf den Gaumenmandeln. Die Krankheit kommt überwiegend bei Kindern und Jugendlichen zwischen drei und 15 Jahren vor. Eine Antibiotikatherapie sollte unter Abwägung von Nutzen und Risiko erfolgen und unter Zuhilfenahme eines GAS-Schnelltests. Tritt eine Tonsillitis mindestens sechsmal binnen zwölf Monaten auf, sollten die Gaumenmandeln entfernt werden.

Kinderkrankheit Scharlach

Die akute, ebenfalls durch beta-hämolysierende Streptokokken vom Typ A verursachte Infektionskrankheit tritt vor allem im Alter zwischen fünf und 15 Jahren auf. Typisch sind starke Schluckbeschwerden, hohes Fieber und ein starkes Krankheitsgefühl, ein tiefroter Ausschlag auf der Rachenraumschleimhaut und eine tiefrote „Himbeerzunge“. Hinzu kommt ein Hautausschlag, dar am ersten oder zweiten Krankheitstag am Oberkörper beginnt und sich großflächig über Hals und Extremitäten ausbreitet. Im Gegensatz zu anderen typischen Kinderkrankheiten kann man Scharlach mehrmals erleiden. Eine Impfung dagegen gibt es nicht. Eine Antibiotikatherapie ist bei leichtem und unkompliziertem Verlauf nicht zwingend indiziert, reduziert aber die Zeit der Ansteckungsgefahr auf 24 Stunden.

Das können Sie tun ...

bei Halsschmerzen

  • Viel trinken: Empfehlenswert sind warme Erkältungstees.
  • Auf saure oder scharfe, die entzündete Schleimhaut reizende Speisen und Getränke verzichten.
  • Möglichst wenig sprechen. Patienten mit einem Sprechberuf (z. B. Lehrer, Verkäufer) sollten ihre Rachenschleimhaut mit Lutschpräparaten und/oder Erkältungstees feucht halten.
  • Bei Schluckbeschwerden weiche Speisen oder Suppen bevorzugen.
  • Nicht rauchen – weder aktiv noch passiv.
  • Halswickel: Ein Leinen- oder Baumwolltuch in heißes Wasser (eventuell mit Zusätzen von Apfelessig oder Zwiebelscheiben) tauchen und um den Hals legen. Darüber einen Schal wickeln, um ein schnelles Abkühlen zu vermeiden.

Pfeiffersches Drüsenfieber

Auslöser der in der Fachsprache als infektiöse Mononukleose bezeichneten Krankheit ist kein Bakterium, sondern das Epstein-Barr-Virus (ein Herpesvirus). Es befällt überwiegend die Abwehrgewebe, vor allem die Gaumenmandeln, aber auch die Lymphknoten und die Milz. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene erkranken daran, daher auch die Bezeichnung Studentenfieber oder kissing desease. Im typischen Fall kommt es zu erheblichen Halsschmerzen, Fieber und Lymphknotenschwellungen (auch im Nacken) und einer kloßigen Sprache. Weitere Symptome sind ausgeprägtes Krankheitsgefühl, Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Übelkeit, Husten, Hautausschlag und Milzvergrößerung. Die Therapie besteht primär in körperlicher Schonung.

Weitere Erkrankungen und Auslöser

Halsschmerzen sind zudem ein Symptom der Virusgrippe („echte“ Grippe, Auslöser: Influenzaviren), von Covid-19 (Auslöser: neuartiges Coronavirus SARS-CoV-2) und der Diphtherie (Auslöser: Corynebacterium diphtheriae). Nicht infektiöse Ursachen von Halsschmerzen sind vergleichbar selten. Beispiele hierfür sind Zigarettenrauch, Schnarchen, Überlastung der Stimme, Malignome, ein operativer Eingriff im Rachenbereich oder Arzneimittelnebenwirkungen (z. B. von ACE-Hemmern oder inhalativen Kortikosteroiden).

Nennenswert ist auch das Kawasakisyndrom (mukokutanes Lymphknotensyndrom): eine akute, fieberhafte Gefäßentzündung (Vaskulitis), deren Auslöser bisher unbekannt sind. Charakteristisch sind neben Halsschmerzen, auch Fieber, gerötete oder eingerissene Lippen, eine „Himbeerzunge“, Hautausschlag sowie Ödeme und Rötungen von Händen und Füßen. In den Industrienationen gilt das Kawasakisyndrom als häufigste Ursache erworbener Herzerkrankungen bei Kindern. Frühzeitige intravenöse Immunglobulingaben können dieser Folge vorbeugen.

Symptomatische Therapie

Kurzzeitig – insbesondere bei starken Halsschmerzen – können orale nicht steroidale Antirheumatika (NSAR), zum Beispiel Ibuprofen oder Naproxen, eingenommen werden. Die Hauptrolle der symptomatischen Therapie spielt jedoch die breite Palette lokal wirksamer Rachentherapeutika, die es mit sehr unterschiedlichen Wirkstoffen (s. Tab.) und in verschiedenen Darreichungsformen gibt.

Lutschpräparate-- Sie sollten möglichst lange im Mund behalten und nicht zerkaut werden. Der lange Kontakt des Wirkstoffs mit der Schleimhaut trägt zum Abklingen der Beschwerden bei, auch das Lutschen selbst. Es regt den Speichelfluss an, wodurch die trockene, entzündete Rachenschleimhaut gut benetzt wird. Ein Vorteil der Lutschpräparate gegenüber Gurgellösungen und Rachensprays ist, dass der Wirkstoff beim Herunterschlucken tiefe Bereiche des Rachenraumes, sogar den Kehlkopf, erreicht.

Gurgellösungen-- Diese gibt es gebrauchsfertig oder als Konzentrat zum Verdünnen. Damit wird in aller Regel zehn bis 30 Sekunden gegurgelt und die Lösung anschließend ausgespuckt. Dieser Vorgang ist mit jeweils neuen Portionen so oft zu wiederholen, wie in der Gebrauchsinformation angegeben.

Rachensprays-- Sie sollen den Rachenraum erreichen und nicht die Lunge. Für dieses Ziel muss der Patient beim Einsprühen ein lautes „a“ sprechen. Dabei hebt sich das Gaumensegel an und das Einatmen in die unteren Atemwege unterbleibt.

Für alle Mittel gegen Halsschmerzen gilt, dass unmittelbar nach Gebrauch ein Nachspülen mit Wasser, Zähneputzen oder Essen und Trinken unterbleiben sollte. Sonst wird der Wirkstoff zu schnell von der Rachenschleimhaut entfernt, was seine Wirksamkeit mindert.


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