30.01.2018

Hepatitis: Plötzlich gelb

von Dr. Gudrun Heyn

Neue Medikamente haben eine neue Ära der Hepatitis-C-Therapie eingeleitet. Bei anderen Hepatitis-Typen ist Prävention die wichtigste Strategie. Eine umfassende Beratung kann Ihren Kunden helfen.

© © Nauma / Getty Images / iStock

Fortbildung

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Hepatitis-B- und Hepatitis- C-Virus-Infektionen gehören weltweit zu den häufigsten Infektionskrankheiten. An den Folgen sterben jährlich rund 1,3 Millionen Menschen. Anlässlich des Welt-Hepatitis-Tages 2017 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dazu aufgerufen, beide Krankheiten zu eliminieren. Die Chancen sind da: Dank neuer Medikamente können heute fast alle Hepatitis-C-Kranken geheilt werden. Und zum Schutz vor dem Hepatitis-B-Erreger stehen seit Jahren effektive Impfstoffe zur Verfügung. Doch Hepatitis-B- und -C-Viren sind nicht allein. Auch bei anderen Formen der Leberentzündung profitieren Apothekenkunden vom Fachwissen der PTA.

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Der Hintergrund

Mediziner unterscheiden fünf Viren-Typen, die bevorzugt eine Hepatitis auslösen. Andere mögliche Ursachen sind beispielsweise eine Fettleber oder Alkohol.

Typisch Leber

Oft bleibt eine Leberentzündung über lange Zeit unentdeckt. Der Grund ist, dass die Leber keine Schmerzrezeptoren besitzt. Auftretende Allgemeinsymptome wie Abgeschlagenheit und eventuell Fieber deuten Menschen oft falsch als Zeichen eines grippalen Infekts.

Ikterus-- Ein wichtiger Hinweis auf eine Lebererkrankung ist ein Ikterus. Die „Gelbsucht“ ist Folge eines gestörten Bilirubinstoffwechsels. Die geschädigte Leber kann ein Abbauprodukt des Hämoglobins, das Bilirubin, nicht mehr vollständig verarbeiten. Erhöhte Konzentrationen führen zur Gelbfärbung von Haut- und Schleimhäuten und der Bindehaut des Auges. Aber auch ein fast weißer Stuhl und sehr dunkler Urin können Anzeichen einer akuten Hepatitis sein. PTA sollten Kunden mit diesen Symptomen unbedingt zu einem Arztbesuch raten.

Chronisch entzündet

Einige Hepatitiden heilen von selbst aus und bleiben folgenlos, bei anderen geht die Krankheit mehr oder weniger oft in ein chronisches Stadium über. Dies kann schwere Folgen haben. Chronische Hepatitis birgt ein hohes Risiko für eine Leberzirrhose und Leberzellkrebs.

Leberzirrhose-- Im Endstadium jahrelanger entzündlicher Prozesse besteht die Leber größtenteils nur noch aus Bindegewebe und ist vernarbt. Eine zirrhotische Leber kann die Aufgaben einer gesunden Leber nicht mehr erfüllen. Die Störung betrifft alle Funktionen des zentralen Stoffwechselorgans. Sie reichen von der Entgiftung über den Eiweißabbau und die Synthese von Gerinnungsfaktoren und Gallensekret bis hin zur Speicherung von Kohlenhydraten, Mineralien und Vitaminen.

Leberzellkrebs-- Eine Komplikation der Leberzirrhose ist die Entwicklung eines bösartigen Tumors der Leber. Die Behandlung ist schwierig. Normalerweise können bis zu 80 Prozent des Organs operativ entfernt werden, da die Leber wieder nachwächst. Bei einer Zirrhose kann sie sich jedoch nicht wieder erholen. Oft bleibt dann nur noch die Möglichkeit einer Transplantation.

TIPP!

Raten Sie Hepatitiserkrankten, die geschädigte Leber zu schonen. Hilfreich ist es, auf Alkohol zu verzichten und fettreiche Nahrungsmittel zu meiden. Zudem sollten Sie Betroffenen eine ausgewogene Ernährung ans Herz legen.

ABC der Viren

Hepatitis-Viren sind auf der Welt unterschiedlich weit verbreitet, nutzen unterschiedliche Übertragungswege und verursachen unterschiedlich schwere Verläufe. Für eine Beratung sollten PTA die unterschiedlichen Ansteckungsrisiken kennen.

Hepatitis A

Die Infektion mit dem Hepatitis-A-Virus (HAV) gilt als typisches Reisemitbringsel. Besonders hoch ist die Infektionsgefahr in tropischen Gebieten. Aber auch im Mittelmeerraum und Osteuropa können Menschen sich anstecken. Die Übertragung erfolgt fäkal-oral durch kontaminierte Lebensmittel und Trinkwasser, über Gegenstände und ungewaschene Hände. Auch Schwangere können ihre ungeborenen Kinder anstecken. Weltweit infizieren sich jährlich etwa zehn Millionen Menschen neu. In Deutschland werden rund 1  000 Erkrankungen pro Jahr gemeldet.

Spontan geheilt-- Nur etwa die Hälfte der Infizierten entwickelt Symptome wie Übelkeit und Müdigkeit. Und niemals wird die Krankheit chronisch. Hepatitis A heilt spontan nach einigen Wochen aus. Manchmal kann dies auch einige Monate dauern. Nur selten (< 0,1 %) nimmt sie einen fulminanten Verlauf, bei dem es plötzlich und schnell zu schweren Zeichen einer Leberschädigung kommt. Davon betroffen sind vor allem ältere Menschen mit einer vorgeschädigten Leber.

Hepatitis B

Rund zwei Milliarden Menschen haben weltweit bereits eine Infektion mit dem Hepatitis-B-Virus (HBV) durchgemacht oder sind aktuell infiziert. Etwa 240 Millionen Menschen leben mit einer chronischen Infektion. Besonders in Afrika südlich der Sahara und in Ost-Asien ist die Ansteckungsgefahr groß, aber auch in den südlichen Teilen von Ost- und Zentraleuropa ist Hepatitis B weit verbreitet In Deutschland tragen wahrscheinlich bis zu 500 000 Menschen das Virus in sich.

Parenteral und sexuell-- Übertragen wird HBV durch Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret. Auch verunreinigte Gegenstände können zu einer Infektion führen. HBV ist 100-mal infektiöser als HIV. Schon das gemeinsame Benutzen einer Zahnbürste kann für eine Ansteckung ausreichen. Eine weitere Infektionsquelle sind kranke Schwangere. Bis zu 90 Prozent der Kinder infizieren sich während der Geburt.

Chronischer Verlauf-- Im Erwachsenenalter entwickeln nur etwa zehn Prozent der Infizierten einen chronischen Verlauf. Anders ist dies bei Kleinkindern und Menschen mit einem geschwächten Immunsystem. Bei bis zu 90 Prozent geht die Krankheit nach sechs Monaten in ein chronisches Stadium über. Selbst bei fehlenden Krankheitszeichen können chronisch Infizierte bei einem massiven Auftreten von Viren im Blut (Virämie) andere infizieren.

Heilbar ist bis heute ausschließlich Hepatitis C.

Hepatitis C

Nach Schätzungen der WHO sind weltweit 71 Millionen Menschen mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) chronisch infiziert. In Deutschland tragen vermutlich bis zu 500 000 Menschen das Virus in sich.

Blutkontakt-- Übertragen wird HCV fast ausschließlich über Blutkontakt. In Europa verbreitet sich das Virus heute vor allem über das Teilen von Nadeln beim Drogenmissbrauch. Auch verletzungsträchtige Sexualpraktiken gelten als risikoreich. Vor 1991 waren Bluttransfusionen der Hauptübertragungsweg. HCV kann auch außerhalb des Körpers einige Zeit überleben. Im getrockneten Blut sind es einige Tage, in Flüssigkeiten bei Raumtemperatur beispielsweise in Spritzen sind es einige Wochen. Blutspuren auf Kanülen, Rasierern oder Zahnbürsten können für eine Infektion ausreichen.

Lebenslang infektiös-- Bis zu 95 Prozent der Betroffenen merken nichts von ihrer Krankheit. Dennoch nimmt die akute Leberentzündung bei bis zu 70 Prozent der Infizierten einen chronischen Verlauf. Ohne Behandlung können sie das Virus langfristig bis lebenslang übertragen.

Hepatitis D

Der Erreger der Hepatitis-D-Infektion ist kein vollständiges Virus. Nur mit Hilfe des Hepatitis-B-Virus kann er sich vermehren. Wie beim HB-Virus können Körperflüssigkeiten von Infizierten ansteckend sein. Mediziner unterscheiden zwischen einer Koinfektion, bei der das Hepatitis-D-Virus (HDV) gleichzeitig mit dem HB-Virus übertragen wird und einer Superinfektion, bei der das HD-Virus einen HBV-Träger später infiziert. 90 Prozent der Betroffenen entwickeln eine chronische Hepatitis und bei einer Superinfektion zumeist auch einen besonders schweren Krankheitsverlauf. 2016 hat das RKI 33 gemeldete HDV-Infektionen registriert.

Hepatitis E

Hepatitis-E-Viren sind mit HA-Viren nah verwandt. In westlichen Ländern infizieren sich Menschen hauptsächlich über unzureichend gegartes Schweine- und Wildschweinfleisch. In anderen Ländern sind zumeist verunreinigtes Trinkwasser und menschliche Fäkalien für Infektionen verantwortlich. Bei dem in Deutschland vorkommenden Genotyp 1 verläuft die Infektion im Allgemeinen asymptomatisch und selbstlimitierend. Antikörper gegen HEV sind in Deutschland bei 16,8 Prozent der Erwachsenen nachweisbar.

Steatohepatitis

Zu den Ursachen einer entzündeten Fettleber gehören beispielsweise Stoffwechselstörungen wie Diabetes mellitus, Adipositas und übermäßiger Alkoholkonsum. Aber auch die Gabe von Medikamenten beispielsweise mit Wirkstoffen wie Amiodaron oder Glukortikoiden können zu einer Fettleber führen.

Faktum

  1. Im Gegensatz zu allen anderen Hepatitis-Viren sind HBV DNA-Viren. Sie bauen ihre Erbinformation in die DNA ihrer Wirtszellen ein.
  2. Grundlage des Therapieerfolges bei HC-Viren ist, dass sie als RNA-Viren ihr Erbgut nicht in der DNA ihrer Wirtszelle verstecken können.
  3. Von 2013 auf 2015 hat sich die Zahl der durchgeführten HCV-Therapien von jährlich 12 000 auf 25 000 bereits mehr als verdoppelt.

Prophylaxe

Der beste Schutz vor einer Hepatitis A-, B- und D-Infektion ist eine Impfung. Eine konsequente Hygiene kann dagegen allenfalls das Ansteckungsrisiko verringern.

Impfung

Impfstoffe stehen derzeit nur gegen Hepatitis A und B zur Verfügung. Eine aktive Immunisierung gegen Hepatitis B schützt Menschen auch vor dem Hepatitis-D-Erreger.

Empfehlungen-- Die Hepatitis-B-Impfung ist für alle Säuglinge in Deutschland seit 1996 eine empfohlene Standardimpfung. Die Grundimmunisierung sollte bis zum 14 Monat abgeschlossen sein. Dagegen ist nach Ansicht der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut eine Impfung gegen HAV nur für bestimmte Personenkreise sinnvoll. Dazu zählen Reisende in Regionen mit einer hohen Hepatitis-A-Durchseuchung, und Personen mit einem erhöhten beruflichen oder privaten Risiko. Aber auch gegen HBV kann bei nicht immunen besonders gefährdeten Personen eine Schutzimpfung angezeigt sein.

Hexavalent für Kinder-- Zur Standardimpfung von Säuglingen und Kleinkindern stehen Sechsfach-Impfstoffe zur Verfügung. Sie bieten Schutz vor Hepatitis B, Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Poliomyelitis und Krankheiten durch Haemophilus-influenza-Typ b-Bakterien. Das von der STIKO empfohlene Impfschema zur Grundimmunisierung sieht die Gabe von drei Impfstoffdosen im Abstand von mindestens vier Wochen vor und anschließend eine Auffrischungsimpfung nach frühestens sechs Monaten. Sehr häufige Nebenwirkungen sind beispielsweise Schmerzen an der Injektionsstelle und Schreien. Eventuell kann im Erwachsenenalter bei einem erhöhten Hepatitis-B-Risiko (z. B. neue Tätigkeit im Gesundheitsdienst und niedriger HB-Antikörperstatus) eine Auffrischungsimpfung notwendig sein.

Gegen HAV-- Reine Hepatitis-A-Impfstoffe führen bereits nach der ersten Gabe bei 95 Prozent der Geimpften zu einem zuverlässigen Schutz. Er kann über Jahrzehnte anhalten. Die zweite Gabe im Abstand von sechs bis zwölf Monaten schließt die Grundimmunisierung ab. Häufige Nebenwirkungen sind abhängig vom jeweiligen Präparat. Möglich sind beispielsweise Durchfall und Erbrechen oder auch eine Verhärtung an der Injektionsstelle. Zweifach(bivalente)-Impfstoffe enthalten zusätzlich zur Hepatitis-A-Komponente eine Typhus- oder eine Hepatitis-B-Komponente.

Gegen HBV-- Die Grundimmunisierung von Erwachsenen und Kindern mit einem reinen Hepatitis-B-Impfstoff oder einem kombinierten Hepatitis-A- und -B-Impfstoff erfordert die Gabe von drei Impfstoffdosen. Die zweite Impfung erfolgt üblicherweise einen Monat nach der ersten, die dritte sechs Monate später. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören Schmerzen und Rötung an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen und Übelkeit. Zugelassen für Erwachsene ist auch ein Schnellimmunisierungsschema mit einer Gabe an den Tagen 0, 7 und 21. Es soll in Ausnahmefällen vor einer Reise noch eine Impfung ermöglichen. Zwölf Monate später sollte eine vierte intramuskuläre Injektion erfolgen.

Hygiene: fäkal-oral

Bei einem erhöhten Hepatitis-A- oder -E-Risiko ist sorgfältiges Händewaschen oberstes Gebot. Nicht ratsam ist der Gebrauch von Stückseife und von Gemeinschaftshandtüchern. Bei der Empfehlung eines Desinfektionsmittels sollten PTA darauf achten, dass dieses gegen behüllte und unbehüllte Viren (Deklaration: viruzid) wirksam ist. Der Hinweis „gegen spezielle Viren“ oder „begrenzt viruzid“ reicht nicht aus. Der Grund ist, dass HA- und HE-Viren unbehüllte Viren sind. Im Gegensatz zu behüllten Viren tragen sie keine Lipidhülle, die sich mit begrenzt viruzid wirksamen Mitteln gut entfernen lässt. Bei der Benutzung sollten Kunden unbedingt die angegebene Einwirkzeit beachten.

Tipps für Reisende-- Reisende sollten sich bewusst sein, dass HA-Viren äußerst umweltbeständig sind. Erst das Erhitzen auf 100 Grad Celsius über einen Zeitraum von mindestens fünf Minuten kann sie inaktivieren. Frost und Säure mit einem pH-Wert von 3 machen ihnen nichts aus.

Getränke mit Eiswürfeln und Salate sind daher möglicherweise infektiös. Auch auf ungeschältes Obst, zuvor eingefrorene Früchte, rohes Fleisch, Austern und rohe Muscheln sollten Reisende in Risikogebieten verzichten. Zum Schutz vor HE-Viren ist selbst in Deutschland nur der Verzehr von durchgegartem Schweinefleisch empfehlenswert.

Hygiene: parenteral-sexuell

Im Umfeld von Hepatitis-B- und -D-Kranken sollten Menschen den Kontakt mit möglicherweise virushaltigen Körperflüssigkeiten wie Blut, Tränen oder Sperma vermeiden. Bei einem erhöhten Hepatitis-C-Risiko ist darauf zu achten, dass das Blut der Infizierten nicht über Verletzungen und Wunden in die Blutbahn gelangt.

Desinfektion-- Das HB-Virus ist ein behülltes Virus mit einer hohen Wiederstandfähigkeit gegenüber Desinfektionsmitteln (Tenazität). Daher sind nur Mittel mit nachgewiesener Wirksamkeit gegen HBV empfehlenswert. Bei einem erhöhten Hepatitis-C-Risiko reicht die Deklaration begrenzt viruzid aus.

Nützliche Tipps-- Mit Hepatitis-B- und -D- Kranken sollten Kontaktpersonen weder Geschirr noch Handtücher teilen. Weniger streng sind die Hygieneempfehlungen bei einer Hepatitis C. Doch auch hier gilt: die gemeinsame Verwendung von Zahnbürsten, Nagelscheren und Rasierern ist Tabu. Für den Geschlechtsverkehr sollten PTA die Nutzung von Kondomen empfehlen.

Therapie

Hepatitis C ist als einzige Virus-Hepatitis heute heilbar. Bei einer Therapie der chronischen Hepatitis B steht dagegen ein Stopp des Krankheitsfortschritts (Progression) durch die Kontrolle der Viruslast im Vordergrund. Hepatitis-A- und -E-Kranke benötigen in aller Regel keine antivirale Therapie. Für sie sind Bettruhe, eine leberschonende Kost und die Linderung von Allgemeinsymptomen angesagt.

Chronische Hepatitis B

Lange Jahre war eine Monotherapie mit pegyliertem Interferon alpha (PegINF alpha) über eine begrenzte Therapiedauer von 48 Wochen die Therapie der Wahl. In ihrer 2017 veröffentlichten Richtlinie zum Management einer Hepatitis-B-Infektion empfiehlt die europäische Fachgesellschaft EASL nun als Standardtherapie die Langzeitapplikation von einem potenten Nukleos(t)id-Analogon. Eine Interferon-Therapie können Mediziner nach wie vor in Erwägung ziehen.

Interferon alpha-- Interferone aktivieren körpereigene Abwehrzellen gegen Viren und hemmen die Virusreplikation. Das Immunsystem bildet daraufhin Antikörper gegen Virus-Antigene wie HBsAg (HBV-Oberflächenantigen) und übernimmt im Idealfall langfristig die Immunkontrolle. Doch nur bei etwa fünf Prozent der Kranken kommt es zu einer Ausheilung (HBsAg-Elimination). Medikamente mit pegylierten Subs- tanzen wie Peginterferon alpha-2a müssen nur einmal wöchentlich subkutan injiziert werden. Zu den Nachteilen einer Interferon-Therapie gehören zahlreiche Kontraindikationen und eine geringe Verträglichkeit. Bei etwa der Hälfte der Kranken kommt es zu grippeartigen Symptomen wie Fieber und Müdigkeit, und häufig auch zu Haarausfall und Gewichtsverlust. Eine beachtliche Zahl der Kranken ist daher für eine Interferon-Therapie nicht geeignet oder lehnt die Behandlung ab.

Nukleos(t)id-Analoga-- Mittel der Wahl sind Nukleos(t)id-Analoga (NA) mit einem geringen Risiko für eine Resistenzentwicklung (z. B. Entecavir und Tenofovir in Form der Prodrugs Tenofoviralafenamid und -disoproxil). Sie sind über lange Zeit antiviral wirksam und führen bei einem Großteil der therapietreuen Kranken dazu, dass HBV-DNA nicht mehr nachweisbar ist. In den Zellen werden Nukleos(t)id-Analoga (NA) zu Di- oder Triphosphaten phosphoryliert. Diese hemmen die Aktivität der viralen DNA-Polymerase oder sorgen als falsche Bausteine für Kettenabbrüche bei der Synthese der viralen DNA. Nachteil einer NA-Therapie ist eine lange bis lebenslange Therapiedauer. Als vorteilhaft gelten ihre orale Gabe, ihre Einsatzmöglichkeit bei nahezu allen Kranken und eine vergleichsweise gute Verträglichkeit. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören beispielsweise Kopfschmerzen und Übelkeit.

Chronische Hepatitis C

Mehr noch als die Therapie der Hepatitis B hat sich die Therapie der Hepatitis C in den letzten Jahren gewandelt. Therapie der Wahl ist nicht mehr pegyliertes Interferon in Kombination mit dem Virustatikum Ribavirin. Neue Erkenntnisse zur Struktur und zum Lebenszyklus des HC-Virus haben zur Entwicklung völlig neuer Medikamente geführt. 2011 kamen die ersten Präparate mit direkt antiviral wirkenden Substanzen (DAA, direct acting antivirals) auf den Markt. Sie wurden noch mit einem Interferon und Ribavirin kombiniert. Heute sind interferonfreie Therapieregime mit DAA Therapiestandard.

Je nach Konstellation können Mediziner unter vielen verschiedenen Therapieoptionen wählen. Die Therapieregime sehen die orale Gabe von mindestens zwei verschiedenen DAA vor.

Im Vergleich-- Dank der neuen, interferonfreien Kombinationstherapien ist die Effektivität der Hepatitis-C-Therapie deutlich gestiegen. Mehr als 95 Prozent der behandelten HC-Kranken haben nun eine Chance auf eine Heilung (anhaltendes virologisches Ansprechen, SVR: fehlender Nachweis von Virus-RNA im Blut). Bei einer Therapie mit Interferon und Ribavirin lag die Heilungsrate bei etwa 40 bis 50 Prozent (nicht vorbehandelte Kranke mit dem in Deutschland häufigsten Genotyp des HC-Virus: Genotyp 1). Bereits durch die Hinzunahme eines DAA der ersten Generation (Triple Therapie) konnte sie auf bis zu 70 Prozent gesteigert werden.

Erst seit der Zulassung von Medikamenten mit DAAs der zweiten Generation ab 2014 stehen Therapieoptionen gegen alle sechs Genotypen des HC-Virus zur Verfügung. Auch vorbehandelte Kranke und Kranke mit dekompensierter Leberzirrhose, bei der der Körper die entstandenen Defekte nicht mehr ausgleichen kann, sind nun behandelbar. Die Therapie ist gut verträglich. Die Therapiedauer hat sich von 48 Wochen auf zumeist zwölf Wochen verkürzt.

Die Optionen-- DAA greifen an unterschiedlichen Stellen im Lebenszyklus der Viren ein. NS3/4A-Proteaseinhibitoren (Endung: -previr, z. B. Grazoprevir, Paritaprevir, Simeprevir) hemmen die NS3/4A-Serinprotease des HC-Virus. Sie spaltet das Polyprotein des HC-Virus (eine Zwischenstufe bei der Vermehrung) in funktionale Virusproteine.

HCV-Polymeraseinhibitoren (Endung: -buvir) umfassen die Substanzklasse der Nukleotidischen Polymerase (NS5B)-Inhibitoren (NI, z. B. Sofosbuvir) und der Nicht-nukleosidischen Polymerase (NS5B)-Inhibitoren (NNI, z. B. Dasabuvir). Das NI Sofosbuvir ist ein Prodrug. In den Zellen wird es zu Uridin-Analogon-Triphosphat umgewandelt. Bei der Herstellung viraler RNA-Kopien (Replikation) baut die Polymerase NS5B das Triphosphat in die Virus-RNA ein. Dies führt zum Kettenabbruch der wachsenden viralen RNA.

NNI unterbinden die Virusvermehrung durch Bindung an die RNA-Polymerase NS5B. NS5A-Inhbitoren (Endung: -asvir, z. B. Daclatasvir, Ledipasvir, Velpatasvir) hemmen das virale Protein NS5A (Nicht-Strukturprotein 5A), das bei der Replikation und beim anschließenden Zusammenbau neuer Viruspartikel eine wichtige Rolle spielt.

Zu beachten-- Mögliche Nebenwirkungen der DAA sind abhängig vom Medikament und den Kombinationspartnern. Bei der Abgabe eines Präparats mit Simeprevir sollten PTA darauf hinweisen, dass die Substanz Photosensitivitätsreaktionen auslösen kann. Zur Prophylaxe sollten die Kranken direkte Sonne meiden und Sonnenschutzmittel verwenden. Aus Vorsichtsgründen oder einem Mangel an Daten sind die Medikamente in der Regel für Schwangere nicht zugelassen. Zudem sind sie für zahlreiche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln bekannt.

Hepatitis D

Bei einer chronischen HDV-Infektion ist eine Behandlung mit Interferon-alpha die Therapie der Wahl. PegINF alpha zeigt laut der europäischen Fachgesellschaft EASL als einzige verfügbare Substanz nachweisbare antivirale Effekte gegen eine chronische HDV-Infektion. Doch nur bei etwa einem Viertel der Kranken kommt es zu einem Therapieerfolg (HDV RNA Negativität 24 Wochen nach der Therapie). Dieser hält aber zumeist nicht auf Dauer an. Als letzter Ausweg gilt eine Lebertransplantation.

Zur Selbstmedikation

Präparate mit Extrakten aus den Früchten der Mariendistel können unterstützend bei chronisch-entzündlichen Lebererkrankungen eingenommen werden. Sie fangen freie Radikale ab, haben eine membranschützende Wirkung gegenüber Zellgiften (z. B. Gifte des Knollenblätterpilzes) und erhöhen die Regenerationsfähigkeit der Leber, indem sie die Proteinsynthese beeinflussen. Als Nebenwirkungen treten gelegentlich gastrointestinale Beschwerden auf.


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