31.10.2018

Infektionen: Safer Sex schützt

von Angelika Bauer-Delto

Sexuell übertragbare Infektionen sind weiter verbreitet als oft vermutet. Safer Sex ist daher angesagt! Und keine falsche Scham: Wer sich angesteckt hat, sollte sich frühzeitig behandeln lassen.

© Svittlana / Getty Images / iStock

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Tag für Tag stecken sich nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation weltweit mehr als eine Million Menschen mit einer sexuell übertragbaren Infektion (Sexually Transmitted Infection, STI) an. Über 30 verschiedene Arten von Bakterien, Viren und Parasiten können bei sexuellen Kontakten übertragen werden.

Zu den STI zählen nicht nur HIV-Infektionen und die klassischen Geschlechtskrankheiten Syphilis und Gonorrhö. Häufige sexuell übertragbare Krankheitserreger sind auch Chlamydien, Trichomonaden, humane Papillomviren (HPV), Herpes- und Hepatitis-B-Viren.

HIV: behandelbar, aber nicht heilbar

„Die STI, die in den vergangenen Jahrzehnten den größten Schrecken verbreitet hat, ist die HIV-Infektion“, berichtet Dr. Heinrich Rasokat, Köln. Nach Schätzungen der WHO hat das humane Immundefizienz-Virus (HIV) bislang mehr als 35 Millionen Menschenleben gefordert. Ende 2016 waren weltweit 36,7 Millionen Menschen HIV-infiziert. In Deutschland lebten 2016 schätzungsweise 88 400 Menschen mit einer HIV-Infektion.

Die geschätzte Zahl der Neuinfektionen erreichte in Deutschland Mitte der 1980er-Jahre ihren Höhepunkt und sank im Verlauf der 1990er-Jahre auf rund 2500 pro Jahr ab. Von 2000 bis 2006 war wieder ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen, und die Zahl der geschätzten Neuinfektionen bleibt seitdem auf ähnlichem Niveau. Im Jahr 2016 wurden dem Robert Koch-Institut 3419 HIV-Neudiagnosen gemeldet. Zwei Drittel davon betrafen Männer, die Sex mit Männern haben, und ein Drittel Heterosexuelle.

HIV wird durch infektiöse Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma, Scheidensekret oder den Flüssigkeitsfilm auf der Darmschleimhaut übertragen, wenn diese über die Schleimhäute oder über Verletzungen in den Körper gelangen.

Ungeschützter Geschlechtsverkehr ist der häufigste Übertragungsweg. Auch über gemeinsam benutzte Injektionsutensilien für Drogen ist eine Ansteckung möglich. Zudem kann die Infektion von einer Schwangeren oder stillenden Mutter auf ihr Kind übertragen werden.

Das HI-Virus führt zu einer Schwächung der körpereigenen Immunabwehr. Erste Krankheitszeichen sind Fieber, Lymphknotenschwellungen, Hautausschlag am Körper, manchmal auch Durchfall und Schluckbeschwerden, die nach ein bis zwei Wochen vorübergehen. Oft machen sich dann über Jahre keine weiteren Beschwerden bemerkbar. Bleibt die Infektion unbehandelt, kommt es jedoch im Laufe der Zeit zu einem schweren Immundefekt – Aids (acquired immune deficiency syndrome) entwickelt sich. Sonst in der Regel harmlose Erkrankungen können dann für die Betroffenen lebensbedrohlich werden.

Eine HIV-Infektion ist zwar nach wie vor nicht heilbar – eine antiretrovirale Therapie (ART) unterdrückt jedoch die Virusvermehrung und kann Folgen der Infektion aufhalten. „Betroffene haben dann eine weitgehend normale Lebenserwartung, die Behandlung ist jedoch lebenslang erforderlich“, betont Rasokat. Bei einer erfolgreichen Therapie ist HIV nach einiger Zeit im Blut nicht mehr nachweisbar, und eine Übertragung ist unwahrscheinlich.

TIPP!

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Syphilis: eine „Männerkrankheit“

Von zunehmender Bedeutung in Deutschland ist – wieder – Syphilis . „Die Syphilis ist heute fast eine reine Männerkrankheit“, so Rasokat. Nahezu 94 Prozent der 2016 gemeldeten Fälle betrafen Männer.

Syphilis (Lues) wird durch das Bakterium Treponema pallidum hervorgerufen. Der Erreger kann beim Sex mit einem infizierten Partner über kleinste Verletzungen der Schleimhäute oder der Haut in den Körper eindringen. Unbehandelt verläuft die Erkrankung in mehreren Stadien, zwischen denen lange Phasen ohne Beschwerden liegen können: Zunächst bildet sich an der Eintrittsstelle des Bakteriums in der Genital- oder Analregion oder auch im Mund ein schmerzloses, hartes Knötchen, aus dem sich ein Geschwür entwickelt. Im nächsten Stadium folgen Hautausschläge an Oberkörper, Handflächen oder Fußsohlen, Schwellungen der Lymphknoten, Fieber, Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen, Gewichtsverlust und manchmal auch Haarausfall. Im Spätstadium können knotige Veränderungen an der Haut und anderen Organen auftreten, und es kann zu schweren Schädigungen an Herz und zentralem Nervensystem kommen. Frühzeitig erkannt, kann die Syphilis gut mit Antibiotika behandelt werden.

Gonorrhö: bei Frauen oft unerkannt

Wie die Syphilis zählt auch die Gonorrhö (Tripper) zu den klassischen Geschlechtskrankheiten. Die Erkrankung wird durch das Bakterium Neisseria gonorrhoeae (Gonokokken) verursacht, welches beim Sex über direkten Schleimhautkontakt übertragen wird. Gonokokken befallen bevorzugt die Schleimhaut der Harnröhre, des Gebärmutterhalskanals oder des Enddarms. Vor allem bei Frauen bleibt die Infektion meistens unbemerkt, ist aber dennoch ansteckend.

Vorherrschendes Symptom ist eitriger Ausfluss. Beim Wasserlassen und auch beim Sex können Brennen und Schmerzen auftreten. Bei Frauen kann es zu einer verlängerten Menstruation oder zu Zwischenblutungen kommen. Eine aufsteigende Infektion führt zu Entzündungen innerer Geschlechtsorgane und manchmal auch zu Unfruchtbarkeit.

Daher sollte frühzeitig mit Antibiotika behandelt werden. „Die Auswahl geeigneter Medikamente muss sorgfältig getroffen werden, da Gonokokken inzwischen gegen die meisten Antibiotika resistent sein können“, erläutert Rasokat. Infizierte Schwangere sollten noch vor der Geburt therapiert werden, um eine Übertragung auf das Kind zu vermeiden.

Chlamydien: vor allem junge Menschen betroffen

An einer Chlamydieninfektion erkranken vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. Doch das Bewusstsein dafür, dass diese Infektion beim Sex übertragen werden kann, ist gering. So nannte in einer Befragung der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im Jahr 2014 auf die Frage, welche STI bekannt sind, nur jeder Zehnte Chlamydien.

Das Bakterium Chlamydia trachomatis wird bei sexuellen Kontakten über die infizierte Schleimhaut der Partnerin oder des Partners übertragen. Zu den möglichen Anzeichen einer Chlamydieninfektion im Urogenitalbereich zählen eitriger Ausfluss sowie Brennen und Schmerzen beim Wasserlassen. Unbehandelt kann eine Chlamydieninfektion zu chronischen Unterbauchschmerzen und zu Unfruchtbarkeit führen. Je nach sexuellen Praktiken kann es auch zu Entzündungen im Enddarm oder im Rachenraum kommen. Die Bakterien können zudem die Gelenke befallen und eine Arthritis hervorrufen. Eine Chlamydieninfektion kann gut mit Antibiotika behandelt werden.

Da eine Infektion jedoch häufig keine oder nur leichte Beschwerden auslöst und daher unbemerkt bleibt, ist das Chlamydienscreening umso wichtiger, auf das Frauen unter 25 jährlich Anspruch haben. „Dies wird jedoch leider viel zu selten wahrgenommen“, so Rasokat. Zudem werden Schwangere auf Chlamydien getestet, da eine Infektion das ungeborene Kind gefährden und zu einer Fehl- oder Frühgeburt führen kann. Selbstverständlich sollten sich auch Männer bei Verdacht auf eine Infektion auf Chlamydien testen lassen.

HPV: mögliche Ursache für Feigwarzen und Krebs

Humane Papillomviren (HPV) sind so weit verbreitet, dass sich Schätzungen zufolge 75 bis 80 Prozent der sexuell aktiven Menschen irgendwann in ihrem Leben infizieren. In einem Großteil der Fälle werden die Viren vom Körper selbst abgewehrt, ohne dass es zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommt. Eine medikamentöse Bekämpfung der Viren ist nicht möglich; nur Folgeerkrankungen können behandelt werden.

Bleibt die Infektion bestehen, können einige der HPV-Typen Feigwarzen (Kondylome) hervorrufen. Diese sind sehr ansteckend und können störend sein oder beim Sex schmerzen. Genitalwarzen können mittels verschiedener Lösungen und Cremes behandelt werden, die Wirkstoffe wie Imiquimod, Podophyllotoxin oder Sinecatechine enthalten. In der Hautarztpraxis ist auch eine Entfernung beispielsweise mittels Vereisung, mit dem Elektrokauter oder mit dem Laser möglich.

Andere, Hochrisiko-HPV-Typen können zu bösartigen Zellveränderungen führen, aus denen sich Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) entwickeln kann. Frauen ab 20 Jahren haben jährlich Anspruch auf eine Untersuchung zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs und seinen Vorstufen. Bei Auffälligkeiten werden entsprechende weitere Diagnostik- und Therapiemaßnahmen in die Wege geleitet.

HPV kann außer Gebärmutterhalskrebs auch Karzinome am After sowie an den äußeren Genitalien von Frau oder Mann oder im Mund-Rachen-Bereich hervorrufen.

Gegen HPV impfen-- Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt für Mädchen und seit Mitte dieses Jahres auch für Jungen im Alter von neun bis 14 Jahren eine Impfung gegen HPV. Die Impfstoffe schützen gegen die wichtigsten Hochrisiko-HPV-Typen, einer der verfügbaren Impfstoffe auch gegen zwei HPV-Typen, die Genitalwarzen hervorrufen. Die Impfung sollte vor dem ersten Sexualkontakt abgeschlossen sein. Bei bereits bestehender Infektion kann die Impfung der Entwicklung von Gebärmutterhalskrebs nicht vorbeugen. Laut Prof. Harald zur Hausen, einem Wegbereiter der HPV-Impfung und Medizinnobelpreisträger 2008, war die Impfempfehlung für Jungen überfällig, da auch Männer die Viren auf ihre Geschlechtspartnerinnen übertragen. Und junge Männer in fast allen Kulturen mehr Sexualpartner haben als Frauen im selben Alter. Ein Interview mit zu Hausen lesen Sie hier 

Safer Sex: Kondome schützen

Um sich vor HIV zu schützen und das Risiko anderer STI zu verringern, ist die Verwendung von Kondomen sowohl beim Vaginal- als auch beim Anal- und Oralsex wesentlich. „Bei Sex außerhalb stabil monogamer Partnerschaften sollten stets Kondome verwendet werden“, rät Rasokat. Das sei nicht Zeichen von mangelndem Vertrauen, sondern von Verantwortungsbewusstsein. Auch Partnerinnen oder Partner, die keine Anzeichen einer STI bei sich bemerkt haben, können ansteckend sein.

Wer fürchtet, sich mit einer STI angesteckt zu haben, sollte nicht lange zögern, sondern sich an einen Arzt oder eine Ärztin wenden. Anzeichen, die auf eine STI hindeuten, sollten frühzeitig abgeklärt und behandelt werden, um gesundheitlichen Folgen für sich und andere vorzubeugen. Mit dem Arzt oder der Ärztin sollte auch besprochen werden, wie lange bei einer Infektion auf Sex zu verzichten ist. Wichtig ist, dass Erkrankte bisherige SexualpartnerInnen informieren. Auch wenn diese (noch) keine Symptome haben, sollten sie sich testen und gegebenenfalls behandeln lassen. „Bei Chlamydien und Gonokokken gilt sogar, dass alle konkret gefährdeten Sexualpartner sicherheitshalber auch dann mitbehandelt werden sollten, wenn bei ihnen die Infektion nicht nachgewiesen werden konnte“, erläutert Rasokat. Ein offenes Gespräch sollte niemandem peinlich sein: Eine STI kann jeden treffen.

Eine wahre Geschichte

Sebastian Giemsch, Mitglied im PTA Beirat, hat uns folgende Story aus seinem Apothekenalltag geschickt.

Sex hat man, darüber spricht man nicht! Leider ist an diesem Satz etwa Wahres dran. Und in vielen Apotheken, selbst in Berlin, wo ich arbeite, ist das Thema Sex immer noch ein Tabu. Durch meine Story möchte ich zeigen, dass grundlegendes Wissen vielen Kunden helfen und die Frage: „Wie ist denn Ihr Sexleben?“ ein Gespräch in eine ganz andere Richtung lenken kann.

Eine Frau Mitte 30 kam mehrmals zu uns in die Apotheke und kaufte bei mir und Kollegen Medikamente gegen Halsschmerzen. Über ein halbes Jahr hatte nichts geholfen, auch die Einnahme vom Amoxicillin verschaffte der Kundin keine Linderung. Als sie dann wieder zu mir kam und ein Halsspray wollte, fragte ich sie, ob wir nicht mal kurz in den Beratungsraum gehen wollen. Die Verwunderung war ihr ins Gesicht geschrieben.

Ich fing das Gespräch mit dem Satz an: „Die Frage wollte ich Ihnen jetzt nicht zwischen den Leuten stellen, und bitte nicht falsch verstehen: Wie ist Ihr Sexleben, haben Sie unterschiedliche Sexpartner? Die Halsschmerzen machen mir Sorgen.“ Mit leicht gerötetem Kopf meinte die Kundin, dass sie und ihr Mann eine offene Beziehung haben, und da hatte ich schon eine Vermutung. Ich rief bei unserem Infektiologen an und fragte, ob ich schnell eine Dame für einen Halsabstrich vorbeischicken könne. Meine Vermutung war richtig: Sie hatte eine Chlamydieninfektion im Hals, die sie sich wohl beim Oralverkehr vor zehn Monaten eingefangen hatte. Ihr Mann und sie nahmen Azithromycin als Einmaldosis, und die Halsschmerzen waren weg.

Sie kam ein paar Tage später wieder vorbei und bedankte sich sehr bei mir und meinte, das gehe weit über den Service einer Apotheke hinaus.


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