31.07.2018

Insekten: Gefährliche Quälgeister

von Hannelore Gießen

Insektenstiche sind nicht nur lästig, sie können auch äusserst gefährlich werden. Schweren allergischen, lebensbedrohlichen Reaktionen liegt meist ein Wespenstich zugrunde.

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  • Warnzeichen für eine erweiterte lokale Reaktion: Das Gewebe um die Einstichstelle schwillt kreisrund mehr als zehn Zentimeter, und die Schwellung hält länger als 24 Stunden an.
  • Warnzeichen für eine systemische allergische, lebensbedrohliche Reaktion: Augen, Mund und Nase schwellen an. Dazu kommen Juckreiz, Rötung, Schwindel oder Übelkeit.
  • Ist eine Allergie auf Hautflügler wie Bienen oder Wespen diagnostiziert, erhält der Betroffene ein Notfall-Set mit einem Antihistaminikum, Glukokortikoid sowie eine Adrenalin-Fertigspritze.

Sieben Hornissen töten ein Pferd, drei einen Menschen. Doch diese Volksweisheit stützt sich nicht auf Tatsachen, denn ein Hornissenstich ist keineswegs gefährlicher als der einer Biene oder Wespe. Das Gift einer Biene ist sogar bis zu zehnmal stärker als das einer Hornisse. Zudem stechen Hornissen nur, wenn sie sich bedroht fühlen. Auch Bienen und Hummeln interessieren sich kaum für den Lebensraum des Menschen.

Gefräßige Wespen

Einzig Wespen suchen die Nähe von Menschen und verschmähen weder Kuchen und Marmelade noch Wurst und Schinken. Wespen sind zudem kurzsichtig und kommen auch deshalb den Menschen sehr nahe. Wer dann wild fuchtelnd die Tiere zu vertreiben versucht, riskiert einen Angriff.

Meist ist ein Stich unangenehm und schmerzhaft, aber nicht gefährlich. Mit Kühlung und einem antihistaminikahaltigen Gel klingen Schwellung und Rötung bald ab. Allerdings kann es zu einer erweiterten lokalen Reaktion kommen. Dabei schwillt das Gewebe kreisrund um die Einstichstelle um mehr als zehn Zentimeter an. Bleibt diese ausgedehnte Schwellung länger als 24 Stunden bestehen, sollte ein Arzt aufgesucht werden.

Schnelles Handeln gefragt

Weit gefährlicher als eine erweiterte lokale Reaktion ist eine systemische allergische Reaktion, die etwa jeder Vierte entwickelt, der von einem Insekt aus der Gruppe der Hautflügler – also beispielsweise einer Biene, Wespe oder Hornisse – gestochen wurde. Die Schleimhäute von Augen, Mund und Nase schwellen innerhalb von Minuten an, aber auch Juckreiz, großflächige Rötungen, Schwindel oder Magen-Darm-Beschwerden weisen auf eine allergische Reaktion hin.

Wespenstiche lösen mit 70,4 Prozent weitaus am häufigsten eine systemische allergische Reaktion aus. Nur 19,9 Prozent der überschießenden Immunreaktion gehen auf einen Bienenstich zurück und weniger als fünf Prozent auf den Stich einer Hornisse oder Hummel.

TIPP!

Hat eine Biene oder Wespe zugestochen, heißt es kühlen, kühlen, kühlen. Ist kein Kühlpack griffbereit, raten Sie dem Kunden, Eiswürfel in einen Waschlappen zu füllen. Ein altes Hausmittel, die Entzündungsreaktion zu stoppen, ist Zwiebelsaft.

Risiko Anaphylaxie

Eine systemische allergische Reaktion kann sich innerhalb weniger Minuten entwickeln und, wenn es zum anaphylaktischen Schock kommt, rasch lebensbedrohlich werden. Im schlimmsten Fall brechen Atmung und Kreislauf vollständig zusammen. Durchschnittlich sterben jedes Jahr 20 Menschen in Deutschland an einem Kreislaufstillstand aufgrund eines Insektenstichs.

Insektengifte sind bei Erwachsenen die häufigste Ursache einer Anaphylaxie, bei Kindern sind es Lebensmittel. Eine anaphylaktische Reaktion entsteht erst, wenn zuvor ein Kontakt mit dem Allergen stattgefunden hat und das Immunsystem sensibilisiert wurde.

Lebensretter Notfallset

Rasche Hilfe für alle, die bereits einmal überraschend stark auf einen Stich reagiert haben, bietet ein Notfallset, das gerade im Sommer möglichst griffbereit sein sollte. Es enthält jeweils eine Lösung eines Glukokortikoids und eines Antihistaminikums. Diese beiden Medikamente blockieren die überschießende Immunreaktion, wirken allerdings erst nach 30 bis 60 Minuten. Deshalb ist der wichtigste Teil des Sets der Adrenalin-Autoinjektor, mit dem sich der Betroffene selbst oder jemand anderes Adrenalin direkt spritzt, indem er den Injektor im rechten Winkel auf den Oberschenkel aufsetzt und die Injektion auslöst. Danach soll der Bereich um die Einstichstelle noch zehn Sekunden massiert werden, um die Verteilung des Wirkstoffs zu unterstützen. Die Injektion in den Oberschenkelmuskel ist auch durch die Kleidung hindurch möglich.

Wichtig-- Diese Therapie kann bei Bedarf je nach Wirkung alle zehn bis 15 Minuten wiederholt werden. Hat der Betroffene selbst oder ein Helfer die Situation falsch eingeschätzt und liegt gar keine anaphylaktische Reaktion vor, schadet eine nicht indizierte Adrenalingabe dem Patienten nicht. Selbstverständlich sollte bei jedem Verdacht auf eine systemische allergische Reaktion immer ein Arzt gerufen werden. Die Notfallmaßnahmen helfen jedoch, die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes zu überbrücken.

Kausale Immuntherapie

Eine spezifische Immuntherapie, früher als Hyposensibilisierung bezeichnet, ist die einzige kausale Behandlung für Allergiker. Bietet sie doch die Chance, das Immunsystem zu trainieren und die Sensibilisierung gegen ein Allergen wieder zu löschen. Dabei müssen zuerst die Toxine identifiziert werden, die für den Patienten zum Allergen geworden sind.

Im nächsten Schritt wird dem Patienten das gereinigte, standardisierte Toxin zunächst in sehr niedriger und anschließend in steigender Dosierung unter die Haut des Oberarms gespritzt. So kann der Körper eine Toleranz gegen den allergieauslösenden Stoff entwickeln. Gerade beim Wespentoxin ist die Erfolgsrate mit 95 bis 98 Prozent sehr hoch. Einziger Nachteil: Die Therapie dauert nach der Aufdosierungsphase noch drei bis fünf Jahre und erfordert vom Patienten viel Geduld und eine kontinuierliche Mitarbeit.

Richtig beraten, Risiken vermindern

Für das Apothekenteam ist es wichtig, eine erweiterte lokale Reaktion zu erkennen und den Betroffenen zum zu Arzt schicken. Selbstverständlich muss auch jeder systemischen allergischen Reaktion nachgegangen werden, auch wenn sie rasch abklingt. Der Betroffene muss ärztlich untersucht und gegebenenfalls mit einem Notfallset versorgt werden, denn der nächste Stich könnte größere Probleme verursachen.

Aufgabe des Apothekenteams ist es, sicherzustellen, dass der Patient die Anwendung des Notfallsets, insbesondere des Adrenalinpens, beherrscht. In der Apotheke sollten Übungspens vorrätig sein, anhand derer die Anwendung erläutert und geübt werden kann.

Bei Bienen- oder Wespenstichen im Rachenraum muss sofort gehandelt werden, denn jede Verzögerung kann lebensgefährlich werden. Gerade bei Kindern schwillt die Luftröhre oft innerhalb von Minuten zu. Dann ist schnellste Hilfe gefragt, indem mit Eis von innen und außen gekühlt und selbstverständlich sofort der Notarzt alarmiert wird.


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