01.06.2021

Intimhygiene: Weniger ist mehr

von Dr. Ute Koch

Sie hält den weiblichen und männlichen Genitalbereich sauber und gesund. Nur so kann dieser seine Doppelfunktion als Sexualorgan und Ausscheidungsorgan für den Urin erfüllen.

© bymuratdeniz / Getty Images / iStock (Symboblild mit Fotomodell)

Originalartikel als PDF


  • Intimhygiene hält den weiblichen und männlichen Genitalbereich gesund, weshalb sie mehr ist als eine rein kosmetische Maßnahme.
  • Aufgrund der Nähe von Intimbereich und Darmausgang sollte die Intimhygiene den gesamten Anogenitalbereich einbeziehen.
  • Spezialprodukte zur Intimhygiene sind keine Universalprodukte. Ihre Auswahl sollte den Hautzustand im Intimbereich berücksichtigen sowie besondere Belastungen, denen dieser ausgesetzt ist. Zudem gibt es Produkte speziell für den männlichen und weiblichen
  • Empfehlungen zur Intimhygiene sollten nicht dem Discounter oder Internet überlassen werden.

Geht es um den Begriff Intimhygiene, ist das Reinigen und Pflegen des äußeren Genitalbereichs gemeint. Bei der Frau ist das die Vulva (kleine Schamlippen, Klitoris, Scheidenvorhof), die von den großen Schamlippen und dem Venushügel (beide behaart) geschützt wird. Beim Mann sind es der Penis (einschließlich Eichel und Vorhaut) und der Hodensack. Da zwischen Genitalbereich und Darmausgang ein fließender Übergang besteht, sollte die tägliche Intimhygiene den gesamten Anogenitalbereich einbeziehen. Dies ist für Frauen besonders wichtig, da Vulva und Darmausgang sehr eng beieinander liegen und die für Infekte der Harnwege und Vagina (Scheide) häufig verantwortlichen Darmkeime einen nur kurzen Weg haben.

Die Hautbarriere stärken

Grundsätzlich gelten für die Reinigung und Pflege der Haut im Intimbereich die gleichen Regeln wie für alle anderen Hautareale des Körpers: Ziel ist es, die sehr zarte und sehr sensible Haut im Genitalbereich glatt, geschmeidig und widerstandsfähig zu halten. Nur so kann sie ihre Abwehrfunktionen als Hautbarriere erfüllen – gegenüber Infektionserregern, Fremdstoffen (z. B. aggressive Bestandteile von Urin und Stuhl) sowie gegenüber mechanischer Beanspruchung (z. B. durch eng sitzende Hosen, langes Sitzen im Rollstuhl, beim Radfahren). Auch als erogene Zone will der Intimbereich gesund und gepflegt sein: aus Gründen des eigenen Wohlbefindens und des Respekts gegenüber der Partnerin oder dem Partner.

Weniger ist mehr

Wird die Haut im Intimbereich zu wenig, falsch oder zu viel gereinigt und gepflegt, kann sie trocken, rau und rissig werden. In der Folge neigt sie zu Jucken, Brennen, Schmerzen und einer erhöhten Infektanfälligkeit. Daher ist die Intimhygiene nicht nur aus kosmetischer Sicht zu betrachten, sondern auch aus gesundheitlicher. Doch Vorsicht, nicht jedes Produkt zur Intimhygiene ist für alle Pflegebewussten geeignet. Bestimmte Bestandteile (z. B. Duft- und Konservierungsstoffe) können bei entsprechend empfindlichen Personen Hautirritationen oder Allergien auslösen.

Zudem sollten der individuelle Hautzustand im Intimbereich und/oder erhöhte Belastungen, denen dieser ausgesetzt ist, über die Produktauswahl entscheiden. Dies ist besonders für Menschen wichtig, deren Intimbereich unter einer chronischen (Haut)Krankheit leidet, den Folgen der Wechseljahre, einer frischen (chirurgischen) Wunde und/oder einer Inkontinenz von Blase oder Darm. Gründe genug, das Beratungsthema Intimhygiene im Apothekenalltag (verstärkt) zu integrieren.

Zuerst mild reinigen

Intensiver Wasserkontakt und ungeeignete Reinigungsprodukte entziehen der Hornschicht übermäßig viel Fett und schaden zudem ihrem Säureschutzmantel. Deshalb gilt beim Duschen oder Baden: nicht zu oft, nicht zu lange und nicht zu heiß. Klares, angenehm lauwarmes Wasser ist ausreichend. Wird eine Waschlotion verwendet, sollte deren Rezeptur auf die zarte und sensible Intimhaut abgestimmt sein, den pH-Wert der Haut regulieren und diese nicht austrocknen. Ein sehr empfindlicher Intimbereich sollte nicht trocken gerubbelt, sondern mit einem weichen Handtuch trocken getupft werden.

Danach sorgfältig pflegen

Nach dem Reinigen kann der Intimbereich mit einer geeigneten Pflege versorgt werden, die seinen individuellen Bedürfnissen gerecht wird. Zur Auswahl stehen verschiedene Intimpflegeprodukte (Status: Kosmetika), die rückfettend und/oder feuchtigkeitsspendend wirken. Beispiele für deren Bestandteile sind Hyaluronsäure, Milchsäure, Pflanzenextrakte und Mannose. Hyaluronsäure befeuchtet die Haut, sogar bei erheblicher Trockenheit. Milchsäure reguliert den pH-Wert und somit den Säureschutzmantel. Zu den pflanzlichen Zubereitungen gehören unter anderem solche aus Ringelblume (antimikrobiell, beruhigend) und aus Kamille (entzündungshemmend, wundheilungsfördernd). Mannose soll das Anheften von Bakterien behindern, die Infektionen, zum Beispiel Harnwegsinfekte, auslösen.

Aus dem OTC-Sortiment*

Präparat

Inhaltsstoffe

DEUMAVAN® Schutzsalbe neutral

Tocopherolacetat, dickflüssiges Paraffin, weiße Vaseline, Hartparaffin

GEPAN® Mannose-Gel

Mannose, Hyaluronsäure, Milchsäure, Xylitol

SAGELLA® Creme

u. a. Ringelblumenblüten-Extrakt, Hyaluronsäure, Dexpanthenol

EUBOS INTIMATE MEN milde Schaumdusche

Aquaxyl®, Meerkiefer-Extrakt, Panthenol, Sorbitol, Aloe vera, Allantoin, Bisabolol u. a.**

*beispielhafte Nennungen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand Lauer-Taxe 17.05.2021), **lt. Angaben des Herstellers

Manchmal besonders schützen

Fettreiche Schutzsalben sind in der Lage, den Intimbereich vor äußeren Einflüssen abzuschirmen. Als dünner Film aufgetragen, wirken sie urin- und stuhlabweisend, zudem mindern sie die mechanische Beanspruchung durch Inkontinenzmaterialien, Slipeinlagen, enge (Berufs)Bekleidung und sportliche Aktivitäten. So können fettreiche Schutzsalben einem Wundwerden des gesamten Anogenitalbereichs vorbeugen. Haben diese den Status eines Medizinproduktes, wie zum Beispiel ein wasserfreies Produkt auf Vaselinebasis mit Vitamin E, dürfen sie zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden – allein oder andere therapeutische Maßnahmen begleitend.

Beispiele sind der Schutz von Operationswunden oder Verletzungen vor äußeren Reizen sowie die adjuvante Anwendung bei einer Vulvodynie oder einem Lichen sclerosus. Bei der Vulvodynie treten im Bereich der Vulva Brennen, Schmerzen und Jucken ohne erklärbare Ursache auf. Der Lichen sclerosus, eine Autoimmunkrankheit, betrifft häufiger und schwerer das weibliche als das männliche Genital. Unbehandelt kann er an der Vulva zu Gewebeschwund und Vernarbungen führen, ebenso am Darmausgang.

Frauenthema: Wechseljahre

Die Schleimhaut der Vagina (Scheide) ist mit Döderlein-Bakterien (Milchsäurebakterien, Laktobazillen) besiedelt. Die Milchsäure-Produzenten sorgen für einen sauren pH-Wert (pH 3,8 – 4,5) in der Vagina. Da der Übergang zur Vulva fließend ist, hat auch die Vulvahaut einen niedrigeren pH-Wert als andere Hautareale. Das saure Milieu verhindert, dass sich krankmachende Keime vermehren können und eine Infektion verursachen – etwa eine Vaginalmykose. Die Döderlein-Bakterien sind östrogenabhängig, weshalb deren Zahl mit Einsetzen der Wechseljahre abnimmt und der pH-Wert ansteigt, in der Folge auch das Infektionsrisiko. Gleichzeitig werden Scheide und Vulva trockener und dünner. Daher werden Intimpflegeprodukte angeboten, die die verschiedenen Lebensabschnitte einer Frau berücksichtigen. Und nicht zuletzt: Scheidenspülungen können mehr schaden als nutzen, weil sie den Lebensraum der Döderlein-Bakterien stören.

Wussten Sie, dass ...

  • Vaseline ein Gemisch aus festen und flüssigen Paraffinölen ist und seit über 150 Jahren geschätzt wird wegen ihrer rückfettenden, hautschützenden und okklusiven Effekte?
  • okklusive Effekte durch Vaseline den Feuchtigkeitsgehalt der Hornschicht erhöhen?
  • aktuelle Studien belegen, dass Vaseline hauteigene Peptide aktiviert und dadurch die Hautbarriere stärkt?
  • Filaggrin und Loricrin hauteigene Peptide sind, an denen es bei chronisch-trockener Haut (z. B. bei Neurodermitis, Psoriasis, Ichthyose) mangelt?
  • dazu auch antimikrobielle Peptide zählen, die vor Infektionen schützen?

Männerthema: Smegma

Sofern keine Zirkumzision – Beschneidung der Vorhaut – erfolgt ist, sammelt sich zwischen dieser und der Eichel eine salbenartige, hellgelbe Masse an: das Smegma, überwiegend aus Talg und abgeschilferten Hautzellen bestehend. Seine Aufgabe ist es, die äußerst dünne und empfindliche Haut der Eichel vor dem Austrocknen zu schützen. Dennoch muss das Smegma regelmäßig entfernt werden. Geschieht dies nicht, können sich ein unangenehmer Geruch und/oder eine infektiöse Balanitis (Eichelentzündung) entwickeln. Verantwortlich hierfür sind das Smegma selbst und das feuchte Milieu zwischen Eichel und Vorhaut. Beide verschaffen Bakterien, Pilzen und Viren ideale Lebensbedingungen. Behindert eine Phimose (Verengung der Vorhaut) das Entfernen von Smegma, ist das Balanitisrisiko erhöht und eine Zirkumzision medizinisch indiziert. Auch der Begriff Reinlichkeitsbalanitis erscheint in der Fachliteratur. Diese ist – wie es der Name schon sagt – die Folge einer zu intensiven Intimhygiene.

Auch das ist Intimhygiene

Slip oder Shorts täglich zu wechseln, sollte selbstverständlich sein. Unerheblich ist es, ob diese aus Baumwolle oder synthetischer Mikrofaser bestehen. Wichtig ist der Tragekomfort des Materials, das weich und atmungsaktiv sein sollte. Zudem dürfen Slip oder Shorts nicht zu eng anliegen und reiben. Auch bei Slipeinlagen gilt Vorsicht: Sie schaffen ein feuchtes Milieu und können daher Bakterien und Pilzen gute Lebensbedingungen verschaffen. Kann auf Slipeinlagen nicht verzichtet werden, sollten sie mehrmals täglich gewechselt werden.


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Springer Medizin

Springermedizin.de ist das Fortbildungs- und Informationsportal für Ärzte und Gesundheitsberufe, das für Qualität, Aktualität und gesichertes Wissen steht. Das umfangreiche CME-Angebot und die gezielte Berichterstattung für alle Fachgebiete unterstützen den Arbeitsalltag.

www.springermedizin.de

Ärzte Zeitung

Ärzte Zeitung Online erreicht Mediziner und Mitarbeiter in Praxis und Klink ebenso wie Nutzer, die in anderen Heilberufen tätig sind. Patienten, deren Angehörige und ein großes an Gesundheitsthemen interessiertes Publikum gehören ebenfalls zu unseren regelmäßigen Besuchern.

www.aerztezeitung.de

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen direkt in Ihr Postfach – wöchentlich und kostenlos.