29.09.2020

Lebererkrankungen: Dem Mangel vorbeugen

von Beate Ebbers

Kann die Leber ihre Aufgaben nicht mehr ausreichend wahrnehmen, können stoffwechseladaptierte Trinknahrungen das Risiko für eine Mangelernährung und ein Fortschreiten von Komplikationen senken.

© RFBSIP / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodellen)

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  • Chronische Lebererkrankungen gehen mit einem hohen Risiko für eine Mangel- und Unterernährung einher.
  • Besonders im fortgeschrittenen Stadium kann es zu Komplikationen wie Aszites, Ödemen und hepatischer Enzephalopathie kommen.
  • Stoffwechseladaptierte Spezialtrinknahrungen mit hoher Energie- und Nährstoffdichte, verzweigtkettige Aminosäuren und MCT tragen zur Risikominderung bei.
  • Als Spät- oder Nachtmahlzeit verabreicht, helfen Spezialtrinknahrungen, einem nächtlichen Muskelabbau vorzubeugen.

Die Leber spielt eine zentrale Rolle – sowohl für die Versorgung des Körpers mit Eiweiß, Fetten und Kohlenhydraten als auch als Entgiftungsorgan. Wird sie dauerhaft geschädigt, beispielsweise durch Alkoholkonsum über einen langen Zeitraum, eine Infektion mit Hepatitisviren oder Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus kann sie ihre Aufgaben nicht mehr in vollem Umfang wahrnehmen. Mit Fortschreiten der Krankheit münden chronische Lebererkrankungen – hierzu zählen zum Beispiel die chronische Hepatitis, die alkoholische Steatohepatitis und die nicht alkoholische Steatohepatitis – meist in eine Leberzirrhose.

Energie- und Eiweißmangel

Negativ beeinflusst wird der Krankheitsverlauf durch eine Mangel- und Unterernährung. Während bei der kompensierten Zirrhose, bei der die Leber ihre Aufgaben grundsätzlich noch erfüllt, ungefähr ein Fünftel der Patienten mangelernährt sind, sind es bei der dekompensierten Form mit Funktionseinbußen des Organs mehr als zwei Drittel.

Vor allem die Energie- und Eiweißaufnahme ist oft unzureichend. Dadurch erhöht sich das Risiko für Komplikationen wie Aszites (Bauchwassersucht) und Ödeme (Wassereinlagerungen). Hinzu kommt, dass eine ungenügende Eiweißaufnahme zusammen mit einer niedrigen Serumkonzentration von verzweigtkettigen Aminosäuren die hepatische Enzephalopathie (HE) bei Zirrhosepatienten verschlechtert. Die HE ist eine schwerwiegende Komplikation aufgrund einer gestörten Entgiftungsfunktion, bei der vermutlich Ammoniak eine zentrale Rolle spielt. Ammoniak entsteht beim Abbau von Eiweiß im Körper.

Beim Gesunden wird die Substanz von der Leber zu Harnstoff verarbeitet und über die Nieren ausgeschieden. Ist die Leber so stark geschädigt, dass sie Ammoniak nicht mehr entgiften kann, gelangt dieses ungefiltert in den Blutkreislauf und ins Gehirn. Die Folge ist eine Funktionsstörung des Gehirns mit Verschlechterung der kognitiven und motorischen Fähigkeiten.

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Basis: angepasste Mischkost

Eine ausreichende Zufuhr von Energie, Eiweiß, anderen Nährstoffen, Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen ist in jedem Stadium der Erkrankung unabdingbar. Solange die Leberfunktion normal ist, kann der Bedarf mit einer angepassten ausgewogenen vollwertigen Mischkost nach den Grundsätzen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in der Regel gedeckt werden. Berücksichtigt werden müssen dabei bestehende Grunderkrankungen wie Adipositas oder Diabetes mellitus. Wichtig ist zudem das Meiden von Alkohol und anderen Noxen (z. B. Viren, leberschädigende Medikamente). Eine Leberschonkost (eiweiß- und fettarm, um die Leber zu entlasten) wird schon lange nicht mehr empfohlen.

Leitliniengerechte Empfehlungen

Im fortgeschrittenen Stadium der Zirrhose (dekompensierte Form) erhöht sich der Bedarf an Energie (35–40 kcal/kg KG/Tag), Protein (1,2–1,5 g/kg KG/Tag), fettlöslichen Vitaminen, B-Vitaminen, Zink und Calcium. Mit gutem Ernährungswissen kann der Mehrbedarf durchaus mit einer normalen Kost gedeckt werden. Die S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Gastroenterologie (Teil 1) – Leber“ empfiehlt deshalb für alle Patienten mit Leberzirrhose eine individuell abgestimmte Ernährungsberatung durch eine Fachkraft.

Gelingt es dem Patienten dennoch nicht, sich bedarfsdeckend zu ernähren, sollten vollbilanzierte Trinknahrungen zum Einsatz kommen. Untersuchungen zeigen, dass damit der Ernährungsstatus und die Leberfunktion verbessert sowie die Komplikationshäufigkeit und die Mortalität reduziert werden können.

Liegen keine Komplikationen vor, reichen in der Regel hoch kalorische, eiweißreiche Standardnahrungen aus. Bei Vorliegen von Aszites, Ödemen oder hepatischer Enzephalopathie stehen Spezialnahrungen zur Verfügung. Kann auch damit der Ernährungsstatus nicht verbessert werden, sollte eine Sondenernährung eingeleitet werden.

Spätmahlzeit-- Zirrhosepatienten bauen schon nach acht Stunden ohne Nahrung Muskelmasse ab. Die Leitlinie empfiehlt daher, die Spezialtrinknahrungen am späten Abend beziehungsweise nachts zusätzlich zu verabreichen. Lang andauernde Nüchternphasen sollten unbedingt vermieden werden.

Aus dem OTC-Sortiment*

Produkt

Eigenschaften**

empfohlene Tagesmenge (zur ergänzenden Ernährung)**

verordnungsfähig**

Fresubin® Hepa Drink Cappuccino

-vollbilanziert

-hoch kalorisch (1,3 kcal/ml)   angereichert mit verzweigtkettigen Aminosäuren

-mit Ballaststoffen

-mit MCT

>2 bis 3 EasyDrinks

ja, bei Patienten mit bestehender oder drohender Mangelernährung und zusätzlich vorliegender hepatischer Enzephalopathie

Nutricomp® Hepa

Schokolade

-vollbilanziert

-hoch kalorisch (1,3 kcal/ml)

-spezifisches Aminosäurenmuster    mit 40 % verzweigtkettigen Aminosäuren

-mit MCT und Omega-3-Fettsäuren

-geringer Ballaststoffgehalt

Die empfohlene Menge richtet sich nach dem individuellen Energie- und Nährstoffbedarf des jeweiligen Patienten

nein

*beispielhafte Nennungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand Lauer-Taxe: 21.07.2020); **lt. Hersteller (Homepage)

Spezialtrinknahrungen

Die Spezialtrinknahrungen sind insbesondere hinsichtlich des Nährstoff- und Energiegehaltes, des Aminosäuren- und Fettsäurenmusters an den veränderten Stoffwechsel der Leberpatienten angepasst.

Vollbilanziert

Die Nahrungen enthalten alle lebenswichtigen Nährstoffe in bedarfsgerechter Menge und können zur alleinigen Ernährung eingesetzt werden. Die hohe Nährstoffdichte ist gerade für die Patienten von Vorteil, die krankheitsbedingt unter Appetitlosigkeit, Völlegefühl oder Schläfrigkeit leiden und denen es daher schwerfällt, ausreichend zu essen. Schon kleine Mengen der Trinknahrungen können zur Bedarfsdeckung beitragen.

Hoch kalorisch

Um dem hohen Energiebedarf der Erkrankten gerecht zu werden, enthalten die Nahrungen mit 1,3 Kilokalorien pro Milliliter reichlich Energie. Gleichzeitig sind sie flüssigkeitsreduziert. Davon profitieren Patienten, die ihre Trinkzufuhr auf ein bis 1,5 Liter pro Tag beschränken müssen. Dies ist notwendig, wenn gleichzeitig krankheitsbedingt eine Verdünnungshyponatriämie vorliegt. Dabei sinkt die Serum-Natriumkonzentration aufgrund der Unfähigkeit der Nieren zur Wasserausscheidung. Auch bei Aszites und Ödemen ist eine Flüssigkeitsres- triktion sinnvoll, um die Ausschwemmung zu fördern. Die Leitlinie empfiehlt deshalb ausdrücklich Diäten mit hoher Nährstoffdichte für diese Patientengruppe.

Spezifisches Aminosäurenmuster

Die Spezialdiäten enthalten biologisch hochwertiges Eiweiß angereichert mit verzweigtkettigen Aminosäuren (VKAS), um die hepatische Enzephalopathie zu verbessern. Grund ist, dass bei hepatischer Enzephalopathie VKAS im Blut vermindert, die aromatischen Aminosäuren (AAS) dagegen erhöht sind. Beide konkurrieren um ein Transportsystem an der Blut-Hirn-Schranke. AAS werden vermehrt aufgenommen und führen zur Bildung falscher Neurotransmitter, die neurologische Symptome auslösen. Die Supplementation von VKAS normalisiert nachweislich die gestörte Aminosäurenrelation, verdrängt AAS an der Blut-Hirn-Schranke und bewirkt so eine verminderte Bildung der falschen Neurotransmitter.

Zudem verbessern VKAS die Ammoniakentgiftung, die bei Patienten mit Leberzirrhose eingeschränkt ist. Die Leitlinie empfiehlt daher VKAS-angereicherte Diäten für Patienten, bei denen es im Verlauf einer enteralen Ernährung zu einer hepatischen Enzephalopathie kommt. Dennoch betonen Experten, dass aufgrund fehlender vergleichender Studien noch unklar sei, ob eine mit VKAS angereicherte Spezialnahrung einer proteinreichen Standardnahrung überlegen ist. Problematisch ist zudem, dass mit VKAS angereicherte Trinknahrungen wegen des unangenehmen Geschmacks schlecht akzeptiert werden.

Mittelkettige Fettsäuren

Ungefähr die Hälfte der in den Spezialtrinknahrungen enthaltenen Fette besteht aus mittelkettigen Fettsäuren (middle chain triglyceride, MCT). Sie haben gegenüber den natürlich vorkommenden Fetten mit langkettigen Fettsäuren den Vorteil, dass sie ohne Hilfe von Gallensäuren und Lipasen aufgeschlossen werden können und damit leichter verdaulich sind. Besonders im fortgeschrittenen Stadium der Leberzirrhose leiden die Patienten unter einer schlechten Fettverdauung, da die hepatische Synthese und der Transport der Gallensäuren durch Verlegung der Gallenkapillaren im Inneren der Leber vermindert sind.


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