31.12.2019

Lieferengpässe: Fehlende Medikamente

von Kirsten Bechtold

In der Apotheke längst Alltag, nun auch verstärkt Thema in Publikumsmedien und Politik: Lieferengpässe. Welche Medikamente aktuell betroffen sind, zeigt eine Übersicht des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.

© Anke Thomass / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

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Das Gesetz über den Verkehr mit Arzneimitteln regelt die ordnungsgemäße Versorgung von Mensch und Tier mit wirksamen, sicheren und qualitativ hochwertigen Medikamenten. Seit einigen Jahren ist eine ordnungsgemäße Versorgung jedoch nicht mehr in jedem Fall gewährleistet. Denn vermehrt sind zugelassene Arzneimittel gar nicht oder nicht in der erforderlichen Menge verfügbar. Schlagzeilen machte in der Vergangenheit zum Beispiel Ibuprofen. Aber auch Antibiotika, Blutdrucksenker oder andere Standardmedikamente sind von Lieferengpässen betroffen. Das führt zu Problemen bei allen Beteiligten im Gesundheitswesen, vor allem aber bei den Patienten, die nicht oder nicht rechtzeitig mit der für sie optimalen medikamentösen Therapie beginnen können. Denn nicht immer stehen alternative Arzneimittel zur Verfügung.

Für die Apotheke bedeuten Lieferengpässe einen zeitlichen Mehraufwand, der mitunter auch mit zusätzlichen Kosten verbunden ist. Der Apotheker ist im Falle eines nicht lieferbaren Arzneimittels verpflichtet, ein wirkstoffgleiches Medikament zu besorgen. Ist das nicht möglich, muss er Rücksprache mit dem Arzt halten, um eine Alternativlösung zu finden. Jeder vergebliche Bestellversuch muss dokumentiert werden. Passiert hier ein Fehler, droht die Retaxation.

Was ist ein Lieferengpass?

Das Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) definiert Lieferengpässe als „eine über voraussichtlich zwei Wochen hinausgehende Unterbrechung einer Auslieferung im üblichen Umfang oder eine deutlich vermehrte Nachfrage, der nicht angemessen nachgekommen werden kann“.

Wer ist verantwortlich?

Für die Lieferfähigkeit von Humanarzneimitteln in Deutschland sind die jeweiligen Zulassungsinhaber verantwortlich. Lieferengpässe bei versorgungsrelevanten Arzneimitteln werden von den Zulassungsinhabern an das BfArM gemeldet und auf dessen Homepage in einer Datenbank veröffentlicht. Ausgenommen sind Impfstoffe. Hier sind die Engpässe an das Paul-Ehrlich-Institut zu melden.

Bisher basieren diese Meldungen auf einer Selbstverpflichtung der Pharmaunternehmen. Nach einem Vorschlag der Bundesregierung soll sich das ändern. Angedockt an das „Faire Kassenwettbewerb-Gesetz“ plant die Koalition unter anderem eine gesetzliche Meldepflicht. Darüber hinaus wird vorgeschlagen, bei drohenden oder bestehenden „versorgungsrelevanten Lieferengpässen“ den Herstellern zu erlauben, Medikamente mit einer Packungsbeilage in einer anderen Sprache als Deutsch in Verkehr zu bringen. Auch sollen Behörden die Lagerhaltung einzelner Arzneimittel anordnen können. Wird der Vorschlag vom Bundestag angenommen, könnte er bereits im Frühjahr 2020 in Kraft treten.

Wussten Sie, dass ...

  • die ABDA ein Faktenblatt „Lieferengpässe bei Arzneimitteln“ erstellt hat?
  • für 91,2 Prozent der selbstständigen Apotheker Lieferengpässe zu den größten Ärgernissen im Berufsalltag gehören?
  • geschätzt zwei Drittel der Apothekenmitarbeiter mehr als zehn Prozent ihrer Arbeitszeit dafür aufwenden, um bei Engpässen gemeinsam mit Ärzten, Großhändlern und Patienten nach Lösungen zu suchen?
  • 2018 Schmerzmittel (z. B. Ibuprofen), Blutdrucksenker (z. B. Valsartan), Säureblocker (Pantoprazol) und Antidepressiva (z. B. Opipramol) die Top 10 der Lieferengpässe ausmachten?

Warum kommt es zu Engpässen?

Laut dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller gibt es verschiedene Ursachen für Lieferengpässe. Ein Grund ist zum Beispiel, dass ein Zulieferer den Wirkstoff zu spät liefert. Auch kann es passieren, dass ein Werk für Ausbaubau- oder Reparaturmaßnahmen für einige Zeit stillgelegt werden muss. (Anm. d. Red.: Oftmals lassen Pharmafirmen aus Kostengründen nur noch in Ländern wie Indien oder China und hier nur von einem einzigen Hersteller produzieren). Kann eine Charge wegen Mängeln nicht für den Vertrieb freigegeben oder muss sie deswegen zurückgerufen werden, kommt es ebenfalls zu Engpässen.

Aus Sicht der ABDA verschärfen exklusive Rabattverträge oder Im- und Exportgeschäfte von Parallelhändlern in Deutschland das Problem. Die Spitzenorganisation aller Apotheker hat daher im November einen Acht-Punkte-Katalog beschlossen, mit dem Lieferengpässen entgegengewirkt werden soll. Gefordert wird darin, dass Lieferengpässe verpflichtend von Pharmaunternehmen und Großhandel bekannt gegeben werden müssen. Dazu sollten sämtliche Akteure in ein zentrales Informationssystem eingebunden werden.

Damit der Austausch von Medikamenten in der Apotheke leichter möglich ist, sollten Krankenkassen Rabattverträge mit mehreren Herstellern abschließen müssen. Gesetzlich untersagt werden sollten Exporte von versorgungsrelevanten Arzneimitteln, bei denen Knappheit herrscht oder droht. Last but not least fordert die ABDA von den Politikern, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Pharmahersteller wieder verstärkt in Europa Wirkstoffe produzieren lassen, und eine Honorierung des Mehraufwands für Apotheken. Geregelt werden müsse zudem, dass Patienten durch die Lieferengpässe keine höheren Aufzahlungen wegen Festbeträgen und Zuzahlungen entstehen.

Quellen: BfArM, VfA, ABDA, Stand: 10.12.2019


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