29.06.2021

Long-COVID: Genesen und doch nicht gesund

von Kirsten Bechtold

Das Virus hat sich längst wieder verabschiedet, doch von alter Fitness keine Spur: Spät- und Langzeitschäden betreffen circa zehn Prozent der COVID-19-Patienten. Die Ursachen sind noch nicht geklärt.

© DimaBerlin / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

Originalartikel als PDF


  • Beschwerden, die auch drei bis sechs Monaten nach einer SARS-CoV-2-Infektion bestehen, werden als Post-COVID-Syndrom oder Long-COVID-Krankheit eingestuft.
  • Typische Symptome sind Fatigue, Kurzatmigkeit, Schmerzen, Gedächtnis-, Schlaf- und Riechstörungen.
  • Als Ursache diskutiert werden durch SARS-CoV-2 ausgelöste Entzündungsreaktionen im gesamten Organismus sowie durch das Virus aktivierte Autoimmunerkrankungen.
  • Im Juli 2021 ist eine S1-Leitlinie zum Post-COVID- Syndrom erschienen.

Es trifft nicht nur Senioren, Hochbetagte und Schwerkranke: Viele Patienten mit Long COVID, auch Long-COVID-Syndrom oder Post-COVID-Syndrom genannt, sind relativ jung und haben die Corona-Infektion zu Hause durchgemacht. Die Symptome sind vielfältig und reichen von Müdigkeit (Fatigue), Schmerzen und Herz-Kreislauf-Problemen über Atemwegsprobleme wie anhaltende Kurzatmigkeit und Husten bis hin zu psychischen Belastungssymptomen wie Angst, Depression, Konzentrations- und Denkprobleme und Schlafstörungen. Auch der Geruchssinn kann langanhaltend gestört sein.

Zur zeitlichen Abgrenzung zwischen Akutphase und Long COVID gibt es noch keine genaue Definition. Einige Experten sprechen von Long COVID, wenn die Beschwerden auch noch drei bis sechs Monate nach der akuten Infektion bestehen. Ein kürzerer Zeitraum wird eher als subakutes Stadium der Erkrankung eingestuft. In Kürze soll eine S1-Leitlinie zum Post-COVID-Syndrom unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) erscheinen.

Aktualisierung: S1-Leitlinie Post-COVID/Long-COVID ist online

Mit Datum vom 12.7.21 ist die AWMF-Leitlinie Post-COVID/Long-COVID nun veröffentlicht worden. Demnach variiert die Häufigkeit des Post-COVID-Syndroms je nach untersuchter Patientenpopulation und ist über alle Patienten hinweg mit einer Häufigkeit von bis zu 15 Prozent anzunehmen.

Die Experten haben sich zudem auf eine Definition geeinigt:

  • Akute COVID-19: Symptome bestehen für bis zu 4 Wochen
  • Fortwährend symptomatische COVID-19: Symptome bestehen für 4 bis 12 Wochen
  • Post-COVID-19-Syndrom: Symptome bestehen länger als 12 Wochen (nicht erklärbar durch andere Diagnose)
  • Long-COVID: Neue Symptome kommen hinzu oder bestehen länger als 4 Wochen

Wenige Daten

Die Studienlage zu den Spät- und Langzeitfolgen ist derzeit noch unbefriedigend. Verlässliche, repräsentative Daten zum Anteil der Personen mit Langzeitfolgen liegen nicht vor. Schätzungen der DGP zufolge sind etwa zehn Prozent aller Erkrankten betroffen. In einigen Studien wurden Risikofaktoren für das Auftreten von Spät- und Langzeitfolgen identifiziert. Hierzu zählen neben schweren Krankheitsverläufen mit bereits zu Krankheitsbeginn ausgeprägten Symptomen Vorerkrankungen wie Übergewicht und das weibliche Geschlecht.

Warum es zu entsprechenden Symptomen kommt, ist derzeit ebenfalls noch unbekannt. Vermutet wird ein über mehrere Wochen andauernder Prozess, bei dem der Organismus die durch SARS-CoV-2 ausgelösten Entzündungsreaktionen nach und nach behebt. Diskutiert werden zudem Autoimmunerkrankungen, die durch das Virus aktiviert werden.

Auch zu wirksamen Therapien gibt es derzeit nur wenige Daten. Laut Prof. Winfried Meißner, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft, erinnert Long COVID an andere chronische Krankheiten. Daher prognostizierte er auf einer Online-Pressekonferenz der Deutschen Schmerzgesellschaft anlässlich des Aktionstages gegen den Schmerz am 01. Juni, dass künftig bei der Behandlung von Long-COVID-Patienten, genau wie bei chronischen Krankheiten, vor allem Interdisziplinarität gefragt sei. Also mit großer Wahrscheinlichkeit pharmakologische und psychologische Therapien sowie Physiotherapie kombiniert werden, um den Patienten zu helfen.

Um all diese Fragen zu klären, Long-COVID-Folgen besser zu verstehen und Patienten bestmöglich bei ihrer Genesung unterstützen zu können, startete die Bundesregierung kürzlich ein Forschungsprogramm. Für dieses stehen fünf Millionen Euro zur Verfügung.

Riechstörungen im Fokus

Beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie ging es unter anderem um Riech- und Schmeckstörungen als Symptom von Corona-Infektionen. Hier berichteten die Experten unter Berufung auf verschiedene Studien, dass bis zu 80 Prozent der COVID-19-Kranken von Riech- und Schmeckstörungen betroffen gewesen sind. Diese chemosensorischen Symptome hätten sich häufig bereits am dritten Tag nach der Infektion gezeigt und seien somit oft das erste, in manchen Fällen sogar das einzige COVID-19-Symptom. Bei den meisten Betroffenen erholt sich die Riechfunktion innerhalb weniger Wochen wieder. Das spricht aus Sicht der Fachleute gegen eine echte Nervenschädigung. Ein Riechtraining an starken Duftstoffen beschleunigt möglicherweise die Regeneration der Nervenzellen. Ob der Geruchssinn letztlich in allen Fällen uneingeschränkt zurückkehrt, ist jedoch noch ebenso unklar wie die Frage, ob die beobachteten Veränderungen des Geschmackssinns auf eine tatsächliche Schmeckstörung zurückgehen.

Riechtraining-- Ein Geruchstest kann leicht zu Hause gebastelt werden: In vier identischen Döschen werden gut unterscheidbare Geruchsträger wie Eukalyptus, Gewürznelken, Zitrone und Rose platziert. Diese werden von Menschen ohne Geruchseinschränkung in der Regel wahrgenommen. COVID-19-Patienten mit Einschränkungen des Geruchssinns sollten regelmäßig morgens und abends jeweils eine halbe Minute an den Döschen riechen. Bei Riechstörungen anderer Ursache hat sich gezeigt, dass ein solches Training der Nase wieder auf die Sprünge helfen kann – und zugleich dem Nachlassen des Geruchssinns im Alter entgegenwirkt.

Neuropsychiatrische Symptome

Auch über die Ursachen der neuropsychiatrischen Beschwerden können Ärzte derzeit nur spekulieren. Bislang gehen Experten nicht von einer direkten viralen Schädigung der Nervenzellen aus, vielmehr könnten inflammatorische Prozesse der gemeinsame Nenner sein. Das Virus schädigt das Endothel der Hirngefäße und der Blut-Hirn-Schranke. In der ÄrzteZeitung wird auf Autopsieberichte von 18 Patienten verwiesen, in denen ein deutlicher Fibrinogenaustritt aus kleinen Hirngefäßen beobachtet wurde. Forscher fanden zudem Makrophagen um solche Gefäße herum, aber kein Virus im Gehirn. All dies deute auf mikrovaskuläre Schäden in der Akutphase hin, und diese könnten chronische Entzündungsprozesse triggern.

Kardiovaskuläre Aspekte

Zu den Auswirkungen einer COVID-19-Erkrankung auf das Herz gibt es ebenfalls nur wenige Studien. In einer Untersuchung wurden 1077 Patienten vier bis sechs Monate nach überstandener SARS-CoV-2-Infektion zu ihren Symptomen befragt und auf Biomarker untersucht. 70 Prozent gaben an, noch immer Beschwerden zu haben. Aus kardiologischer Sicht waren hierbei vor allem Fatigue und Luftnot relevant, weil diese Beschwerden einer Herzinsuffizienz sein könnten, berichteten Herzspezialisten auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Doch nach heutigem Kenntnisstand sind diese beiden Symptome nicht dem Herzen zuzuschreiben. Es sei daher nicht davon auszugehen, dass Long-COVID eine spezifische Manifestation des Herzens ist. Eine Flut an Herzinsuffizienz-Patienten wird es aller Voraussicht nach nicht geben.

Schmerzen lindern

Da Kopf-, Brust- und Gelenkschmerzen zu den Top 10 der Post-COVID-Symptomatik zählen, sind Schmerzmittel eine naheliegende Therapieoption. Neben verschreibungspflichtigen Analgetika stehen auch apothekenpflichtige zur Verfügung. Aus Sicht des Apothekers Berend Groeneveld, Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der ABDA, sind für Long-COVID-Patienten, die die Apotheke aufsuchen, vor allem Acetylsalicylsäure und Ibuprofen wegen ihrer schmerzlindernden, fiebersenkenden und entzündungshemmenden Eigenschaften sowie Paracetamol geeignete Schmerzmittel. Wie er auf der Online-Pressekonferenz der Deutschen Schmerzgesellschaft betonte, sollten diese nicht länger als drei Tage hintereinander und nicht länger als zehn Tage im Monat ohne ärztliche Rücksprache eingenommen werden. Wichtig ist aus seiner Sicht zudem ein Wechselwirkungscheck mit der vorhandenen Medikation durch die Apotheke.

Vitamine-- Klinische Studien gibt es Groeneveld zufolge nicht, nur empirische Daten. Aufgrund derer hält er allerdings eine Empfehlung der neurotropen Vitamine B1, B6 und B12, vor allem in Ergänzung zu Schmerzmitteln, individuell für sinnvoll. Wegen fehlender Daten und des Risikos der Überdosierung sollten Long-COVID-Patienten Vitamin E und D nur nach ärztlicher Rücksprache supplementieren. Im Einzelfall und in Absprache mit dem Facharzt könnte auch Uridinsäure beziehungsweise Uridinmonophosphat in Kombination mit B-Vitaminen zur Besserung der Beschwerden beitragen, so Groeneveld.

Mineralstoffe-- Muskelkrämpfe bei Long-COVID-Patienten sprechen laut Groeneveld für eine Dysbalance des Mineralstoffhaushalts. Hier könne der Betroffene Magnesium ausprobieren. Kommt es nach wenigen Tagen nicht zu einer Besserung, sollte der Patient beim Arzt seinen Mineralstoffhaushalt mit Blick auf Magnesium, Kalium, Natrium und Calcium überprüfen lassen, riet der Apotheker.

Hilfe für Betroffene

Es gibt bereits erste Kliniken, die Post-COVID-Ambulanzen einrichten, etwa die Universitätsmedizin Essen Ruhrlandklinik oder das Universitätsklinikum Jena. Das Universitätsklinikum Charité Berlin bietet eine Post-COVID-Fatigue-Sprechstunde für Patienten, deren Erschöpfungssymptome länger als sechs Monate bestehen an. Darüber hinaus gibt es inzwischen Selbsthilfegruppen. Einen Überblick über Initiativen in Deutschland bietet die Website langzeitcovid.de.


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Springer Medizin

Springermedizin.de ist das Fortbildungs- und Informationsportal für Ärzte und Gesundheitsberufe, das für Qualität, Aktualität und gesichertes Wissen steht. Das umfangreiche CME-Angebot und die gezielte Berichterstattung für alle Fachgebiete unterstützen den Arbeitsalltag.

www.springermedizin.de

Ärzte Zeitung

Ärzte Zeitung Online erreicht Mediziner und Mitarbeiter in Praxis und Klink ebenso wie Nutzer, die in anderen Heilberufen tätig sind. Patienten, deren Angehörige und ein großes an Gesundheitsthemen interessiertes Publikum gehören ebenfalls zu unseren regelmäßigen Besuchern.

www.aerztezeitung.de

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen direkt in Ihr Postfach – wöchentlich und kostenlos.