28.02.2019

Medikamente im Alter: So wenig wie möglich

von Kirsten Bechtold

Berichtet ein älterer Kunde von bisher nicht aufgetretenen Symptomen, sollten Sie hellhörig werden. Möglicherweise lassen sich die Beschwerden auf die Einnahme eines bisher gut vertragenen Medikaments zurückführen.

© Getty Images/iStockphoto

Originalartikel als PDF

Nimmt ein Patient regelmäßig mehr als fünf Medikamente gleichzeitig ein, sprechen Fachleute von Multimedikation oder Polypharmazie. Daten der gesetzlichen Krankenversicherung zeigen, dass das spätestens ab einem Alter ab 75 Jahre nicht unüblich ist: Hier schluckt jeder Dritte mehr als acht Arzneimittel. Bei den über 65-Jährigen sind es immerhin 30 bis 40 Prozent, die regelmäßig mindestens vier Medikamente einnehmen.

Aber nicht nur die Menge der Medikamente, sondern auch altersspezifische organische Veränderungen erhöhen das Risiko für das Auftreten von Nebenwirkungen. Diese betreffen vor allem die Nieren, die Leber, das Zentrale Nervensystem (ZNS), das Plasmaeiweiß, das Verhältnis von Körperfett, Körperwasser, Knochen- und Muskelmasse (Körperzusammensetzung) und den Magen-Darm-Trakt, weshalb sich mit zunehmendem Alter die Aufnahme, die Verteilung und die Ausscheidung von Wirkstoffen verändern können.

Nierenfunktion lässt nach

Beispielsweise können Arzneistoffe durch ein Nachlassen der Nierenfunktion nur noch eingeschränkt ausgeschieden werden. Sie reichern sich im Körper an. Bei gleichbleibendem Einnahmeintervall kann es zu einer Überdosierung kommen.

Hier kann eine Umstellung auf nicht renal ausgeschiedene Substanzen helfen, die Verträglichkeit zu verbessern. Ist dies nicht möglich, muss eine Dosisverringerung oder Verlängerung des Einnahmeintervalls in Betracht gezogen werden. So kann das Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen verringert werden.

Leber wird leichter

Weitere physiologische Veränderungen betreffen das Hauptentgiftungsorgan des Körpers, die Leber. Mit zunehmendem Alter sinkt ihr Gewicht, die Leberenzyme arbeiten weniger effektiv, und der Blutfluss durch die Leber verringert sich.

Die Folge: Die Arzneistoffe werden nicht mehr so schnell wie in jungen Jahren abgebaut. Behält der Arzt die empfohlenen Dosisintervalle bei gleichbleibender Dosierung bei, kann es unter Umständen zu einer Überdosierung kommen.

Plasmaeiweiß nimmt ab

Für eine verstärkte Wirksamkeit von Arzneistoffen kann auch der Rückgang der Menge an Plasmaeiweiß verantwortlich sein. Medikamente, die normalerweise im Blut an Proteine gebunden und verzögert freigesetzt werden, finden in diesem Fall nicht mehr genügend Bindungspartner und zirkulieren frei im Blut.

Körperzusammensetzung verändert sich

Einfluss auf die Verteilung von hydrophilen und lipophilen Arzneistoffen im Körper haben Veränderungen in der Körperzusammensetzung. Zum Beispiel sinkt der Anteil des Körperwassers bis zum 80. Lebensjahr um insgesamt bis zu 20 Prozent. Wasserlösliche Medikamente haben weniger Raum, sich zu verteilen. Bei gleicher Dosis erhöhen sich dementsprechend die Wirkstoff-Plasma-Konzentrationen bei älteren Personen, verglichen mit denen bei jüngeren Menschen. Das verstärkt die Wirkung.

Umgekehrt nimmt der Anteil des Fettgewebes am Körpergewicht mit dem Alter zu. Fettlösliche Substanzen haben mehr Raum, sich zu verteilen. Es droht eine Unterdosierung. Um dennoch therapeutische Serumspiegel zu erreichen, kann man die Initialdosis erhöhen.

Einige rein lipophile Stoffe lagern sich zudem in ganz spezifischer Weise an Fettzellen an, daher ist bei einigen mit verlängerten biologischen Halbwertzeiten zu rechnen. Dadurch vergrößert sich die Gefahr, dass ein Stoff bei wiederholter Gabe eine toxische Dosis erreicht.

Wussten Sie, dass ...

  • orale Antidiabetika, Betablocker, Diuretika, Insuline und deren Analoga, Benzodiazepine, nicht steroidale Antirheumatika und Digitalisglykoside häufig unerwünschte Arzneimittelwirkungen auslösen?
  • die häufigsten Nebenwirkungen Kreislaufprobleme (ausgelöst durch zu stark abgesenkten Blutdruck), langsamer und unregelmäßiger Herzschlag, Schwindel, Verwirrtheit, verringerte (geistige) Leistungsfähigkeit, Bewegungsstörungen, Stürze, Mundtrockenheit und Verstopfung sind?

ZNS im Wandel

Darüber hinaus kommt es mit dem Alter zu Veränderungen im ZNS, beispielsweise geht die Anzahl cholinerger Nervenzellen (Neuronen) zurück. Anticholinerg wirksame Arzneistoffe können nicht mehr im gewohnten Umfang aufgenommen werden. Daher kann es zu schweren zentralen Nebenwirkungen wie Benommenheit, Schwäche, Gedächtnisstörungen, Unruhe und Krampfanfälle sowie Bewusstseinsstörungen und Verwirrtheit kommen.

Träger Magen-Darm-Trakt

Auch die Motilität und die Durchblutung des Magen-Darm-Traktes nehmen mit dem Alter ab, der Magen entleert sich langsamer als bei jüngeren Menschen. Dies beeinflusst die Absorption von Arzneistoffen im Darm, wodurch es zu einer Unter- oder Fehlversorgung kommen kann.

Aufaddierte Nebenwirkungen

Nehmen Patienten mehrere Medikamente ein, sind nicht nur die unerwünschten Wirkungen der einzelnen Arzneimittel zu beachten, sie können sich auch aufaddieren. So kann es bei Einnahme mehrerer Wirkstoffe mit anticholinergen Nebeneffekten wie Mundtrockenheit, Verstopfung, Sehstörungen und Steigerung der Herzfrequenz dazu kommen, dass der Cocktail an Medikamenten ein anticholinerges Syndrom auslöst, gekennzeichnet durch Schwindel, Sehstörungen, Verwirrtheit und Kreislaufinstabilität.

Kritische Wirkstoffe kennen

Ob ein Wirkstoff für ältere Menschen kritisch sein kann oder nicht, kann der PRIS- CUS-Liste (Potentially inappropriate medication in the elderly, www.priscus.net) entnommen werden. Sie ist das Pendent zur bereits 1991 in den USA veröffentlichen Beers-Liste, die sich wegen länderspezifischer Arzneimittelzulassungen und Verschreibungspraktiken nur sehr begrenzt auf Deutschland übertragen lässt.

Therapietreue fördern

Je mehr Medikamente gleichzeitig eingenommen werden, desto höher ist die Gefahr von unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Dennoch lautet der Umkehrschluss natürlich nicht, gar keine Medikamente einzunehmen. Vielmehr ist es wichtig, die Risiken und Nebenwirkungen der eingenommenen Medikamente zu kennen und durch ein gutes Therapiemanagement so gering wie möglich zu halten. Denn internationale Studien gehen davon aus, dass etwa ein Drittel bis 40 Prozent der unerwünschten Arzneimittelwirkungen im Alter vermieden werden könnten, wenn grundlegende Aspekte der Pharmakotherapie beachtet würden.

Im Sinne des Patienten sollten der Arzt und das pharmazeutische Personal zusammenarbeiten. Wichtig ist es, das Vertrauen der Senioren zu gewinnen und sich als Ansprechpartner für Sorgen und Ängste die Medikamenteneinnahme betreffend zu etablieren. Hilfreich hierbei kann auch der Medikationsplan sein, in dem jeder Zeit nachgelesen werden kann, welche Arzneimittel, zu welchem Zeitpunkt und in welcher Dosierung eingenommen werden sollen.


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Apotheke und Marketing

APOTHEKE + MARKETING wendet sich an das Fachpersonal in der öffentlichen Apotheke, wobei das Magazin und die Webseite insbesondere auf das berufliche Informationsbedürfnis des Apothekers eingeht.

www.apotheke-und-marketing.de

Springer Medizin

Springermedizin.de ist das Fortbildungs- und Informationsportal für Ärzte und Gesundheitsberufe, das für Qualität, Aktualität und gesichertes Wissen steht. Das umfangreiche CME-Angebot und die gezielte Berichterstattung für alle Fachgebiete unterstützen den Arbeitsalltag.

www.springermedizin.de

Newsletter

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen künftig frei Haus – wöchentlich und kostenlos.