01.04.2018

Mikroorganismen: Probiotika

von Beate Ebbers

Spezielle Kulturen von Mikroorganismen sind nicht nur in Joghurts zu finden, sondern auch in Präparaten aus der Apotheke. Ihnen werden gesundheitsfördernde Eigenschaften zugesprochen. Was ist gesichert?

© goodmoments / Getty Images /

Originalartikel als PDF


  • Probiotika sind lebende, nicht pathogene Mikroorganismen mit gesundheitsfördernden Eigenschaften.
  • Sie können Lebens-, Nahrungsergänzungs-, Arzneimitteln oder bilanzierten Diäten zugesetzt werden.
  • Nur wenige ausgelobte Gesundheitswirkungen sind wissenschaftlich hinreichend belegt. Health Claims sind für Nahrungsergänzungs- und Lebensmittel mit einem Zusatz an Probiotika nicht zulässig.
  • Für die Therapie und die Prophylaxe bestimmter Erkrankungen ist die Anwendung von probiotischen Arzneimitteln gesichert und wird empfohlen.

Probiotika sind lebende, nicht pathogene Mikroorganismen mit einem gesundheitlichen Nutzen. Dazu zählen speziell gezüchtete Stämme von Laktobazillen und Bifidobakterien, aber auch spezifische Entero-, Lactococcus- und Streptococcus-Stämme, Vertreter anderer Spezies und Hefen.

Während die in Lebensmitteln natürlich vorhandenen Bakterien und Hefen die Magen-Darm-Passage nur zu etwa zehn bis 40 Prozent überleben, überstehen Probiotika größtenteils aufgrund ihrer natürlichen hohen Resistenz gegenüber Magen-, Gallensäuren und Verdauungsenzymen unbeschadet Magen- und Verdauungssäfte.

Nach derzeitigem Kenntnisstand müssen täglich mindestens 108 bis 109 koloniebildende Einheiten derselben Stämme aufgenommen werden, um einen gesundheitlichen Nutzen zu erzielen. Die meisten probiotischen Produkte enthalten pro Tagesdosis mehr. Wichtig ist auch, dass die Lebens- und Vermehrungsfähigkeit der Kulturen bis zum Erreichen des Verfalls- beziehungsweise des Mindesthaltbarkeitsdatums erhalten bleiben.

Einfluss auf die Mikrobiota

Probiotika beeinflussen in erster Linie die Mikrobiota des Darms. Gelangen sie regelmäßig und in ausreichender Menge in den unteren Gastrointestinaltrakt, konkurrieren sie dort mit der ortsansässigen Mikrobiota um Nahrung und Rezeptoren auf der Darmmukosa. Bestimmte probiotische Stämme sind so in der Lage, pathogene Keime von ihren Plätzen zu verdrängen. Durch Senkung des intestinalen pH-Wertes, der Bildung bakterizider Substanzen (z. B. kurzkettige Fettsäuren, Wasserstoffperoxid) und der Aktivierung von Makrophagen und Antikörpern wirken sie zudem Krankheitserregern entgegen. Darüber hinaus setzen sie Aminosäuren (z. B. Arginin, Glutamin) frei, welche immunkompetente Darmzellen schützen.

Manche Kulturen besitzen womöglich selbst die Fähigkeit zur Absorption und Verstoffwechselung von pathogenen Substanzen. Andere wiederum scheinen die Darmmotilität zu beeinflussen, was sich in einer kürzeren Passagezeit, häufigeren Stuhlentleerungen, größerem Stuhlvolumen und weicheren Stühlen zeigt. Besonders probiotische Milchsäurebakterien verbessern die Verträglichkeit von Milchzucker (Laktose), indem die mikrobielle beta-Galaktosidase die Aufspaltung von Laktose in Galaktose und Glukose im Darm unterstützt.

Supermarkt oder Apotheke

Probiotische Keime werden Lebens-, Nahrungsergänzungs-, Arzneimitteln und bilanzierten Diäten zugesetzt.

Lebensmittel-- Zu den bekanntesten probiotischen Lebensmitteln zählen Joghurt und -drinks (z. B. Yacult ®, Actimel ®), denen während des Fermentationsprozesses oder nachträglich lebende probiotische Keime (z. B. L. casei Shirota , L. paracasei ssp. paracasei CNCM I-1518) zugesetzt werden. Mit ihrem gesundheitlichen Nutzen, der über den Nährwert hinausgeht, zählen sie zu den funktionellen Lebensmitteln (functional food).

Nahrungsergänzungsmittel-- Im Unterschied dazu besitzen Nahrungsergänzungsmittel mit Probiotika keinen Nährwert. Sie beinhalten meist gefriergetrocknete lebensfähige Keime, die die herkömmliche Ernährung ergänzen sollen.

Arzneimittel-- Probiotische Arzneimittel dienen der Therapie bestimmter Erkrankungen. Sie enthalten hohe standardisierte Konzentrationen an einem oder mehreren definierten Stämmen in geprüfter Qualität, deren Wirkung belegt ist.

Bilanzierte Diäten-- Auch bilanzierte Diäten für Erkrankte mit besonderem Bedarf können Probiotika enthalten. Deren Wirksamkeit muss, wie bei Arzneimitteln auch, ab dem 22. Februar 2019 belegt werden. Für bilanzierte Diäten, die für Säuglinge bestimmt sind, gilt das ab dem 22. Februar 2020 (vgl. a. DAS PTA MAGAZIN 08/2017, S. 28ff.).

TIPP!

Empfehlen Sie Kunden für einen gesunden Darm und ein gutes Immunsystem eine Kost reich an Sauermilchprodukten, milchsauer eingelegtem Gemüse, wie Sauerkraut, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte. Wichtig ist außerdem, sich viel zu bewegen, am besten im Freien.

Mögliche Einsatzgebiete

Nur für wenige Stämme konnte bislang in Humanstudien ausreichend belegt werden, dass sie therapeutisch oder präventiv wirken. Als gesichert gilt, dass bestimmte Stämme (z. B. S. boulardii, L. casei DN-114 001) Häufigkeit, Dauer und Intensität von antibiotikaassoziierten sowie viral und bakteriell bedingten Durchfallerkrankungen, vor allem bei Kindern, reduzieren können. Manche Experten befürworten daher die standardmäßige Gabe eines Probiotikums zur Antibiotikatherapie.

Inzwischen wurden in einzelnen Probandenkollektiven mit ausgewählten Probiotika (z. B. E. coli Stamm Nissle 1917) positive Effekte in Therapie und Prophylaxe bei Colitis ulcerosa in der Remission, Reizdarmsyndrom, chronischer Obstipation und urogenitalen Infekten beobachtet. Die Leitlinien zu diesen Erkrankungen sprechen sich daher für den Einsatz von spezifischen Probiotika aus.

Inwieweit probiotische Keime die Abwehrkräfte stärken, ist noch unklar. In Studien konnte zwar gezeigt werden, dass der regelmäßige Verzehr von bestimmten Probiotika (z. B. L. rhamnosus GG, L. casei DN-114 001) die Dauer von Erkältungen verkürzt und deren Symptome lindert, verhindern konnten sie die Infekte jedoch nicht.

Hinweise gibt es darauf, dass bestimmte Mikroorganismen (z. B. L. casei Shirota) krebsprotektive Eigenschaften besitzen sowie Häufigkeit und Intensität von Allergien und atopischen Erkrankungen günstig beeinflussen. Derzeit werden für einige der genannten Indikationen probiotische Arzneimittel und bilanzierte Diäten angeboten (s. Tab.).

Zusatznutzen nicht belegbar

Im Unterschied zu den Arzneimitteln ist umstritten, ob probiotische Lebens- und Nahrungsergänzungsmittel gesundheitliche Vorteile gegenüber herkömmlichen Lebensmitteln haben. Trotz jahrzehntelanger Forschung und positiver Studienergebnisse konnte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bisher keinen ausreichend belegten Zusatznutzen für Gesunde ausmachen.

Das, so Experten der Bundesanstalt für Ernährung und Lebensmittel in Kiel, bedeute aber nicht, dass die speziellen Mikroorganismenstämme nicht wirken. Tatsächlich ist es gerade bei Humanstudien mit Probiotika schwierig, die erzielten Gesundheitseffekte exakt auf die Wirkung eines bestimmten Stammes zurückzuführen. Denn welche Wirkung ein Probiotikum in vivo entfaltet, hängt auch von Lebensgewohnheiten, Gesundheitszustand, Hygienestandard, individueller intestinaler Mikrobiota, Alter und Geschlecht des Probanden ab. Selbst bei Studien mit einem guten Design bleibt häufig offen, wer unter welchen Bedingungen tatsächlich von einem Probiotikum profitiert. Dies zeigt, dass die probiotischen Wirkungen nicht nur stamm-, sondern auch zielgruppenspezifisch sind.

Werbeverbot

Die EFSA verbot 2012 gesundheitsbezogene Werbeaussagen (Health Claims) für Nahrungsergänzungs- und Lebensmittel mit Probiotika. Hersteller derartiger Produkte dürfen nicht mit Aussagen wie „aktiviert die Abwehrkräfte“ oder „beugt Allergien vor“ werben. Selbst Begriffe wie „probiotisch“ oder „Probiotika“ implizieren nach einem späteren gerichtlichen Urteil einen gesundheitlichen Zusatznutzen und dürfen nicht verwendet werden. Dies gilt auch für Umschreibungen wie „lebende“ oder „aktive Bakterien“. Mittlerweise haben viele Hersteller derartige Begriffe von ihren Verpackungen verbannt und bezeichnen ihre Produkte als „Lebens- oder Nahrungsergänzungsmittel mit speziellen Kulturen“ oder benennen lediglich die zugesetzten Kulturen in der Zutatenliste.

Das Verbot für gesundheitsbezogene Angaben gilt auch für Säuglingsnahrungen. Besonders Spezialnahrungen enthalten einen Zusatz an probiotischen Keimen, die Koliken, Reflux, Verstopfungen, Durchfallerkrankungen, Allergien und Ekzemen vorbeugen oder lindern sollen. Das Bundesinstitut für Risikoforschung und die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin sehen nach Studienanalyse jedoch keinen hinreichenden Beleg für die ausgelobten Wirkungen. Die angebotenen probiotischen Babynahrungen seien sicher, aber überflüssig.

Beratungswissen

Um die Darmflora günstig zu beeinflussen und das Immunsystem zu stärken, müssen nicht unbedingt teure probiotische Lebens- oder Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden. Denn Milchsäure- und Bifidobakterien befinden sich auch in herkömmlichen unerhitzten Sauermilchprodukten wie Joghurt, Kefir oder Dickmilch sowie in Sauerkraut. Auch wenn nur ein Teil dieser Mikroorgansimen die Magen-Darm-Passage überlebt, unterstützen sie die Darmtätigkeit, wenn sie regelmäßig auf dem Speiseplan stehen.

Probiotische Arzneimittel sind der Vorbeugung und Therapie bestimmter Erkrankungen vorbehalten und sind eine gute Zusatzempfehlung, wenn der Arzt ein Antibiotikum verordnet hat. Wichtig zu wissen: Antibiotika können die probiotischen Keime abtöten. Dennoch hat sich eine therapiebegleitende Gabe bei einem großen Teil der Patienten als wirksam erwiesen. Ausschlaggebend hierfür ist unter anderem die sehr hohe Menge an Probiotika einer Tagesdosis. Wichtig ist zudem, noch vor oder gleich zu Beginn der Antibiotikatherapie mit der Probiotikumeinnahme zu beginnen, also bevor die Wirkung des Antibiotikums sich voll entfaltet. Und damit nicht zu viele der probiotischen Keime abgetötet werden, sollte das Probiotikum zeitversetzt zum Antibiotikum eingenommen werden, zum Beispiel zwei bis drei Stunden danach.

Manche probiotische Stämme haben zudem eine natürliche Resistenz gegenüber bestimmten Antibiotika. Hinzu kommt, dass Saccharomyces als Hefe nicht von Antibiotika getötet wird.

Aus dem OTC-Sortiment*

Produktbeispiele

Mikroorganismen

Anwendungsgebiet**

Arzneimittel

Mutaflor®

Escherichia coli Stamm Nissle 1917

chronische Obstipation, Colitis ulcerosa in der Remissionsphase

Perenterol® forte, Yomogi®

Saccharomyces boulardii (S. cerevisiae HANSEN CBS 5926)

Vorbeugung Reisediarrhö, Therapie akuter Durchfallerkrankungen

Symbioflor® 2 Suspension

Escherichia coli DSM 17252

Reizdarm

Infectodiarrstop LGG®

Lactobacillus rhamnosus GG

Durchfall bei Säuglingen und Kleinkindern

Bilanzierte Diät

Omni-Biotic® Panda

Lactococcus lactis W58, Bifidobacterium lactis W52, Bifidobacterium bifidum W23

Behandlung von immunologischen Dysbalancen zwischen TH1- und TH2-Zellen

Probiotik® protect

Bifidobacterium bifidum W23, Enterococcus faecium W51, Lactobacillus lactis W58 u. a.

für Schwangere zur Unterstützung der Besiedlung des kindlichen Darms bei familiärer Neigung zu allergischen Erkrankungen

Nahrungsergänzungsmittel

Lactobiogen®

Bifidobacterium BB-12®, Lactobacillus acidophilus LA-5®, Lactobacillus delbrueckii LBY-27™ und Streptococcus thermophilus STY-31™

zum Aufbau und Erhalt der natürlichen Darmflora

Symbiolact® comp.

Bifidobacterium lactis, Lactobacillus acidophilus, Lactococcus lactis, Lactobacillus paracasei

Darmsanierung

*beispielhafte Nennungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand Lauer-Taxe: 13.03.18), **laut Herstellerinformation bzw. Fachinformation


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Apotheke und Marketing

APOTHEKE + MARKETING wendet sich an das Fachpersonal in der öffentlichen Apotheke, wobei das Magazin und die Webseite insbesondere auf das berufliche Informationsbedürfnis des Apothekers eingeht.

www.apotheke-und-marketing.de

Springer Medizin

Springermedizin.de ist das Fortbildungs- und Informationsportal für Ärzte und Gesundheitsberufe, das für Qualität, Aktualität und gesichertes Wissen steht. Das umfangreiche CME-Angebot und die gezielte Berichterstattung für alle Fachgebiete unterstützen den Arbeitsalltag.

www.springermedizin.de

Newsletter

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen künftig frei Haus – wöchentlich und kostenlos.