30.08.2020

Muskel- und Gelenkschmerzen: Äußerlich oder innerlich?

von Christoph Waxenegger

Es gibt viele Gründe, an Muskel- oder Gelenkschmerzen zu leiden. Bevor eine Empfehlung zur Selbstmedikation gegeben werden kann, gilt es die Symptome und Ursachen abzuklären und auf etwaige Warnzeichen zu achten.

© Andrey Popov / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

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  • Muskel- und Gelenkschmerzen können gut in der Selbstmedikation behandelt werden.
  • Red flags sind zu beachten, um Folgeschäden und Komplikationen zu vermeiden.
  • NSAR werden sowohl lokal als auch systemisch eingesetzt, wobei die lokale Anwendung mit weniger Nebenwirkungen behaftet ist.
  • Hyperämisierende Wirkstoffe regen die lokale Durchblutung an und wirken wärmend.
  • Die Phytotherapie unterstützt mit Extrakten aus Beinwellwurzel, Arnikablüten, Teufelskrallen-Wurzelstock, Eschenrinde sowie Zitterpappelrinde- und blättern.
  • Chondroprotektiva sind besonders effektiv bei degenerativen Gelenkerkrankungen.

Es gibt viele potenzielle Gründe, die Muskel- und Gelenkschmerzen verursachen können. Umso wichtiger ist die genaue Feststellung der Ursachen und Symptome, damit eine angemessene individuelle Behandlung erfolgen kann. Die Abklärung wichtiger Warnhinweise ist vor der Einleitung einer Selbstmedikation auf jeden Fall angeraten und hilft, schwerwiegende Folgeschäden zu vermeiden. Vervollständigt wird die Beratung mit Hinweisen und Ratschlägen, um zukünftigen Verletzungen des Muskel- oder Gelenkapparates bestmöglich vorzubeugen.

Ursache von Muskelschmerzen

Muskelschmerzen (Myalgien) gehören zu den häufigsten Beschwerden, die zu einem Gang in die Apotheke führen. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von klassischen Sportverletzungen wie Prellungen, Zerrungen oder Quetschungen mit/ohne Bluterguss (Hämatom), über Nacken- bis hin zu Rückenschmerzen. Unter Prellungen versteht man eine nach einem heftigen Schlag oder Stoß auftretende Schwellung des Gewebes, ohne äußerlich sichtbare Gewebeschädigung. Oft tritt gleichzeitig, bedingt durch eine Verletzung der Blutgefäße, Blut ins Gewebe aus und verursacht die typische bläuliche Verfärbung der Haut. Zerrungen und Verstauchungen hingegen entstehen infolge starker Überdehnung oder Verdrehung der Arme oder Beine und können ebenfalls von einer Schwellung und einem Hämatom begleitet sein. Erschwerend kommen Quetschungen hinzu, die sich sowohl als offene Wunde wie auch als stumpfe Verletzung präsentieren können und je nachdem einer differenzierten Behandlung bedürfen.

Zudem suchen wiederholt Kunden mit Nacken- und Rückenschmerzen Hilfe in der Apotheke. Beide Schmerzarten lassen sich fast immer auf eine muskuläre Verspannung zurückführen, bei Nackenschmerzen im Halswirbelsäulenbereich, bei Rückenschmerzen vorwiegend im Lendenwirbelsäulenbereich. Nicht selten sind Fehlhaltungen, Überlastungen oder falsche ruckartige Bewegungen die Auslöser dieser Schmerzen, welche durch eine darauffolgende Schonhaltung weiter unterhalten werden.

Wussten Sie, dass ...

  • sich die meisten Sportverletzungen am besten akut nach dem PECH-Schema behandeln lassen?
  • PECH für Pause-Eis-Kompression-Hochlagern steht und das schrittweise Vorgehen bei akuten, stumpfen Verletzungen beschreibt?
  • es sich bei reger sportlicher Tätigkeit auszahlt, stets Eisspray oder Kühlkompressen dabei zu haben?
  • kühlende Essigsaure Tonerde (EST)-Umschläge und stabilisierende Bandagen bei vielen Sportverletzungen hilfreich sein können?

Ursache von Gelenkschmerzen

Gelenkschmerzen (Arthralgien) zeigen sich äußerst variabel und umfassen Schmerzen nach Fehlbelastung, akuter Verstauchung und chronischer Arthrose. Aber auch rheumatische Beschwerden, aktivierte Arthrosen mit entzündlicher Komponente sowie Gichtanfälle betreffen eines oder mehrere Gelenke und schränken die Bewegung deutlich ein. In der Praxis liegt dem Schmerzgeschehen in der Regel eine Arthrose, also ein Gelenkverschleiß, zugrunde. Üblicherweise ist das Gelenk dann in seinem Bewegungsradius eingeschränkt und kann nicht optimal belastet werden. Gelenkentzündungen und Gichtanfälle lassen sich meistens gut anhand der isolierten Schmerzen, Rötung und/oder Schwellung erkennen, wobei im Fall der Gicht normalerweise einseitig die unteren (Großzehengrundgelenke) oder oberen (Fingergelenke) Extremitäten betroffen sind. Im Gegensatz zu den facettenreichen rheumatischen Gelenkerkrankungen, welche beinahe regelhaft größere Gelenke beinträchtigen und gehäuft beidseitig und symme- trisch auftreten, wie beispielsweise die rheumatoide Arthritis.

Warnhinweise

Vor einer Produktempfehlung sind relevante „red flags“ (Warnhinweise) abzuklären, bei denen ein Arztbesuch empfehlenswert ist. Zu diesen Warnhinweisen gehören eine bekannte rheumatoide Diagnose und Symptome wie Fieber, ausgeprägte Bewegungseinschränkung, großflächige Hämatome, sehr starke oder in andere Körperregionen ausstrahlende Schmerzen, Taubheitsgefühle, Kribbeln, Missempfindungen, Brennen, Lähmungen, plötzlich einschießende oder länger andauernde Schmerzen, die Einnahme neuer oder blutgerinnend wirkender Medikamente (v. a. bei Bluterguss) sowie Zeckenbiss, Nackensteifigkeit und Hautveränderungen (Meningitis, Borreliose). Daneben kommen verschiedene Allgemeinerkrankungen wie Grippe, Masern, Mumps, Röteln und Windpocken infrage. Hier helfen Fragen nach dem Allgemeinbefinden, Ausschlag, trockenem Mund und Schwindelgefühlen weiter.

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Äußerliche Therapeutika

Externa wie Salben, Cremes, Lotionen und Gele werden lokal auf die jeweiligen Areale zwei bis viermal täglich großzügig aufgetragen und leicht einmassiert. Ibuprofen, Diclofenac, Piroxicam, Indometacin, Felbinac, Flufenaminsäure und Etofenamat zählen zu den nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) und wirken gut schmerzlindernd, entzündungshemmend und abschwellend. Ibuprofen und Diclofenac gibt es zusätzlich in Pflasterform zum Aufkleben auf die Haut bei punktuellen Schmerzen.

Pflanzliche Antiphlogistika sind Extrakte aus Beinwellwurzel und -kraut sowie aus Arnikablüten , die aufgrund von Allantoin und Hydroxyzimtsäuren sowie Sesquiterpenlactonen ebenfalls entzündungshemmend und schmerzstillend wirken.

Ergänzend kommen, vor allem bei Verspannungen im Nacken oder Rücken, mit guten Erfolg Wärmebehandlungen zum Einsatz. Diese können entweder physikalisch (Wärme von außen) oder chemisch (Durchblutungsförderung mit hyperämisierenden Salben, Bädern, Pflastern etc.) erfolgen. Zu den durchblutungsfördernden Substanzen werden Capsaicin, Nonivamid, Benzylnicotinat, Methylnicotinat und diverse ätherische Öle (Kampfer, Rosmarin, Kiefernadel) gezählt.

Die Wirkstoffe Heparin und Aescin finden bei Blutergüssen Verwendung und komplettieren das therapeutische Spektrum der Externa, indem sie den Abtransport von Blut aus dem Gewebe unterstützen oder die Blutgefäße abdichten. Im Hinblick auf Heparin ist eine Konzentration zwischen 30 000 und 60 000 I.E. vorteilhaft, höhere Konzentrationen können eine Vergrößerung des Hämatoms bewirken. Externa werden praktischerweise im Kühlschrank gelagert, um deren Haltbarkeit und Kühlwirkung zu verbessern.

Innerliche Therapeutika

Viele NSAR werden ebenso intern in Tabletten-, Kapsel- oder Pulverform verwendet. Hier gilt es, Kontraindikationen, mögliche Wechsel- und Nebenwirkungen und die Tagesmaximaldosen (TMD) in der Selbstmediaktion zu beachten. Es stehen Ibuprofen (1200 mg TMD), Diclofenac (75 mg TMD), Naproxen (750 mg TMD), Paracetamol (4000 mg TMD) und Acetylsalicylsäure (4000 mg TMD) zur Verfügung. Der Gebrauch sollte in der Selbstmedikation, angesichts gastrointestinaler Nebenwirkungen, auf höchstens drei Tage hintereinander beschränkt bleiben.

Aus phytotherapeutischer Sicht spielen Extrakte der Weidenrinde, Zitterpappelrinde und -blätter sowie Eschenrinde eine Rolle in der Schmerzbehandlung, bei degenerativen Gelenkerkrankungen gesellen sich Teufelskrallen- und Weihrauchextrakt dazu. Außerdem bieten sich die Chondroprotektiva Glucosaminsulfat, Chondroitinsulfat, hydrolisiertes Kollagen und Methylsulfonylmethan (MSM) zum Knorpelerhalt, die proteolytischen Enzyme Bromelain, Papain und Trypsin zur Abschwellung, sowie Magnesium zur Muskelrelaxation als Alternative an. Magnesium bietet darüber hinaus den Vorteil, in der Schwangerschaft und Stillzeit eingesetzt werden zu können, wenn andere innerliche Therapeutika kontraindiziert sind.

Homöopathische Ansätze

Um eine ganzheitliche Beratung bieten zu können, ist ein bestimmtes Grundwissen in Sachen Homöopathie und Muskel-/Gelenkschmerzen sicherlich nützlich. Eingesetzt wird bei allgemeinen Schmerzzuständen häufig Arnica montana in den Potenzen D6, D12 und C30, wobei jeweils fünf Globuli eingenommen werden. Bei D6 bis zu sechsmal, bei D12 zweimal und bei C30 einmal täglich. Ist ein Gelenk betroffen, helfen Rhus toxicodendron und Symphytum officinale weiter, beide analog zu Arnica. Mithilfe von Hamamelis virginiana in D4 oder D6 lassen sich Prellungen gut behandeln, während Atropa belladonna in der Potenz D6 die erste Wahl bei aktiven Entzündungen ist. Von Hamamelis und Belladonna können in der Akutphase stündlich fünf Globuli verabreicht werden. Ein kleiner Geheimtipp bei sämtlichen akuten Erkrankungen ist Apis mellifica D12 in einer Dosierung von ein- bis zweimal täglich fünf Globuli. Bei Kleinkindern und Jugendlichen sind die angegebenen Dosierungen entsprechend anzupassen.


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