31.08.2019

Muskel- und Gelenkschmerzen: Schmieren oder schlucken

von Jana Marent

Apothekenkunden haben die Qual der Wahl unter vielen verschiedenen Präparaten. Frischen Sie Ihr Wissen über chemisch-synthetische und pflanzliche Wirkstoffe auf.

© Getty Images/iStockphoto (Symbolbild mit Fotomodell)

Originalartikel als PDF


  • Akute Muskel- und Gelenkschmerzen können oft im Rahmen der Selbstmedikation behandelt werden.
  • NSAR werden oral oder topisch eingesetzt. Topika habe eine geringere Nebenwirkungsrate als systemische Präparate.
  • Als Phytopharmaka kommen Präparate mit Extrakten aus Beinwellwurzel/-kraut, Arnikablüten oder Teufelskrallenwurzel zum Einsatz.
  • Cayennepfeffer-Dickextrakt, Nonivamid oder Produkte auf Eisenpulverbasis erzeugen heilende Wärme.

Beratungsgespräche zu Muskel- und Gelenkschmerzen erfordern Zeit und Fingerspitzengefühl. Denn es ist wichtig, vor einer Empfehlung Ursachen und Symptome abzuklären, weil viele Kunden nicht wissen, woher ihre Schmerzen kommen.

Ursachen

Für Muskelschmerzen sind oft Verspannungen verantwortlich. Sie rufen einen dumpfen Schmerz im betroffenen Bereich hervor, können als Verhärtung tastbar sein und schränken die Beweglichkeit ein. Häufig betroffen sind Schulter-, Rücken- und Nackenmuskulatur; Bewegungsmangel und Fehlhaltungen kommen als Ursachen infrage, ebenso wie Ängste, Stress und Überforderung.

Auch Zerrungen können Muskelschmerzen hervorrufen. Sie basieren auf einer Überdehnung von Gewebe infolge einer schnellen und ruckartigen Bewegung und können Muskeln, Sehnen und Bänder im Bereich der Gelenke betreffen. Bei Zerrungen verstärken sich die Beschwerden bei Bewegung und lassen in Ruhe nach.

Prellungen entstehen durch einen dumpfen Schlag oder Stoß auf ein Körperteil. An der betroffenen Stelle bildet sich meist ein Bluterguss, der nicht immer von außen sichtbar ist.

Auch eine Überbelastung einzelner Muskeln und Gelenke kann sehr schmerzhaft sein, denn sie kann zu Reizungen und Entzündungen (Sehnenscheidenentzündung) führen.

Grunderkrankung-- Chronische Schmerzen an Gelenken werden häufig durch Grunderkrankungen wie rheumatoide Arthritis oder Arthrose verursacht. Die rheumatoide Arthritis ist eine entzündliche Gelenkerkrankung mit schubweisem Verlauf. Bei der Arthrose handelt es sich um einen Gelenkverschleiß, der das altersübliche Maß übersteigt. Plötzliche Anfälle von brennenden Schmerzen, Steifheit und Schwellungen an Gelenken können ein Hinweis auf eine Gicht sein. Besonders häufig ist das Großzehengrundgelenk betroffen. Bei chronischen Schmerzen ist eine ärztliche Konsultation erforderlich.

Aus dem OTC-Sortiment*

Arzneimittelgruppe/Therapieprinzip

Wirkstoff

Präparat

Analgetika (oral)

Diclofenac

Voltaren® Dolo

Ibuprofen

Eudorlin® extra Ibuprofen

Analgetika (topisch)

Diclofenac

Voltaren® Schmerzgel, Diclofenac ratiopharm Schmerzpflaster

Ibuprofen

Proff® Schmerzcreme, Doc® Ibuprofen Schmerzgel, Nurofen® 24-Stunden Schmerzpflaster

Piroxicam

Piroxicam AL Gel

Felbinac

ThermaCare® Schmerzgel 

Flufenaminsäure

Mobilat® intens Muskel- und Gelenksalbe

Phytopharmaka (topisch)

Arnikablütenextrakt

Kneipp Arnika Salbe S

Beinwellkrautextrakt

Traumaplant® Schmerzcreme

Beinwellwurzelextrakt

Kytta® Schmerzsalbe

Wärme (mit Wirkstoff)

Cayennepfeffer-Dickextrakt

ABC Wärme-Pflaster Capsicum Hansaplast med, Finalgon® CPD Wärmecreme

Wärme (physikalisches Prinzip)

Eisenpulver, Salz, Aktivkohle

Thermacare®, Thermaplast® Wärempflaster

Proteolytische Enzyme

Bromelain, Trypsin

Phlogenzym®, Wobenzym® plus

* ohne Anspruch auf Vollständigkeit (Stand Lauer-Taxe 15.08.2019)

Selbstmedikation

Akute Schmerzen an Muskeln und Gelenken können oft im Rahmen der Selbstmedikation behandelt werden. Auch bei leichten, arthritischen Beschwerden und Arthrose können OTC-Präparate helfen. Kunden sollten darauf hingewiesen werden, dass eine Behandlung in Eigenregie nur über einen begrenzten Zeitraum erfolgen darf. Auskunft darüber geben zum Beispiel die Packungsbeilagen. Bessern sich die Beschwerden trotz Behandlung nicht, muss ein Arzt die Ursachen abklären. Bei akuten Zuständen, die etwa mit Rötung, Schwellung oder Überwärmung von Gelenken einhergehen, sowie andauernden Beschwerden ist ebenfalls der Arzt gefragt.

Für die Auswahl eines geeigneten Präparates ist es wichtig zu wissen, ob nur Schmerzen auftreten oder gleichzeitig eine Schwellung oder Entzündung vorliegt. Zudem sollte nachgefragt werden, wie stark die Beschwerden sind, wie lange sie schon bestehen und ob sie bei Belastung zunehmen. Auch ob der Kunde chemisch-synthetische oder pflanzliche Wirkstoffe bevorzugt, sollte berücksichtigt werden.

Empfehlung aus dem PTA Beirat

Was empfehlen Sie Kunden bei Muskelschmerzen?

Schmerzt der Muskel aufgrund einer Verspannung, empfehle ich langfristig die Anwendung von Schüßler-Salz Nr. 7. Als „Heiße Sieben“ am Abend getrunken, entspannt es nicht nur die Muskeln, sondern sorgt auch für einen tiefen und erholsamen Schlaf.

Kann bei Gelenkschmerzen zusätzlich zum verordneten Schmerzmittel etwas empfohlen werden?

Bei Analgetika-Rezepten empfehle ich gerne zusätzlich ein Weihrauchgel. Es kann therapiebegleitend zur Massage, aber auch als Salbenverband angewandt werden.

Was empfehlen Sie bei Schwellungen?

Ein Umschlag mit einer Zubereitung, die unter anderem Arnikatinktur und Rosmarinöl enthält, äußerlich oder eine Packung mit Heilerde entstauen das Gewebe und lassen Schwellungen schneller abklingen.

Sarah Siegler, PTA

NSAR

Nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) wirken schmerzlindernd (analgetisch) und entzündungshemmend (antiphlogistisch). Aufgrund der entzündungshemmenden Effekte kommt es außerdem zu einer Rückbildung der Schwellung. NSAR können bei Muskel- und Gelenkschmerzen sowohl oral als auch lokal auf der Haut verabreicht werden.

Orale NSAR-- In der Selbstmedikation werden meist die Wirkstoffe Ibuprofen und Diclofenac eingesetzt. Dabei müssen in der Selbstmedikation die zugelassenen Höchstdosierungen eingehalten werden. Diese betragen für Erwachsene bei Ibuprofen dreimal täglich 400 Milligramm und bei Diclofenac dreimal täglich 25 Milligramm. Bei Kindern ist die Dosierung deutlich niedriger. In der Regel wird Ibuprofen von Kindern besser vertragen. Bei Diclofenac-Präparaten gibt es deutliche Altersbeschränkungen (ab 14 J.).

Topische NSAR-- Bei oberflächlichen Muskel- und Gelenkschmerzen werden NSAR häufig in Form von topischen Zubereitungen auf die Haut aufgetragen. Ein Vorteil gegenüber Präparaten zur oralen Einnahme ist, dass bei der lokalen Anwendung kaum systemische Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden auftreten. Die Präparate dürfen nicht auf offene und entzündete Hautstellen aufgetragen werden. Nach der Applikation sollten die Hände gewaschen werden. Neben Diclofenac und Ibuprofen werden auch Piroxicam, Felbinac und Flufenaminsäure eingesetzt. Mit topischen NSAR kann ein Salbenverband angelegt werden, der nicht luftdicht abschließen darf, weil Okklusiv- effekte nicht erwünscht sind. Zudem sind Diclofenac-Schmerzpflaster auf dem Markt. Es gibt Pflaster, die speziell für bestimmte Körperpartien zugeschnitten sind. Seit 1. September ist zudem ein Ibuprofen-Pflaster erhältlich.

Pflanzliche Wirkstoffe

Auch mit topischen Zubereitungen, die pflanzliche Wirkstoffe enthalten, können bei Schmerzen an Muskeln und Gelenken gute Therapieerfolge erzielt werden. Gut belegt ist die Wirkung von Extrakten aus Beinwellwurzel-/kraut (Symphyti radix/herba), Cayenne-Pfeffer (Capsicum-Arten) und Arnikablüten (Arnica flos). Pflanzliche Topika können auch gut als Salbenverband eingesetzt werden.

Beinwell-- Bei stumpfen Sportverletzungen, Gelenkerkrankungen und Muskelschmerzen sind halbfeste Zubereitungen mit Extrakten aus Beinwellwurzel/-kraut eine Alternative zu Topika mit NSAR. Verantwortlich für die gute Wirksamkeit sollen Allantoin, Schleimpolysaccharide und Gerbstoffe sein.

Cayennepfeffer-- Der wirksamkeitsbestimmende Inhaltsstoff von Cayennepfeffer-Dickextrakt Capsaicin verbessert die Durchblutung am Applikationsort. Durch die dabei entstehende Wärme kann sich der Muskel besser entspannen. Zudem übererregt Capsaicin Schmerzrezeptoren. Als Folge werden diese desensibilisiert, und der Schmerz lässt nach. Es sind Wärmepflaster und -cremes auf dem Markt. In einigen Fällen ist statt Capsaicin das synthetische Capsaicin-Analogon Nonivamid enthalten.

Arnika-- Extrakte aus den Blüten von Arnika montana helfen besonders bei Prellungen und Blutergüssen. Sie wirken bei äußerlicher Anwendung abschwellend, entzündungshemmend und schmerzlindernd.

Degenerative Prozesse

Bei Gelenkbeschwerden, die auf degenerativen Prozessen wie Arthrose beruhen, kann ein Extrakt aus der Teufelskrallenwurzel (Harpagophyti radix) eingesetzt werden. Er verfügt über entzündungshemmende, schmerzstillende und abschwellende Effekte. Entscheidende Bedeutung für die Wirkung wird dem Inhaltsstoff Harpagosid zugeschrieben.

Präparate, die Chondroitinsulfat und Glucosamin enthalten, werden ebenfalls bei degenerativen Gelenkerkrankungen eingesetzt; ebenso proteolytische Enzyme wie Bromelain, Papain und Trypsin. Diese helfen ebenfalls bei Verletzungen, die mit Schwellungen und Blutergüssen einhergehen.


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Apotheke und Marketing

APOTHEKE + MARKETING wendet sich an das Fachpersonal in der öffentlichen Apotheke, wobei das Magazin und die Webseite insbesondere auf das berufliche Informationsbedürfnis des Apothekers eingeht.

www.apotheke-und-marketing.de

Springer Medizin

Springermedizin.de ist das Fortbildungs- und Informationsportal für Ärzte und Gesundheitsberufe, das für Qualität, Aktualität und gesichertes Wissen steht. Das umfangreiche CME-Angebot und die gezielte Berichterstattung für alle Fachgebiete unterstützen den Arbeitsalltag.

www.springermedizin.de

Newsletter

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen künftig frei Haus – wöchentlich und kostenlos.