31.12.2018

Nahrungsergänzungsmittel: Gegen Cholesterin

von Veronika Schlimpert

Als natürliche Cholesterinsenker sind Nahrungsergänzungsmittel umstritten. Bei Patienten mit Statinunverträglichkeit können sie aber hilfreich sein. Experten haben Empfehlungen ausgesprochen.

Frau trinkt Saft

© ariwasabi / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell)

Originalartikel als PDF

Unter einer Statintherapie auftretende Muskelschmerzen sind für Mediziner ein alltägliches Problem. In den seltensten Fällen leiden die Patienten an einer kompletten Statinintoleranz (3 – 5 %), und in vielen Fällen hilft bereits eine Dosisreduktion, ein Wechsel des Präparats oder die Hinzunahme von Ezetimib oder anderen Lipidsenkern. Doch was kann Patienten empfohlen werden, die ihre LDL-Cholesterin-Spiegel auf natürliche Weise senken möchten oder die trotz der pharmakologischen Maßnahmen ihre Zielwerte nicht erreichen?

Lipidsenkende Nahrungsergänzungsmittel

Es gibt zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel (NEM) beziehungsweise Naturprodukte, denen eine lipidsenkende Wirkung nachgesagt wird. Dazu zählen Roter Reis, Phytosterine, Zitrusfrüchte, Sojaprodukte oder Omega-3-Fettsäuren. Viele dieser Produkte sind umstritten, da die Datenlage oft widersprüchlich ist.

Trotz allem sprechen sich internationale Experten in einem aktuellen Konsensuspapier für den Einsatz solcher NEM bei Menschen mit einer Statinunverträglichkeit aus. „Es gibt ein zunehmendes Interesse an der Wirksamkeit von Nahrungsergänzungsmitteln in dem Management von Dyslipidämien“, erläutern die Mitglieder des Expertenpanels die Hintergründe des Empfehlungsschreibens, das im Journal of the American College of Cardiology erschienen ist.

Natürlich, sicher, vielseitig

Bei Patienten mit Statinintoleranz könnten solche Produkte sehr hilfreich sein, besonders dann, wenn es keine anderen Möglichkeiten gebe, die LDL-Cholesterin-Zielwerte zu erreichen. Sie seien natürlichen Ursprungs, erläutern die Experten die Vorteile der „natürlichen Cholesterinsenker“. Sie seien überwiegend sicher und gut verträglich, sie würden über multiple Mechanismen zur Lipidsenkung beitragen und hätten darüber hinaus oft weitere positive Effekte vorzuweisen, zum Beispiel auf Blutdruck, Blutzuckerspiegel, Entzündungsgeschehen und oxidativen Stress, heißt es weiter in dem Empfehlungsschreiben.

Ausdrücklich betonen die Experten aber, dass „Nahrungsergänzungsmittel eine lipidsenkende Pharmakotherapie nur ergänzen und nicht ersetzen können.“ Und speziell bei Patienten mit Statinintoleranz sei die Datenlage für deren Wirksamkeit sehr limitiert.

Die beste Evidenz liege für Roten Reis vor. Der als Nahrungsergänzungsmittel vertriebene Rotschimmelreis wird in dem Konsensuspapier mit einer Klasse 1A-Emfpehlung empfohlen (1200 – 4800 mg/d). Die zu erwartende Wirkung auf den LDL-Cholesterin-Spiegel: minus 15 bis 25 Prozent. Sicherheitsbedenken sind bisher nicht erkennbar.

Omega-3-Fettsäuren

Vielen Naturprodukten wird eine lipidsenkende Wirkung nachgesagt. 

Weniger überzeugend ist die Datenlage bei den Omega-3-Fettsäuren, die zu den mehrfach ungesättigten Fettsäuren gehören (PUFA, polyunsaturated fatty acids). Deren Einsatz wird mit einer Klasse IIa/B-Empfehlung empfohlen (1 – 4 g/d). „PUFA wirken hauptsächlich auf Triglyceride und haben nur einen geringfügigen Effekt auf das LDL-C (– 3 bis – 7 %)“, heißt es darin. Daher sollte der Einsatz von Fischöl vornehmlich für statinintolerante Patienten mit Übergewicht, Diabetes (Insulinresistenz) oder metabolischem Syndrom erwogen werden, also für Patienten, die neben hohen LDL-Cholesterin-Spiegeln auch erhöhte Triglycerid-Werte aufweisen.

Phytosterine

Relativ bedenkenlos scheint der Verzehr von Phytosterinen zu sein. Die sekundären Pflanzenstoffe kommen natürlicherweise in sehr fettreichen Pflanzenteilen wie Sonnenblumenkernen, Weizenkeimen, Sesam und Sojabohnen vor; in höherer Konzentration enthalten sind sie in damit angereicherten Margarinen oder Joghurtdrinks. Die Gabe von Phytosterinen (800 – 2400 mg/d) wurde mit einer Klasse IIa/C-Empfehlung versehen. Da der LDL-C-senkende Effekt der Pflanzenstoffe gut dokumentiert ist (– 7 bis – 10 %) und sie gut verträglich sind, empfehlen die aktuellen Leitlinien der European Society of Cardiology und der European Atherosclerosis Society deren Zufuhr als Ergänzung zur pharmakologischen Lipidtherapie bei Patienten mit hohem oder sehr hohem Risiko, die ihre Zielwerte unter einer Statintherapie nicht erreichen oder Statine nicht vertragen.

Wussten Sie, dass ...

  • der in Rotem Reis enthaltende Inhaltsstoff Monakolin K identisch ist mit dem Wirkstoff Lovastatin?
  • Monakolin K ebenfalls Nebenwirkungen, z. B. an der Skelettmuskulatur und der Leber, hervorrufen kann?
  • das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte Nahrungsergänzungsmittel ab 5 mg Monakolin K pro Tagesdosis als Arzneimittel einstuft?

Zitrusfrüchte, Sojaprodukte

Als weitere natürliche Cholesterinsenker gelten Bergamotte (Zitrusfrucht) und Sojaprodukte. Beide erhielten eine Klasse IIb/B-Empfehlung (Bergamotte: 500 – 1500 mg/d, Soja: 25 – 100 g/d). „Bergamotte weist ein gutes Wirkungs- und Sicherheitsprofil bei Patienten mit Dyslipidämien und anderen kardiometabolischen Erkrankungen auf“, heißt es in dem Expertenschreiben. Die Zitrusfrucht soll sogar das Potenzial haben, das kardiovaskuläre Gesamtrisiko senken zu können.

Dagegen scheint der langfristige Verzehr von Sojaprodukten nicht ganz so bedenkenlos sein. Es gebe Hinweise, dass die in Soja enthaltenen Isoflavone die Schilddrüsenfunktion und Fruchtbarkeit negativ beeinflussen könnten.

Die bisher aufgeführten natürlichen Cholesterinsenker sind auch in diversen Kombinationen erhältlich. Eine explizite Empfehlung kann das Expertenpanel allerdings nur für Armolipid ® Plus aussprechen (Klasse IA), da die Evidenz bei den anderen Produkten nicht ausreiche. Das diätetische Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke enthält Berberis aristata-Trockenextrakt (Berberin), Roten Hefereis, Policosanol, Folsäure, Coenzym Q10 und Astaxanthin. Sicherheitsbedenken gibt es bisher keine.

In Ausnahmefällen auch ohne Medikamente

In dem Konsensuspapier sind Ausnahmefälle aufgeführt, in denen die natürlichen Cholesterinsenker sogar als Monotherapie oder kombiniert mit anderen lipidsenkenden NEM beziehungsweise Nichtstatintherapien eingesetzt werden können. In Betracht gezogen werden kann dies:

  • bei Patienten mit hohem bis sehr hohem Risiko, bei denen eine komplette Statinintoleranz vorliegt, die also keine Statindosis vertragen, und die mit keiner anderen Pharmakotherapie ihre LDL-Cholesterin-Zielwerte erreichen,
  • bei Patienten mit hohem bis sehr hohem Risiko, die nur eine partielle Statinintoleranz aufweisen, bei denen aber die Dosis, die sie noch vertragen, aufgrund des hohen Risikos nicht ausreicht, um die LDL-Zielwerte zu erreichen und andere Pharmakotherapien ebenfalls nicht den gewünschten Effekt haben, und
  • bei Patienten mit hohen Cholesterin-Spiegeln (und anderen kardiovaskulären Risikofaktoren), die ein mittleres kardiovaskuläres Risiko und eine Statinintoleranz aufweisen und ihre LDL-Zielwerte nicht erreichen.

Generell wird in dem Dokument darauf hingewiesen, dass über die Langzeitwirkung der aufgeführten Produkte und deren Wirkung auf kardiovaskuläre Endpunkte kaum etwas bekannt ist. Dies müsse in Studien mit einer angemessenen Patientenzahl und Dauer geklärt werden, fordern die Experten.


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Apotheke und Marketing

APOTHEKE + MARKETING wendet sich an das Fachpersonal in der öffentlichen Apotheke, wobei das Magazin und die Webseite insbesondere auf das berufliche Informationsbedürfnis des Apothekers eingeht.

www.apotheke-und-marketing.de

Springer Medizin

Springermedizin.de ist das Fortbildungs- und Informationsportal für Ärzte und Gesundheitsberufe, das für Qualität, Aktualität und gesichertes Wissen steht. Das umfangreiche CME-Angebot und die gezielte Berichterstattung für alle Fachgebiete unterstützen den Arbeitsalltag.

www.springermedizin.de

Newsletter

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen künftig frei Haus – wöchentlich und kostenlos.