29.06.2019

Naturheilkundliche Verfahren: Bis(s) aufs Blut

von Britta Fröhling

Blutegeltherapie-- Glitschig, schleimig, eklig. Dies sind oft die ersten Reaktionen auf Blutegel. PTA und Heilpraktikerin Britta Fröhling erklärt, was die erstaunlichen Tiere bewirken, und was bei ihrer Lagerung und Abgabe zu beachten ist.

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Eine 64-jährige Patientin kommt mit arthrosebedingten Beschwerden im linken Knie in die Praxis. Durch den Anlaufschmerz sowie Probleme beim Treppensteigen und Fahrradfahren fühlt sie sich im Alltag stark eingeschränkt. Sie ist auf der Suche nach einer Alternative zur dauerhaften Schmerzmitteleinnahme und Operation des Gelenks. Nach eingehender Anamnese und Untersuchung sowie Überprüfung eines aktuellen Blutbildes kann ich die Behandlung mit Blutegeln anbieten. Ich führe zwei Behandlungen mit je vier Egeln im Abstand von einer Woche durch. Bereits nach der zweiten Behandlung ist die Patientin schmerzfrei.

Therapeut Blutegel

Die Lebensweise der kleinen Blutsauger ist faszinierend: Sie gehören zu den Kieferegeln und haben drei Kiefer mit bis zu 80 kleinen Kalkzähnchen. Mit diesen durchdringen sie die Haut des Wirtes durch raspelnde Bewegungen. So gelangen sie an die Blutmahlzeit, die – wenn sie von einem gleichwarmen (homöothermen) Tier stammt – für bis zu eineinhalb Jahre ausreicht und die paarungsreif macht. In der ersten Zeit nach der Nahrungsaufnahme ist der Egel sehr träge und wird erst nach etwa einem halben Jahr wieder beißfreudiger. In freier Wildbahn können Blutegel 20 bis 30 Jahre alt werden.

Serie: Naturheilkundliche Verfahren

01/2019 Neuraltherapie
03/2019 Ohrkerzen
05/2019 Spenglersan Test und -Kolloide
07/2019 Blutegeltherapie
09/2019 Wickel
11/2019 Hypnose

Therapeutischer Einsatz

Die dokumentierte therapeutische Anwendung der Blutegel reicht zurück bis ins Jahr 1500 v. Chr., als in Ägypten im Papyrus Ebers Blutegel erwähnt wurden. In Europa stammt der älteste Nachweis aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr. aus Griechenland. Auch die Bader des Mittelalters wendeten gerne Blutegel an, um die Plethora, also die Blutfülle, zu lindern oder Abhilfe bei Krampfadern und Hämorrhoiden zu schaffen.

Als die Tierchen dann in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts bei jeglichen Beschwerden in großen Mengen, zum Teil zwischen 50 und 100 Stück pro Person, angesetzt wurden, hatte die Therapie bald einen zweifelhaften Ruf. Mit Einzug der modernen Medizin gerieten die Würmer in Vergessenheit und wurden erst in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts von der Schulmedizin wiederentdeckt.

Hier wurden sie anfangs besonders in der plastischen Chirurgie eingesetzt, um abgetrennte und wieder angenähte (replantierte) Körperteile zu retten, die wegen mangelnder Durchblutung von einer Abstoßung bedroht waren. Heute werden Blutegel bei verschiedenen Krankheitsbildern therapeutisch eingesetzt.

Speichel hat’s in sich

Geschätzt werden Blutegel wegen der besonderen Inhaltsstoffe ihres Speichels. Mittlerweile sind über 40 verschiedene Substanzen bestimmt worden. Die wichtigsten sind Hirudin und Calin mit gerinnungshemmenden Eigenschaften, Bdellin und Eglin als antiphlogistisch wirkende Stoffe, Orgelase, die den Lymphstrom beschleunigt und die Ausbreitung der Speichelsubstanzen im Gewebe ermöglicht sowie histaminähnliche Substanzen, die eine verstärkte Durchblutung an der Saugstelle bewirken. Die Komponenten sorgen für eine verbesserte Ver- und Entsorgung des Gewebes mit Blut und Lymphe im Bereich der Bissstellen.

Wussten Sie, dass ...

  • Blutegel mindestens 32 Wochen in Quarantäne bleiben, bevor sie nach umfangreichen Qualitätsprüfungen als Arzneimittel verwendet werden können?
  • die Tiere in Russland fortwährend sowohl in der Schulmedizin als auch in der Volksheilkunde zur Behandlung vieler systemischer Erkrankungen eingesetzt wurden?
  • die Blutegeltherapie auch in vielen Schmerz- und Rheumakliniken erfolgreich eingesetzt wird?
  • Blutegel aus rechtlichen Gründen nur an Tieren angesetzt werden dürfen, die nicht zur Lebensmittelgewinnung dienen (Equidenpass!)?
  • mit dieser Therapie bei Arthrose die Beschwerden für sechs bis zwölf Monate gelindert werden können?

Behandlungsablauf

Patienten dürfen vor dem Ansetzen der Blutegel nicht rauchen und keinen Alkohol getrunken haben, ebenso muss die Haut frei von Parfüm und Cremes sein. Blutegel reagieren sehr empfindlich auf Gerüche und beißen dann nicht.

Um die Blutegel möglichst keimarm zu bekommen, werden sie vor dem Ansetzen zehn Minuten mit Leitungswasser abgebraust. Die Hautstelle wird nun warm abgewaschen, und anschließend werden die Egel mit Hilfe eines Reagenz- oder Zentrifugenglases auf die vorgesehene Hautstelle aufgebracht. Sobald der Egel beißen will, formt sich das Kopfstück rund, der Bereich des Schlunds stellt sich senkrecht auf, und die drei Kiefer beginnen sich durch die Haut zu sägen. Wenn der Blutegel festsitzt und der Patient ein leichtes Brennen spürt, kann das Glas entfernt werden, da sich der Egel nicht mehr wegbewegen wird.

Nun saugen die Tiere etwa fünf bis 15 Milliliter Blut aus der Wunde und geben währenddessen ihren Speichel in das Gewebe ab. Bereits während des Saugvorgangs dickt der Blutegel das Blut ein, was dazu führt, dass er Wasser über seine Haut ausscheidet.

Wenn der Egel satt ist, löst er zuerst den hinteren Saugnapf, um sich kurz darauf fallen zu lassen. Die Wunde blutet zwölf bis 24 Stunden nach. Um die Nachblutung nicht zu unterdrücken, wird ein Verband aus Saugkompressen locker angebracht. Am nächsten Tag erfolgt ein Verbandwechsel mit Kontrolle der Bisswunden, die nur noch zum mechanischen Schutz mit Wundschnellverband abgedeckt werden. Keinesfalls darf der Patient die entstandenen Krusten abkratzen, da hierdurch Keime in die Wunden gelangen könnten.

Indikationen

Blutegel kommen bei Beschwerden des Bewegungsapparates wie Arthrose, rheumatoider Arthritis und Sehnenscheidenentzündung zum Einsatz. Die antiphlogistischen und analgetischen Inhaltsstoffe bewirken hier die Linderung. Bei stumpfen Verletzungen mit großflächigen Hämatomen fördert die gerinnungshemmende Wirkung zusätzlich eine schnellere Abheilung. Knubbelige Muskelverhärtungen (Myogelosen) können sich durch die durchblutungsfördernde Wirkung auflösen. Erkrankungen des venösen Gefäßsystems wie Krampfadern und Hämorrhoiden profitieren insbesondere von der lymph- strombeschleunigenden Wirkung. Auch bei Tinnitus kann eine Blutegeltherapie versucht werden. Unterstützend kommt diese Behandlung bei Hypertonie in Frage, hier ist eine regelmäßige Anwendung erforderlich, da der Effekt besonders auf dem sanften Aderlass beruht.

Die Wirkung beruht bei allen Indikationen auf dem Zusammenspiel der Speichelsubstanzen, ein isoliertes Injizieren von künstlich hergestellten Wirkstoffen brachte die gewünschte Wirkung nicht. Selbst während des Saugvorganges ändert sich die Zusammensetzung des Speichels noch.

Kontraindikationen

Gerinnungsstörungen, die Einnahme von Gerinnungshemmern, immunsupprimierte Patienten und ausgeprägte Immunschwäche, Magenulcus, Anämie, Wundheilungsstörungen und Schwangerschaft sind Kontraindikationen für den Einsatz von Blutegeln.

Vorsicht ist geboten bei ausgeprägter Allergieneigung, insbesondere auf Eiweiße, da die im Speichel der Blutegel enthaltenen Proteine eine allergische Reaktion hervorrufen könnten.

In der Apotheke

Blutegel sind in Deutschland apothekenpflichtige Fertigarzneimittel. Sie dürfen also ohne Rezept auch an Privatpersonen abgegeben werden. Eine Selbstmedikation durch Laien kann jedoch nicht empfohlen werden, da der Umgang mit den Tieren sowie den zu versorgenden Wunden und die Beurteilung der Nebenwirkungen wie Rötung, Juckreiz und Nachblutung weitergehende Kenntnisse erfordern. Aus diesem Grund wird in der Packungsbeilage zur Anwendung durch einen geschulten Arzt oder Heilpraktiker geraten.

Bestellen, lagern, abgeben

Wenn eine Bestellung über Blutegel eingegangen ist, werden diese meist direkt beim Hersteller angefordert. Auch über den Großhandel ist ein Bezug möglich. Es kann zwischen Kulturegeln, die aus Wildfang stammen, und Zuchtegeln, die beim Hersteller gezüchtet wurden, gewählt werden. Die Auslieferung erfolgt in der Regel am nächsten Tag.

Blutegel werden als Kühlware geliefert und können je nach Herstellerangaben bis zu vier Tage bei vier bis acht Grad Celsius in der Transportverpackung gelagert werden. Spätestens dann müssen sie drei bis fünf Minuten unter fließendem Leitungswasser abgebraust werden und in ein dicht schließendes Gefäß (z. B. Weckglas mit Klemmverschluss und Gummiring) mit destilliertem Wasser mit 0,5 Gramm Natriumchlorid pro Liter Wasser überführt werden. Egel und Wasser sollten dabei in etwa die gleiche Temperatur aufweisen.

Bei einer kurzen Zwischenhaltung bis zur Anwendung sollte das Wasser alle zwei Tage gewechselt werden. Bis zu sieben Tage dürfen die Blutegel in diesem Gefäß auch bei bis zu 25 Grad Celsius gehalten werden. Bei längerer Haltung sind die Egel im Kühlschrank zu lagern, es wird ein wöchentlicher Wasserwechsel durchgeführt. Arbeiten an den Blutegeln sollten zum Eigenschutz und aus hygienischen Gründen nur mit Einmalhandschuhen durchgeführt werden.

Eine Dokumentation seitens der Apotheke für die Abgabe von Blutegeln ist nicht bundesweit vorgeschrieben, laut Apothekerkammer Niedersachsen empfiehlt sich jedoch die Dokumentation der Blutegel-Charge. Einzelne Apothekerkammern gehen in ihren Forderungen weiter, dies sollte bei der jeweiligen Kammer erfragt werden.

Bei der Abgabe der sensiblen Tiere sollte der Kunde darauf hingewiesen werden, dass die Egel sich nach dem Transport am besten zwei Tage ausruhen sollten. Bei Gewitter beißen die Egel nicht, auch grelles Licht und Lärm können die Beißfreude herabsetzen.

Nach der Behandlung

Blutegel dürfen nur einmal benutzt werden um jegliche Übertragung von Infektionskrankheiten zu vermeiden. Deshalb sind sie nach der Anwendung durch Einfrieren bei Minus 18 Grad Celsius oder durch Einlegen in Spiritus abzutöten.

Um die Tötung der Egel zu vermeiden, bietet die Biebertaler Blutegelzucht nach derzeitigem Stand als einziger Hersteller Rücknahmesets an, in denen die Egel an eine Quarantänestation geschickt werden und danach in einen Rentnerteich überführt werden.

Ein Aussetzen der Egel in der Natur verstößt gegen das Artenschutzgesetz, da der zumeist verwendete ungarische Egel (Hirudo verabana) in Deutschland nicht heimisch ist. Ein erneutes Verwenden auch am gleichen Patienten ist verboten, da eine Verwechslungsgefahr nicht ausgeschlossen werden kann.


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