29.06.2017

NEM: Sinnvoll oder nicht?

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von Roland Fath

Nahrungsergänzungsmittel werden von vielen Menschen zur Gesundheits- vorsorge geschluckt. Ist das sinnvoll? Darüber diskutierten Experten beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin.

Die Meinungen dazu, ob Nahrungsergänzungsmittel (NEM) der Gesundheitsvorsorge dienen oder nicht, gingen bei der Pro & Contra-Sitzung auseinander. Die Diskussionsteilnehmer verständigten sich aber zumindest auf einen Minimalkonsens: Bei Vitamin D und Jod reicht die normale Ernährung in unseren Breiten zur Deckung des Bedarfs nicht aus, Schwangere brauchen natürlich Folsäure. Bei anderen Vitaminen und Mineralstoffen herrschte hingegen Uneinigkeit.

Pro

Nahrungsergänzungsmittel, genauer gesagt: ein Konzentrat von Nährstoffen oder sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung, sind nicht bei einem klinischen Mangel indiziert, betonte Prof. Dr. Hans Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim. Vielmehr dienen sie der Vorbeugung eines Mangels, in erster Linie bei Menschen mit erhöhtem Bedarf an Mikronährstoffen oder eingeschränkter Zufuhr. Altbekannt sei der erhöhte Bedarf von Schwangeren an Folsäure zur Vorbeugung von Neuralrohrdefekten.

Biesalski, der auf der NEM-Sitzung den Pro-Part übernahm, empfahl anstelle der standardmäßigen Folsäure-Supplementation bereits bei Frauen mit Kinderwunsch die Einnahme von Multivitaminpräparaten. In einer Studie wurde durch Gabe eines Multivitaminpräparats der Anteil von Kindern mit geringem Geburtsgewicht verringert – vs. Placebo und Folsäure/Eisen-Supplementation, in einer Metaanalyse von 41 Studien die Zahl der Fehlbildungen bis 50 Prozent reduziert. Auch Biotin, das „new kid in the block“ der Vitaminforscher, sei für die fetale Entwicklung relevant, sagte Biesalski.

Einen gesteigerten Bedarf an Mikronährstoffen haben auch adipöse Menschen (Vitamine D, B12, Folsäure, Magnesium, Eisen, Kupfer, Zink) sowie Patienten mit COPD (insb. wasserlösliche Vitamine) und mit Krebs, eine verringerte Resorption ist bei Patienten mit Kurzdarm und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zu berücksichtigen, erinnerte Biesalski.

Eine wichtige Risikogruppe für eine Unterversorgung seien außerdem Senioren, bei denen eine Mangelernährung weit verbreitet sei. Defizite bestünden hier vor allem bei den Vitaminen A, B und D. Die Hautsynthese von Vitamin D sei bei Senioren im Vergleich zu jüngeren Menschen deutlich reduziert. Last not least: Auch Trenddiäten, die Einnahme von Fat-Replacern und vegetarische, insbesondere vegane Ernährung können zu einer Unterversorgung an Mikronährstoffen führen, betonte Biesalski und eröffnete damit seinem Gegenpart, Prof. Dr. Peter Stehle aus Bonn, die Vorlage zu seinem Contra-Part.

Contra

NEM könnten kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung sein, betonte der Ernährungsphysiologe, und ein Nährstoffmangel könne durch geeignete Auswahl von Lebensmitteln behoben beziehungsweise verhindert werden. Zudem sei noch in keiner Interventionsstudie durch Zufuhr von (hoch dosierten) NEM bei Menschen ohne Mangel an Mikronährstoffen ein präventiver Effekt erzielt worden. Ein weiterer Aspekt: Es gebe zu wenige Daten zur langfristigen Sicherheit von NEM. Nicht einmal die optimale Dosierung sei bekannt und wegen großer individueller Unterschiede oft auch schwer zu klären. Es gebe auch nur wenige kritische Nährstoffe. Stehle nannte Folsäure (in allen Altersgruppen) sowie Vitamin D, vor allem bei Kleinkindern und Senioren.

Vehement sprach sich der Ernährungsphysiologe gegen die Zufuhr sekundärer Pflanzenstoffe in Kapselform wie Polyphenole, Catechin oder konjugierte Linolsäure (CLA) aus. Es existierten keine Referenzwerte, und der Versorgungsstatus in der Bevölkerung sei nicht zu bewerten, eine Zufuhr solcher Wirkstoffe also nicht begründbar.

Fazit

Ein eindeutiger Gewinner in der Pro & Contra-Diskussion war nicht auszumachen, eine Abschlussbewertung durch das Plenum wurde gar nicht erst versucht. So ging die Aufforderung von Dr. Roland Gärtner, Internist aus München und Vorsitzender der Veranstaltung, Patienten nach Möglichkeit über Nahrungsergänzungsmittel aufzuklären, ein bisschen im Mangel guter Evidenzen unter. Dies spricht einerseits für das Fazit von Stehle: Ein bevölkerungsweiter Einsatz von NEM zur Krankheitsvermeidung, Verbesserung des Wohlbefindens und zum Ausgleich diätetischer Missgriffe sei sinnlos. Aber gegen eine gezielte Verwendung von NEM in Risikogruppen ist andererseits sicher kaum etwas einzuwenden.

Quelle: Symposium „Wie sinnvoll sind Nahrungsergänzungsmittel?“, Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), Mannheim, April 2017


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