30.07.2020

Neue Medien: Rausch ohne Drogen

von Hannelore Gießen

Aus dem Alltag sind sie nicht mehr wegzudenken: Computer, Smartphone und Tablet. Die Rechner werden immer schneller, die Grafik immer besser, Spiele immer spannender; eine Welt mit Chancen und Risiken.

© Getty Images/iStockphoto (Symbolbild mit Fotomodellen)

Originalartikel als PDF

Besonders Jugendliche und junge Erwachsene verbringen viel Zeit online. Die Möglichkeiten sind enorm. Noch nie hatten so viele Menschen die Chance, sich zu informieren. Neues Wissen ist nur ein paar Mausklicks entfernt, in sozialen Netzwerken trifft man Menschen, die man sonst nie kennenlernen würde. Die fast unbegrenzten Optionen haben eine Schattenseite: Elektronische Medien fesseln die Aufmerksamkeit lange, oft zu lange. Chats, neue Posts in sozialen Netzwerken oder lange Videos verhindern, dass User im wahrsten Sinne des Wortes abschalten. Sie tauchen völlig ab und vergessen zu essen, zu trinken oder Pausen einzulegen.

Spiele als Glücksbringer

Die Suche nach Spaß, Erfolg und Anerkennung gebe den entscheidenden Impuls, sich lange in der virtuellen Welt aufzuhalten, berichtet Jürgen Eberle, selbstständiger Familientherapeut in München im Gespräch mit DAS PTA MAGAZIN. Wähle man für diese Glückssuche immer denselben Weg, verarmten die individuellen Möglichkeiten der emotionalen Selbstregulation, erläutert der Erziehungswissenschaftler. Dieses Verhalten stört letztlich alle persönlichen, sozialen, schulischen und beruflichen Bereiche und wirkt sich besonders in der Adoleszenz aus. „Eine exzessive Mediennutzung blockiert die Entwicklung von Lebenskompetenzen, wie Impulskontrolle, innere Festigkeit und die Fähigkeit, Probleme zu lösen und langfristig zu planen“, warnt Eberle, der Jugendliche, Familien und Schulen bei Fragen zur Mediennutzung berät.

Vor allem Online-Spiele wie Fortnite oder Hayday erfreuen sich großer Beliebtheit. Schätzungen gehen von mehr als 250 Millionen registrierten Nutzern weltweit aus.. Dabei sind es vor allem männliche Jugendliche, die in die virtuelle Spielewelt abtauchen, während bei den weiblichen Usern soziale Netzwerke eine beherrschende Rolle einnehmen.

Noch was ...

Wie viel Mediennutzung ist okay?

  • 0 bis 3 Jahre: Hörmedien höchstens 30 Minuten pro Tag, Bildschirmmedien am besten vermeiden
  • 3 bis 6 Jahre: Hörmedien höchstens 45 Minuten pro Tag, Bildschirmmedien zusammen mit den Eltern höchstens 30 Minuten pro Tag
  • 6 bis 10 Jahre: Hörmedien höchstens 60 Minuten pro Tag, Bildschirmmedien zusammen mit den Eltern höchstens 30-45 Minuten pro Tag
  • 10 bis 13 Jahre: Bildschirmmedien höchstens 60 Minuten pro Tag; dies ist mit den Eltern verhandelbar und vor allem bei jüngeren Kindern in dieser Gruppe über „Mediengutscheine“ flexibler handhabbar
  • 14 bis 17 Jahre: Hier ist es schwierig, Empfehlungen anzugeben. Eltern sollten aber dennoch darauf achten, dass es nicht zum exzessiven Medienkonsum kommt, je nach Verhalten der Jugendlichen.

Quelle: BZgA – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz

Das gekaperte System

Alle Sucht erzeugenden Substanzen und Verhaltensweisen wirken auf das Belohnungssystem des Gehirns, das dopaminerge Belohnungssystem, auch hedonistisches System genannt. Dieses Lustzentrum besteht aus einem Nervenstrang, der sich vom Mittelhirn über das Zwischenhirn bis zum Nucleus accumbens im Limbischen System erstreckt, wo Gedanken mit Gefühlen verknüpft werden. Wird das Belohnungssystem aktiviert, setzt es verstärkt den Botenstoff Dopamin frei. Der Dopaminkick gehört zur biologischen Grundausstattung des Menschen. Er setzt eine biochemische Kaskade in Gang, die Menschen mit Lustgefühlen belohnt, wenn es um lebenswichtige Dinge geht: Essen, Trinken, Sex.

Das Dopaminsystem reift bis zur Pubertät, doch der präfrontale Cortex, der hemmend auf diese Gefühle wirkt, benötigt dazu noch die Jahre bis Mitte 20. Die Lust am Risiko ist schon da, die bremsende Vernunft noch nicht, sodass sich Jugendliche besonders schnell auf Experimente einlassen, auch in der virtuellen Welt.

Bei Computerspielen sind es drei Faktoren, die das Suchtpotenzial besonders steigern: Dazu gehört die Strategie, die Spieler möglichst lange an das Spiel zu binden. Bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren zeigte der US-amerikanische Verhaltensforscher Burrhus Frederic Skinner, dass Versuchstiere eine Handlung am häufigsten wiederholten, wenn sie unregelmäßig dafür belohnt wurden. Weiß ein Spieler nicht, wann und bei welcher Strategie er eine Belohnung erhält, reizt ihn das besonders, und er setzt das Spiel immer weiter fort.

Der zweite suchtfördernde Effekt wird bei Glücksspielen eingesetzt. Dabei erlebt der Spieler anfangs schnell Erfolge, bis die Glücksserie stagniert. Ein kostenpflichtiges Angebot zum Erwerb bestimmter Gegenstände (Items) soll helfen, die Stagnation zu überwinden. So fesselt der Anreiz, durch immer neue Zukäufe weiterzumachen, den Spieler. Als dritter Faktor kommt der Einfluss der sozialen Medien dazu. Die Spieler können sich im Chat austauschen, aber auch das Spiel der anderen verfolgen.

Diese drei Faktoren tragen entscheidend zum Suchtpotenzial von Computerspielen bei. Wirken sie alle zusammen, können sie das Belohnungssystem völlig in Beschlag nehmen, wobei der Effekt bei unerwarteten Belohnungen besonders stark ist.

Nicht allein die Menge macht es

Zählt man die gesamte Mediennutzung zusammen, kommen Kinder zwischen neun und elf Jahren durchschnittlich auf 1,4 Stunden pro Tag. Bei den Zwölf- bis 14-Jährigen sind es 2,4 Stunden, und 15- bis 17-Jährige verbringen täglich 3,4 Stunden mit ihren elektronischen Gefährten.

„Die reine Spielzeit sagt noch nicht viel über eine Abhängigkeit aus. Entscheidend ist, ob ein Jugendlicher oder ein Erwachsener psychisch und sozial an die Mediennutzung gebunden ist“, hebt Eberle hervor. Wichtig ist zudem, was aufgrund der langen Mediennutzung im realen Leben nicht passiert. Eine Umfrage von 2018 zeigte, dass ein Viertel der Zwölf-bis 17-Jährigen in Deutschland regelmäßig Computerspiele spielt; zwölf Prozent davon zeigen riskantes Gaming und drei Prozent erfüllen die Kriterien einer Sucht.

Als Kriterien für die Störung nennt das medizinische Diagnosehandbuch ICD-11 ein anhaltendes und wiederkehrendes Spielen, bei dem der Spieler die Kontrolle über sein Verhalten verliert, andere Interessen und Aktivitäten aufgibt und trotz negativer Konsequenzen für sein Leben weiter und immer mehr spielt.

Jugendliche begleiten

Um sich nicht im Spiel zu verlieren und möglichst viele Wege zu guten Gefühlen zu entdecken, brauchen junge Menschen Begleitung, hebt Eberle hervor. In erster Linie sind Eltern und Familie gefordert, aber auch Schule und Jugendgruppen können wesentlich dazu beitragen, dass Heranwachsende Glück, Genuss und Selbstbestätigung in der realen Welt und unabhängig von Konsum erfahren, wie sie sich gute Gefühle verschaffen können. Dazu gehören auch regelmäßige Pausen. Eberle plädiert für einen handyfreien Tag in der Woche.

„Nicht nur kleine Kinder brauchen Geschichten, auch Jugendliche. Eltern sollten die komplexe Welt anhand von Erzählungen in einen Zusammenhang stellen und so für die Heranwachsenden leichter fassbar machen“, riet der Pädagoge.

Quelle: Tagung „Im Rausch“ , Evangelische Akademie Tutzing, Januar 2020


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Apotheke und Marketing

APOTHEKE + MARKETING wendet sich an das Fachpersonal in der öffentlichen Apotheke, wobei die Website insbesondere auf das berufliche Informationsbedürfnis des Apothekers eingeht.

www.apotheke-und-marketing.de

Springer Medizin

Springermedizin.de ist das Fortbildungs- und Informationsportal für Ärzte und Gesundheitsberufe, das für Qualität, Aktualität und gesichertes Wissen steht. Das umfangreiche CME-Angebot und die gezielte Berichterstattung für alle Fachgebiete unterstützen den Arbeitsalltag.

www.springermedizin.de

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen direkt in Ihr Postfach – wöchentlich und kostenlos.