Afrikanische Elefanten kennen Selbstmedikation
- Elefanten am Mount Elgon nutzen gezielt phytotherapeutisch wirksame Pflanzen zur Krankheitslinderung.
- Ganze 87 Prozent der von Elefanten genutzten Heilpflanzen finden sich auch in der traditionellen Humanmedizin wieder.
- Elefantenmütter verabreichen ihren Kälbern gezielt pflanzliche Arznei zur medizinischen Fürsorge.
Um dieses Verhalten erstmals systematisch zu dokumentieren, befragte das Forschungsteam acht lokale Experten, die seit Jahrzehnten im direkten Umfeld der Elefanten leben und arbeiten.
Viele der identifizierten Pflanzenarten weisen eine bemerkenswerte therapeutische Relevanz auf: Sie spielen eine zentrale Rolle in der traditionellen Medizin der indigenen Bevölkerung. Für einige dieser Arten wurden in früheren phytochemischen Studien bereits antibakterielle, entzündungshemmende oder antiparasitäre Wirkstoffe und Eigenschaften nachgewiesen.
Zoopharmakognosie: Wenn Tiere sich selbst behandeln
Das Phänomen der tierischen Selbstmedikation, in der Wissenschaft als Zoopharmakognosie bezeichnet, ist seit den 1970er-Jahren bekannt. So nehmen etwa Schimpansen instinktiv bittere Blätter zur Bekämpfung von Darmparasiten ein, während Vögel ihre Nester mit insektenabwehrenden Pflanzen auspolstern, um Milben fernzuhalten.
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Während es für asiatische Elefanten bereits erste Hinweise auf ein solches Verhalten gab, fehlte es für afrikanische Elefanten bislang an systematischen Untersuchungen. Diese Lücke schließt die neue BNITM-Studie am Mount Elgon in Kenia. Das dortige Gebirge gilt als Hotspot der biologischen Vielfalt und verfügt über eine außergewöhnlich artenreiche Flora sowie mineralstoffreiche Höhlensysteme.
Um die Wildtiere in ihrem natürlichen Habitat nicht invasiv zu stören, nutzten die Forschenden das fundierte Erfahrungswissen von Menschen, die seit Jahrzehnten eng mit den Herden zusammenleben – darunter erfahrene Wildtierbeobachter, ein ehemaliger Ranger und lokale Älteste. In strukturierten Interviews dokumentierten sie detailliert, welche Pflanzenteile die Elefanten bei Krankheitssymptomen fressen und wie diese Ressourcen parallel in der traditionellen Humanmedizin genutzt werden.
Brücke zwischen westlicher Wissenschaft und indigenem Wissen
Zur wissenschaftlichen Validierung der Berichte sammelte das Team Belegexemplare aller genannten Pflanzen, bestimmte sie botanisch im Ostafrikanischen Herbarium und glich die Taxonomie mit internationalen Datenbanken ab.
Über ethnobotanische Kennzahlen analysierten die Forschenden, welche Pflanzenteile (wie Blätter, Rinde oder Wurzeln) von Mensch und Tier bevorzugt genutzt werden und welche Indikationen im Vordergrund stehen.
Zusätzlich wertete das Team die bestehende pharmakologische Fachliteratur aus, um bekannte Wirkstoffe und therapeutische Eigenschaften der Pflanzen zu verifizieren. Insgesamt dokumentierten die Experten 39 natürliche Ressourcen, darunter 35 Pflanzenarten und vier mineralische Proben (wie Tone oder Erden) –, die von den Elefanten gezielt medizinisch genutzt werden.
Gezielte Therapie: Wann Pflanzen zur Medizin werden
Die beobachteten Verhaltensweisen wurden einem etablierten Fünf-Stufen-Schema für Zoopharmakognosie zugeordnet. Besonders spannend für die Pharmakognosie sind die „Mode-4-Fälle“ genannten: Hierbei nehmen kranke Tiere gezielt Pflanzen zu sich, die weder nahrhaft noch schmackhaft sind – oft in untypisch kleinen Dosen oder zu ungewöhnlichen Zeiten. Dieses Verhalten lässt stark auf den gezielten Versuch der Symptomlinderung schließen.
Acht Pflanzenarten erfüllten diese strengen Kriterien, darunter:
- Aloe arborescens (Baum-Aloe)
- Bersama abyssinica (Anm. d. Red.: dt. Trivialname nicht vorhanden)
- Ficus natalensis (Natal-Feige)
Beobachter berichteten von Elefanten, die kilometerweit zielgerichtet zu einem bestimmten Baum wanderten, unterwegs keinerlei Nahrung aufnahmen und vor Ort ausschließlich dessen Rinde oder Blätter fraßen.
Ein weiteres Highlight der Studie ist die mütterliche Fürsorge (Allocare): Elefantenmütter verabreichen ihren Kälbern offenbar gezielt therapeutisch wirksame Pflanzenteile bei Unpässlichkeiten.
Fazit und Bedeutung für die Pharmazie (One Health)
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass tierische Selbstmedikation kein seltenes Phänomen, sondern biologischer Standard ist. Besonders faszinierend: Das medizinische Wissen von Mensch und Elefant am Mount Elgon überschneidet sich zu 87 Prozent. Dies deutet auf eine tief verankerte, gemeinsame ökologische Wissensbasis hin, die sich über Generationen hinweg durch Naturbeobachtung entwickelt hat.
Für PTA und die moderne Phytotherapie zeigt diese Forschung einmal mehr, wie eng die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt miteinander verflochten ist (One-Health-Ansatz). Die Natur bleibt auch im 21. Jahrhundert eine unschätzbare Quelle für die Entdeckung neuer Wirkstoffe
Quelle: IDW