Das sollten Sie zu Fencheltee wissen

(kib) Fencheltee – so lautet oftmals der erste Rat, wenn das Baby Bauchschmerzen hat. Doch die Evidenz zu Wirksamkeit und Sicherheit ist gering. Im Zuge der Diskussion über die Sicherheit von estragolhaltigen Tee-Zubereitungen liegt seit dem vergangenen Jahr eine Bewertung durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) vor.

21.03.2024

Kind trinkt aus einem Fläschchen
© Foto: Oksana Kuzmina / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)
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Wie der österreichische Kinderarzt Prim. MedR. Ass.-Prof. DDr. Peter Voitl, MBA, in der Monatsschrift Kinderheilkunde berichtet, stellte das zuständige Committee on Herbal Medicinal Products der EMA erstmals bereits im Jahr 2007 in einer Monografie fest, dass Arzneimittel auf der Basis von süßem Fenchel erst ab einem Alter von vier Jahren angewandt werden sollen.

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Nicht für Kinder unter vier Jahren

Für Kinder unter vier Jahren werden diese Arzneimittel nicht empfohlen, da für die sichere Anwendung in dieser Altersgruppe keine ausreichenden Informationen vorliegen. Zudem wird auch stillenden Müttern abgeraten, fenchelhaltige Produkte zu konsumieren.

Dies hat angesichts der langjährigen weiten Verbreitung von Produkten für Säuglinge, die Fenchel enthalten, für eine Verunsicherung bei den Anwendern gesorgt, heißt es in dem Artikel.

Zusammenfassung der Studie

Bei der Veröffentlichung handelt es sich um eine wissenschaftliche Richtlinie vom Mai 2023 des HMPC-Komitees der EMA. In dieser Aufarbeitung der EMA zu den Daten, die speziell zu Estragol zur Verfügung stehen, wurde anhand von Tierversuchen mit sehr hohen Dosen von Estragol eine Hepatokanzerogenität in zahlreichen Studien nachgewiesen.

Wie Voitl berichtet, ist dies insofern trotz der ungewöhnlich hohen Dosen von Bedeutung, als dass der tatsächliche Gehalt von Estragol in Fencheltees außerordentlich stark schwanken kann. Er führt eine österreichische Übersichtsarbeit an, der dies verdeutlicht: Hier wurde dem Artikel zufolge ein teilweise außerordentlich hoher Gehalt von Estragol in Fencheltees nachgewiesen. Er lag in einem weiten Bereich zwischen 78,0 und 4633,5 Mikorgramm pro Liter. Bei Säuglingen schwankte die verabreichte Tagesdosis dementsprechend stark zwischen 0,008  und Tag und 20,78 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag.

Bedenkt man zusätzlich, dass Fenchel auch in einzelnen Babynahrungsmitteln in Breiform enthalten ist, so muss die tatsächlich erreichte beziehungsweise erreichbare Tagesdosis ungewiss bleiben und kann möglicherweise dem hepatotoxischen Bereich durchaus nahekommen, so Voitl. Das erklärt aus seiner Sicht die zurückhaltende Position der EMA angesichts der fehlenden Daten zur Sicherheit von estragolhaltigen Produkten bei Säuglingen.

Entscheidend ist vor allem die korrekte pharmakologische Zubereitung, die einen standardisierten Gehalt von Estragol in einem sicheren Dosisbereich in den Tees garantiert.
Prim. MedR. Ass.-Prof. DDr. Peter Voitl, MBA, Wien

Fenchel nicht als Dauergetränk anbieten

In Summe muss empfohlen werden, estragolhaltige Produkte so wenig wie möglich anzuwenden und die Gabe auf ein kurzes Zeitintervall zu beschränken. Entscheidend ist vor allem die korrekte pharmakologische Zubereitung, die einen standardisierten Gehalt von Estragol in einem sicheren Dosisbereich in den Tees garantiert. Selbstverständlich sollte die Zubereitung auch kindgerecht, also ohne Zucker und Alkohol, erfolgen.

Bei Schreibabys professionelle Hilfe suchen

Es darf nicht übersehen werden, kommentiert der Kinderarzt, dass es sich bei der Unruhe von Babys häufig gar nicht um Blähungen handelt, sondern eine Interaktionsproblematik im Vordergrund stehen kann. Diesfalls ist der Einsatz von Fencheltees ohnedies fragwürdig und trägt mitunter zu einer Verschleierung der zugrunde liegenden Ursache und einer verzögerten Therapie bei.

Jedenfalls sollte bei starken Beschwerden neben einer kinderärztlichen Abklärung professionelle psychologische Unterstützung in Anspruch genommen werden, empfiehlt Voitl. Das Schreien eines Säuglings ist einer der höchsten Stressfaktoren für die Eltern, und Eltern-Kind-therapeutische Unterstützungen können oft schon nach einigen wenigen Sitzungen bei „Schreibabys“ deutliche Entlastungen bringen.

Die Gabe von Fencheltee wird seitens der EMA jedenfalls angesichts der Bewertung als „natürliches Kanzerogen“ für Kinder unter vier Jahren nicht und für Kinder unter elf Jahren nur sehr zurückhaltend empfohlen. Zudem auch der Nachweis der Wirksamkeit von Fencheltee bei unruhigen Säuglingen nicht ausreichend belegt ist.

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Quelle: springermedizin.de

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