Dement durch Verkehrslärm?

(kib) Wer nahe an einer lauten Straße oder einer Eisenbahnstrecke wohnt, ist wohl besonders demenzgefährdet – selbst dann, wenn man sozioökonomische Faktoren berücksichtigt, berichten dänische Forscher.

12.10.2021

Gezeichneter Kopf, Bleistift mit Radierer radiert Gehirn weg
© Foto: freshidea / stock.adobe.com
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In der Demenzforschung wird immer mehr auf die Umweltbelastung geschaut, vor allem auf Schadstoffe wie Feinstaub und Autoabgase. Möglicherweise erhöht aber auch eine starke Belastung durch Verkehrslärm das Demenzrisiko. Darauf deutet jedenfalls eine Modellrechnung dänischer Forscher vom Mærsk-McKinney-Møller-Institut der Universität in Odense hin.

Unabhängig von anderen Risikofaktoren kommen sie bei einer starken Lärmbelastung durch Autos, LKW und Züge auf ein etwa um 15 bis 30-prozentig erhöhtes Demenzrisiko.

Die Forscher haben die Adressen fast sämtlicher älterer und zunächst demenzfreier Bürger in Dänemark auf die Verkehrslärmbelastung geprüft. Berücksichtigt wurden Personen mit einem Alter von mindestens 60 Jahren, für die über zehn Jahre lang Adressdaten vorlagen. Die Forscher schauten schließlich, wie viele der Personen zwischen den Jahren 2004 und 2017 eine Demenz entwickelten. Von den knapp zwei Millionen älteren Dänen mit entsprechenden Angaben war dies im Laufe einer Nachbeobachtungsdauer von im Mittel 8,5 Jahren bei rund 103000 der Fall. Bei etwa 31000 von ihnen hatten Ärzte spezifisch eine Alzheimerdemenz festgestellt, bei knapp 9000 eine vaskuläre Demenz und bei etwas über 2000 eine Parkinsondemenz – solche Angaben konnten die Forscher den umfangreichen Patienten- und Versicherungsregistern entnehmen.

Anhand der Adressdaten modellierten sie die durchschnittliche Verkehrslärmbelastung. Dabei schauten sie nach nahegelegenen Straßen und Zugstrecken und berücksichtigten die Art und Intensität des Verkehrs, also ob vor allem Personen- oder Güterzüge an der Wohnung vorbeirauschen, ob das Haus neben einer vielbefahrenen Autobahn oder einer eher ruhigen Landstraße liegt, auch Stockwerk und Orientierung der Wohnungen zur Verkehrslärmquelle wurden erfasst.

Personen mit starker Lärmbelastung wohnen nach diesen Daten vor allem in dicht bebauten Stadtteilen, gehören eher zu den unteren Einkommensschichten und sind stärker Abgasen wie Stickoxiden ausgesetzt als solche mit geringer Lärmbelastung.

Berücksichtigten die Forscher solche Faktoren, dann kamen sie auf ein signifikant lärmabhängig erhöhtes Demenzrisiko von bis zu 20 Prozent sowohl für Straßen- als auch Schienenlärm, wobei sie bei einer Durchschnittsbelastung von rund 55 dB eine gewisse Sättigung feststellten – höhere Lärmpegel waren dann nicht mehr mit einem höheren Demenzrisiko verbunden. Als Vergleichswert dienten Lärmpegel unter 45 dB.

Viel Straßenlärm ging zudem mit einem um bis zu 30 Prozent erhöhten Alzheimerrisiko einher, ähnliche Risikosteigerungen ermittelten die Forscher auch für eine vaskuläre Demenz und eine Parkinsondemenz. Zuglärm war mit einem um bis zu 24 Prozent erhöhten Alzheimerrisiko verbunden, hier ergab sich jedoch kein klarer Zusammenhang mit anderen spezifischen Demenzdiagnosen, was an der relativ geringen Zahl solcher Diagnosen in der Nähe von Zugstrecken gelegen haben könnte.

Trotz aller Adjustierungen für Störfaktoren lässt sich jedoch nicht sagen, ob Verkehrslärm das Demenzrisiko tatsächlich erhöht. So ist nichts über die Lebensstilfaktoren der lärmgeplagten Bewohner bekannt. Einigen Untersuchungen zufolge ist der Anteil von Personen mit Tabakkonsum, Alkoholproblemen und ungesunder Ernährung in stark lärmbelasteten Gebieten deutlich höher als in ruhigen Villenvierteln, Lärmexposition könnte daher auch nur ein Marker für einen an sich ungesunden und demenzfördernden Lebensstil sein.

Auf der anderen Seite gibt es auch plausible biologische Mechanismen für eine kausale Verbindung: Durch Lärm gestörter Schlaf könnte die Amyloiddeposition beschleunigen, Lärm kann zudem für Stress sorgen und damit proinflammatorisch wirken, auch das dürfte einer gesunden Hirnalterung eher abträglich sein.

Quelle: Ärzte Zeitung

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