Fallbeispiel: Hypoglykämie durch „Pilz der Unsterblichkeit“
Mediziner der University of Illinois in Chicago berichteten kürzlich über den Fall einer 84-jährigen Frau. Diese war nach dem Konsum von Reishi-Kaffee mit einer schweren Hypoglykämie in der Notaufnahme gelandet.
Der Fall
Die schwer nierenkranke Patientin war ursprünglich aufgenommen worden, weil sie zu Hause infolge einer Kreislaufschwäche gestürzt war. Ihr Blutzuckerspiegel war mit 2,2 Millimol pro Liter sehr niedrig.
Zusätzlich zur Nierenerkrankung hatte die Frau Vorhofflimmern, Hyperlipidämie, Bluthochdruck sowie ein Restless-Legs-Syndrom. Darüber hinaus war ein Prädiabetes bekannt.
Die Ursachensuche verlief zunächst ergebnislos. Auf die Spur von Reishi als Übeltäter führte die Angabe der Frau, dass sie seit etwa einer Woche wegen ihres Prädiabetes einen Kräutertee mit Cassia-Samen-Extrakt sowie Reishi-Kaffee trinke. Das war auch am Tag der Einlieferung so.
Nach zwei Tagen Dextroseinfusion und Peritonealdialyse hatte sich der Blutzuckerspiegel der Patientin normalisiert und die Frau konnte nach Hause entlassen werden. Bei der Nachuntersuchung einen Monat später lagen alle Laborwerte im Normbereich.
„Pilz der Unsterblichkeit“
Reishi (Ganoderma lucidum) wird in der traditionellen chinesischen Therapie als Heilpilz eingesetzt. Er ist in China auch als „göttlicher Pilz“ oder „Pilz der Unsterblichkeit“ bekannt. Ihm werden neben antidiabetischen Effekten auch antiinflammatorische, antihypertensive und antioxidative Wirkungen zugesprochen. Hierzulande wird Reishi als Vitalpilz vermarktet.
Reishi-Kaffee als Auslöser
Die Medizinerinnen und Mediziner nahmen an, dass der Pilz die wahrscheinlichste Ursache für die ausgeprägte Hypoglykämie war.
Zwar könnten beide Supplemente – Cassia-Samen-Extrakt und Reishi-Pilz – zur Blutzuckerentgleisung geführt haben. Doch wegen der gut beschriebenen blutzuckersenkenden Wirkung mehrerer bioaktiver Inhaltsstoffe des Pilzes spricht aus Sicht des Ärzteteams alles für Ganoderma lucidum als Hauptschuldigen.
Aus überwiegend tierexperimentellen Studien ist bekannt, dass die im Pilz enthaltenen Polysaccharide, Proteoglykane und Triterpenoide über verschiedene Mechanismen den Glukosestoffwechsel beeinflussen. Sie forcieren die Insulinproduktion, verbessern die Insulinsensitivität, hemmen die Aktivität des Enzyms Protein-Tyrosin-Phosphatase 1B und regulieren den Glukosestoffwechsel in der Leber.
Die Ärztinnen und Ärzte raten zur Vorsicht bei der Einnahme von Produkten, die metabolisch aktive Substanzen enthalten. Insbesondere ältere und multimorbide Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion sollten auf diese verzichten.
Quelle: Ärzte Zeitung