Ig-Nobelpreis 2026: Unterhosen-Forschung & Kakerlaken-Milch
- Der Ig-Nobelpreis prämiert amüsante, aber seriöse Studien, die zum Nachdenken anregen.
- Ein Team aus der Schweiz ließ Unterhosen vergraben, um auf die schleichende Bodenerosion und den Rückgang der Biodiversität aufmerksam zu machen.
- Weitere Auszeichnungen gingen unter anderem an Studien mit nahrhafter Kakerlaken-Milch und spritzfreien Urinalen.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler liefen bei der Preisverleihung im Züricher Kongresshaus zur Höchstform auf: Sie traten als Kakerlaken verkleidet auf, ein fiktiver „Bundesrat für Verteidigung, Angriff und Neutralität“ machte seine Aufwartung, lebensgroße Bananen stoppten allzu lange Dankesreden und das Preisgeld betrug sage und schreibe zehn Billionen Simbabwe-Dollar – umgerechnet etwa fünf Rappen.
So humorvoll und selbstironisch sich die traditionsreiche Veranstaltung auch gestaltet: Die prämierten Studien sind methodisch absolut sauber durchgeführt, im Peer-Review-Verfahren geprüft und wissenschaftlich ernst gemeint . Den „unwürdigen“ Nobelpreis – das „Ig“ steht für das englische Wort ignoble (unwürdig) – erhalten ausschließlich Arbeiten, die so kurios klingen, dass man zuerst schmunzeln muss, danach aber ins Grübeln kommt.
Beweisstück Unterhose: Bodengesundheit im Visier
In der Kategorie Bodenkunde ging der Preis an die Schweizer Citizen-Science-Studie „Beweisstück Unterhose“, durchgeführt von der Universität Zürich (UZH) und dem Bundesforschungsinstitut Agroscope. Im Jahr 2021 vergruben rund 1.000 Freiwillige schweizweit über 2.000 Baumwollunterhosen in Vorgärten, auf Feldern und Wiesen. Nach zwei Monaten wurden die Textilien wieder ausgegraben, fotografiert und im Labor chemisch und biologisch analysiert.
Das Prinzip dahinter fasziniert jeden Labor-Fan: Die natürliche Zellulose der Baumwolle wird von Bodenorganismen (wie Pilzen und Bakterien) zersetzt, während das synthetische Gummiband überlebt. Der Zersetzungsgrad dient somit als biologischer Indikator für die Aktivität und Gesundheit des Boden.
„Der Öffentlichkeit ist kaum bewusst, dass sich rund 50 Prozent aller Lebewesen im Boden befinden und 95 Prozent unserer Lebensmittel darin wachsen. Mit unserer Studie wollten wir auf die schleichende Bodenerosion und den Rückgang der Biodiversität aufmerksam machen“, so das Projektteam.
© Foto: Petra Wolfensberger / Universität Zürich
Von Kakerlaken-Milch und spritzfreien Urinalen
Auch in anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen gab es bahnbrechende – und herrlich bizarre – Erkenntnisse:
- Biomechanik (Kuss-Evolution): Ein britisches Team untersuchte das Kussverhalten bei Mensch und Tier und definierte den Kuss wissenschaftlich-nüchtern als „nicht-aggressive Wechselwirkung bei Mund-zu-Mundkontakt ohne Nahrungsaufnahme.“
- Ökonomie (Süßigkeiten-Klau): Wirtschaftswissenschaftler wiesen nach, dass wohlhabendere Eltern statistisch gesehen häufiger die Süßigkeitsvorräte ihrer Kinder plündern als Eltern aus ärmeren Schichten.
- Physik (Strömungsdynamik): Ein Team erforschte die ideale, spritzfreie Geometrie für Urinale, um lästige Flüssigkeitsrückspritzer im Alltag zu verhindern.
- Chemie (Das neue Superfood?): Forschende entdeckten, dass die kristallinen Milchproteine einer bestimmten, lebendgebärenden Kakerlakenart dreimal so energiereich sind wie herkömmliche Kuhmilch.
- Biologie (Gefährliche Toxikologie): Ein Team in Südamerika untersuchte unter erheblichem Risiko und trotz mehrerer Klinikaufenthalte, wo und wie man Giftschlangen sanft treten muss, um eine Abwehrreaktion (Zubeißen) auszulösen.
© Foto: Petra Wolfensberger / Universität Zürich
Nobelpreisträger überreichen Preise
Die Trophäen – in diesem Jahr ein menschlicher Plastikfuß, übersät mit künstlichen Pilzen – wurden wie gewohnt von echten Nobelpreisträgerinnen und -trägern überreicht. Unter anderem ließen es sich die renommierten MIT-Entwicklungsökonomen Esther Duflo und Abhijit Banerjee, der Schweizer Astrophysiker Michel Mayor sowie der britische Biochemiker Sir Tim Hunt nicht nehmen, ihre Kolleginnen und Kollegen persönlich auszuzeichnen.
Dass der Preis zum ersten Mal in seiner 35-jährigen Geschichte außerhalb der USA vergeben wurde, hatte einen pragmatischen Grund: Wegen restriktiver amerikanischer Einreise- und Visabestimmungen konnte im Vorfeld nicht garantiert werden, dass alle internationalen Preisträger problemlos hätten einreisen können.
Quelle: Universität Zürich