Kindermedikamente gezielt und sicher einsetzen

(kib) Medikamente sind nicht bei jedem kleinen Wehwehchen nötig. Darauf weist die Stiftung Kindergesundheit hin, informiert über den richtigen Umgang mit Arzneimitteln und erinnert an die Vorbildfunktion der Eltern.

29.07.2022

Junge hält sich Kühlpack an den Kopf
© Foto: Marina Lohrbach / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)
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Bei Kindern klingen viele Krankheiten nach einer Weile von selbst ab und lassen sich durch Beruhigen, Ablenken und Trösten oft gut überwinden, heißt es in einer aktuellen Stellungnahme der Stiftung. Daher sollten Eltern „bei harmlosen Beschwerden wie leicht erhöhter Temperatur nicht immer sofort zu Fieberzäpfchen, Säften oder Tropfen greifen.“

 

Mit Augenmaß reagieren

Bei Kindern, die trotz erhöhter Temperatur munter sind und normal essen und trinken, müssen keine Maßnahmen ergriffen werden. Wer ein bisschen abwartet oder auch mal ein bewährtes Hausmittel wie den Wadenwickel oder ein Abkühlbad anwendet, gibt den Selbstheilungskräften des kindlichen Organismus eine Chance, erklärt Prof. Berthold Koletzko, Vorsitzender der in München ansässigen Stiftung Kindergesundheit.

Steigt die Temperatur aber über 38,5 Grad an, kann der Allgemeinzustand eines Kindes beeinträchtigt werden: Es fühlt sich schlecht, hat Muskel- und Gliederschmerzen, ist appetitlos und quengelt. „Wenn das Kind so offensichtlich leidet, ist es sinnvoll, das Fieber zu senken“, so Koletzko weiter.

 

OTC nicht immer harmlos

Eltern sollten jedoch bei der Gabe von Medikamenten vorsichtig sein, auch, wenn die Arzneimittel rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sind. Beispielsweise darf Acetylsalicylsäure wegen der Gefahr einer zwar seltenen, aber gefährlichen Komplikation („Reye-Syndrom“) bei Kindern erst ab zwölf Jahren eingesetzt werden. Andere Schmerzmittel können die Nierenfunktion beeinflussen. Bei Überdosierung beziehungsweise zu häufiger Gabe kann Paracetamol schwere Leberschäden verursachen, aber auch Veränderungen des Blutbildes auslösen. Daher sollte Medikamente gerade bei Kindern generell zurückhaltend eingesetzt werden. In Zweifelfällen ist immer ein Arztbesuch ratsam.

Warum bei Kindern Zurückhaltung angesagt ist

Es gibt viele Gründe, weshalb Medikamente gerade bei Kindern generell zurückhaltend eingesetzt werden sollten, sagt die Stiftung Kindergesundheit:

  • Babys und kleine Kinder bauen Arzneimittel weniger schnell ab und scheiden sie auch weniger rasch aus.
  • Der wachsende Organismus von Kindern und Jugendlichen reagiert unter Umständen in jeder Entwicklungsphase unterschiedlich auf die Wirkstoffe von Arzneimitteln. Gerade die Funktionen jener Organe, die entscheidend bei der Aufnahme und Verarbeitung von Medikamenten sind, sind zunächst unvollständig entwickelt. Diese Effekte sind umso ausgeprägter, je jünger das Kind ist.
  • In sehr jungem Alter ist die Barrierefunktion der Haut noch nicht ausgereift. Die Folge: Topische Arzneimittel werden verstärkt aufgenommen und können systemisch wirken. Beispiele sind kortisonhaltige Zubereitungen oder jodhaltige Desinfektionsmittel.
  • Manche Arzneimittel können Wachstum und Entwicklung beeinträchtigen.

Gewohnheiten der Familie vererben sich leicht

Nicht nur die Tischsitten werden in der Familie erlernt, sondern auch die Trinkgewohnheiten und der Umgang mit Medikamenten. So gewinnen Kinder schnell den Eindruck, Medikamente schon bei leichtem Unwohlsein einzunehmen, sei normal, wenn die Eltern das vorleben. Sie machen es dann später genauso. So können Kindern auch durch den regelmäßigen Einsatz von frei verkäuflichen Arzneimitteln oder Globuli auf die Einnahme einer Tablette konditioniert werden. Sie lernen dann nicht ihrem Körper und sich selbst zuzutrauen, auch allein mit Schmerzen oder negativen Gefühlen fertig zu werden, ohne etwas einzunehmen. Sie verinnerlichen schon früh: „Ich nehme eine Tablette, dann geht es mir besser”.

Quelle: Stiftung Kindergesundheit

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