Netzhautchip ermöglicht blinder Patientin das Sehen

Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, ist eine 80-jährige erblindete Patientin weltweit zum ersten Mal mit einem Netzhautchip behandelt worden. Er kann ihr die Sehfähigkeit teilweise zurückgeben. Welches Prinzip steckt dahinter?

von Kirsten Bechtold
29.10.2026

Patientin Gisela Sudhop trägt Brille mit eingebauter Mikrokamera, die Bildsignale auf den Chip im Auge überträgt.
© Foto: UKSH
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  • Am UKSH Lübeck wurde der Netzhautchip „PRIMA“ weltweit erstmals nach regulärer EU-Zulassung implantiert.
  • Der photovoltaische Mikrosensor ersetzt zerstörte Fotorezeptoren und leitet optische Signale an intakte Nervenzellen weiter.
  • Betroffene mit fortgeschrittener geografischer Atrophie (trockene AMD) erhalten damit eine funktionelle Perspektive, wieder lesen zu können.

Mit dem innovativen Netzhautimplantat gibt es eine neue wirksame Therapie für Patientinnen und Patienten mit geographischer Atrophie, dem fortgeschrittenen Stadium der trockenen altersbedingten Makuladegeneration (AMD), berichten die Medizinerinnen und Mediziner.

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Die Patientin Gisela Sudhop litt seit über einem Jahrzehnt an der Erkrankung: Die lichtempfindlichen Sehzellen in der Makula – im Bereich des schärfsten Sehens auf der Netzhaut – waren abgestorben. Gesichter und Details zu erkennen oder zu lesen, war nicht mehr möglich.

In einem mikrochirurgischen Eingriff setzten Professor Salvatore Grisanti, Direktor der Klinik für Augenheilkunde am Campus Lübeck, und sein Team ihr den nur zwei mal zwei Millimeter großen Chip unter die Netzhaut ins Auge ein. Dort übernimmt er künftig die Aufgabe der abgestorbenen Sinneszellen.

Photovoltaisches Prinzip via Spezialbrille

Das System arbeitet im Verbund mit einer individuell angepassten Spezialbrille:

  • Eine integrierte Mikrokamera erfasst das Umfeld.
  • Die Bilddaten werden zusammen mit Energie per Infrarotprojektion drahtlos auf den Chip übertragen.
  • Das photovoltaische Implantat wandelt die Lichtsignale in elektrische Impulse um und stimuliert die verbliebenen sekundären retinalen Neuronen.
  • Der Sehnerv leitet diese Impulse an den visuellen Kortex weiter.

Oder mit anderen Worten: Die für die Patientin angepasste Brille mit eingebauter Mikrokamera sendet Bildsignale und Energie an den Chip, der damit die noch vorhandenen Nervenzellen der Netzhaut aktiviert. Auf diese Weise kann das Gehirn wieder visuelle Eindrücke wahrnehmen.

Nach dem Eingriff bedarf es eines intensiven Sehtrainings, um die neu entstehenden visuellen Reize im Gehirn zu interpretieren.

Zulassung des PRIMA-Systems

Nach erfolgreichen internationalen Zulassungsstudien erhielt das System „PRIMA“ im Juli 2026 die CE-Zulassung für die Regelversorgung in Europa. Die Implantierung des Netzhautchips gehört zu den komplexesten Interventionen der Ophthalmochirurgie und bleibt hochspezialisierten Zentren vorbehalten. Die Klinik für Augenheilkunde des UKSH wird auch die Weiterentwicklung dieses innovativen therapeutischen Ansatzes intensiv begleiten.

Perspektiven für die ophthalmologische Praxis

„Wir freuen uns sehr, dass wir den weltweit ersten Eingriff dieser Art nach der Zulassung des Chips erfolgreich durchführen konnten“, sagt Grisanti. Durch die bislang verfügbaren Therapien lässt sich das Fortschreiten der Erkrankung teilweise verlangsamen, aber nicht umkehren. Die neue Technologie sei deshalb ein echter Meilenstein in der Augenheilkunde und eine große Chance für viele Patientinnen und Patienten.

„Unsere Patientin ist hochmotiviert, wieder eigenständig lesen zu können. Wir erwarten durch das System das Wiedererlangen einer Lesefähigkeit für mittelgroße Schriftgrößen“, so Grisanti weiter.

Quelle: IDW

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