Scharfstoffdroge ist Arzneipflanze des Jahres
Die Auszeichnung „Arzneipflanze des Jahres“ hat der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde gemeinsam mit der Gesellschaft für Phytotherapie vergeben. Neben der reichhaltigen Geschichte war ausschlaggebend für die Wahl, dass der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der EMA im Mai 2025 eine aktualisierte Monographie zu Ingwerwurzelstock veröffentlicht hat.
Belegte Wirkungen
Als gut belegte Anwendung gilt der Monographie zufolge die Prävention von Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit. Für den traditionellen Gebrauch werden fünf Indikationen genannt:
- Linderung der Symptome der Reisekrankheit
- symptomatische Behandlung leichter, krampfartiger Magen-Darm-Beschwerden einschließlich Blähungen und Flatulenz
- vorübergehende Appetitlosigkeit
- Linderung leichter Gelenkschmerzen
- Linderung von Erkältungssymptomen
Die letzten drei Indikationen wurden in der Fassung von 2025 neu aufgenommen. Die klinische Evidenz für die verschiedenen Indikationen ist unterschiedlich robust: Von 109 analysierten randomisierten kontrollierten Studien erfüllten lediglich 43 das Kriterium hoher Evidenzqualität.
Die beste Datenlage besteht für gastrointestinale Effekte, Schwangerschaftsübelkeit und als Adjuvans bei Chemotherapie-induzierter Übelkeit. Die Ergebnisse bei Reisekrankheit sind modellabhängig und nicht einheitlich, heißt es in der Mitteilung des Studienkreises.
Lange Tradition als Heilpflanze
Bereits Dioskurides beschrieb die Droge um 70 nach Christus Gebrut als erwärmend, verdauungsfördernd, milde den Stuhl anregend und magenstärkend. Zudem wirke sie gegen Verdunkelungen der Pupille und diene als Zusatz in Gegengiften.
Galen ordnete Ingwer in die Humoralpathologie ein und klassifizierte ihn als warmes Arzneimittel, dessen Wirkung im Unterschied zu Pfeffer langsamer einsetze, aber länger anhalte.
Im Lorscher Arzneibuch (um 800) ist Ingwer in etwa zehn Prozent der 482 Rezepte enthalten, darunter Tränke, Latwergen, Pillen und Pulver bei Magen- und Darmleiden, Erkrankungen von Leber, Milz und Nieren sowie bei Wechselfieber.
Hildegard von Bingen widmete dem Ingwer in der Physica eine differenzierte Betrachtung: Für gesunde und beleibte Menschen sei der Verzehr schädlich, da die Hitze sie gedankenlos und hitzig mache. Wer jedoch in seinem Körper trocken sei und schon fast sterbe, für den sei Ingwer lebensrettend.
Das Circa instans der Schule von Salerno führt Ingwer als Digestivum und Karminativum bei kalten Magenleiden, Blähungen und Ohnmacht.
Die Anwendung bei Reisekrankheit ist hingegen erst seit dem 19. Jahrhundert belegt, berichtet der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde.
Quelle: Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde