Schmerzkongress 2021: Cannabis weiterhin auf Rezept?

(kib) Wissenschaftliche Belege fehlen, die Patienten berichten von positiven Effekten. Wie es weitergeht mit „Cannabis auf Rezept“, war Thema auf der Online-Pressekonferenz zum Deutschen Schmerzkongress am 20. Oktober.

22.10.2021

Mann im Arztkittel hält Hanfblatt in die Kamera
© Foto: Kanjana Jorruang / Getty Images / iStock
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Die Verordnung von medizinischem Cannabis, Cannabisblüten und -extrakten sowie von cannabisbasierten Arzneimitteln auf Rezept ist seit mehr als vier Jahren in Deutschland möglich – trotz einer fehlenden Zulassung. Im Jahr 2022 steht die finale Auswertung der gesetzlich geforderten Begleiterhebung an.

Bislang berichten etwa zwei Drittel der 10000 dort dokumentierten Patientinnen und Patienten über positive Effekte nach einem Jahr Behandlung – vor allem bei chronischen Schmerzen. In hochwertigen Studien gibt es allerdings nach wie vor keinen sicheren Wirkungsnachweis, und auch die Risiken einer längerfristigen Behandlung sind kaum untersucht. Daher lasse sich eine generelle Zulassung aus evidenzbasierter Sicht derzeit noch nicht rechtfertigen, erklärte Professor Frank Petzke, Leiter Schmerzmedizin an der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Göttingen und Sprecher der Ad-hoc-Kommission „Cannabis in der Medizin“ der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. Doch er ergänzte, dass man allein mit dem Blick auf die Evidenz keine befriedigende Lösung für den Patienten finden werde. 

„Die Behandlung chronischer Schmerzen mit medizinischem Cannabis steht in einem wachsenden Spannungsfeld von finanziellen Interessen, Hoffnungen der Betroffenen und einer nicht nachgewiesenen Effektivität“, sagte Petzke. Im ersten Halbjahr 2021 sei medizinisches Cannabis in Höhe von fast 90 Millionen Euro verschrieben worden. „Diese hohe Summe legt nahe, dass ein wirtschaftlich interessanter Markt mit erheblichen Kosten für die Solidargemeinschaft entstanden ist“, so Petzke weiter. Die Deutsche Schmerzgesellschaft fordert deshalb einen konstruktiven Dialog der beteiligten Interessensgruppen im Jahr 2022, an dem sie sich auch aktiv beteiligen wird. 

Hohe gesetzliche Hürden

Derzeit zählen manche Formen der Epilepsie, schmerzhafte Spastizität bei Multipler Sklerose und Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapie bei Versagen anderer Optionen zu den Indikationen mit speziell zugelassenen cannabisbasierten Arzneimitteln, die ärztlich direkt verordnet werden können.

Alle anderen möglichen Indikationen für eine Therapie mit medizinischem Cannabis – einschließlich der Behandlung von Schmerzen – benötigen ein besonderes Antragsverfahren, da keine arzneimittelrechtliche Zulassung mit entsprechendem wissenschaftlichen Wirknachweis vorliegt.

Die gesetzlichen Hürden für die Verschreibung von Cannabis-Präparaten wurden vor diesem Hintergrund festgelegt: Nur wenn eine schwerwiegende Erkrankung vorliegt, für die die Standardtherapien bereits ausgeschöpft sind oder nicht zur Anwendung kommen können, kann die Kostenübernahme bei der Krankenkasse beantragt werden. Der Behandler muss zudem bescheinigen, dass eine – so das Gesetz – „nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome besteht“.

Werden die Bedingungen erfüllt, steht mittlerweile ein breites Spektrum an cannabinoidhaltigen Fertigarzneimitteln und Zubereitungen in Form von diversen Blütenprodukten oder standardisierten Extrakten zur Verfügung. Zahlreiche Anbieter haben den Cannabis-Markt für sich entdeckt. Dies schaffe einerseits verbesserte therapeutische Optionen, sagte Petzke, mache es den Behandlern und Patienten aber auch schwer, das richtige Präparat auszuwählen.

„Patienten mit schweren Erkrankungen und Schmerzen sowie deren Ärztinnen und Ärzte haben ein gut nachvollziehbares Interesse an einer Behandlungsoption mit Cannabis“, sagte Petzke abschließend. Die geringe Evidenz und die fehlende Zulassung für viele potenzielle Indikationen erfordere aber auch eine kritische und rationale Auseinandersetzung mit Genehmigungsverfahren, sinnvollen Indikationen, tatsächlichem Nutzen, langfristigen Risiken und auch den Kosten der Behandlung. Grundsätzlich sprach sich Petzke gegen einen breiten Einsatz von medizinischem Cannabis, sondern für ein gut definiertes Indikationsspektrum aus.

Quelle: Deutsche Schmerzgesellschaft

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